Anämie (Blutarmut) durch Folatmangel

Ein Mangel an Folat (Vitamin B9) kann zur Anämie (Blutarmut) führen, das heißt, dass das Blut weniger rote Blutkörperchen oder roten Blutfarbstoff (Hämoglobin) enthält, als es normalerweise der Fall ist. Dies beruht auf einem erhöhten Bedarf an Folat oder einer zu geringen Zufuhr in der Nahrung infolge einer Fehl- oder Unterernährung, einer verringerten Aufnahme im Darm (Absorptionsstörung) oder aufgrund von Medikamenten, die das Folat unwirksam machen.

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Fakten

  • Bei einer Anämie durch Mangel an Folat (Vitamin B9) handelt es sich um eine Form der Blutarmut, die in der Fachsprache auch megaloblastäre Anämie genannt wird.
  • Von Anämie (Blutarmut) spricht man, wenn das Blut weniger rote Blutkörperchen oder roten Blutfarbstoff (Hämoglobin) enthält, als es normalerweise der Fall ist.
  • Ein Folatmangel selbst verursacht keine Beschwerden, die Symptome beruhen auf der Anämie: Müdigkeit, Übelkeit, verringertes körperliches und geistiges Leistungsvermögen, Herzklopfen, Kurzatmigkeit und Schmerzen im Bereich der Brust bei Anstrengung.
  • Andere Anzeichen sind verknüpft mit der Ursache des Folatmangels, wie Krankheiten, die zu einer verringerten Nährstoffaufnahme im Darm führen (Malabsorptionskrankheit), Fehlernährung oder Unterernährung.
  • Ziel einer Behandlung ist es, den Folatbedarf im Körper zu decken, sodass sich auch die Anämie bessert.

Was ist eine Folatmangelanämie?

Der Zustand wird definiert als eine bestimmte Form der Anämie, die als Folge eines Mangels am Vitamin Folat (Folsäure) entsteht. Diese Anämie wird auch als Megaloblastenanämie (oder megaloblastäre Anämie) bezeichnet, was bedeutet, dass die Anzahl der roten Blutkörperchen verringert ist, diese selbst jedoch auffällig groß sind.

Die Megaloblastenanämie infolge Folatmangel ist in Deutschland eine seltene Form der Anämie; >80 % der Einwohner sind ausreichend mit Folsäure versorgt. Der Zustand ist oft bei Alkoholikern, älteren Menschen mit mangelhafter Ernährung, Personen mit Anorexia nervosa (Magersucht) und Patienten mit einem Malabsorptionssyndrom zu finden. Die Malabsorption, also verringerte Aufnahme von Nährstoffen im Darm, ist in Deutschland die häufigste Ursache für einen Folatmangel und kann Folge verschiedener Krankheiten sein.

Wenn eine Frau kurz vor oder während der ersten Wochen einer Schwangerschaft einen niedrigen Folatspiegel im Körper hat, steigt das Risiko für eine Spina bifida (offener Rücken) beim ungeborenen Kind. Die Zufuhr von ca. 400 Mikrogramm Folat pro Tag ab dem Zeitpunkt der Empfängnis oder bereits einige Wochen zuvor vermindert das Risiko, dass das Kind mit einer Spina bifida geboren wird. Lesen Sie mehr über Folsäure und Schwangerschaft.

Symptome

Der Folatmangel selbst verursacht keine Beschwerden. Die Symptome beruhen auf der Anämie. Diese sind Müdigkeit, Schwindelgefühl, verringerte körperliche Leistungsfähigkeit, Konzentrationsschwäche und rasche Ermüdung bei geistiger Arbeit, Herzklopfen, Kurzatmigkeit und möglicherweise auch Schmerzen im Brustraum bei Anstrengung. Diese Beschwerden entwickeln sich in der Regel allmählich und verstärken sich mit der Zeit. Sie sind die Folge von Sauerstoffmangel im Körper. Der Farbstoff (Hämoglobin) in den roten Blutkörperchen bindet Sauerstoffmoleküle, die mit dem Blut zu den Organen transportiert werden. Können aufgrund des Folatmangels jedoch weniger rote Blutkörperchen gebildet werden, so kann auch weniger Sauerstoff pro Zeiteinheit im Körper verteilt werden. Diese unzureichende Versorgung von Gehirn, Herz und allen anderen Organen führt zu den genannten Symptomen. 

Auch blasse Haut und Risse an den Mundwinkeln sind allgemeine Zeichen einer Blutarmut.

Andere Anzeichen sind verknüpft mit der Ursache des Folatmangels, zum Beispiel also Krankheiten, die zu einer verringerten Nährstoffaufnahme im Darm führen (Malabsorption), Fehlernährung oder Unterernährung. Eine chronische Diarrhö (Durchfall) ist das deutlichste Symptom für einen solchen Zustand. Ein Gewichtsverlust kann auf eine Fehl- oder Unterernährung hindeuten.

Ursache

Folat ist notwendig zur Bildung roter Blutkörperchen. Wenn der Körper zu viel Folat verbraucht oder zu wenig davon aufnehmen kann, können nicht genügend rote Blutkörperchen gebildet werden. Es entstehen die Symptome einer Anämie.

Eine zu geringe Aufnahme von Folat in den Körper ist die häufigste Ursache. Dies entsteht durch eine Malabsorption, z.B. infolge einer Operation, bei der der gesamte Magen oder Teile davon entfernt wurden (Gastrektomie), durch Morbus Crohn oder eine Zöliakie. Alkoholkranke nehmen häufig einseitige Kost zu sich, was unter anderem zu einem Folatmangel führen kann. Bestimmte Medikamente können dazu führen, dass das Folat direkt nach der Einnahme unwirksam wird. Solche Medikamente sind Antikonvulsiva z.B. Phenytoin, trizyklische Antidepressiva, hormonelle Verhütungsmittel, verschiedene Antibiotika, z.B. Sulfonamide) und bestimmte Krebsmedikamente (z.B. Methotrexat).

Ein erhöhter Bedarf an Folat ist seltener der Grund für das Entstehen der Anämie. Er kann jedoch bei einer Schwangerschaft, bei Frühgeburten, Dialysepatienten, einer hämolytischen Anämie (ein Zustand mit einer Blutarmut aufgrund geschädigter roter Blutkörperchen), Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose), bei bestimmten schweren Hautkrankheiten und bei Krebserkrankungen entstehen.

Diagnostik

Hinweisend ist die Krankengeschichte (Anamnese) mit Symptomen und Beschwerdebildern einer Anämie, insbesondere, wenn gleichzeitig ein chronischer Durchfall oder auch zu geringes Körpergewicht vorliegt. Bei einer ärztlichen Untersuchung kann die Messung von Größe und Gewicht eine Unterernährung bestätigen. Es können sich eine glänzende, rote Zunge und eingerissene Mundwinkel (sogenannte Rhagaden) zeigen. Gelbliche und blasse Haut tritt bei ausgeprägter Anämie auf. Ein Folatmangel verursacht keine neurologischen Symptome; wenn das der Fall ist, deutet dies darauf hin, dass der Grund für die Anämie ein Vitamin B12-Mangel sein könnte.

Es wird eine Blutuntersuchung durchgeführt, um den Folatgehalt zu messen. Dabei wird auch der Gehalt an Vitamin B12 und Ferritin (Speichereisen) bestimmt, um andere Formen der Blutarmut infolge Vitamin-B-12-Mangel oder Eisenmangel auszuschließen. Speziell werden im Blut zudem möglicherweise Homocystein bestimmt (bei Folatmangel erhöht) oder auch Methylmalonat (bei Folatmangel normal, bei Vitamin-B12-Mangel erhöht). 

Eine Überprüfung der Blutbestandteile per Blutausstrich kann erforderlich sein (siehe Bild unten). Hierbei wird im Labor ein Tropfen Blut auf einer Glasscheibe dün ausgestrichen. Per Mikroskop lässt sich die Form aller Blutzellen beurteilen: im Fall der Folatmangelanämie übermäßig große rote Blutzellen (Megaloblasten, im Bild die ringförmig erscheinenden Zellen) und auffällig geformte weiße Blutzellen (übersegmentierte Granulozyten, im Bild rechts die große Zelle mit den dunkel gefärbten Strukturen).

Ist eine Ursache des Folsäuremangels nicht ersichtlich, kann eine Magendarmspiegelung sinnvoll sein; möglicherweise auch ein spezieller Bluttest, der auf das Vorliegen einer Zöliakie hinweist. 

Makrozyte Anämie (x 40)
Makrozyte Anämie (x 100)

Behandlung

Ziel einer Behandlung ist es, die Menge an Folat im Körper zu erhöhen, sodass sich auch die Anämie bessert. Ist der Folatmangel bereits so ausgeprägt, dass eine Anämie entstanden ist, ist eine Zufuhr von Folsäure in Form von Tabletten nötig. Zugleich ist eine Ernährung zu empfehlen, die viel Folsäure enthält.

Liegt eine Grunderkrankung, etwa eine Zöliakie vor, ist diese selbstverständlich ebenfalls entsprechend zu behandeln.

Was können Sie selbst tun?

Brokkoli enthält Folsäure.
  • Essen Sie reichlich und vor allem grüne Gemüsesorten (beispielsweise Spinat, Rucola), Kohl (wie Brokkoli, Blumenkohl), Hülsenfrüchte (Bohnen, Kichererbsen, Linsen), Wurzelgemüse (Steckrübe, Rote Bete), Früchte (Orangen, Kiwi, Honigmelone), Beeren (Erdbeeren, Himbeere, Brombeere), andere Gemüsesorten (Paprika, Mais).
  • Beachten Sie, dass Folat wärmeempfindlich ist und bei (längerer) Erwärmung leicht zerstört wird. Gemüse sollte daher roh oder kurz gedünstet gegessen werden.
  • Auch Vollkornprodukte, Milch und Joghurt enthalten verhältnismäßig viel Folat, ebenso wie Leber und Leberpastete (Schwangere sollten allerdings keine Leber essen).
  • Manche Speisesalzsorten sind in Deutschland mit Jod und Folsäure angereichert; dies kann zur Grundversorgung ebenfalls nützlich sein.  

Medikamentöse Therapie

Häufig wird für einen gewissen Zeitraum täglich Folsäure verabreicht. Eine Dosierung von 1 mg täglich ist ausreichend. Bei einer Malabsorption kann eine tägliche Dosis von 5 mg täglich erforderlich sein. Da bei erhöhter Folsäurezufuhr natürlich recht schnell viele neue rote Blutkörperchen gebildet werden, muss der Patient oft gleichzeitig Eisentabletten zu sich nehmen, damit für die erhöhte Produktion genügend Eisen zur Verfügung steht. Hier wird Ihr Arzt Sie genau beraten können. 

Planen Frauen, schwanger zu werden, sollten sie täglich bis zur 12. Schwangerschaftswoche 0,4 mg Folsäure einnehmen, um für den Fetus das Risiko einer Spina bifida zu senken (siehe oben). Hat eine Frau bereits einmal ein Kind mit Spina bifida geboren, sollte sie bei der nächsten Schwangerschaft die 10-fache Dosis (4 mg täglich) einnehmen.

Mehr als 0,8 mg täglich sollten nicht über einen längeren Zeitraum eingenommen werden, da dies möglicherweise das Krebsrisiko erhöht.

Prognose

Der Verlauf des Zustands variiert je nach Grundkrankheit. Eine richtige Behandlung führt in der Regel zu einer raschen Besserung der Beschwerden, ebenso wie zu einer völligen Korrektur der auffälligen Blutwerte innerhalb von mehreren Wochen.

Weitere Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Folatmangel. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Goddard AF, James MW, McIntyre AS, et al. Guidelines for the management of iron deficiency anaemia. Gut 2011;60:1309-1316. Gut
  2. Gert B.M. Mensink, Anke Weißenborn, Almut Richter, Journal of Health MonitoringFolatversorgung in Deutschland, Journal of Health Monitoring 2016, 1(2), 26-30. www.rki.de
  3. Koury MJ. Abnormal erythropoiesis and the pathophysiology of chronic anemia. Blood Rev 2014; 28(2): 49-66. pmid:24560123 www.ncbi.nlm.nih.gov
  4. Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V., DGE aktuell, 2013, 07/2013 vom 18.06.2013. [url]https://www.dge.de/index.php?id=197&tx_ttnews[tt_news]=22&cHash=a3a9a476223e990533699c6f36be89a2[/url]
  5. Ebbing M, Bønaa KH, Nygård O, et al. Cancer incidence and mortality after treatment with folic acid and vitamin B12. JAMA 2009; 302: 2119-26. Journal of the American Medical Association
  6. Bundesinstitut für Risikobewertung, Ratschläge für die ärztliche Praxis: Jod, Folat/Folsäure und Schwangerschaft,Berlin 2014/Nachdruck mit Genehmigung der Pressestelle des BfR erlaubt. www.bfr.bund.de