Allergie gegen Insektenstiche

Allergien gegen Insektengift können in Form von Hautveränderungen an der Einstichstelle bis hin zu lebensgefährlichen Beschwerden äußern.

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Was ist eine Allergie gegen Insektengift?

Bei manchen Menschen können Insektenstiche allergische Reaktionen gegen das Insektengift auslösen. In Ausnahmefällen kann ein Insektenstich sehr akute und schwere Überempfindlichkeitsreaktionen auslösen (Anaphylaxie). Die Angst vor neuen Reaktionen kann die Lebensqualität beeinträchtigen, eine Betreuung durch einen Facharzt ist auch aus diesem Grund wichtig.

Auf einen Insektenstich reagieren praktisch alle Menschen mit Schmerzen, Schwellung und Jucken an der Einstichstelle. Echte allergische Reaktionen sind jedoch in der Regel schwerwiegender und können durch die Entwicklung von Atemnot und Kreislaufbeschwerden auch lebensgefährliche Folgen haben.

Wespen und Bienen

In Europa gibt es eine kleine Anzahl stechender Insektenarten, die bzgl. einer Allergie Bedeutung haben. Die wichtigsten sind Wespen und Bienen. Mücken können lokale Beschwerden verursachen, die aber nicht gefährlich sind und in der Regel keine allergischen Reaktionen hervorrufen.

Wespen und Bienen leben in Familien mit einer bestimmten Arbeitsteilung; Stiche werden zur Verteidigung eingesetzt. Bei den Wespen überlebt nur die begattete Königin den Winter. Sie wird ein Nest bauen, Eier legen und die ersten Larven aufziehen. Deshalb findet man im Frühsommer nur wenige Wespen, und es gibt nicht so viele Wespenstiche. Die Nahrung der Wespe besteht aus Fleisch (vorwiegend andere Insekten) und zuckerhaltigen Stoffen wie zum Beispiel Obst. Wespen mögen auch unser Essen, sowohl Fleisch als auch Süßes wie Eis, Bier und zuckerhaltige Getränke. Deshalb kommt es viel häufiger zu Wespenstichen als zu Bienenstichen.

Bei Bienen überwintern sowohl die Königin als auch die Arbeiterinnen, sodass im Frühsommer bereits viele dieser Insekten unterwegs sind. Ihre Nahrung besteht aus Pollen, Nektar und Fruchtsaft, und diese Insekten müssen sich stark bedroht fühlen, bevor sie stechen. Eine typische Situation für einen Bienenstich ist, wenn sich das Insekt z.B. unter einem Fahrradhelm verfangen hat oder wenn man versehentlich barfuß auf eine Biene tritt.

Das Insektengift

Das Gift der Insekten wird in einer Giftblase im Hinterleib in der Nähe des Darmausgangs aufbewahrt. Der Bienenstachel hat kräftige Widerhaken, durch die er leicht steckenbleibt. Beim Stich durch eine Biene bleibt der Stachel mit der Giftblase in der Stichstelle stecken. Die Giftblase ist mit Muskeln versehen, die weiter Gift durch den Stachel pumpen, auch nachdem die Biene fortgeflogen ist. Normalerweise stirbt die Biene, wenn die Giftblase losgerissen wurde. Bei der Wespe hat der Stachel nur wenige und keine Widerhaken und kann deshalb leicht zurückgezogen werden.

Die Giftmenge hängt von der Art und vom Alter des Insekts ab, davon, ob es direkt davor schon einmal gestochen und die Giftblase entleert hat, und davon, wie lange der Stachel und die Giftblase in der Haut verbleiben.

Insektengift enthält drei oder vier Proteine, die als Allergene wirken können, das heißt, Stoffe, gegen die der menschliche Körper Antikörper entwickeln kann. Antikörper sind spezielle Substanzen des Immunsystems zur gezielten Bekämpfung von Krankheitserregern. Im Falle einer Allergie reagiert das Immunsystem fälschlicherweise massiv gegen an sich harmlose Stoffe (d.h. das Allergen). Die Allergene im Wespengift unterscheiden sich von denen der Biene. Deshalb kann eine Person, die allergisch auf einen Wespenstich reagiert hat, Bienenstiche in der Regel vertragen und umgekehrt.

Zusätzlich zu den Allergenen enthält Insektengift andere Substanzen, die ganz unabhängig von einer Allergie unterschiedliche Reaktionen (Juckreiz, Schmerz) auslösen können. 

Reaktionen auf den Insektenstich

Insektenstiche führen bei allen Menschen zu unterschiedlich starken lokalen Schmerzen, Rötungen und Schwellungen. Bei manchen Personen, die mehrmals gestochen werden, erfolgt eine gewisse Anpassung, sodass die Reaktionen schwächer werden (z.B. bei Imkern). Es können sich aber auch mit jedem neuen Stich zunehmend schwerere Symptome entwickeln.

Die meisten lokalen Beschwerden durch Wespen- und Bienenstiche gehen innerhalb von einem Tag zurück. Bei manchen Personen können große Schwellungen auftreten (>10 cm im Durchmesser), die länger als einen Tag anhalten können. Die Reaktion kann durch Giftstoffe, sogenannte Toxine, oder eben eine Allergie verursacht sein. Wenn Sie in der Regel heftige Reaktionen auf Insektenstiche bekommen, zum Beispiel auf Mückenstiche, stützt dies den Verdacht auf eine Giftreaktion (toxisch). Wenn Sie dann viele Stiche gleichzeitig bekommen, kann dies zu einer möglicherweise ebenfalls schweren toxischen Schädigung führen. Diese Symptome entsprechen jedoch nicht einer allergischen Reaktion. 

Reagiert der Körper allergisch, so liegt ein fälschlicherweise zu starker Abwehrmechanismus des Immunsystems auf das Allergen, hier also das Insektengift, vor. Die häufigsten Beschwerden bei einer leichten allergischen Reaktion sind Juckreiz, Nesselausschlag, Schmerzen und Müdigkeit. Die Prognose ist verhältnismäßig gut. Personen, die nur diese Art von Reaktionen gehabt haben, bekommen eher selten schwerere Symptome, wenn sie später von der gleichen Insektenart gestochen werden.

Mäßig schwere allergische Symptome sind Schwindel, Atembeschwerden, Herzklopfen und Engegefühl im Brustkorb. Ebenfalls häufig sind Übelkeit, Magenschmerzen, Erbrechen oder Diarrhö. Auch Kopfschmerzen und kalter Schweiß treten häufig auf. Zeigt eine Person nach einem Insektenstich solche Beschwerden, muss aber nicht unbedingt eine Allergie vorliegen. Auch Angst wegen des Stichs und/oder eine Hyperventilation (zu schnelle Atmung) können zu Schwindel und Unwohlsein führen. 

Todesfälle nach Insektenstichen können auf eine sogenannte Anaphylaxie zurückgehen. Dies ist die Bezeichnung für die schwerste allergische Reaktion: die Betroffenen entwickeln Atemnot, der Blutdruck fällt, sie werden bewusstlos. Auch ohne diese Beschwerden kann ein Insektenstich lebensgefährlich werden, wenn das Insekt in den Mund oder Hals gestochen hat, die Schleimhäute dort anschwellen und der Betroffene keine Luft mehr bekommt. Dazu kommt es allerdings sehr selten.

In Deutschland werden jedes Jahr etwa 20 Todesfälle aufgrund des Stichs einer Biene, Wespe oder Hornisse gemeldet, es sind fast nur Erwachsene betroffen. Wahrscheinlich gibt es jedoch mehr solche Fälle, bei denen die Todesursache Allergie aber nicht erkannt wurde.

Ein vergleichsweise höheres Risiko für eine Anaphylaxie oder auch einen schweren Verlauf einer allergischen Reaktion haben Personen, die im Alltag häufig mit Wespen/Bienen zu tun haben (Obstverkäufer, Waldarbeiter, Imker), solche, die an Grundkrankheiten von Herz oder Lunge leiden (z.B. Herzschwäche, Asthma), die sich in Belastungssituationen befinden oder regelmäßig bestimmte Medikamente (z.B. Betablocker) einnehmen.

Weitere Untersuchung?

Nur Personen, die eine Allgemeinreaktion (Anaphylaxie) gehabt haben, sollten auf Allergien getestet werden, u.a. durch Bluttests. Allerdings bedeuten derart auffällige Testergebnisse nicht automatisch, dass eine Allergie besteht. So lassen sich in der Normalbevölkerung positive Testergebnisse bei bis zu 20 % der Personen finden (bei Kindern noch häufiger), ohne dass dies irgendeine praktische Bedeutung hat. Selbst wenn hier nach einem Insektenstich deutliche Hautsymptome aufgetreten sind, ist das Risiko bei weiteren Stichen eher gering - eine ausführliche Allergiediagnostik ist in der Regel nicht sinnvoll.

Hat eine Person jedoch auf einen Insektenstich mit Blutdruckabfall, Atemnot etc reagiert, so sind wie oben erwähnt spezielle Untersuchungen im Rahmen einer Diagnostik einer Insektengiftallergie erforderlich: Der Arzt wird eine gründliche Anamnese erheben, eine körperliche Untersuchung durchführen und bestimmte Bluttests veranlassen, u.a. um bestimmte Antikörper (IgE) gegen das infrage kommende Insektengift zu finden. Informieren Sie den Arzt, welches Insekt Sie gestochen hat, wenn es Ihnen bekannt ist. Zudem wird der Arzt wahrscheinlich die Allergie direkt nachweisen wollen, und zwar durch einen sogenannten Haut-Pricktest. Dieser Test kann frühestens zwei Wochen nach dem Stich durchgeführt werden: hier wird der Arzt verschiedene bekannte Allergene auf Ihre Haut aufbringen und beurteilen, welche dieser Substanzen Hautveränderungen verursacht. So lassen sich allergische Reaktionen auf verschiedene Substanzen erkennen. Da sich schwere Reaktionen ergeben können, muss der Test von einem Arzt mit Erfahrung in der Allergologie unter Überwachung stattfinden.

Die Blutuntersuchung kann nach ungefähr einer Woche durchgeführt werden und wird häufig später nochmals wiederholt.

Therapie

Das Ziel einer Therapie ist es, schwere allergische Reaktionen zu verhindern. Die Therapie hängt von der Intensität der allergischen Reaktion und der Schwere früherer Insektenstiche ab.

Akuttherapie

Wenn das Insekt Stachel und Giftblase in der Haut zurückgelassen hat, muss die Giftblase so schnell wie möglich entfernt werden. Entfernen Sie den Stachel mit dem Fingernagel, einer Nadel oder Pinzette. Je schwerer die allergischen Reaktionen sind, die der Betroffene in der Vergangenheit gehabt hat, desto wichtiger ist es, den zurückgelassenen Stachel und die Giftblase schnell zu entfernen.

Lokale Therapie

Es gibt mehrere Möglichkeiten, wie Sie die Symptome lindern können. Kühlen Sie die Stelle mit kaltem Wasser, Eiswürfeln, Aluminiumacetotartrat oder Kühlbalsam. Befeuchten Sie die Haut mit Wasser und reiben Sie ein Schmerzmittel ein, das Acetylsalicylsäure enthält. Waschen Sie es ab, wenn die Beschwerden nachlassen. Tragen Sie eine örtlich betäubende Salbe oder eine Hydrocortison-Creme auf, die rezeptfrei in der Apotheke erhältlich sind. Sie können auch ein Pflaster verwenden, um zu verhindern, dass Ihr Kind die Einstichstelle zerkratzt und eine Infektion bekommt.

Wenn Sie mit akutem Nesselausschlag reagieren, empfiehlt sich die gleiche Therapie.

Anaphylaxie

Im Falle einer Anaphylaxie (Atemnot, Kreislaufprobleme bis zur Bewusstlosigkeit) muss sofort ein Notarzt gerufen werden. Diese Beschwerden können innerhalb kürzester Zeit lebensgefährlich werden.  

Wenn Sie eine Anaphylaxie gehabt haben, sollten Sie zur Selbstbehandlung einen Adrenalin-Injektor greifbar haben, um sich selbst ggf. das Notfallmedikament Adrenalin spritzen zu können. Es gibt mehrere Arten von Adrenalin-Injektoren mit Adrenalin in verschiedenen Stärken – 0,15 mg, 0,3 mg und 0,5 mg. Kinder erhalten je nach Körpergewicht etwa 0,15 mg. Der Adrenalin-Injektor sollte unmittelbar nach dem Stich an der Außenseite des Oberschenkels angesetzt werden; durch Knopfdruck löst sich eine kleine Nadel und injiziert Adrenalin. Wie und wann Sie den Injektor nutzen sollten, wird Ihnen Ihr Arzt erklären. Zusätzlich zu dem Injektor kann der Arzt Ihnen auch z.B. Kortisontabletten/-zäpfchen, ein Antihistaminikum oder auch ein bronchienerweiterndes Spray für den Notfall verordnen.

Allergenspezifische Immuntherapie

Eine allergenspezifische Immuntherapie (Hyposensibilisierung) wird Patienten angeboten, die nach Insektenstichen eine Anaphylaxie gehabt haben. Das Prinzip dieser Therapie ist es, den Körper bzw. das Immunsystem durch zunächst geringe Mengen des Gifts langsam an diese Substanz zu gewöhnen. Die Injektionen werden mit steigender Dosis mehrnals verabreicht, danach mehrere Jahre lang im Abstand von einigen Wochen. Die Behandlung endet nach 3–5 Jahren. Besonders im Fall einer Insektenstichallergie erfolgen die ersten Spritzen oft auch während eines Klinikaufenthalts, um schnell eine höhere Dosis (und bessere Wirkung) erreichen zu können und zugleich eine optimale Überwachung zu gewährleisten. Die Wirkung der Therapie hält meist viele Jahre lang an (Patientengruppen sind 15 Jahre lang beobachtet worden). Mehr als 80 % der Personen, die nach Wespenstichen eine Anaphylaxie gehabt haben, vertragen diese Stiche nach einer durchgemachten Immuntherapie. In den übrigen Fällen fallen die Reaktionen im Allgemeinen weniger schwer aus als vorher.

Heftige Mückenbissreaktionen

Einzelne Personen bekommen bei Mückenbissen unangenehme, aber nicht schwerwiegende Reaktionen. Vor Aufenthalten in mückenreichen Gebieten kann eine Therapie mit Antihistaminika versucht werden.

Vorbeugung

Haben Sie bereits eine allergische oder schwere Reaktion auf Insektenstiche erlebt, sollten Sie sich so verhalten, dass ein neuer Stich unwahrscheinlich wird: 

  • Keine Süßigkeiten (Torte, Marmelade etc) oder Obst im Freien verzehren
  • Nicht selbst Obst ernten
  • Abfallkörbe, Fallobstwiesen etc. meiden
  • Vorsicht bei Getränken, die draußen standen, es könnte eine Wespe in ein Glas oder eine Dose geflogen sein
  • Im Garten, Wald, auf der Wiese nicht barfuß gehen
  • Bienen/Wespen nicht hektisch vertreiben wollen, sondern sich lieber langsam zurückziehen

Zusätzlich sind die oben beschriebenen Möglichkeiten zur Notfalltherapie (Notfallset) zu berücksichtigen. Ein Facharzt wird Sie individuell beraten können.

 

Weiterführende Informationen

Autor

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Allergie gegen Insektenstiche. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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  2. Mosbech HF, Winther L, Heinig JH. Allergi for insektgift. Ugeskr Læger 2005; 167: 628-30. Ugeskrift for Læger
  3. Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie. Diagnose und Therapie der Bienen- und Wespenstichallergie. AWMF-Leitlinie Nr. 061/020, Stand 2011. www.awmf.org
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