Schwindel

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Was ist Schwindel?

  • Unter Schwindel versteht man eine Störung des Gleichgewichtssinns – es ist ein Symptom, keine Diagnose.
  • Oft kann zwischen Schwindel und einem Unsicherheitsgefühl aufgrund anderer Ursachen nicht eindeutig unterschieden werden. Mit dem Begriff Schwindel meinen Betroffene manchmal auch Schwäche, Kraftlosigkeit oder drohende Bewusstlosigkeit.
  • Dabei bezeichnet Schwindel eine Wahrnehmung, bei der es sich anfühlt, als ob die Umgebung oder Sie selbst sich drehen oder der Boden schwankt oder sich bewegt. Auch Gangunsicherheit und Benommenheit fallen mit unter den Begriff Schwindel.
Gleichgewichtsorgan und -nerven im Innenohr
Gleichgewichtsorgan und -nerven im Innenohr
Halswirbel mit Blutgefäß
Halswirbel mit Blutgefäß

Häufigkeit

  • Schwindel tritt relativ häufig auf und das Vorkommen steigt mit dem Alter.
  • In der Altersgruppe über 65 Jahre leidet fast ein Drittel vorübergehend unter Schwindelanfällen.
  • Kurze Schwindelanfälle oder -schübe werden dabei noch als erträglich empfunden. Schwere Anfälle können allerdings gefährlich sein und das Leben der Betroffenen beeinträchtigen. Langanhaltender Schwindel ist sehr unangenehm.
  • In Allgemeinpraxen ist Schwindel in ungefähr 1 % der Fälle der Grund für den Besuch. Schwindel ist darüber hinaus aber auch eine Begleiterscheinung anderer Erkrankungen.
  • Schwindel bei jungen Menschen wird oft durch Angstzustände oder Unruhe ausgelöst, kann aber auch die Folge einer Virusinfektion im Innenohr sein.
  • Schwindel bei älteren Menschen wird meist durch eine beeinträchtigte Blutversorgung des Gehirns, eventuell in Kombination mit anderen Altersbeschwerden, hervorgerufen.

Was kann die Ursache sein?

Häufige Ursachen

  • Psychische Ursachen
    • Schwindel aufgrund von psychischen Ursachen – Angstzustände oder Spannungskopfschmerzen – tritt am häufigsten auf.
    • Die Patienten fühlen sich dabei oftmals angeschlagen und haben das Gefühl, ohnmächtig zu werden. In der Regel treten auch andere Symptome wie Abgeschlagenheit, Fremdkörpergefühl im Hals sowie Bauch- oder Brustschmerzen auf.
  • Blutarmut, Anämie
    • Bei dieser Grunderkrankung kommt es zu einem Blutmangel wegen Blutungen oder einer verringerten Produktion von roten Blutkörperchen.
    • Die Symptome richten sich nach der Schwere und dem Fortschreiten der Anämie. Typischerweise treten dabei Abgeschlagenheit, Müdigkeit, verringerte körperliche Leistungsfähigkeit, Ohrensausen und Kurzatmigkeit auf. Hinzu kommen Blässe, Herzrasen und oft Schwindel.
  • Verkalkungen in Blutgefäßen, v.a. denen, die das Gehirn versorgen:
    • Das Vorkommen steigt mit dem Alter.
    • Begleiterscheinungen sind oft Schwindel und Kopfschmerzen.
  • Chronische Kopfschmerzen:
    • Bestimmte Formen der Migräne können auch zu Schwindel führen.
  • Steife Nackenmuskulatur
    • Ein steifer Nacken ist oft ein Anzeichen von Stress.
    • Die Nackenmuskeln verkrampfen, wenn wir angespannt sind. Dies führt zu Symptomen wie Kopfschmerzen, Schwindel, Empfindlichkeit und Schmerzen in der Nackenmuskulatur.
  • Altersbedingter Schwindel
  • Virusinfektion im Gleichgewichtsnerv
    • Der Auslöser kann eine Virusinfektion in den oberen Atemwegen sein.
    • Die Symptome treten plötzlich auf und umfassen Gleichgewichtsstörungen, Schwindel (alles dreht sich), unkontrollierbare, rhythmische Bewegungen des Auges (Nystagmus), Übelkeit und Erbrechen.
    • Die Symptome können in den ersten Tagen stark sein und danach langsam schwächer werden.
  • Lagerungsschwindel, BPPV
    • Der Schwindel wird durch bestimmte Positionen oder Kopfbewegungen ausgelöst.
    • Ursache dafür ist eine Störung des Gleichgewichtsorgans im Innenohr.
    • Der Drehschwindel, der 30 Sekunden bis zwei Minuten andauern kann, tritt meist beim Hinlegen oder Aufstehen auf.
  • Menière-Krankheit
    • Die Krankheit äußert sich durch Drehschwindel, Hörminderung und Ohrensausen (Tinnitus), Übelkeit und Erbrechen. Betroffene müssen sich in der Regel hinlegen; die Anfälle dauern oft ein bis zwei Stunden.
    • Die Krankheit tritt meist zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr das erste Mal auf. Bei 90 % ist anfangs nur eine Seite betroffen, später treten bei 30 bis 60 % allerdings beidseitige Beschwerden auf.
    • Mit der Zeit kommt es zu einem fast ständigen, niederfrequenten, rauschenden Ohrensausen (Tinnitus) sowie einer Hörminderung.
  • Herzerkrankung
  • Weitere chronische Erkrankungen
  • Auch verschiedene Medikamente können entweder direkt den Gleichgewichtsnerv schädigen oder indirekt als Nebenwirkung zu Schwindel führen.

Seltene Ursachen

  • Akustikusneurinom
    • Es handelt sich dabei um einen gutartigen Tumor im Gleichgewichtsnerv, der bei einer von 100.000 Personen im Jahr diagnostiziert wird.
    • Es kommt zu einer einseitigen, zunehmenden Hörminderung, die vor allem hohe Töne betrifft.
    • Andere Symptome sind unspezifisch; Schwindel und Ohrensausen sind meist nicht besonders ausgeprägt.
  • Multiple Sklerose
    • Die Krankheit tritt meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr auf.
    • Die ersten Symptome können akutes Schwindelgefühl, Doppeltsehen, eine einseitige Sehnervschädigung, Ungeschicklichkeit, Sensibilitätsstörungen und starker Harndrang sein.
  • Hirntumor
    • Erste Anzeichen sind epileptische Anfälle, ja nach Ort des Tumors langsam fortschreitende Lähmungen und Sprachstörungen; Kopfschmerzen treten im frühen Stadium selten auf.
    • Typische andere Symptome sind Übelkeit, Erbrechen, Schwindel und Lähmungen der Gesichtsmuskulatur.

Wann sollten Sie einen Arzt aufsuchen?

  • Plötzlich einsetzende und schwere Schwindelanfälle sollten möglichst schnell ärztlich untersucht werden.
  • Bei anhaltendem Schwindel sollten Sie ebenfalls einen Arzt aufsuchen.

Wie geht der Arzt vor?

Krankengeschichte (Anamnese)

Der Arzt wird Ihnen wahrscheinlich folgende Fragen stellen:

  • Seit wann leiden Sie unter Schwindel?
  • Leiden Sie ständig unter Schwindel oder tritt er anfallsartig auf?
    • Wie lange dauert ein Anfall?
  • Können Sie den Schwindel beschreiben?
    • Haben Sie das Gefühl, dass sich alles dreht?
    • Haben Sie das Gefühl, dass der Boden sich bewegt?
  • Tritt das Schwindelgefühl im Kopf auf oder fühlen Sie sich eher "nur" unsicher auf den Beinen?
  • Haben Sie neben dem Schwindel noch andere Symptome?
    • Leiden Sie unter Übelkeit, Erbrechen, Unsicherheit bei Bewegungen oder Sehstörungen?
    • Kopfschmerz?
    • Ohrensausen oder Hörminderung?
    • Abgeschlagenheit, Kurzatmigkeit?
    • Lähmung?
    • Taubheitsgefühl?
    • Andere Beschwerden?
  • Gibt es einen Auslöser für den Schwindel?
    • Kopfbewegungen? Angstzustände? Stress?
  • Leiden Sie an anderen Erkrankungen?
  • Nehmen Sie regelmäßig Medikamente ein?
  • Wirkt sich der Schwindel auf Ihren Alltag aus?

Ärztliche Untersuchung

  • Der Arzt führt in den meisten Fällen eine allgemeine körperliche Untersuchung durch; dabei gilt das Hauptaugenmerk Blutdruck, Puls und Herz sowie den Ohren. Wichtig ist ebenfalls eine sorgfältige Untersuchung des Nervensystems inklusive möglicher auffälliger Augenbewegungen.
  • Bei Verdacht auf Lagerungsschwindel führt der Arzt eine spezielle Untersuchung durch, das sogenannte Dix-Hallpike-Manöver (bestimmte Lagerungswechsel, die Schwindel auslösen können).

Andere Untersuchungen

  • Es werden einige Blutuntersuchungen durchgeführt.
  • Besteht der Verdacht auf eine bestimmte Erkrankung, werden eventuell bildgebende Verfahren angewandt, z. B. Röntgen, Computertomografie usw.

Überweisung an einen Spezialisten oder ein Krankenhaus

  • Kann keine eindeutige Diagnose gestellt werden oder sind spezielle Verfahren notwendig, werden Sie an einen Spezialisten überwiesen.

Behandlungsmöglichkeiten

  • Ist der Schwindel Folge einer heilbaren Krankheit (z.B. Infektion) oder Nebenwirkung von Medikamenten, wird er abklingen, wenn die Krankheit behandelt bzw. das Medikament abgesetzt wurde.
  • Besteht jedoch ein Schwindel bei chronischen Krankheiten oder lässt sich keine Ursache ergründen, nützt es nichts, die Situationen zu meiden, in denen der Schwindel auftritt. Vielmehr müssen Betroffene lernen, damit umzugehen: Es gibt Trainingsprogramme, in denen sozusagen das Gehirn trainiert wird, den Schwindel nicht mehr so stark wahrzunehmen.
  • Ein Lagerungsschwindel lässt sich meist mit bestimmten Lagerungsmanövern bei einem erfahrenen Arzt lindern oder heilen.
  • Bei sehr starkem Schwindel und Übelkeit helfen anfangs manchmal auch Medikamente gegen Übelkeit; in manchen Situationen auch vorübergehend Medikamente gegen psychische Krankheiten.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Medizinjournalistin, Bremen
  • Philipp Ollenschläger, Medizinjournalist, Köln

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Schwindel. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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