Allergie, Hyposensibilisierung (spezifische Immuntherapie)

Die einzige Therapie, die sich bei Allergien direkt gegen die Ursache richtet, ist die Hyposensibilisierung, auch spezifische Immuntherapie genannt. Betroffene erhalten Spritzen oder Tabletten mit geringen Mengen des allergieauslösenden Stoffs bzw. Allergens, damit sich das Immunsystem zunehmend daran gewöhnt. Ziel der Behandlung ist die Minderung der allergischen Reaktion auf das Allergen.

Willkommen auf den Seiten der Deximed-Patienteninformationen!

Unsere Patienteninformationen in laiengerechter Sprache stehen Ihnen auch ohne ein Abonnement zur Verfügung.

Sind Sie Arzt? Dann testen Sie unsere Experteninformationen 30 Tage lang kostenlos.

Deximed – Deutsche Experteninformation Medizin – ist ein unabhängiges Arztinformationssystem mit Fokussierung auf die primärärztliche Versorgung. Evidenzbasierte und regelmäßig aktualisierte Artikel zu allen medizinischen Gebieten zeichnen Deximed aus.

30 Tage kostenlos testen!

Was ist die Hyposensibilisierung?

Die Hyposensibilisierung, auch Allergie-Impfung oder spezifische Immuntherapie genannt, dient der Behandlung von Allergien. Bei einer Allergie besteht eine Überempfindlichkeit (Hypersensitivität) des körpereigenen Immunsystems gegenüber bestimmten Stoffen, mit denen der Körper beispielsweise über die Luft oder die Nahrung in Kontakt kommt. Diese Substanzen, die bei gesunden Personen keine gesundheitlichen Probleme verursachen, bezeichnet man als Allergene. Ziel der Hyposensibilisierung ist es, die körpereigene Überreaktion des Immunsystems auf das Allergen zu reduzieren, indem man es schrittweise an das Allergen „gewöhnt". Die Hyposensibilisierung ist die einzige ursächliche Behandlung einer Allergie.

Bei der Hyposensibilisierung werden über einen langen Zeitraum regelmäßig kleine Dosen des Allergens verabreicht und die Dosis langsam gesteigert. Insbesondere bei Allergien gegen einzelne Stoffe und jungen Patienten zeigt dieses Verfahren eine gute Wirkung.

Es gibt verschiedene Therapieformen:

  • Subkutane Immuntherapie (SCIT): Die Allergene werden mit steigender Dosis vom Arzt unter die Haut (subkutan) gespritzt. Die Therapie wird nach Erreichen der Enddosis (Erhaltungsdosis) in regelmäßigen Abständen fortgeführt.
  • Sublinguale Immuntherapie (SLIT): Die Allergene werden als Tropfen oder lösliche Tabletten unter die Zunge (sublingual) geträufelt bzw. gelegt und über die Mundschleimhaut aufgenommen. Im Unterschied zur SCIT werden die Allergene in der Regel täglich über einen bestimmten Zeitraum eingenommen.

Wer kann von der Hyposensibilisierung profitieren?

Eine Hyposensibilisierung kann Personen helfen, die durch eine Allergie deutlich in ihrer Lebensqualität oder im Alltag beeinträchtigt sind. Sie kann dann zum Einsatz kommen, wenn keine ausreichende Symptomlinderung durch Meiden der auslösenden Allergene oder durch eine medikamentöse Behandlung erzielt werden kann.

Eine weitere Voraussetzung ist, dass bei den betroffenen Personen eine Allergie in einem Haut- oder anderen Allergietest nachgewiesen werden kann und ein eindeutiger Zusammenhang zwischen dem Kontakt und den Allergiesymptomen besteht. Evtl. kann dies auch in einem sogenannten Provokationstest bewiesen werden. Bei diesem erfolgt der Kontakt mit dem vermuteten Allergen unter kontrollierten Bedingungen. Treten daraufhin die typischen Beschwerden auf, ist eine Allergie gegen die Substanz naheliegend.

Typische Beschwerdebilder, die bei Patienten mit Baum- und Graspollenallergie auftreten, sind:

Auch bei einer allergischen Rhinitis, Konjunktivitis oder Asthma bei Patienten mit Hunde-, Katzen- oder Hausstaubmilben-Allergie kann die Hyposensibilisierung eine gute Behandlungsmöglichkeit sein.

Eine weitere Indikation für die Hyposensibilisierung sind schwere oder lebensbedrohliche Reaktionen auf Insektenstiche. Die Behandlung wird für Kinder und Erwachsene mit schweren Reaktionen, wie z. B. Atemproblemen und Kreislaufreaktionen, angeboten.

Die Hyposensibilisierung ist nicht nachgewiesen wirksam in der Behandlung von Neurodermitis und Nesselsucht.

Zugelassene Allergene, mit denen derzeit in Deutschland eine Hyposensibilisierung durchgeführt werden kann, werden Therapie-Allergene genannt und sind (siehe Informationen Paul-Ehrlich-Institut, Stand 2018):

  • Für die subkutane Immuntherapie:
    • Gräser-/Getreide-/Kräuterpollen
    • Baumpollen
    • Hausstaubmilben
    • Insektengifte
  • Für die sublinguale Immuntherapie:
    • Gräser-/Getreide-/Kräuterpollen
    • Baumpollen
    • Hausstaubmilben.

Eine Hyposensibilisierung ist aber auch mit anderen Therapie-Allergenen möglich, die nicht zugelassen sind, z. B. bei Katzen- oder Schimmelpilzallergie.

Ablauf der Hyposensibilisierung

Die Hyposensibilisierung wird von Ärzten durchgeführt, die Erfahrung mit der Therapieform haben. Nachdem geprüft wurde, ob die Voraussetzungen erfüllt sind und ggf. Allergietests vorgenommen wurden, werden Sie zu den Verfahren und den möglichen Nebenwirkungen aufgeklärt und haben die Gelegenheit, Fragen zu stellen.

Zunächst wird die Therapieform unter Absprache mit den behandelnden Ärzten ausgewählt. Je nach Therapieform wird festgelegt, wie viel Dosen geplant sind und in welchen Abständen diese verabreicht werden. Anfangs werden regelmäßig geringe Dosen zugeführt, die mit der Zeit gesteigert werden, bis eine sogenannte Erhaltungsdosis erreicht ist. Je nach Therapieform erhöht sich dann der Abstand zur nächsten Allergengabe. Ein Therapiebeginn ist bei Pollenallergie je nach Präparat auch während des Pollenflugs möglich. Die Dauer der Immuntherapie kann unterschiedlich sein und sollte z. B. bei Atemwegsallergien mindestens drei Jahre betragen.

Bei der subkutanen Immuntherapie wird das Allergen unter die Haut gespritzt, meist oberhalb des Ellenbogens. Der Patient wird anschließend für eine gewisse Zeit überwacht. Kurz vor und für den Rest des Tages nach der Injektion sollten eine starke körperliche Belastung, Saunabesuche und Alkoholkonsum vermieden werden.

Bei der sublingualen Immuntherapie mit Tabletten oder Tropfen wird die erste Allergengabe ggf. auch durch ärztliches Personal überwacht. Sie kann anschließend selbstständig zu Hause durchgeführt werden.

Im Vorfeld jeder Behandlung werden Sie zu aktuellen allergischen oder anderen relevanten Symptomen (z. B. Fieber oder Infektzeichen) sowie zu der Verträglichkeit der letzten Injektion, durchgemachten Erkrankungen oder Behandlungen, neuer oder veränderter Medikamenteneinnahme und Impfungen befragt. Sie sollten beim Arzt zudem Neuerungen wie z. B. eine Schwangerschaft erwähnen.

Effekte

Es gibt eindeutige Nachweise, dass die Hyposensibilisierung ein wirksames Verfahren bei einer allergische Rhinitis darstellt. Da es eine langwierige Therapie ist, kann es sein, dass erst nach einer gewissen Zeit Besserungen eintreten. Bei manchen Patienten bleiben allerdings die Symptome wie Niesreiz, Schleimhautschwellungen und Augentränen trotz Therapie bestehen. In manchen Fällen können sich die Symptome nach einer anfänglichen Besserung auch wieder verschlechtern. Ist die Behandlung allerdings erfolgreich, ist eine geringere oder gar keine Medikamenteneinnahme bei Allergiebeschwerden mehr nötig.

Die Hyposensibilisierung hat den Vorteil, dass das Risiko für die Entstehung sogenannter Kreuzallergien vermindert wird. Studienergebnisse deuten darauf hin, dass die Immuntherapie bei einer allergischen Rhinitis das Risiko für eine spätere Entwicklung von Asthma bei Kindern reduzieren kann.

Insektengiftallergien können häufig erfolgreich durch eine Hyposensibilisierung behandelt werden.

Nebenwirkungen

Sie werden im Vorhinein durch Ihre behandelnden Ärzte über die möglichen Nebenwirkungen der Therapie und wie Sie sie erkennen können aufgeklärt.

Bei der subkutanen Immuntherapie ist das Auftreten schwerer, potenziell lebensbedrohlicher Reaktionen wie eines anaphylaktischen Schocks möglich, aber sehr selten. Aus diesem Grund erfolgt zunächst eine Beobachtung. Die meisten unerwünschten Reaktionen sind leicht bis mittelschwer und lassen sich gut behandeln. Hierzu zählen z. B. Rötungen, Schwellungen oder Juckreiz an der Injektionsstelle. Seltener sind auch weitere allergische Reaktionen wie Niesen, Tränenlaufen, asthmatische Beschwerden sowie Kreislauf- und Magen-Darm-Beschwerden möglich. Müdigkeit und Kopfschmerzen können ebenso auftreten. Sie werden nach der Injektion für einen gewissen Zeitraum überwacht, um mögliche Reaktionen direkt behandeln zu können. Informieren Sie unverzüglich die behandelnden Ärzte, wenn Sie Auffälligkeiten wie beispielsweise Unwohlsein, Juckreiz, Hautausschlag, Niesen, Naselaufen, Atemnot, Husten, Schwindel, Herzklopfen oder andere Beschwerden bemerken. Dies gilt auch über die Beobachtungszeit hinaus.

Die Verträglichkeit der sublingualen Immuntherapie ist sehr gut. Es können lokale Beschwerden wie Juckreiz oder seltener Schwellungen im Mund- und Rachenraum auftreten. Schwere allergische Allgemeinreaktionen sind zwar beschrieben, kommen aber deutlich seltener vor als bei der subkutanen Immuntherapie.

Bei Unsicherheiten bzw. Fragen bezüglich der Behandlung oder der Nebenwirkungen, wenden Sie sich an Ihre behandelnden Ärzte. 

Weitere Informationen

Zu Allergien

Über spezifische allergische Erkrankungen

Hilfreiche Informationsangebote

Autoren

  • Marleen Mayer, Ärztin, Mannheim

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Allergenspezifische Immuntherapie (SIT). Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Klimek L. Allergenspezifische Immuntherapie: Gute Praxis und innovative Ansätze. Dtsch Arztebl 2017; 114(12): A-587 / B-507 / C-493. www.aerzteblatt.de
  2. Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie. Bienen- und Wespengiftallergie, Diagnose und Therapie. AWMF- Leitlinie Nr. 061-020. S2k, Stand 2011. www.awmf.org
  3. Brehler R, Klimek L, Kopp MV, Virchow JC: Specific immunotherapy—indications and mode of action. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(9): 148–58. DOI:10.3238/arztebl.2013.0148 www.aerzteblatt.de
  4. Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie. (Allergen-) spezifische Immuntherapie bei IgE vermittelten allergischen Erkrankungen. AWMF S2K Leitlinie Nr. 061-004. Stand 10.10.2014 www.awmf.org
  5. Paul-Ehrlich-Institut (PEI). Allergene, Therapie-Allergene. Aktualisiert 01.06.2018. www.pei.de
  6. Ross RN, Nelson HS, Finegold I. Effectiveness of specific immunotherapy in the treatment of asthma: a meta-analysis of prospective, randomized, single or double-blind, placebo-controlled studies. Clin Ther 2000; 22: 329-41. PubMed
  7. Barr JG, Al-Reefy H, Fox AT, et al. Allergic rhinitis in children. BMJ. 2014 ;349:g4153. doi: 10.1136/bmj.g4153 DOI
  8. Moller C, Dreborg S, Ferdousi HA et al. Pollen immunotherapy reduces the development of asthma in children with seasonal rhinoconjunctivitis (the PAT-study). J Allergy Clin Immunol 2002; 109: 251-6. www.ncbi.nlm.nih.gov
  9. NVL-Programm von BÄK, KBV, AWMF. Nationale Versorgungsleitlinie Asthma Nr. nvl-002. Stand 2011 www.awmf.org
  10. Abramson MJ, Puy RM, Weiner JM. Injection allergen immunotherapy for asthma. Cochrane Database of Systematic Reviews 2010, Issue 8. Art. No.: CD001186. Cochrane (DOI)
  11. Radulovic S, Calderon MA, Wilson D, Durham S. Sublingual immunotherapy for allergic rhinitis. Cochrane Database of Systematic Reviews 2010, Issue 12. Art. No.: CD002893. DOI: 10.1002/14651858.CD002893.pub2 DOI
  12. Calderon MA, Penagos M, Sheikh A, et.al. Sublingual immunotherapy for treating allergic conjunctivitis. Cochrane Database of Systematic Reviews 2011, Issue 7. Art. No.: CD007685. DOI: 10.1002/14651858.CD007685.pub2. DOI
  13. Calabria CW. Accelerated immunotherapy schedules. Curr Allergy Asthma Rep 2013; 13: 389-398. pmid:23728613 PubMed
  14. Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie. Anaphylaxie, Akuttherapie und Management. AWMF S2k Leitlinie Nr. 061-025. Stand 31.12.2013 www.awmf.org