Hyperosmolare Hyperglykämie

Die hyperosmolare Hyperglykämie ist eine akute, lebensbedrohliche Erkrankung, die insbesondere bei älteren Patienten mit Typ-2-Diabetes auftritt.

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Was ist hyperosmolare Hyperglykämie?

Hyperosmolare Hyperglykämie bezeichnet einen Zustand, bei dem sich zu viel Zucker (Glukose) im Blut und deshalb auch im Urin befindet, wodurch der Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt (Natrium, Kalium und andere Elektrolyte) des Körpers ins Ungleichgewicht gerät. Zunächst kommt es zu einer erhöhten Flüssigkeitsausscheidung über die Nieren. Bei der hyperosmolaren Hyperglykämie entwickelt sich daher mit der Zeit ein erheblicher Flüssigkeitsverlust (Dehydratation) bei einem weiterhin stark erhöhten Blutzucker (über 600 mg% / 30 mmol/l: Hyperglykämie). Dieses lebensgefährliche Krankheitsbild entwickelt sich über mehrere Tage oder Wochen bei v.a. älteren Patienten mit Diabetes mellitus vom Typ 2. Eine andere, ebenfalls lebensgefährliche Komplikation tritt bei Diabetes mellitus Typ 1 auf und geht mit einem erhöhten Blutzucker begleitender Übersäuerung des Körpers einher: die diabetische Ketoazidose.

Ursache

Patienten mit einem Typ-2-Diabetes müssen sorgfältig darauf achten, dass ihre Kalorienzufuhr, die Dosis der Medikamente gegen Diabetes (darunter ggf. auch Insulin) und ihr Energieverbrauch, etwa durch Sport, im Gleichgewicht bleiben. Verschiedene Störfaktoren können dieses Gleichgewicht empfindlich beeinflussen und zu einer Entgleisung des Zuckerstoffwechsels mit dem Extremfall der hyperosmolaren Hyperglykämie führen.

Die häufigste Ursache ist eine Infektion (ca. 60 %) der Patienten mit Diabetes, z. B. eine Lungenentzündung. Andere häufige Auslöser sind eine unzureichende Diabetestherapie oder der Umstand, dass ein bereits bestehender Diabetes noch nicht erkannt wurde und daher unbehandelt ist. Auch andere parallel auftretende Krankheiten (z. B. Herzinfarkt, Schlaganfall, Thrombose), Nebenwirkungen von Medikamenten oder Drogenmissbrauch können Ursache dieser Komplikation sein. 

Die hyperosmolare Hyperglykämie entwickelt sich über mehrere Tage bis Wochen meist bei Diabetikern im Alter von 57–69 Jahren, Kinder sind sehr selten betroffen. Durch den hohen Blutzucker wird ein Teil des Zuckers über den Urin ausgeschieden, weil hier Kontrollmechanismen versagen. Mit dem Zucker wird auch Flüssigkeit ausgeschieden, was zu erhöhtem Harndrang und langsam zunehmender Austrockung trotz vermehrtem Durstgefühl führt. Durch den zu hohen Flüssigkeitsverlust verschiebt sich die Zusammensetzung von Flüssigkeit und Elektrolyten im Blut und im Gewebe des Körpers, was zu verschiedenen Symptomen bis zum Koma führen kann.

Symptome und Beschwerdebild

Meist handelt es sich um ältere Patienten mit nicht diagnostiziertem Diabetes oder Patienten mit Typ-2-Diabetes, die mit spezieller Diabetikerkost bzw. blutzuckersenkenden Medikamenten behandelt werden. Oft nimmt der Patient auch andere Medikamente, die den Zustand verschlimmern können, z. B. harntreibende Medikamente. Neben den auslösenden Faktoren (siehe oben) kommt es im Verlauf von einigen Tagen oder wenigen Wochen zu vermehrtem Harndrang, starkem Durst, Schwäche, Sehstörungen oder Wadenkrämpfen. Übelkeit und Erbrechen können auftreten. In einer späten Phase entwickelt der Patient Anzeichen von Schläfrigkeit, Verwirrtheit und halbseitiger Lähmung, die als Schlaganfall, Krampf oder Koma fehlinterpretiert werden können.

Der Betroffene ist in der Regel erheblich ausgetrocknet. Kneift man in die Haut, bleibt die entstehende Hautfalte bestehen und bildet sich nicht zurück. Die Mundschleimhaut ist trocken, die Augen sind eingesunken, Arme und Beine sind kalt und der Puls ist meist schnell. Oft hat der Patient leichtes Fieber. Je nach Schweregrad der Erkrankung kann das Bewusstsein gestört sein. Der Patient kann vollkommen klar oder aber desorientiert oder komatös sein. Krämpfe treten bei etwa 25 % auf.

Es kann schwierig sein, gleich zu Beginn der Krankheit die Symptome richtig zu deuten, weil viele dieser Patienten gleichzeitig an anderen Krankheiten leiden, die ähnliche Beschwerden hervorrufen und/oder nicht adäquat ihre Beschwerden und Bedürfnisse mitteilen können. 

Diagnostik

Die Anamnese und die Befunde der körperlichen Untersuchung durch den Arzt (deutliche Zeichen der Dehydrierung, Bewusstseinsstörung etc.) sind starke Indikatoren für die Erkrankung. In der Blutuntersuchung zeigen sich sehr hohe Blutzuckerwerte, Störungen des Elektrolythaushalts (aber keine deutliche Änderung des Säuregrads), was die Diagnose bestätigt. Um nach evtl. auslösenden Infektionen zu suchen, sind ggf. ein Röntgenbild der Lungen oder ein CT sinnvoll. Manchmal gelingt es außerdem, den verursachenden Erreger einer Infektion aus dem Blut zu isolieren (Blutkultur).

Therapie

Die Therapie beinhaltet verschiedene Maßnahmen. Ziel ist es, den Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt wiederherzustellen, den Blutzuckerspiegel zu normalisieren und den auslösenden Faktor unter Kontrolle zu bekommen.

Die Therapie der hyperosmolaren Hyperglykämie besteht aus fünf Hauptmaßnahmen:

  • intensive Flüssigkeitszufuhr direkt über das Blut (Infusion)
  • Zufuhr von Elektrolyten, die dem Körper fehlen
  • Zufuhr von Insulin direkt über das Blut
  • Diagnose und Therapie der auslösenden und begleitenden Faktoren.
  • Anschließend: Prophylaxe durch genauere Informationen und Schulung des Patienten in Bezug auf die Diabetes-Therapie.

Die Therapie ist in der Regel aufwendig und komplex, da Flüssigkeitszufuhr und Insulingabe schnell zu Veränderungen des Blutzuckers führen, was wiederum oft rasch Auswirkungen auf die verschiedenen Elektrolyte und auch Mineralstoffe im Körper auswirkt. Die Konzentrationen dieser Substanzen müssen für eine gesunde Funktion des Körpers sehr genau reguliert werden. Daher erfolgt die Therapie solcher Patienten stets im Krankenhaus, das per Notarztwagen rasch erreicht werden sollte.

Wenn Anzeichen von Herzproblemen, Atembeschwerden, akuten Bauchbeschwerden oder ein sehr schlechter Allgemeinzustand auftreten, wird der Patient in der Regel auf der Intensivstation beobachtet. Bei Kindern wird weitestgehend dieselbe Therapie angewandt.

Prognose

Die Sterblichkeit bei hyperosmolarer Hyperglykämie liegt zwischen 10 und 50 %. Die hohe Sterblichkeit ist allerdings darauf zurückzuführen, dass es sich meist um ältere Patienten handelt, die gleichzeitig an anderen ernsten Erkrankungen leiden. Faktoren für ein erhöhtes Risiko, an der Krankheit zu sterben, sind hohes Alter, ein hoher Grad an Austrocknung, anhaltende Instabiltät des Herzkreislaufs, schwere bestehende Begleitkrankheiten und deutliche Bewusstseinstrübung/Bewusstlosigkeit.

Weitere Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Hyperglykämisches hyperosmolares Syndrom. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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