Vitamin-B12-Mangel und perniziöse Anämie

Vitamin B12 ist ein wichtiges Vitamin für den menschlichen Körper, das auch eine Rolle in der Zellteilung spielt. Bei einem Mangel entwickelt sich eine Anämie, ein Mangel an Hämoglobin, und es kann zu schweren neurologischen und psychiatrischen Problemen kommen.

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Was ist ein Vitamin-B12-Mangel?

Ein Vitamin-B12-Mangel liegt vor, wenn sich im Körper keine ausreichende Mengen an Vitamin B12 befinden. Die Ursache dafür kann eine verringerte Aufnahme oder ein erhöhter Bedarf sein. Der Mangel an Vitamin B12 kann zu einer Anämie (niedriger Hb-Wert) mit den typischen Symptomen wie Müdigkeit, Antriebslosigkeit und Schlapheit führen. Eine perniziöse Anämie bezeichnet einen niedrigen Hämoglobin-Wert (Hb), der durch eine verringerte Vitamin-B12-Aufnahme durch eine Autoimmunerkrankung ausgelöst wird. Dabei bildet der Körper Autoantikörper gegen wichtige Zellen und Proteine, die bei der Aufnahme des Vitamins eine Rolle spielen.

Eine Anämie wird wie folgt definiert:

  • Hb < 11 g/dl bei Schwangeren
  • Hb < 12 g/dl bei Frauen im fruchtbaren Alter
  • Hb < 14 g/dl bei Männern und Frauen nach den Wechseljahren.
  • Für Kinder gelten andere Werte, die je nach Alter variieren.

Ein Vitamin-B12-Mangel ist bei steigendem Alter häufiger, und der Zustand kommt bei ca. 1,5–15 % aller Personen ab 70 vor. Eine perniziöse Anämie kommt bei ca. 1 % dieser Altersgruppe vor.

Ein Vitamin-B12-Mangel verläuft anfangs stumm. Die typischen Anzeichen entwickeln sich erst viel später, wenn der Mangel schon zu chronischen Schäden am Nervensystem geführt haben kann. Eine Anämie kann deutlichere Symptome zeigen, wie Müdigkeit und Schlappheit. Aber auch diese treten erst im späteren Verlauf auf. Forscher rechnen damit, dass circa 40 % der Patienten mit neuro-psychiatrischen Symptomen, die auf einem Vitamin-B12-Mangel beruhen, keine Anämie haben.

Symptome

Die typischen Symptome einer Anämie sind Müdigkeit, Schwindelgefühl, verringerte körperliche Leistungsfähigkeit, Herzklopfen, Kurzatmigkeit, Kopfschmerzen und Ohrensausen. Bei Patienten mit einer Angina pectoris (Herzkrämpfe) verschlimmern sich die Anginaschmerzen der Anämie. Bei einem Vitamin-B12-Mangel können auch Symptome auftreten, die vom Nervensystem ausgehen. Diese können sich als Taubheitsgefühl in den Füßen äußern, einem schlechten Gleichgewichtsgefühl im Dunkeln und allgemeinem Schwindelgefühl. In einigen Fällen kann dadurch die Gangsicherheit beeinträchtigt sein. Weitere Krankheitszeichen des Nervensystems sind verringerte Sinnesfunktionen, wie z. B. verringerter Geruchs- und Geschmackssinn. Bei einer perniziösen Anämie kann es zusätzlich zu Verdauungsbeschwerden kommen. Es besteht ein Völlegefühl und typisch kann auch ein Brennen der Zunge sein.

Einige Personen mit Vitamin-B12-Mangel klagen über Depressionen und andere psychische Probleme.

Ursachen

Vitamin B12 kann nicht im Körper gelagert werden und muss daher über die Nahrung zugeführt werden. Tierische Produkte wie Eier, Milch und Fleisch sind der Hauptlieferant für das Vitamin. Somit haben Menschen mit einer vegetarischen bzw. veganen Ernährungsform ein erhöhtes Risiko Mangelerscheinungen zu entwickeln. Damit der Körper das Vitamin aufnehmen kann, ist ein besonderes Protein wichtig. Dieser sogenannte Intrinsic Factor wird im Magen gebildet. Er bindet das Vitamin B12 und hilft somit bei dessen Aufnahme im Darm. Wenn dieses System gestört ist, sei es durch eine chronische Magen-oder Darmerkrankung oder nach chirurgischen Eingriffen mit Magen-bzw. Darmteilresektionen, kann das Vitamin nicht mehr ordentlich aufgenommen werden. Es kommt zu Mangelerscheinungen. Eine andere Ursache für das verminderte Vorliegen von Vitamin B12 kann auch ein erhöhter Bedarf sein, wie dies im Falle eine Schwangerschaft vorliegt. Aber auch die langjährige Einnahme bestimmter Medikamente wie z. B. Metformin oder Säureblocker, kann zu einem erniedrigten Vitamin-B12-Spiegel führen.

Alkoholkranke Menschen sind nicht selten von einem Vitamin-B12-Mangel betroffen. Der Alkoholabusus führt zu chronischen Magenschleimhautentzündungen und einer Vernachlässigung einer gesunden Diät, was beides Gründe für einen Mangel darstellen.

Diagnostik

Im fortgeschrittenen Stadium eines Vitamin-B12-Mangels lassen sich typische Symptome feststellen. Bei einer bestehenden Anämie sind die Schleimhäute und die Haut blass. Die Mundwinkel können eingerissen sein. Die Zunge kann rot und glatt sein. Wenn das Nervensystem betroffen ist zeigen sich mitunter ein Taubheitsgefühl in den Füßen, ein unsteter, „abgehackter" Gang und schlechtere Reflexe. 

Eine Blutprobe gibt Aufschluss über einen niedrigen Hämoglobinwert. Bei der Messung ist üblicherweise ein niedriger Vitamin B12-Wert (Cobalamin) im Blut zu sehen. Der sogenannte MCV-Wert kann erhöht sein. Es ist jedoch auch möglich, zu wenig Vitamin B12 zu haben, wenn der Hb-Wert normal ist. Bei einem berechtigten Verdacht auf eine solche Erkrankung kann es hilfreich sein, den Gehalt an Methylmalonat oder Homocystein im Blut zu messen.

Behandlung

Ziel der Behandlung ist es, den Mangelzustand durch Zuführen von Vitamin B12 zu korrigieren und so gefährliche neuro-psychiatrische Folgeschäden zu vermeiden.

Wenn keine Aufnahmestörungen vorliegen ist auf eine ausgewogene Ernährung zu achten. Fleisch, vor allem rotes Fleisch, Eier und Milchprodukte enthalten viel Vitamin B12.

Die Hautbehandlung ist eine medikamentöse Zufuhr von Vitamin B12. Dies geschieht mithilfe von Vitamin-B12-Tabletten. In einzelnen Fällen kann eine Behandlung mit Spritzen indiziert sein, wenn der Körper auf klassichem Wege das Vitamin nicht aufnehmen kann. 

Prognose

Ein Vitamin-B12-Mangel entwickelt sich allmählich, da die Leber Reserven besitzt, die für drei bis vier Jahre reichen. Personen mit einem Vitaminmangel können Symptome entwickeln, die vom Nervensystem ausgehen, ohne dass es zu einer Anämie kommt. Bei einer durchgeführten Behandlung, die bereits in einem frühen Stadium geschieht, ist die Prognose gut – normalerweise bilden sich die Symptome zurück, wenn es noch nicht zu irreversiblen Schäden gekommen ist.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Natalie Anasiewicz, Ärztin, Freiburg i. Br.

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Perniziöse Anämie. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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