Postoperativer Harnverhalt

Sowohl Betäubungsmittel als auch schmerzstillende Medikamente als auch die Durchtrennung von Nerven im Rahmen der Operation können bei einigen Patienten dazu führen, dass sie ihre Harnblase nach einer Operation nicht eigenständig entleeren können.

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Was ist postoperativer Harnverhalt?

Im Zusammenhang mit operativen Eingriffen erfolgen verschiedene Arten der Betäubung (Anästhesie) während der eigentlichen Operation. In den ersten Stunden und Tagen nach dem Eingriff kann außerdem eine schmerzstillende Behandlung erforderlich sein. Sowohl Betäubungsmittel als auch schmerzstillende Medikamente als auch Folgen der Operation im Sinne von absichticher oder unabsichtlicher Durchtrennung on Nerven können bei einigen Patienten dazu führen, dass sie ihre Harnblase nach einer Operation nicht eigenständig entleeren können. Wenn Urin in der Blase verbleibt und es nicht möglich ist, Wasser zu lassen, spricht man von einem Harnverhalt. 

Dieser Zustand ist relativ selten. Bei Patienten, die bereits früher von einem Harnverhalt betroffen waren, ist das Risiko höher, dass es bei einer neuen Operation wieder dazu kommt.

Wie entsteht ein postoperativer Harnverhalt?

Der Zustand beruht darauf, dass die Betäubungsmittel oder die schmerzstillenden Medikamente die Blase und den Schließmuskel der Blase sozusagen „lähmen“. Die Blase zieht sich nicht zusammen und der Schließmuskel öffnet sich nicht. Das Risiko erhöht sich, wenn während der Operation viel Flüssigkeit per Infusion ins Blut verabreicht wurde. Auch kann der Zustand durch die Verletzung von Nerven zustande kommen. Eine übervolle Harnblase ist in der Regel sehr unangenehm, aber durch den Einfluss der Medikamente oder aufgrund verletzter Nerven spüren Sie möglicherweise keinen Harndrang. Die Spannung der Blasenwand kann in seltenen Fällen Nervenreflexe auslösen, die z. B. dazu führen können, dass Sie in Ohnmacht fallen.

Welche Maßnahmen können den Harnverhalt verhindern?

Es ist nicht ungewöhnlich, im Zusammenhang mit einer Operation einen Katheter in die Harnblase zu legen. Der Katheter wird möglichst entfernt, wenn die Operation beendet ist oder bevor Sie die OP-Abteilung verlassen. Nach Möglichkeit sollte vermieden werden, den Katheter nach der Operation liegen zu lassen, weil sich dadurch das Risiko für Harnwegsinfektionen erhöht..

Alle Patienten, die sich einer Operation unterziehen, werden in den ersten Stunden nach dem Eingriff engmaschig überwacht. Unter anderem wird kontrolliert, ob Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sich die Blase überfüllt, sofern kein Dauerkatheter liegt. Dies kann dadurch geschehen, dass der Arzt oder die Krankenschwester den Bauch abtastet, um festzustellen, ob die Blase vergrößert ist, noch sicherer ist allerdings die Kontrolle per Ultraschall, falls ein Verdacht auf Harnverhalt besteht.

Wenn die Pflegekräfte feststellen, dass ein Harnverhalt vorliegt, wird ein Katheter eingesetzt, um die Blase zu entleeren. In der Regel wird ein Einmalkatheter eingesetzt, der nach der Blasenentleerung wieder entfernt wird. Sollte der Harnverhalt länger dauern, müssen Sie unter Umständen erlernen sich selbst zu katheterisieren, bis der Zustand behoben ist. Unter Umständen erhalten Sie zusätzlich unterstützend Medikamente.

Spätfolgen

Wenn nicht erkannt wird, dass die Blase überfüllt ist, und wenn keine rechtzeitige Behandlung erfolgt, kann die Wand der Harnblase überdehnt werden. Dies kann dazu führen, dass die Betroffenen in Zukunft Probleme haben, die Blase richtig zu entleeren. Es kann Urin in der Blase verbleiben, was das Risiko für Harnwegsinfektionen erhöht. In seltenen Fällen dtellt der Harnverhalt ein nicht behebbares Problem dar. In diesen Fällen muss der Einmalkatheterismus fortgeführt werden.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Julia Trifyllis, Dr. med., Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, Münster/W

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Postoperative Harnretention. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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