Thrombozytose

Die Thrombozyten (Blutplättchen) gehören zu den Blutkörperchen. Die Thrombozyten spielen eine wichtige Rolle bei Blutungen, da sie Blutgerinnsel bilden, die die Wunde verschließen. Ist die Anzahl der Thrombozyten im Blut zu hoch, sprechen Ärzte von Thrombozytose.

Deximed – Deutsche Experteninformation Medizin

"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiermann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

Deximed ist ein unabhängiges Arztinformationssystem mit Fokussierung auf die primärärztliche Versorgung. Evidenzbasierte und regelmäßig aktualisierte Artikel zu allen medizinischen Gebieten zeichnen Deximed aus.

Mehr erfahren

Fakten

  • Bei einer Thrombozytose befindet sich eine erhöhte Anzahl Thrombozyten (Blutplättchen) im Blut.
  • Der Zustand kann durch eine Reaktion auf eine Grunderkrankung (sekundäre Thrombozytose) oder eine unkontrollierte Produktion von Thrombozyten im Knochenmark (essentielle oder primäre Thrombozythämie) hervorgerufen werden.
  • Die sekundäre Thrombozytose wird oft zufällig durch eine erhöhte Anzahl Thrombozyten im Blut entdeckt. Diese Form der Thrombozytose führt so gut wie nie zu Komplikationen infolge der erhöhten Thrombozytenzahl. Im Vordergrund stehen die Beschwerden der zugrunde liegenden Krankheit, die zur Thrombozytose geführt hat.
  • Die essentielle Thrombozythämie kann jedoch zu Komplikationen in Form von Blutungen und Blutgerinnseln führen – insbesondere bei älteren Menschen mit weiteren Risikofaktoren. Eine verringerte Durchblutung in den Fingern und Zehen ist dabei typisch.

Was ist eine Thrombozytose?

Blutplättchen (Thrombozyten) werden kontinuierlich im Knochenmark gebildet, sind zahlreich im Blut vorhanden und sterben nach einem bestimmten Zeitraum wieder ab. Ihre Aufgabe ist es, bei Verletzungen der Blutgefäße diese rasch abzudichten (eine Thrombose/Gerinnsel zu bilden) und dadurch die entstandene Blutung zu stoppen. 

Bei einer Thrombozytose befindet sich eine erhöhte Anzahl Thrombozyten im Blut. Per Definition gilt: Ab einer Thrombozytenzahl von mehr als 450.000 pro µl Blut besteht eine Thrombozytose. Die Erkrankung kann durch eine Reaktion auf eine Grunderkrankung (sekundäre Thrombozytose) oder eine unkontrollierte Produktion von Thrombozyten im Knochenmark (essenzielle oder primäre Thrombozythämie) hervorgerufen werden. Die erhöhte Zellzahl wird manchmal zufällig bei einer Blutuntersuchung aus anderem Grund entdeckt und eine Unterscheidung zwischen sekundärer Thrombozytose und essenzieller Thrombozythämie kann zunächst schwierig sein. Häufig jedoch zeigen die Betroffenen bei sekundärer Thrombozytose Symptome und Beschwerden einer zugrunde liegenden Krankheit (siehe das Kapitel Ursachen).

Viele Betroffene mit essenzieller Thrombozythämie zeigen keine Symptome, ansonsten treten z. B. Kopfschmerzen, Schwindel, Taubheitsgefühl oder auch Sehstörungen auf. Wegen der verstärkten Bildung von Blutgerinnseln, die kleine Arterien verstopfen können, sind jedoch auch stärkere Durchblutungsstörungen (Schlaganfall, Herzinfarkt, bei Schwangeren auch eine Fehlgeburt) möglich.

Eine essenzielle Thrombozytose tritt verhältnismäßig selten auf (geschätzt treten jährlich 1–2,5 neue Fälle einer essenziellen Thrombozythämie unter 100.000 Personen auf).

Was sind die Ursachen für eine Thrombozytose?

Reaktive (sekundäre) Thrombozytose

Dies ist bei Weitem die häufigste Ursache für eine Thrombozytose und macht 80–90 % der Fälle aus. Die häufigsten Ursachen sind Gewebeschäden aufgrund von großen chirurgischen Eingriffen, Unfällen/Verletzungen, Infektionen, großen Blutungen oder chronischen Entzündungen. Der Körper setzt als Reaktion auf die „Verletzung“ bestimmte Faktoren frei, die die Entstehung von Thrombozyten fördern. Dies ist eine gesunde Funktion, um die Zahl der Thrombozyten wieder zu normalisieren (nach einem Verlust durch Blutung), und um Verletzungen von Blutgefäßen schnell zu schließen bzw. Blutungen zu stoppen. In diesen Situationen können daher nur vorübergehend sehr viele Thrombozyten gebildet werden; manchmal hält die Thrombozytose aber auch länger an.

In einigen Fällen kann es auch als Reaktion auf Medikamente oder Begleiterscheinung einer chronischen Krankheit oder auch Krebserkrankung eines anderen Organs zur Thrombozytose kommen. Auch bei andauerndem Eisenmangel, nach Entfernung der Milz oder bei bestimmten Formen der Blutarmut tritt häufig eine Thrombozytose auf.

Essenzielle Thrombozythämie

Alle Blutkörperchen werden als Vorläuferzellen im Knochenmark gebildet. Tritt dort eine Störung/Krankheit auf, kommt es zu einer Verringerung oder Vermehrung bestimmter oder aller Blutkörperchen. Ebenso wie sich weiße Blutkörperchen (Leukozyten) bei Blutkrebs (Leukämie) unkontrolliert vermehren, kann dies auch auf Thrombozyten zutreffen (Thrombozythämie). In vielen Fällen liegt eine genetische Veränderung bei den Patienten vor.

Sehr selten tritt eine vererbte, angeborene Form der Thrombozytose auf.

Wie wird die Diagnose gestellt?

Die sekundäre Thrombozytose wird manchmal zufällig durch eine erhöhte Anzahl Thrombozyten im Blut entdeckt. Diese Form der Thrombozytose führt so gut wie nie zu Komplikationen aufgrund der Blutplättchen. Die Betroffenen zeigen jedoch oft Symptome bzw. Folgen der zugrunde liegenden Krankheit (Verletzung, Blutung, schwere Infektion, Krebs etc.).

Die essenzielle Thrombozythämie verursacht in einigen Fällen keine Beschwerden, kann aber zu Komplikationen in Form von Blutungen und Blutgerinnseln führen – insbesondere bei älteren Menschen mit anderen Risikofaktoren. Auch wenn es unlogisch klingt, ist das Blutungsrisiko bei extremer Thrombozytose erhöht (> 1,5 Millionen Blutplättchen pro mm3 Blut). Eine verringerte Blutzirkulation in den Fingern und Zehen ist dabei typisch. Eine körperliche Untersuchung kann normale Befunde ausweisen. Bei einigen Personen können aber lokale Wärmeentwicklung, blau verfärbte Haut (Zyanose), Blutungen und ein gesprenkelter, roter Ausschlag an den betroffenen Stellen auftreten. Einige Patienten weisen eine vergrößerte Milz auf. Einige Patienten berichten über Kopfschmerzen, vorübergehende Sehstörungen oder gar einen stattgehabten Schlaganfall, Herzinfarkt, eine Venenthrombose, Lungenembolie oder Fehlgeburt.

Eine Blutuntersuchung ist für eine Diagnosestellung entscheidend. Auch die genaue Beurteilung der Blutplättchen in einem Blutausstrich ist meist sinnvoll; hierbei wird ein Tropfen Blut sehr dünn auf einem Objektträger ausgestrichen und mikroskopisch untersucht. Bei einer essenziellen Thrombozythämie sind die Blutplättchen meist auch in ihrer Form auffällig. Eine genaue Untersuchung des Knochenmarks sowie Tests hinsichtlich bestimmter Genveränderungen können erforderlich sein.

Bei einer sekundären Thrombozytose werden meist auch noch weitere Untersuchungen durchgeführt, um die zugrunde liegende Ursache festzustellen.

Wie sieht die Behandlung aus?

Für die Therapie ist es wichtig, zwischen sekundärer Thrombozytose und essenzieller Thrombozythämie zu unterscheiden.

Sekundäre Thrombozytose

Bei diesen Patienten ist in der Regel keine Therapie nötig, die die Anzahl der Blutplättchen reduziert oder das Risiko einer Blutgerinnselbildung minimiert. Die abnormal hohe Anzahl der Blutplättchen erhöht in diesem Fall nämlich nicht das Risiko einer Blutgerinnselbildung (Thrombose). Oft muss aber die zugrunde liegende Ursache der Thrombozytose behandelt werden.

Essenzielle Thrombozythämie

Da bei diesem Krankheitsbild ein erhöhtes Risiko von Blutgerinnseln vorliegt, muss das erhöhte Thromboserisiko behandelt werden. Dazu eignet sich Acetylsalicylsäure (75–100 mg/Tag) als „Blutverdünner“. Acetylsalicylsäure zeigt eine gute Wirkung, insbesondere bei einer verringerten Blutzirkulation in beispielsweise Fingern und Zehen. Bei einem ernsteren Krankheitsverlauf kann die zusätzliche Gabe von Medikamenten, die die Anzahl der Blutplättchen im Blut reduzieren, notwendig sein. Hier stehen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung, über die Ihre Ärztin/Ihr Arzt Sie genau informieren kann.

Zusätzliche Maßnahmen

Bluthochdruck, sehr hohe Blutfettwerte, Diabetes mellitus, Übergewicht und Rauchen erhöhen das Risiko für Blutgerinnsel bzw. Thrombosen und damit Schlaganfall, Herzinfarkt etc. zusätzlich. Sollten diese Krankheiten vorliegen, ist eine konsequente Therapie nötig.

Darüber hinaus ist eine ausgewogene Ernährung (zur Vorbeugung von Übergewicht), regelmäßige körperliche Aktivität und der Verzicht auf Rauchen empfehlenswert. Lassen Sie sich von Ihrem Arzt/Ihrer Ärztin ausführlich über frühe Anzeichen für eine Thrombose (Venenthrombose, Schlaganfall, Lungenembolie, Herzinfarkt) informieren, damit Sie im Notfall schnell reagieren und einen Notarzt rufen können.

Prognose

Die Prognose bei der sekundären Thrombozytose hängt von der Grunderkrankung ab, die Thrombozytose an sich verläuft komplikationslos. Bei einer essenziellen Thrombozythämie können Komplikationen in Form von Blutungen, Blutgerinnseln, verringerter Blutzirkulation in Händen und Füßen oder Schlaganfall und ähnlichen Durchblutungsstörungen auftreten. Eine frühzeitige Therapie verbessert die Prognose.

Weitere Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Thrombozytose. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Schafer AI. Thrombocytosis. N Engl J Med 2004; 350: 1211-9. PubMed
  2. Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO). Essentielle (oder primäre) Thrombozythämie (ET). Onkopedia Leitlinie, Stand: Dezember 2018. www.onkopedia.com
  3. Griesshammer M, Bangerter M, Sauer T, Wennauer R, Bergmann L, Heimpel H. Aetiology and clinical significance of thrombocytosis: analysis of 732 patients with an elevated platelet count. J Intern Med 1999;245:295-300. PubMed
  4. Bailey SE, Ukoumunne OC, et al. Clinical relevance of thrombocytosis in primary care: a prospective cohort study of cancer incidence using English electronic medical records and cancer registry data. Br J Gen Pract. 2017 Jun;67(659):e405-e413. doi:10.3399/bjgp17X691109. PubMed PMID: 28533199. PubMed
  5. Mesa RA, Silverstein MN, Jacobsen SJ, Wollan PC, Tefferi A. Population-based incidence and survival figures in essential thrombocythemia and agnogenic myeloid metaplasia: an Olmsted County Study, 1976-1995. Am J Hematol 1999;61:10-15. PubMed
  6. Schafer AI. Thrombocytosis and thrombocythemia. Blood Rev 2001;15:159-166. PubMed
  7. Tefferi A, Vannucchi AM, Barbui T. Essential thrombocythemia treatment algorithm 2018. Blood Cancer J. 2018 Jan 10;8(1):2. PubMed PMID: 29321520.
  8. Arber DA, Orazi A, Hasserjian R, Thiele J, Borowitz MJ, Le Beau MM, et al. The 2016 revision to the World Health Organization classification of myeloid neoplasms and acute leukemia. Blood 2016 May 19; 127(20): 2391-405. PubMed
  9. Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO). Myeloproliferative Neoplasien (MPN). Onkopedia Leitlinie, Stand: Juli 2018. www.onkopedia.com
  10. Rumi E, Cazzola M. How I treat essential thrombocythemia. Blood. 2016 Nov 17;128(20):2403-2414. PubMed PMID: 27561316.
  11. Orphan.net, Das Portal für seltene Krankheiten und Orphan Drugs. Familiäre Thrombozytose. www.orpha.net
  12. Bailey SE, Ukoumunne OC, et al. How useful is thrombocytosis in predicting an underlying cancer in primary care? a systematic review. Fam Pract. 2017 Feb;34(1):4-10. doi: 10.1093/fampra/cmw100. Epub 2016 Sep 28. Review. PubMed PMID: 27681942. PubMed
  13. Kesler A, Ellis MH, Manor Y, Gadoth N, Lishner M. Neurological complications of essential thrombocytosis (ET). Acta Neurol Scand 2000;102:299-302. PubMed
  14. Wright CA, Tefferi A. A single institutional experience with 43 pregnancies in essential thrombocythemia. Eur J Haematol 2001;66:152-159. PubMed
  15. Harrison CN, Bareford D, Butt N, et al; British Committee for Standards in Haematology. Guideline for investigation and management of adults and children presenting with a thrombocytosis. Br J Haematol. 2010;149:352-375. PubMed
  16. Buss DH, Cashell AW, et al. Occurrence, etiology, and clinical significance of extreme thrombocytosis: a study of 280 cases. Am J Med. 1994 Mar;96(3):247-53. PubMed PMID: 8154513.
  17. Rumi E, Pietra D, Ferretti V, et al. JAK2 or CALR mutation status defines subtypes of essential thrombocythemia with substantially different clinical course and outcomes. Blood 2014; 123:1544. doi: 10.1182/blood-2013-11-539098 DOI
  18. Arber DA, Orazi A, Hasserjian R, Thiele J, Borowitz MJ, Le Beau MM, et al. The 2016 revision to the World Health Organization classification of myeloid neoplasms and acute leukemia. Blood 2016 May 19; 127(20): 2391-405. pmid:27069254 PubMed