Typ-1-Diabetes

Typ-1-Diabetes tritt in der Regel akut auf, obwohl sich die Krankheit über einen langen Zeitraum entwickeln kann.

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Deximed – Deutsche Experteninformation Medizin

"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiemann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

Deximed ist ein unabhängiges Arztinformationssystem mit Fokussierung auf die primärärztliche Versorgung. Evidenzbasierte und regelmäßig aktualisierte Artikel zu allen medizinischen Gebieten zeichnen Deximed aus.

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Fakten

  • Es handelt sich um eine Erkrankung mit hohen Blutzuckerwerten aufgrund eines Mangels an dem blutzuckersenkenden Hormon Insulin.
  • Typ-1-Diabetes ist eine Insulinmangelerkrankung. Die insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse werden zerstört, meist durch das körpereigene Immunsystem.
  • Die Erkrankung tritt häufig bei Kindern und Jugendlichen auf, sie manifestiert sich akut mit einem hohen Blutzuckerspiegel und nicht selten einem Blutzuckerkoma. Die Krankheit besteht dann meist schon länger unerkannt.
  • Häufig kommt es in der frühen Phase zu einem verschlechterten Allgemeinzustand, Durst, erhöhtem Harndrang und Gewichtsabnahme.
  • Die Diagnose wird aufgrund von Messungen des Blutzuckers gestellt.
  • Ziel der Therapie sind Symptomfreiheit, hohe Lebensqualität und eine normale Lebenserwartung.
  • Um dies zu erreichen, müssen sich Betroffene gesund ernähren, darauf achten, dass sie sich ausreichend bewegen, auf Rauchen verzichten und sich regelmäßig Insulin spritzen.

Was ist Typ-1-Diabetes?

Typ-1-Diabetes ist eine Erkrankung mit anhaltend hohen Blutzuckerwerten (Plasmaglukose) aufgrund eines Mangels an dem blutzuckersenkenden Hormon Insulin. Es handelt sich um eine lebenslange Erkrankung, mit der Betroffene heute jedoch gut leben können und auch eine annähernd normale Lebenserwartung haben. Dies setzt eine adäquate Therapie voraus.

In der Anfangsphase haben die Patient*innen oft einen verschlechterten Allgemeinzustand, vermehrten Durst, erhöhten Harndrang und nehmen ab. Der Blutzuckerspiegel kann so hoch steigen, dass Patient*innen bewusstlos werden oder ins Koma fallen. Gerade die erste Phase, wenn die Erkrankung noch nicht bekannt ist, zeigt oft unspezifische Symptome.

Auf der anderen Seite kann unter Insulintherapie der Blutzuckerspiegel auch so weit fallen, dass dies zu Persönlichkeitsstörungen und Insulinkoma (Bewusstlosigkeit) führt.

Die Erkrankung kann in jedem Alter beginnen, in 50–60 % der Fälle tritt sie jedoch vor dem Alter von 16–18 Jahren auf. Die Häufigkeit des Typ-1-Diabetes beträgt in Mitteleuropa etwa 0,3 %. Jedes Jahr treten in Deutschland 15 neue Fälle pro 100.000 Einw. auf. Das Vorkommen der Erkrankung ist in Mitteleuropa während der letzten 40 Jahre angestiegen. Rund 5 % aller Diabetes-Fälle sind Patient*innen mit Typ-1-Diabetes.

Ursachen

Zucker (Glukose) ist ein wichtiger Brennstoff des Körpers; das Hormon Insulin spielt eine zentrale Rolle bei der Regulierung des Zuckerhaushalts. Durch das Insulin wird u. a. die Glukose in die Zellen transportiert. Dadurch erhalten die Zellen Brennstoff und der Blutzucker bleibt auf dem richtigen Niveau.

Typ-1-Diabetes ist eine Insulinmangelerkrankung. In den meisten Fällen greift das Immunsystem des Körpers die insulinproduzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse an, danach verlieren sie die Fähigkeit, Insulin zu produzieren. Die Ausbildung der Krankheit erfolgt schrittweise, die ersten Symptome treten jedoch meist innerhalb weniger Wochen auf.

Bei vielen Betroffenen liegt eine erbliche Vorbelastung für Diabetes vor. Das Risiko von Diabetes steigt mit dem Vorkommen bestimmter Zellmarker (Eiweiße auf der Zelloberfläche). Bei einer ungünstigen Kombination dieser Zellmarker ist das Risiko, an Typ-1-Diabetes zu erkranken, 12 %. Bei der normalen Bevölkerung liegt dieses Risiko lediglich bei 1 %. Äußere Faktoren, die wahrscheinlich ebenfalls eine Rolle bei der Entwicklung von Typ-1-Diabetes spielen, sind Infektionen mit einem Darmvirus (Enterovirus) während der Schwangerschaft oder im Kindesalter. Auch andere Infektionen können das Risiko der Erkrankung erhöhen.

Bei Patient*innen mit Typ-1-Diabetes besteht ein erhöhtes Risiko für andere Autoimmunerkrankungen.

Diagnostik

Der Typ-1-Diabetes entwickelt sich schleichend, Anfangssymptome sind unspezifisch, dann jedoch treten schwere Symptome akut auf, bis hin zum Koma (Manifestationskoma). Betroffene haben einen sehr hohen Blutzuckerspiegel. Meist kommt es davor zu einem verschlechterten Allgemeinzustand, erhöhtem Harndrang, Durst und einer Gewichtsabnahme. In höherem Alter kann die Erkrankung so schleichend beginnen, dass irrtümlicherweise ein Typ-2-Diabetes diagnostiziert wird.

Akute Phase mit hohem Blutzuckerspiegel

In dieser Phase atmen Patient*innen schnell und schwer (Hyperventilation), der Herzschlag ist beschleunigt, Bauchschmerzen mit Übelkeit und Erbrechen können auftreten und der Atem kann nach Aceton (Obstessig) riechen. Das Blut hat dann nämlich einen höheren Säuregehalt (niedriger pH-Wert), und es werden sogenannte Ketonkörper produziert. Ketonkörper werden bei einem niedrigen Insulinspiegel produziert. Da Insulin benötigt wird, um Glukose in die Körperzellen zu transportieren, muss der Körper nun Fett anstelle von Glukose verbrennen. Ein Nebenprodukt der Fettverbrennung ist die Bildung saurer Ketonkörper, schließlich entwickelt sich eine sogenannte Ketoazidose.

Wird jetzt nicht schnell behandelt, tritt eine Bewusstseinstrübung ein, und die/der Betroffene kann ins Koma fallen.

Laboruntersuchungen

Die Diagnose Diabetes mellitus wird aufgrund von Messungen des Blutzuckers gestellt. Der Nüchternblutzucker ist höher als 126 mg/dl (7 mmol/l). Bei hohen Blutzuckerwerten treten gleichzeitig auch große Veränderungen im Säuregrad des Blutes auf. Der Zucker kann auch im Urin nachgewiesen werden, und der Langzeit-Blutzucker HbA1c ist erhöht. Auch ein Glukosetoleranztest kann auf eine Diabetes-Erkrankung hinweisen. Dabei trinken Patient*innen in Wasser aufgelöste Glukose. Anschließend wird der Blutzuckerspiegel gemessen.

Bei Unsicherheiten bezüglich der Diagnose können zusätzlich Antikörper im Blut bestimmt werden.

Therapie

Ziele der Therapie sind Symptomfreiheit, hohe Lebensqualität und eine normale Lebenserwartung. Die Therapie soll auch akute Komplikationen wie ernste Hypoglykämie (zu niedriger Blutzucker) oder Hyperglykämie (zu hoher Blutzucker) verhindern. Die Therapie trägt auch dazu bei, dass spätere Komplikationen (an Gefäßen, Nieren, Augen, Füßen usw.) verringert werden. Kern der Therapie bei Diabetes mellitus ist eine gesunde Ernährung, Bewegung, Verzicht aufs Rauchen sowie Kontrolle des Blutzuckerspiegels und Spritzen von Insulin durch die Patient*innen selbst.

Kinder mit Typ-1-Diabetes werden von speziell ausgebildeten Kinderärzt*innen sowie weiteren geschulten Fachkräften behandelt. Auch die betroffenen Familien sollen betreut und im Umgang mit der Erkrankung geschult werden.

Ernährung

Menschen mit Diabetes sollen auf eine gesunde Ernährung achten. Sie sollten mehr ungesättigte Fettsäuren (pflanzliches Fett, Fisch) und weniger gesättigte Fettsäuren (Fleisch) zu sich nehmen. Vollkorn-Getreideprodukte mit einem hohen Ballaststoffanteil sind Weißmehlprodukten und schnellresorbierbaren Kohlenhydraten vorzuziehen. Lebensmittel mit einem hohen Zuckergehalt sollten gemieden werden, insbesondere ist auch auf den Zuckergehalt von Getränken zu achten. Bei Gemüse gibt es keine Einschränkungen. Spezielle Diabetiker-Lebensmittel sind nicht sinnvoll. Bestimmte Ernährungsformen oder Diäten sind für Menschen mit Typ-1-Diabetes nicht erforderlich. Für sie gelten die allgemeinen Empfehlungen für eine gesunde Ernährung.

Von entscheidender Bedeutung für die Therapie des Typ-1-Diabetes ist, dass die Patient*innen in die Lage versetzt werden, den Kohlenhydratgehalt ihrer Nahrung einzuschätzen, um die Insulindosierung entsprechend anpassen zu können.

Bewegung

Eine vermehrte körperliche Aktivität führt bei Typ-1-Diabetes nicht zwangsläufig zu einer verbesserten Kontrolle über den Blutzuckerspiegel.
Mäßige körperliche Aktivität kann zu einer Senkung des Blutzuckerspiegels führen.
Intensive körperliche Aktivität kann dagegen mit einer Erhöhung der Blutglukose einhergehen (relativer Insulinmangel und vermehrte Mobilisierung von Glukose).
Die Insulindosis muss je nach Aktivitätsniveau angepasst werden: Hier bestehen große individuelle Unterschiede.

Um einer Hypoglykämie während oder nach dem Training vorzubeugen, müssen selbst Erfahrungen gesammelt und häufige Messungen durchgeführt werden. Dazu können Sie ein Sporttagebuch führen.
Aufgrund der nach dem Training dauerhaft erhöhten Insulinsensitivität wird empfohlen, in dieser Phase stets schnell resorbierbare Kohlenhydrate (z. B. Traubenzucker, zuckerhaltige Getränke) mit sich zu führen.

Menschen mit Typ-1-Diabetes können im Grunde jegliche Sportart auch als Wettkampf- oder Leistungssport ausüben. Nicht geeignet sind Sportarten, bei denen das Risiko von Bewusstseinsstörungen/eingeschränkter Urteilsfähigkeit infolge evtl. Hypoglykämien erhöht ist (z. B. Tauchen, Fallschirmspringen, Extremklettern, Skitouren in großer Höhe, Wildwasserkanufahren oder Drachenfliegen).

Insulintherapie

Durch die Insulintherapie erholt sich zu Therapiebeginn die eigene Insulinproduktion des Körpers meist etwas. In dieser ersten Phase ist eine geringe Insulindosis ausreichend. Die Besserungsphase kann über Wochen, Monate oder Jahre anhalten. Danach geht sie jedoch meist in einen fast vollständigen Insulinmangel über, bei dem hohe Dosen Insulin zugeführt werden müssen. Durch die Insulintherapie soll der Blutzuckerhaushalt über den Tag reguliert werden. Der Insulinspiegel nach den Mahlzeiten muss hoch und zwischen den Mahlzeiten niedrig sein.

Bei Menschen mit Typ-1-Diabetes soll der angestrebte HbA1c-Wert unter 7,5 % (58 mmol/mol) liegen, ohne dass schwerwiegende Hypoglykämien auftreten.
Die Insulintherapie ist bei Typ-1-Diabetes die Standardtherapie, und die bevorzugte Methode ist die intensivierte Therapie mit mehrmals täglichen Injektionen (Basis-Bolus-Prinzip). Zunehmend häufiger werden Insulinpumpen eingesetzt, ggf. in Kombination mit einer automatischen Glukosemessung im Gewebe.
Patient*innen mit gleichzeitigem hohem Blutdruck und erhöhten Blutfettwerten benötigen eine intensivere Behandlung und Kontrolle.

Um den Blutzuckerspiegel und den Erfolg der Behandlung zu überprüfen, sollen Patient*innen mehrmals täglich selbst ihren Blutzucker messen.

Prognose

Ist der Diabetes schlecht eingestellt, können bei Kindern und Jugendlichen Wachstums- und Entwicklungsstörungen sowie Spätfolgen auftreten. Eine schlechte Kontrolle über viele Jahre erhöht das Risiko, dass Herzerkrankungen (Herzschwäche) und Gefäßerkrankungen (v. a. Durchblutungsstörungen in den Beinen) früher auftreten. Weitere mögliche Spätfolgen sind Erkrankungen der Augen, Nerven oder Nieren. Etwa 60 % der Patient*innen entwickeln keine Spätkomplikationen. Eine gute Kontrolle verringert das Risiko dieser Komplikationen erheblich und sorgt für eine nahezu normale Lebenserwartung. 

Akute Komplikationen sind zu hoher Blutzucker (Hyperglykämie) oder zu niedriger Blutzucker (Hypoglykämie). Die Hypoglykämie ist die häufigste Komplikation der Insulintherapie. Als weitere Nebenwirkung kommt es häufig zu Gewichtszunahme.

Auch bei Patient*innen mit Diabetes, wie bei allen anderen Menschen, können Bluthochdruck und hohe Blutfettwerte auftreten. Neben der Gabe von Insulin ist es genauso wichtig, mit dem Rauchen aufzuhören und den Bluthochdruck sowie die Blutfettwerte zu behandeln.

Verlaufskontrolle

Menschen mit Diabetes sollten ihren Gesundheitszustand regelmäßig ärztlich kontrollieren lassen, zudem sind Selbstkontrollen durchzuführen.

Selbstkontrolle

Alle Patient*innen mit Typ-1-Diabetes müssen ihren Blutzuckerspiegel selbst messen können. Über die Ernährung sollte Tagebuch geführt werden. Der Blutzucker soll mehrmals am Tag gemessen werden: vor den Mahlzeiten, vor dem Zubettgehen und vor größeren körperlichen Anstrengungen. Mithilfe dieser Blutzuckerwerte kann die Insulindosis reguliert und angepasst werden. Regelmäßige Messungen des Blutzuckerspiegels sind für den Therapieerfolg darum ausschlaggebend. Mittlerweile werden auch Messgeräte, die kontinuierlich den Glukosegehalt im Gewebe messen, von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt.

Viele Patient*innen berechnen die Kohlenhydrate (Broteinheiten BE), um die Insulindosis anzupassen und den Stoffwechsel besser zu kontrollieren.

Einige Patient*innen können mit einer Insulinpumpe versorgt werden. Eine Insulinpumpe ermöglicht eine kontinuierliche Versorgung mit schnell wirkendem Insulin. Die Pumpe wird auf eine festgelegte Dosis pro Stunde eingestellt. Außerdem wird den Patient*innen zu jeder Mahlzeit eine zusätzliche Dosis über die Pumpe verabreicht. Dadurch entfällt die reguläre Insulininjektion, jedoch nicht die Glukosemessungen. Relativ neu sind Geräte, die eine eigenständige Blutzuckermessung im Gewebe vornehmen und mit einer Insulinpumpe kombiniert sind (sog. Real-time-Messgeräte). 

Ärztliche Kontrolle 

In der Regel erfolgen diese Kontrollen alle 3 Monate. Es werden unter anderem Blutzucker, Blutdruck und Gewicht kontrolliert sowie die Menge an glykosyliertem Hämoglobin (HbA1c) bestimmt. Die Einstichstellen der Insulininjektionen sollten mindestens jährlich untersucht werden, da sich hier das Fettgewebe übermäßig vermehren kann.

Bei der jährlichen Kontrolle wird geprüft, ob es zu Komplikationen gekommen ist. Dabei werden die Füße untersucht und überprüft, ob Nervenschädigungen aufgetreten sind. Zudem wird der Urin auf Eiweiß (Mikroalbuminurie) untersucht. Eventuell wird zusätzlich ein EKG durchgeführt und Blut abgenommen. Bei Typ-1-Diabetes sollten die Augen alle 1–2 Jahre in einer Augenarztpraxis kontrolliert werden.

Weitere Informationen

Autor*innen

  • Martina Bujard, Wissenschaftsjournalistin, Wiesbaden
  • Caroline Beier, Dr. med., Fachärztin für Allgemeinmedizin, Hamburg