Aplastische Anämie

Die aplastische Anämie ist ein Zustand, bei dem das Knochenmark nicht genügend Blutkörperchen produziert. Dabei handelt es sich um einen Mangel an allen Arten von Blutkörperchen, also roten, weißen und Blutplättchen (Thrombozyten).

Deximed – Deutsche Experteninformation Medizin

"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiemann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

Deximed ist ein unabhängiges Arztinformationssystem mit Fokussierung auf die primärärztliche Versorgung. Evidenzbasierte und regelmäßig aktualisierte Artikel zu allen medizinischen Gebieten zeichnen Deximed aus.

Mehr erfahren

Fakten

  • Anämie ist die Fachbezeichnung für Blutarmut. Von Blutarmut spricht man, wenn das Blut weniger rote Blutkörperchen oder roten Blutfarbstoff (Hämoglobin) enthält, als es normalerweise der Fall ist.
  • Eine aplastische Anämie ist eine seltene Krankheit, die bei zwei bis fünf Personen pro einer Million Einwohner im Jahr vorkommt, mit Ausnahme der Anämien infolge einer Krebstherapie.
  • Bei einer aplastischen Anämie liegt ein Schaden oder eine Unterdrückung der Stammzellen vor, die als „Mutterzellen“ für alle Arten von Blutkörperchen fungieren. Die Stammzellen befinden sich im Knochenmark, die aplastische Anämie wird daher auch als Knochenmarksversagen bezeichnet.
  • Die Symptome sind eine Folge der zu geringen Anzahl an Blutkörperchen.
  • Eine Behandlung soll im besten Fall von der Krankheit heilen.
  • Es stehen drei Hauptbehandlungen zur Verfügung: Knochenmarktransplantation, medikamentöse Behandlung und unterstützende Behandlung.

Was ist eine aplastische Anämie?

Von Anämie (Blutarmut) spricht man, wenn das Blut weniger rote Blutkörperchen oder roten Blutfarbstoff (Hämoglobin) enthält, als es normalerweise der Fall ist. Bei einer aplastischen Anämie liegt ein Schaden oder eine Unterdrückung der Stammzellen vor, die als „Mutterzellen“ für alle Blutkörperchen, also rote Blutkörperchen (Erythrozyten) und weiße Blutkörperchen (Leukozyten, der eigentliche Anteil an weißen Blutkörperchen, der als Neutrophile bezeichnet wird) und Blutplättchen (Thrombozyten) fungieren. Die Stammzellen befinden sich im Knochenmark, die aplastische Anämie wird daher auch als Knochenmarksversagen bezeichnet. Ein schweres Knochenmarksversagen liegt vor, wenn:

  • der Hämoglobinwert unter 80 g/l Blut liegt, also ein Mangel an roten Blutkörperchen
  • die weißen Blutkörperchen und Blutplättchen in zu geringen Mengen im peripheren Blut vorliegen
  • das Knochenmark weniger als 20 % Zellen enthält

Die Symptome sind eine Folge der zu geringen Anzahl an Blutkörperchen. Der Mangel an roten Blutkörperchen (Anämie) führt zu Antriebslosigkeit, Müdigkeit, Kurzatmigkeit und Herzklopfen. Der Mangel an weißen Blutkörperchen(Leukopenie, Neutropenie) führt zu wiederkehrenden, eventuell lebensbedrohlichen Infektionen. Der Mangel an Blutplättchen (Thrombozytopenie) verursachen Blutungen der Schleimhäute und der Haut.

Eine aplastische Anämie ist eine seltene Krankheit, die bei zwei bis fünf Personen pro einer Million Einwohner im Jahr vorkommt, mit Ausnahme der Anämien infolge einer Krebstherapie. Am häufigsten tritt die aplastische Anämie bei jüngeren Menschen zwischen 15 und 25 Jahren und bei älteren Menschen über 60 auf.

Ursache

Zerstörte Stammzellen im Knochenmark sorgen dafür, dass die peripheren Blutkörperchen (d.h. die im fließenden Blut existierenden Blutkörperchen) nicht ersetzt werden, wenn sie „verbraucht“ sind. Diese Zerstörung kann verschiedene Ursachen haben. In bis zu 50 % der Fälle ist die Ursache unbekannt. Man vermutet, dass autoimmune Prozesse, bei denen das Immunsystem die eigenen Zellen angreift, eine erhebliche Rolle spielen. Diese Reaktion kann von einer Virusinfektion, einer Bestrahlung, durch Medikamente oder verschiedene Giftstoffen verursacht werden. Weitere Krankheiten, die eine Prädisposition für diesen Zustand darstellen, sind der systemische Lupus Erythematodes, Hepatitis und verschiedene Infektionen.

Diagnostik

Die Erkrankung ist selten; die Symptome lassen ein totales Knochenmarksversagen vermuten. Bei der ärztlichen Untersuchungen findet man Blässe, Blutsarmut sowie Hautblutungen.

Daher ist eine Blutuntersuchung wichtig. Der Nachweis eines zu niedrigen Hämoglobinwertes im Blut ist natürlich die Voraussetzung für eine Diagnose. Außerdem ist die Mikroskopie eines Blutabstrichs eine wichtige Untersuchung, wenn eine aplastische Anämie vermutet wird. Der Blutabstrich wird durchgeführt, indem ein Tropfen Blut auf ein Glasplättchen platziert wird. Der Arzt wird erkennen, dass die Zellen normal aussehen, die Zellanzahl jedoch reduziert ist. In einigen Fällen zeigt sich auch nur die Verminderung bestimmter Typen von Blutkörperchen. Eine Knochenmarksuntersuchung zeigt eine reduzierte Anzahl Zellen im Knochemmark.

Behandlung

Eine Behandlung soll im besten Fall von der Krankheit heilen. In den meisten Fällen müssen sich die Patienten jedoch damit zufrieden geben, die geringe Anzahl an Blutkörperchen zu korrigieren und eventuelle Infektionen zu heilen. Bei Menschen über 50 Jahren werden zunächst Medikamente verabreicht, die das Immunsystem unterdrücken. Bei Personen unter 50 Jahren besteht die beste Behandlung in einer Knochenmarktransplantation. Das setzt jedoch voraus, dass ein passender Spender vorhanden ist. Üblicherweise handelt es sich dabei um eine Schwester oder einen Bruder.

Der Schweregrad bestimmt die Wahl der Behandlung. Der Schweregrad kann von mäßigen bis zu ernsten und sehr ernsten Erkrankungen reichen. Er wird danach bestimmt, wie viele Zellen fehlen, also durch Grad der Anämie, der Leukozytopenie (Mangel an weißen Blutkörperchen) und der Thrombozytopenie (Mangel an Blutplättchen). Die Erkrankung kann sich verschlechtern, viele Patienten sind jedoch über mehrere hinweg Jahre stabil. Andere fühlen sich auch ohne spezielle Behandlung wieder gesund. Patienten mit einer niedrigen Anzahl an Blutkörperchen ohne Symptome benötigen in der Regel keine Behandlung.

Es stehen drei wesentliche Therapieformen zur Verfügung: Knochenmarktransplantation, eine medikamentöse Therapie und unterstützende Therapie.

Knochenmarktransplantation

Die Knochenmarktransplantation ist die beste Behandlung bei Personen unter 50 Jahren, wenn das Knochenmark von einem „HLA-passenden“ Spender (Geschwister) genommen werden kann. Das wichtigste Kriterium für die Auswahl eines geeigneten Spenders ist eine größtmögliche Übereinstimmung der so genannten HLA-Merkmale von Spender und Empfänger. Die HLA-Merkmale kommen auf der Oberfläche fast aller Körperzellen vor und helfen dem Immunsystem, eigenes von fremdem Gewebe zu unterscheiden. Die Kombination verschiedener HLA-Merkmale ist fast mit einem individuellen „Fingerabdruck“ zu vergleichen. Die Wahrscheinlichkeit einer Genesung ist hoch. Sie liegt bei ca. 70 bis 90 % bei Personen unter 30 Jahren, allerdings haben weniger als 30 % einen Geschwisterspender mit passendem Blut. Die besten Resultate werden bei denjenigen erzielt, die zuvor noch keine Bluttransfusionen erhalten haben. Die Ergebnisse dieser Behandlungsform haben sich kontinuierlich verbessert, bis zu ein Drittel der Betroffenen bekommt jedoch mit der Zeit chronische Beschwerden, das Risiko dafür steigt zudem mit dem Alter des Patienten.

Immunhemmende Therapie

Diese Behandlung wird bei Patienten eingesetzt, die nicht für eine Knochenmarktransplantation in Frage kommen, entweder aufgrund ihres Alters oder weil kein geeigneter Spender vorhanden ist. Die verwendeten Medikamente führen bei 30-75 % der Patienten zu einer Verbesserung. Der Nachteil dieser Behandlung ist, dass die meisten Patienten nicht gesund werden. Viele erreichen keine normalen Blutwerte, erleiden Rückfälle und sind auf bestimmte Medikamente angewiesen (z. B. Ciclosporin). Einige Patienten entwickeln auch andere Blutkrankheiten (eine paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie oder ein myelodysplastisches Syndrom).

Unterstützende Therapie

Wenn der Verlust an roten Blutkörperchen hoch ist, also bei einer ausgeprägten Anämie, wird eine Bluttransfusion durchgeführt. Bei einer niedrigen Anzahl an weißen Blutkörperchen müssen bei Fieber oder Anzeichen einer Infektion schneller Antibiotika verabreicht werden, um die Entwicklung einer lebensbedrohlichen Infektion (Infektionen bei Neutropeniei) zu verhindern. Besteht Blutungsneigung, muss Blut übertragen werden, das viele Blutplättchen enthält (Thrombozyten-reiches Blut). Vorsicht bei Bluttransfusionen ist geboten, wenn beim Patient eine Knochenmarktransplantation indiziert ist. Durch die Bluttransfusion könnte sich das Ergebnis der Transplantation verschlechtern.

Prognose

Eine unbehandelte aplastische Anämie ist tödlich. Komplikationen sind lebensbedrohliche Infektionen, Anämie, Blutungen und die Ausbildung einer anderen börsartigen Blutkrankheit. Eine frühzeitige Transplantation bei jungen Patienten führt zu einer Heilungsquote von 60 bis 70 %. Eine immunhemmende Behandlung sorgt für eine etwas bessere Heilung.

Weitere Informationen

Autoren

  • Philipp Ollenschläger, Medizinjournalist, Köln

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Aplastische Anämie. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Brodsky RA, Jones RJ. Aplastic anaemia. Lancet 2005; 365: 1647-56. PubMed
  2. Marsh J, Lim Z. Aplastic anaemia. BestPractice, last updated April 09, 2014.
  3. Issaragrisil S, Kaufman DW, Anderson T et al. Low drug attributability of aplastic anemia in Thailand. Blood 1997; 89: 4034-9. Blood
  4. Bacigalupo A, Oneto R, Bruno B et al. Current results of bone marrow transplantation in patients with acquired severe aplastic anemia: report of the European Group for Blood and Marrow transplantation. Acta Haematol 2000; 103: 19-25. PubMed
  5. Hinterberger W, Rowlings PA, Hinterberger-Fischer M et al. Results of transplanting bone marrow from genetically identical twins into patients with aplastic anemia. Ann Intern Med 1997; 126: 116-22. Annals of Internal Medicine
  6. Dufour C, Rondelli R, Locatelli F et al. Stem cell transplantation from HLA-matched related donor for Fanconi's anaemia: a retrospective review of the multicentric Italian experience on behalf of AIEOP-GITMO. Br J Haematol 2001; 112: 796-805. PubMed
  7. Hsu JW, Vogelsang G, Jones RJ and Brodsky RA. Bone marrow transplantation in Shwachman-Diamond syndrome. Bone Marrow Transplant 2002; 30: 255-8. PubMed
  8. Zeng W, Maciejewski JP, Chen G and Young NS. Limited heterogeneity of T cell receptor BV usage in aplastic anemia. J Clin Invest 2001; 108: 765-73. PubMed
  9. Brodsky RA, Mukhina GL, Li S et al. Improved detection and characterization of paroxysmal nocturnal hemoglobinuria using fluorescent aerolysin. Am J Clin Pathol 2000; 114: 459-66. PubMed
  10. Hall SE and Rosse WF. The use of monoclonal antibodies and flow cytometry in the diagnosis of paroxysmal nocturnal hemoglobinuria. Blood 1996; 87: 5332-40. Blood
  11. Bagby GC Jr. Genetic basis of Fanconi anemia. Curr Opin Hematol 2003; 10: 68-76. PubMed
  12. Howard SC, Naidu PE, Hu XJ et al. Natural history of moderate aplastic anemia in children. Pediatr Blood Cancer 2004; 43: 545-51. PubMed
  13. Bacigalupo A, Broccia G, Corda G et al. Antilymphocyte globulin, cyclosporin, and granulocyte colony-stimulating factor in patients with acquired severe aplastic anemia (SAA): a pilot study of the EMBT SAA Working Party. Blood 1995; 85: 1348-53. Blood
  14. Rosenfeld SJ, Kimball J, Vining D and Young NS. Intensive immunosuppression with antithymocyte globulin and cyclosporin as treatment for severe aplastic anemia. Blood 1995; 85: 3058-65. Blood
  15. Rosenfeld S, Follmann D, Nunez O and Young NS. Antithymocyte globulin and cyclosporine for severe aplastic anemia: association between hematologic response and long-term outcome. JAMA 2003; 289: 1130-5. Journal of the American Medical Association
  16. Storb R, Blume KG, O'Donnell MR et al. Cyclophosphamide and antithymocyte globulin to condition patients with aplastic anemia for allogeneic marrow transplantations: the experience in four centers. Biol Blood Marrow Transplant 2001; 7: 39-44. PubMed
  17. Gmur J, von Felten A, Phyner K and Frick PG. Autologous hematologic recovery from aplastic anemia following high dose cyclophosphamide and HLA-matched allogeneic bone marrow transplantation. Acta Haematol 62 (1979), pp. 20–24.
  18. Brodsky RA, Sensenbrenner LL, Smith BD et al. Durable treatment-free remission following high-dose cyclophosphamide for previously untreated severe aplastic anemia. Ann Intern Med 2001; 135: 477-83. Annals of Internal Medicine
  19. Jaime-Perez JC, Gonzalez-Llano O and Gomez-Almaguer D. High-dose cyclophosphamide in the treatment of severe aplastic anemia in children. Am J Hematol 2001; 66: 71. PubMed
  20. Bacigalupo A. Bone marrow transplantation for severe aplastic anemia from HLA identical siblings. Haematologica 1999; 84: 2-4. PubMed
  21. Horowitz MM. Current status of allogeneic bone marrow transplantation in acquired aplastic anemia. Semin Hematol 2000; 37: 30-42. PubMed
  22. Ades L, Mary JY, Robin M et al. Long-term outcome after bone marrow transplantation for severe aplastic anemia. Blood 2004; 103: 2490-7. Blood
  23. Socié G, Henry-Amar M, Bacigalupo A et al. Malignant tumors occurring after treatment of aplastic anemia. N Engl J Med 1993; 329: 1152-7. New England Journal of Medicine
  24. Moyo VM, Mukhina GL, Garrett ES and Brodsky RA. Natural history of paroxysmal nocturnal hemoglobinuria using modern diagnostic assays. Br J Haematol 2004; 126: 133-8. PubMed
  25. Moore MAS and Castro-Malaspina H. Immunosuppression in aplastic anemia: postponing the inevitable? N Engl J Med 1991; 324: 1358-60. New England Journal of Medicine
  26. Mukhina GL, Buckley JT, Barber JP, Jones RJ and Brodsky RA. Multilineage glycosylphosphatidylinositol anchor deficient hematopoiesis in untreated aplastic anemia. Br J Haematol 2001; 115: 476-82. PubMed
  27. Camitta BM, Thomas ED, Nathan DG et al. A prospective study of androgens and bone marrow transplantation for treatment of severe aplastic anemia. Blood 1979; 53: 504-14. Blood