Erhöhter Hämoglobinwert

Ein erhöhter Hämoglobinwert besteht, wenn die Anzahl der roten Blutkörperchen im Blut höher ist als normal (sogenannte Erythrozytose). Ursachen können sein: schlechte Sauerstoffversorgung des Körpers (z. B. bei chronischen Lungenerkrankungen), starker Flüssigkeitsmangel oder verstärkte Produktion von roten Blutkörperchen als Folge bestimmter Erkrankungen. Die seltene Polycythaemia vera ist eine Art Blutkrebs mit Vermehrung der roten Blutkörperchen.

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Fakten

  • Bei einem erhöhten Hämoglobinwert ist die Anzahl der roten Blutkörperchen im Blut höher als normal. In der Fachsprache nennt man dies Erythrozytose oder Polyglobulie. Sind zusätzlich zu den Erythrozyten noch weitere Blutzellen erhöht, spricht man von Polyzythämie.
  • Auf einen Sauerstoffmangel in den Körperzellen reagiert der Körper mit der vermehrten Bildung roter Blutkörperchen. Damit soll ein verbesserter Sauerstofftransport im Blut zu erreicht werden.
  • Zahlreiche Erkrankungen führen zu einer herabgesetzten Sauerstoffversorgung. Die Folge ist eine vermehrte Produktion von roten Blutkörperchen und ein dadurch erhöhter Hämoglobinwert. Eine häufige Ursache für einen erhöhten Hämoglobinwert stellt das Rauchen dar.
  • Weitere Ursachen für erhöhte Hämoglobinwerte können sein: Bluteindickung durch Flüssigkeitsverlust, vermehrte Produktion von roten Blutkörperchen bei Hormon-/Medikamenteneinfluss (Kortison, Erythropoietin) oder bei Polycythaemia vera.

Was ist ein erhöhter Hämoglobinwert?

Das Blut besteht aus Blutplasma, roten und weißen Blutkörperchen sowie Blutplättchen. Die roten Blutkörperchen sind für den Sauerstofftransport zu den verschiedenen Körperzellen zuständig.

Bei einem erhöhten Hämoglobinwert ist die Anzahl der roten Blutkörperchen im Blut absolut oder relativ (bei Bluteindickung) erhöht.

Erythrozytose bzw. Polyglobulie sind die Fachausdrücke für eine Erhöhung der Zahl der roter Blutkörperchen über die Normalwerte. Erythrozytose liegt in folgenden Fällen vor:

  • Bei Frauen, wenn der Hämoglobinwert (Hb) 16,5 g/dl übersteigt oder der Anteil an roten Blutkörperchen (Hämatokrit/Hkt) im Blut mehr als 0,48 beträgt.
  • Bei Männern, wenn der Hämoglobinwert 18 g/dl übersteigt oder der Anteil roter Blutkörperchen mehr als 0,51 beträgt.

Sind zusätzlich zu den Erythrozyten noch weitere Blutzellen erhöht, spricht man von Polyzythämie.

Wie wird der Hämoglobinwert reguliert?

Gewöhnlich dient die vermehrte Bildung roter Blutkörperchen im Körper dazu, bei einem Sauerstoffmangel in den Körperzellen den Sauerstofftransport durch das Blut zu verbessern. Sportler nutzen diesen Effekt beim sog. Höhentraining. Wenn wir uns in großer Höhe aufhalten, ist die Sauerstoffversorgung der Körperzellen eingeschränkt. Um dies zu kompensieren, wird die Bildung roter Blutkörperchen angeregt. Hält man sich anschließend wieder in geringerer Höhe auf, verfügt der Körper über mehr rote Blutkörperchen, die Sauerstoff zu den Zellen transportieren können.

Zahlreiche Erkrankungen führen zu einer herabgesetzten Sauerstoffversorgung, die eine vermehrte Produktion von roten Blutkörperchen und damit einen erhöhten Hämoglobinwert zur Folge hat. Am häufigsten sind Lungenerkrankungen und schwerwiegende Herzfehler zu nennen. Rauchen kann ebenfalls zu einer vermehrten Produktion roter Blutkörperchen führen, da die Sauerstoffversorgung durch das Rauchen beeinträchtigt wird.

Was verursacht einen hohen Hämoglobinwert?

Häufige Ursachen

Rauchen

  • Ist die häufigste Ursache.

Chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD)

  • COPD ist ein Sammelbegriff für eine Gruppe chronischer Lungenerkrankungen, die zu einer zunehmenden Einschränkung der Lungenventilation (Atmung) führen.
  • Die häufigsten Untergruppen der COPD sind die chronische Bronchitis und das Emphysem. Beide Erkrankungen sind in der Regel auf das Rauchen zurückzuführen, weshalb zahlreiche Patienten an beiden Erkrankungen gleichzeitig leiden.
  • COPD geht häufig mit einer erhöhten Hämoglobinkonzentration einher.

Asthma

  • Asthma ist eine chronische Entzündung der Atemwege mit geschwollener Schleimhaut, verkrampfter Muskulatur in den Bronchialwänden und Schleimansammlung. Die Folge sind verengte Bronchien.
  • Typische Symptome sind Episoden mit Husten, schwerer Atmung und pfeifenden Geräuschen in der Brust. Das Ausatmen dauert länger und strengt an. Häufig ist ein Giemen zu hören.
  • Bei Patienten, deren Asthma nur unzureichend behandelt wird, kann mit der Zeit eine erhöhte Hämoglobinkonzentration auftreten.

Herzinsuffizienz

  • Bei Herzinsuffizienz (Herzschwäche) ist die Durchblutung der Körperorgane beeinträchtigt, wodurch unter anderem zu wenig Sauerstoff zu den Zellen transportiert wird.
  • Der Körper versucht diesem Zustand durch die vermehrte Bildung roter Blutkörperchen entgegenzuwirken.

Angeborener Herzfehler

  • Ein unbehandelter angeborener Herzfehler kann zur Entstehung einer Herzinsuffizienz beitragen.
  • Herzinsuffizienz geht mit einer Beeinträchtigung der Durchblutung einher, in deren Verlauf sich der Sauerstofftransport verschlechtert. Der Körper reagiert darauf mit der vermehrten Bildung roter Blutkörperchen.

Stresserythrozytose

  • Bei den Betroffenen handelt es sich oftmals um Männer im jüngeren und mittleren Alter, die stark rauchen, häufig gestresst sind und unter Übergewicht sowie Bluthochdruck leiden. Die Anzahl der roten Blutkörperchen ist normal. Das Volumen des Blutplasmas ist vermindert. Dadurch kommt es zu einem relativ erhöhten Hämoglobinwert – ebenso wie bei der:

Austrocknung (Dehydrierung)

  • Einige akute und vorübergehende Erkrankungen gehen mit einem Flüssigkeitsverlust einher. Es kommt zur Eindickung des Blutes, die einen hohen Hämoglobin- und Hämatokritwert zur Folge hat.
  • Der Flüssigkeitsverlust kann zum Beispiel durch Überwärmung ohen ausreichende Flüssigkeitszufuhr, Durchfall, starkes Erbrechen oder die Anwendung harntreibender Arzneimittel (Diuretika) entstehen.

Rauchen in Kombination mit den zuvor genannten Erkrankungen verstärkt den Effekt.

Schlafapnoe-Syndrom

  • Hierbei kommt es aufgrund verschiedener Ursachen zu recht langen Atempausen während des Schlafs, die zu einer chronischen Unterversorgung mit Sauerstoff führen. Kompensatorisch produziert der Körper wiederum mehr Erythrozyten. 

Seltene Ursachen

Polycythaemia vera

  • Bei dieser Erkrankung bildet der Körper zu viele rote Blutkörperchen. Es handelt sich dabei um eine Art von Blutkrebs.
  • Die Erkrankung tritt bei Personen mittleren Alters und bei älteren Menschen in Erscheinung.
  • Die Patienten können an Kopfschmerzen, Juckreiz (häufig nach einem heißen Bad oder einer heißen Dusche), Blutungsneigung oder Gicht, Abgeschlagenheit, Nachtschweiß und Durchblutungsstörungen in den Beinen leiden.
  • Typisch ist eine Rötung im Gesicht und der übrigen Haut.

Nierenkarzinom

  • Das Nierenkarzinom ist eine schwere Erkrankung. Es entwickelt sich häufig über einen langen Zeitraum, ohne dass spezielle Symptome in Erscheinung treten.
  • Nicht selten wird ein Nierenkarzinom zufällig durch bildgebende Diagnoseverfahren aufgedeckt, die aus einem anderen Grund durchgeführt wurden; gelegentlich auch im Rahmen der Abklärung von blutigem Urin, einer erhöhten Blutsenkung oder in seltenen Fällen von erhöhten Hämoglobinwerten.
  • Auch andere Nierenkrankheiten können zu einer erhöhten Zahl der roten Blutkörperchen führen.

Durch Hormoneinfluss gesteigerte Produktion der roten Blutkörperchen

  • Erythropoetin (EPO) ist ein Hormon, das die Bildung der Erythrozyten aus Vorgängerzellen im Knochenmark (Erythropoese) steuert. EPO wird im Körper bei Sauerstoffmangel vermehrt gebildet und löst bei vielen Erkrankungen die vermehrte Produktion der roten Blutkörperchen aus. Es wird bei einigen Erkrankungen als Arzneimittel genutzt, aber auch auch zum Doping missbraucht.
  • Kortison ist ein weiteres Hormon, das Erythrozytose auslöst. Es wird beim Cushing-Syndrom vermehrt gebildet und vielfach als Medikament verwendet.

Was können Sie selbst tun?

Eine der häufigsten Ursachen für eine erhöhte Hämoglobinkonzentration ist das Rauchen. Wenn Sie mit dem Rauchen aufhören, können Sie den Verlauf aufhalten und selbst dazu beitragen, dass sich Ihre Gesundheit bessert.

Falls Sie an einer Schlafapnoe leiden und stark übergewichtig sind, ist eine Gewichtsabnahme hilfreich.

Wann sollten Sie ärztlichen Rat suchen?

Die vermehrte Anzahl roter Blutkörperchen bzw. der erhöhte Hämoglobinwert selbst verursachen keine Symptome.

In der Regel wird die Ärztin oder der Arzt aufgrund anderer Ursachen wie beispielsweise einer chronischen Lungenerkrankung aufgesucht.

Ansonsten wird ein erhöhter Hämoglobinwert oft auch zufällig vom Hausarzt bzw. von der Hausärztin festgestellt. Daraufhin folgen weitere Untersuchungen, um die Ursache für diese erhöhten Werte herauszufinden.

Wie geht die Ärztin/der Arzt vor?

Anamnese

Die Ärztin/der Arzt wird Ihnen eventuell folgende Fragen stellen:

  • Rauchen Sie?
  • Leiden Sie an einer chronischen Lungenerkrankung?
  • Haben Sie einen angeborenen Herzfehler?
  • Wenden Sie harntreibende Medikamente an? Mussten Sie in letzter Zeit häufig erbrechen oder leiden Sie an Durchfall?
  • Leiden Sie an Juckreiz, Kopfschmerzen oder Kraftlosigkeit?
  • Wie hoch war Ihr Hämoglobinwert früher?
  • Leiden noch andere Familienmitglieder an einem erhöhten Hämoglobinwert?

Ärztliche Untersuchung

Die Ärztin/der Arzt nimmt eine allgemeine körperliche Untersuchung vor, dabei wird die Bauchregion besonders gründlich untersucht. Bei einigen der genannten Erkrankungen sind Milz und/oder Leber vergrößert.

Weitere Untersuchungen

Zur weiteren Abklärung muss eine Blutuntersuchung durchgeführt werden, um verschiedene Werte wie Hämoglobin, Hämatokrit, rote Blutkörperchen etc. zu bestimmen.

Unter Umständen sind eine Ultraschall-Untersuchung von Milz, Leber und Nieren, eine Röntgenaufnahme der Brusthöhle und ein EKG erforderlich.

  • Ultraschall von Milz und Nieren
  • Röntgenthorax
  • EKG, evtl. Ultraschalluntersuchung des Herzmuskels (Echokardiografie)

In Untersuchungen der Lungenfunktion lässt sich feststellen, ob eine COPD oder andere Lungenkrankheiten bestehen bzw. wie stark diese ausgeprägt sind.

Eine Knochenmarkuntersuchung ist möglicherweise erforderlich, wenn der Verdacht auf eine Polycythaemia vera besteht.

Überweisung

Bei unklarer Diagnose oder Diagnose von beispielsweise Polycythaemia vera werden Sie an einen Spezialisten für Hämatologie (Bluterkrankungen) überwiesen.

Therapie

Ist die Krankheit durch vermehrten Flüssigkeitsverlust bedingt (aufgrund von Durchfall, Erbrechen, Austrocknung), so erfolgen Infusionen zum Ausgleich.

Rauchstopp und Gewichtsabnahme sind hilfreich.

Liegen Herz- oder Lungenkrankheiten vor, werden diese möglichst behandelt. Zur Therapie der Polycythaemia vera siehe entsprechenden Artikel.

Weitere Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Polyglobulie. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Johansson PL, Safai-Kutti S, Kutti J. An elevated venous haemoglobin concentration cannot be used as a surrogate marker for absolute erythrocytosis: a study of patients with polycythaemia vera and apparent polycythaemia. Br J Haematol 2005; 129:701. PubMed
  2. Clodagh Keohane, Mary Frances McMullin, , Claire Harrison, The diagnosis and management of erythrocytosis, BMJ 2013; 347. www.bmj.com
  3. Siegel, Fabian P.; Petrides, Petro E.,Dtsch Arztebl 2008; 105(4): 62-8; DOI: 10.3238/arztebl.2008.0062 www.aerzteblatt.de
  4. McMullin MF, Bareford D, Campbell P, et al. Guidelines for the diagnosis, investigation and management of polycythaemia/erythrocytosis. Br J Haematol 2005; 130:174. PubMed