Schwachsichtigkeit (Amblyopie) im frühen Kindesalter

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Was ist eine Amblyopie?

Wenn sich bis zum siebten Lebensjahr keine zufriedenstellende Sehschärfe eingestellt hat, wird dies höchstwahrscheinlich auch nicht mehr geschehen. Bei Amblyopie handelt es sich um eine einseitige Sehschwäche, ohne dass am schwächeren Auge eine regelrechte Erkrankung vorliegt. Bei frühzeitiger Feststellung und Behandlung lässt sich die Schwachsichtigkeit korrigieren. Die Entwicklung der sogenannten zentralen Sehschärfe beginnt mit der Geburt und ist in der Regel im Alter von 6–7 Jahren abgeschlossen. In dieser Phase bilden sich die durch Nervenbahnen hergestellten Verbindungen zwischen Augen und Sehzentrum heraus, das sich im hinteren Bereich des Gehirns befindet. Damit eine beidseitig normale Sehschärfe erreicht wird, muss das Gehirn von beiden Augen gleichwertige Bildeindrücke empfangen. Wenn das schwächere Auge stark abweichende Bildsignale sendet, werden diese von den als normal wahrgenommenen Signalen unterdrückt. Diese Unterdrückung der Bildsignale findet in der Sehrinde des Gehirns statt. Wenn dieses Phänomen nicht behandelt wird, verlieren die Nervenzellen in der Sehrinde, die eigentlich die Signale des schwächeren Auges empfangen sollen, mit der Zeit ihre Funktion. Dieser Vorgang liegt der Amblyopie zugrunde.

Bei dieser einseitigen Sehschwäche liegt keine regelrechte Erkrankung des Auges vor. Es handelt sich vielmehr um eine Normabweichung, die drei Ursachen haben kann:

  • Schielen (manifester Strabismus)
  • zwischen beiden Augen sehr stark abweichende Brechungsverhältnisse; meist auf Weitsichtigkeit zurückzuführender Brechungsfehler an einem Auge
  • Teilweise Verdeckung der Netzhaut durch organische Beeinträchtigung (Stimulus-Deprivations-Amblyopie).

Dauerhaftes Schielen (manifester Strabismus)

Bei Kindern, die dauerhaft schielen, treffen scharfe, aber unterschiedliche Bildeindrücke auf die jeweils zusammengehörenden Punkte auf den Netzhäuten beider Augen. Dadurch müsste das Kind eigentlich doppelt sehen. Tatsächlich lernt es aber, die Bildeindrücke des schwächeren Auges zu unterdrücken und nur mit dem stärkeren Auge normal zu sehen. Dies führt dazu, dass sich die Sehschärfe des schwächeren Auges nicht entwickelt – es sei denn, man deckt das stärkere Auge ab und erzwingt dadurch die Benutzung des schwächeren Auges. Wenn diese Maßnahme ausbleibt, wird sich am schwächeren Auge nie eine normale Sehstärke entwickeln. Das Kind wächst also mit einem eigentlich gesunden Auge heran, auf dem es trotzdem praktisch blind ist – nur weil dieses keine Verbindungen zum Sehzentrum im Gehirn ausbilden konnte. Dieses Risiko ist beim Innenschielen größer als beim Außenschielen.

Bei Kindern, die abwechselnd beide Augen benutzen, entwickelt sich meist keine Amblyopie. Manchmal liegt auch ein latentes Schielen vor: Diese Form des Schielens ist nur erkennbar, wenn ein Auge abgedeckt wird. Latentes Schielen führt praktisch nie zur Ausbildung einer Amblyopie.

Einseitige Fehlsichtigkeit (Weitsichtigkeit)

Bei einseitiger Fehlsichtigkeit trifft an einem Auge ein unscharfes Bild auf die Netzhaut. Die Folge ist eine Übermittlung von schwächeren und weniger exakten Bildimpulsen an die Sehrinde, wodurch sich eine Amblyopie entwickeln kann. Dies gilt insbesondere für eine einseitig vorliegende Weitsichtigkeit. Bei einseitiger Weitsichtigkeit wird das kurzsichtige Auge durch die Nahsicht trainiert, sodass es in diesem Fall selten zu einer Amblyopie kommt. Häufig bildet sich eine Amblyopie aus, wenn ein Kind schielt und weitsichtig ist. Wenn an beiden Augen eine starke Weitsichtigkeit oder Hornhautverkrümmung (Astigmatismus) vorliegt, diese aber nicht rechtzeitig festgestellt und korrigiert wird, kann sich eine beidseitige Amblyopie entwickeln.

Kleinkinder konzentrieren sich in ihrem Sehverhalten stärker auf Objekte in der Nähe als auf weiter entfernte Ziele. Wenn ein Auge kurz- und das andere weitsichtig ist, wird daher hauptsächlich das kurzsichtige Auge benutzt. Obwohl das Kind also nicht schielt, kann sich das weitsichtige Auge infolge der fehlenden Aktivität nicht ausreichend entwickeln. Dies führt zum gleichen Ergebnis wie ein unbehandeltes Schielen: Das Kind wird auf einem Auge praktisch blind, weil dieses verkümmert und keine Sehschärfe ausbilden kann. Weitsichtigkeit liegt bei etwa 1 % aller Kinder vor.

Eine zwischen beiden Augen stark abweichende Weitsichtigkeit lässt sich nur bedingt mit einer Brille korrigieren: So würde z. B. eine Brille mit +2 Dioptrien rechts und +6 Dioptrien links dazu führen, dass unterschiedlich große Bilder auf die Netzhaut treffen. Im genannten Beispiel würde dieser Größenunterschied etwa 25 % betragen, was vom Kind nicht verarbeitet werden kann. Daher muss man sich in diesen Fällen mit einer weniger starken Korrektur begnügen. Langfristig können Kontaktlinsen eine Alternative sein, da diese im genannten Beispiel einen viel besser verträglichen Größenunterschied von nur rund 6 % erzeugen würden.

Organische Beeinträchtigung (Stimulus-Deprivations-Amblyopie)

Wenn eine angeborene organische Beeinträchtigung dazu führt, dass keine oder unzureichende Lichtreize auf die Netzhaut treffen, bleibt das erzeugte Bild unscharf. Beispiele für solche Beeinträchtigungen sind grauer Star, Hornhauttrübung oder ein hängendes Oberlid. Auch in diesem Fall kann sich am betroffenen Auge wie oben beschrieben keine Sehschärfe entwickeln.

Bei dieser Form der Amblyopie findet die kritische Phase viel früher und in kürzerer Zeit statt; daher handelt es sich hierbei um die schwerwiegendste Form. So muss z. B. ein angeborener grauer Star innerhalb der ersten beiden Lebensmonate operiert werden, um ein zufriedenstellendes Ergebnis zu erzielen. In seltenen Fällen kann der übermäßige Einsatz von Augenpflastern eine Stimulus-Deprivations-Amblyopie nach sich ziehen.

Brille

Die Behandlung einer Amblyopie zielt darauf ab, das Gleichgewicht zwischen beiden Augen wiederherzustellen. Zu diesem Zweck wird dafür gesorgt, dass beide Augen gleich stark beansprucht werden, wenn das Kind wach ist. Zunächst wird versucht, dieses Gleichgewicht mit einer Brille herzustellen. Wenn aber bereits ein Auge in der Entwicklung zurückliegt oder keine Brille erforderlich ist, wird das stärkere Auge mit einem Pflaster abgedeckt.

Augenpflaster

Kleinkinder können noch nicht verstehen, warum ihr stärkeres Auge abgedeckt wird und sie stattdessen das schwächere benutzen sollen. Da die Eltern stets darauf achten müssen, dass die Pflaster genau nach Anweisung getragen werden, erfordert eine solche Behandlung viel Geduld. Je jünger das Kind zu Behandlungsbeginn ist, desto größer ist die Chance, dass beide Augen die vollständige Sehkraft erlangen. Das Ziel besteht darin, dass das Kind beide Augen im gleichen Ausmaß benutzt.

Wenn es sich als vollkommen unmöglich herausstellen sollte, ein Kind an das Tragen der Augenpflaster zu gewöhnen, können ggf. Atropin-Augentropfen verordnet werden. Ein Tropfen in das stärkere Auge an zwei bis sieben Tagen in der Woche mindert dessen Sehstärke und zwingt das Kind, das schwächere Auge mehr zu benutzen. Atropin kann gewisse Nebenwirkungen wie erhöhte Lichtempfindlichkeit, gereizte Augen, gerötete Haut im Bereich der Augen und Kopfschmerzen auslösen, die aber nur selten zu einem Abbruch der Behandlung führen.

Zur Tragedauer von Augenpflastern gibt es verschiedene Einschätzungen. Eine 2003 durchgeführte Studie kam aber zu dem Ergebnis, dass zwei Stunden täglich ebenso wirksam sind wie sechs Stunden. Eine dieser Stunden sollte mit Aktivitäten im Nahbereich verbracht werden, also z. B. mit Basteln, Malen usw. Bei solchen Tätigkeiten konzentriert sich das Sehen des Kindes auf kleine Details, wodurch das schwächere Auge besonders stark angeregt wird.

Prognose

Mit der richtigen Behandlung ist die Prognose sehr gut. Sofern keine andere Erkrankung vorliegt, erlangt das schwächere Auge in aller Regel eine gute Sehstärke.

Sowohl Augenpflaster als auch Atropin-Augentropfen gelten als wirksame Maßnahmen zur Förderung der Sehstärke. Denken Sie aber daran, dass es bei etwa einem Viertel der behandelten Kinder zu Rückfällen kommt und sich die Sehstärke des behandelten Auges wieder verschlechtert. Lassen Sie die Augen Ihres Kindes daher unbedingt regelmäßig kontrollieren. Sollte es zu einem Rückfall kommen, wird die Behandlung wiederholt. Wenn diese richtig durchgeführt wird, ist mit hervorragenden Ergebnissen zu rechnen.

Früherkennung

Am ehesten lässt sich eine Amblyopie vermeiden, indem das Sehvermögen bereits im Kindergartenalter getestet wird. Dies ist im Rahmen der üblichen Kindervorsorgeuntersuchungen vorgesehen. Ab dem 7. Geburtstag ist eine Behandlung mit Augenpflastern in der Regel nicht mehr sinnvoll.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Philipp Ollenschläger, Medizinjournalist, Köln

 

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Amblyopie. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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