Akute myeloische Leukämie

Die akute myeloische Leukämie (AML) ist eine Krebsform, bei der unreife Blutzellen, die sogenannten Myeloblasten, im Knochenmark wachsen und sich unkontrolliert vermehren.

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"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiemann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

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Fakten

  • Bei dieser Krebsform wachsen und verbreiten sich unreife Blutzellen vom myeloischen Typ unkontrolliert. Dies führt zu einer Verringerung der normalen Blutzellen.
  • Zu Beginn der Erkrankung können Auffälligkeiten am Blutbild die einzigen Krankheitszeichen sein. In der mikroskopischen Untersuchung des Bluts können Veränderungen an Erscheinungsbild und Zahl der Blutzellen auffallen. Die Erkrankung kann sich auch wie ein gewöhnlicher Infekt wie z. B. „Erkältung" oder Grippe bemerkbar machen.
  • Oft treten Müdigkeit, häufige Infektionen sowie Blutungen in der Haut und den Schleimhäuten auf.
  • Akute myeloische Leukämie (AML) kommt am häufigsten bei älteren Patienten vor.
  • Die Behandlung zielt darauf ab, alle Krebszellen im Blut und im Knochenmark zu beseitigen, damit sich wieder gesunde Zellen bilden können.

Was ist eine akute myeloische Leukämie?

Abbildung: Unreife Blutzellen, die für Blutkrebs typisch sind
Abbildung: Unreife Blutzellen, die für Blutkrebs typisch sind

Bei dieser Krebsform wachsen und verbreiten sich unreife Blutzellen, sogenannte myeloische Zellen, unkontrolliert. Die Erkrankung greift die frühen Vorstadien der Blutbildung an, wodurch sich Blutzellen verschiedener Art nicht wie üblich weiter zu speziellen Zelltypen ausdifferenzieren, sondern sich im unreifen Stadium vermehren. Der ungehemmte Zuwachs an Blutkrebszellen bewirkt, dass sich die Anzahl der normalen, gesunden Blutzellen, d. h. der weißen und roten Blutkörperchen sowie Blutplättchen, verringert. Die Krebserkrankung kann nach dem Aussehen und den biochemischen Eigenschaften der Krebszellen in verschiedene Gruppen unterteilt werden. Die bösartig veränderten Zellen kommen meistens im Knochenmark und Blut vor.

Symptome

Die Symptome entstehen meistens während einer relativ kurzen Zeit, sie können sich aber auch über einen längeren Zeitraum entwickeln. Häufige Symptome sind:

  • Müdigkeit, die sich teilweise auf Blutarmut (einen niedrigen Hämoglobinwert infolge zu weniger roter Blutkörperchen) zurückführen lässt.
  • Infektionsanfälligkeit aufgrund von weniger gesunden Immunzellen (weiße Blutkörperchen)
  • Blutungen in der Haut und den Schleimhäuten, die auf weniger Blutplättchen (Thrombozyten) zurückzuführen sind.
  • Bauchschmerzen und Appetitlosigkeit

Weitere, weniger häufige Symptome sind Probleme mit der Sehschärfe oder Doppeltsehen (Diplopie), Ausschlag, Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen (aufgrund der Reizung der Hirnhäute). Manche Patienten leiden unter Bein- und Gelenkschmerzen.

Häufigkeit

AML kommt meistens bei Erwachsenen vor. Bei dieser Krankheit werden jährlich ca. 3,5 neue Fälle pro 100.000 Personen in Deutschland diagnostiziert. AML kann in jedem Alter ausbrechen, tritt aber häufiger im fortgeschrittenen Alter (zwischen 70 und 80 Jahren) auf.

Ursachen

Den Krebszellen fehlt die Fähigkeit auszureifen, dadurch können sie nicht so wie gesunde Zellen funktionieren. Das unkontrollierte Wachstum behindert auch die Bildung normaler Zellen, sodass sich ein Mangel an einigen anderen Zelltypen im Blut bemerkbar macht: Dies gilt für rote Blutkörperchen (Erythrozyten), Blutplättchen (Thrombozyten) und verschiedene weiße Blutkörperchen (Leukozyten). Strahlung, bestimmte Chemikalien und Chemotherapien erhöhen das Risiko für eine Leukämie, doch bei den meisten Patienten bleibt die auslösende Ursache ungeklärt.

Diagnostik

Bei allgemeinen Symptomen, wie Müdigkeit, Erschöpfung und Blässe, sowie Anzeichen von Blutungen oder unerklärbaren Infektionen kann eine Blutuntersuchung Aussage über eine eventuelle Blutarmut (Anämie) und andere Abweichungen geben, die den Verdacht auf diese Erkrankung stärken. Eine genauere Untersuchung einer Blut- und Knochenmarkprobe kann Befunde zeigen, die auf AML hindeuten. 

Untersuchungen des Blutes und des Knochenmarks sind ausschlaggebend, um eine Diagnose stellen zu können. Die wichtigste Untersuchung erfolgt mithilfe der Mikroskopie eines Blut- oder Knochenmarkausstrichs. Bei einem Blutausstrich wird ein Tropfen Blut auf eine Glasscheibe gegeben. Der Tropfen wird auf der Scheibe ausgestrichen und danach mikroskopisch untersucht.

Ein typischer Befund ist der Anstieg unreifer Zellen (Blasten) (> 20 %) im Blut und/oder Knochenmark. Bei AML weist die Blutprobe auch manchmal erhöhte Harnsäurewerte auf. Die Erkrankung kann die Gerinnung (Koagulation) des Blutes stören, was sich ebenfalls durch spezielle Tests nachweisen lässt. Im Krankenhaus entnimmt man unter örtlicher Betäubung eine Probe des Knochenmarks, meist aus dem hinteren Hüftknochenkamm). Das ist für Ärzte und Ärztinnen, die sich auf Bluterkrankungen (hämatologische Erkrankungen) spezialisiert haben, ein häufig praktizierter Eingriff mit einem sehr niedrigen Komplikationsrisiko. Die dabei gewonnene Knochenmarksprobe wird einer eingehenden mikroskopischen Untersuchung unterzogen. Eine hohe Zelldichte und ein erhöhter Anteil unreifer Zellen (Blasten) sind typisch für eine AML.

Behandlung

Behandlungsziele

Die Behandlung zielt, wenn möglich, auf die Heilung der Erkrankung und die Vorbeugung von Rückfällen ab. Im ersten Schritt der Behandlung versucht man, durch eine bestimmte Chemotherapie die Krebszellen zurückzudrängen, um ein normales Blutbild, eine normale Zellverteilung im Knochenmark und den gesundheitlichen Allgemeinzustand wieder herzustellen. Die weiterführende Behandlung konzentriert sich auf die Vorbeugung von Rückfällen. In jedem Fall erfolgt eine Behandlung zur Linderung der Schmerzen und Symptome, auch wenn keine Heilung möglich ist.

Induktionstherapie/Chemotherapie

Die medizinische Behandlung wird mit einer intensiven Kombination aus hoch wirksamen Medikamenten (sog. Induktionstherapie, Chemotherapie) eingeleitet, die neben den Krebszellen leider vorübergehend auch das Wachstum normaler Blutzellen im Knochenmark hemmt. Der Mangel an Blutzellen wird durch begleitende Bluttransfusionen ausgeglichen. Im Anschluss regenerieren sich die gesunden Knochenmarkzellen wieder, was etwa 2 bis 3 Wochen dauert. In dieser Zeit erfolgt eine vorbeugende Behandlung mit einem Antibiotikum, um Infektionen zu vermeiden. Nach der einleitenden Behandlung wird mit der Nachbehandlung (Konsolidierungstherapie) fortgefahren.

Stammzelltransplantation

Die Stammzelltransplantation, auch Knochenmarktransplantation genannt, kommt für Personen infrage, die sich in einem guten Allgemeinzustand befinden und bei denen das Risiko eines Rückfalls sehr hoch ist. Zudem sind bestimmte biologische Eigenschaften der krankhaft veränderten Knochenmarkzellen dafür von Bedeutung, ob als Konsolidierungstherapie eine Stammzelltransplantation oder eine weitere Chemotherapie infrage kommt.

Der Knochenmarkspender ist oft ein Familienmitglied oder ein Spender aus einem internationalen Spenderregister. Der Gewebetyp (HLA) des Spenders muss genetisch dem des Empfängers ähneln. Eine Stammzelltransplantation erfolgt oft als Teil der Frühbehandlung von Patienten, bei denen sonst ein Fortschreiten der Erkrankung wahrscheinlich wäre. Sie kann auch bei der Behandlung von Rückfällen durchgeführt werden. Die Stammzelltransplantation ist eine sehr wirksame Behandlung und in vielen Fällen die einzige Chance auf eine komplette Heilung der Erkrankung. Vor allem wegen der dafür notwendigen vorherigen intensiven Chemo- und in manchen Fällen auch Strahlentherapie ist die Behandlung aber auch sehr belastend und geht mit einem bei der Therapieentscheidung sorgfältig zu beachtenden Komplikationsrisiko einher. Nach dem Eingriff ist eine sog. Umkehrisolation erforderlich. Dabei hält sich die betroffene Person 10 bis 14 Tage lang in einem keimarmen Isolierzimmer mit spezieller Luftfilterung auf. Dadurch soll in dieser Phase, in der die Immunabwehr stark geschwächt ist, die Ansteckung durch andere Personen mit Krankheitskeimen vermieden werden.

Bei der Planung einer eventuellen Stammzelltransplantation sind Chancen gegen Risiken sorgfältig abzuwägen.

Prognose

Die Erkrankung bricht oft schnell aus. Meist entwickeln sich die Beschwerden im Laufe weniger Wochen, obwohl auch langwierige Verläufe zu beobachten sind. Die Heilungschancen sind bei dieser Erkrankung relativ gut. Das gilt besonders für jüngere Betroffene: Bei 70 bis 80 % aller Erwachsenen unter 60 Jahren wird eine komplette Remission erreicht, d. h. eine Normalisierung der Blutwerte und des Knochenmarks. 

Die Behandlung ist intensiv und kräftezehrend; Komplikationen wie Infektionen oder Blutungen können auftreten und selten zu lebensbedrohlichen Zuständen führen. Wie bei anderen Krebserkrankungen können auch bei der AML psychosoziale Auswirkungen der Erkrankung und deren Behandlung die Lebensqualität zusätzlich beeinträchtigen. Wenn starke Emotionen wie Angst, Depression, Trauer, Enttäuschung, Hilflosigkeit, Protest oder Wut auftreten, ist das völlig normal. Oft ist dann die Begleitung durch eine Person hilfreich, die in der Psychotherapie von Menschen mit Krebserkrankungen (Psychoonkologie) erfahren ist. Während der Behandlung können vorübergehend körperliche Reaktionen wie Gewichtsabnahme, Reizung der Schleimhäute und Haarausfall auftreten. Die meisten Nebenwirkungen klingen nach Beendigung der Behandlung vollständig ab.

Den Alltag mit akuter myeloischer Leukämie meistern

AML ist eine schwere Erkrankung. Sie hat nicht nur Auswirkungen auf die Patienten, sondern aufgrund der schwerwiegenden Symptome und der damit verbundenen lebensverändernden Situation auch auf deren Angehörige. Eine psychonkologische Unterstützung ist oft wichtig und hilfreich.

Weitere Informationen

Autoren

  • Thomas M. Heim, Dr. med., Wissenschaftsjournalist, Freiburg
  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Akute myeloische Leukämie (AML). Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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