Schilddrüsenentzündung nach einer Schwangerschaft

Bei der nach einer Schwangerschaft auftretenden Schilddrüsenentzündung handelt es sich bei den meisten Betroffenen um eine vorübergehende Entzündung der Schilddrüse, die einige Wochen nach der Entbindung auftritt. Diese Erkrankung wird im medizinischen Sprachgebrauch als Postpartum-Thyreoiditis bezeichnet. Die Erkrankung kann sowohl zu einer Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) als auch zu einer Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) führen. Bei ca. 90 % aller Betroffenen erreicht die Schilddrüse innerhalb eines Jahres wieder ihre normale Funktion. Eine medikamentöse Behandlung ist nur bei besonders ausgeprägten Formen erforderlich.

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Was ist die Postpartum-Thyreoiditis?

Eine Thyreoiditis nach der Schwangerschaft (lateinisch: post partum) ist eine entzündliche Veränderung der Schilddrüse (Glandula thyreoidea), die durch eine Autoimmunreaktion verursacht wird, das heißt, der Körper greift die eigene Schilddrüse an. Etwa 10 % aller Frauen entwickeln innerhalb eines Jahres nach einer Schwangerschaft eine Entzündung der Schilddrüse, bei Müttern mit Typ-1-Diabetes sogar bis zu 25 %. In 70 % aller Fälle liegen innerhalb der Familie vergleichbare Fälle einer Schilddrüsenentzündung vor.

Schilddrüse, Glandula thyreoidea

Bei der Postpartum-Thyreoiditis handelt es sich um eine spezielle Form der Autoimmun-Thyreoiditis, die bei einer Frau nach der Geburt eines Kindes auftritt. Meist bringt die Erkrankung eine vorübergehende Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) von ein bis drei Monaten Dauer mit sich, gefolgt von einer ein bis vier Monaten andauernden Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose). In den meisten Fällen kommt es zur Spontanheilung mit wieder normaler Schilddrüsenfunktion.

Die Postpartum-Thyreoiditis ist eine Sonderform der milden lymphozytären („stummen“) Thyreoiditis und kann auch der Hashimoto-Thyreoiditis ähneln.

Ursachen

Die Postpartum-Thyreoiditis wird heute als Unterform der lymphozytären Thyreoiditis aufgefasst, bei der Abwehrzellen (Lymphozyten) in die Schilddrüse wandern und dort eine Entzündung hervorrufen. Es werden sogenannte Autoantikörper, vor allem anti-TPO-Antikörper, gebildet, die für alle lymphozytären Schilddrüsenentzündungen typisch sind, auch für die Hashimoto-Thyreoiditis. Die Höhe des Autoantikörpertiters bei der Postpartum-Thyreoiditis ist jedoch deutlich niedriger als bei einem Hashimoto.

In der frühen Phase der Entzündung wird Schilddrüsengewebe rasch zerstört, was dazu führt, dass eingelagertes Schilddrüsenhormon (Thyroxin) in höherer Menge abgegeben wird, als vom Körper benötig wird. So kommt es zu einer anfänglichen Schilddrüsenüberfunktion. Wenn dann die Speicher an Schilddrüsenhormon verbraucht sind, kommt es zu einer Schilddrüsenunterfunktion, da das geschädigte Schilddrüsengewebe das Schilddrüsenhormon Thyroxin nicht mehr in ausreichender Menge produzieren kann.

Sowohl die Phase der Über- als auch die Phase der Unterfunktion werden von den Müttern häufig gar nicht bemerkt.

Bei den meisten Betroffenen ist die Postpartum-Thyreoiditis eine vorübergehende Erkrankung, die innerhalb eines Jahres folgenlos ausheilt. Bei einem Teil der Patientinnen entwickelt sich aber daraus jedoch eine dauerhafte Schilddrüsenunterfunktion.

Symptome

Die Postpartum-Thyreoiditis verläuft häufig mild ohne ausgeprägte Symptome. Die Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) entwickelt sich 1–6 Monate nach der Geburt und dauert 1–2 Monate. Die Schilddrüsenunterfunktion, die Hypothyreose, entwickelt sich 4–8 Monate nach der Geburt und dauert etwa 4–6 Monate.

Die Schilddrüsenüberfunktion führt zu vergleichsweise milden Symptomen wie Herzklopfen, Reizbarkeit und Wärmeintoleranz. Die Schilddrüsenunterfunktion ist durch allgemeine Abgeschlagenheit, geringere Leistungsfähigkeit oder Niedergeschlagenheit und Kälteintoleranz gekennzeichnet.

Stimmungsschwankungen nach einer Geburt können möglicherweise auch durch eine Postpartum-Thyreoiditis verursacht sein.

Diagnostik

Die Diagnose wird anhand der Krankengeschichte, der Befunde bei der ärztlichen Untersuchung und der auffälligen Ergebnisse der Blutuntersuchungen gestellt. Mütter werden jedoch nicht routinemäßig nach einer Geburt auf Schilddrüsenprobleme untersucht, entsprechende Blutuntersuchungen wird der Arzt nur bei Beschwerden durchführen. 

Bei der äußerlichen Untersuchung des Halses stellen die Ärzte meist eine normale Schilddrüse fest, die manchmal leicht geschwollen jedoch nicht berührungsempfindlich ist. Die Blutuntersuchung zeigt zu hohe oder zu niedrige Werte des Schilddrüsenhormons Thyroxin (fT4). Der Wert des Hormons TSH, welches die Funktion der Schilddrüse reguliert, ist bei einem hohen Thyroxin-Wert niedrig, umgekehrt ist der TSH-Wert hoch, wenn der Thyroxin-Wert niedrig ist. Bei 70 % der Betroffenen lassen sich Antikörper gegen die Schilddrüse (TPO-AK) nachweisen. Der BSG-Wert (Blutsenkung) und andere Entzündungsparameter sind normal.

Der Arzt wird dann gegebenenfalls einen Ultraschall der Schilddrüse durchführen (lassen). Dieser zeigt normales Schilddrüsegewebe, anders als zum Beispiel beim Hashimoto, bei dem das Gewebe im Ultraschall häufig auffällig ist und die Schilddrüse (schon) sehr klein und dunkel dargestellt werden kann. Die Hashimoto-Thyreoiditis muss von der Postpartum-Thyreoiditis unterschieden werden, da sie langfristig ein erhöhtes Risiko für eine Schilddrüsenunterfunktion birgt. Die Postpartum-Thyreoiditis dagegen heilt in der Regel von alleine folgenlos aus. 

Behandlung

Das Ziel der Behandlung ist die Linderung möglicher Symptome. Da die Beschwerden häufig nur sehr gering sind, oder gar nicht wahrgenommen werden, ist eine Behandlung häufig nicht notwendig. 

Eine geringgradige Schilddrüsenüberfunktion muss nur selten behandelt werden, bei stark ausgeprägten Symptomen können Betablocker (Propranolol) verschrieben werden. Propranolol darf auch von stillenden Müttern angewendet werden, das Medikament geht jedoch in die Muttermilch über. Obwohl die mit der Milch aufgenommene Wirkstoffmenge wahrscheinlich keine Gefahr für das Kind darstellt, sollten Säuglinge auf Arzneimittelwirkungen überwacht werden.

Eine Behandlung der Schilddrüsenunterfunktion ist meist ebenfalls nicht erforderlich. Wenn diese Phase aber lange andauert oder starke Symptome auftreten, sollte eine Behandlung mit dem Schilddrüsenhormon Thyroxin in Erwägung gezogen werden. Nach 6 bis 12 Monaten wird die Dosis allmählich verringert und dann ganz abgesetzt.

Prognose

Im Laufe eines Jahres stellt sich bei 90 % aller Betroffenen die normale Funktion der Schilddrüse wieder ein. Bei Frauen, die bereits eine Postpartum-Thyreoiditis hatten, besteht ein 70 %iges Risiko für eine erneute Schilddrüsenentzündung bei einer weiteren Schwangerschaft. Ungefähr 20–25 % aller Frauen mit Postpartum-Thyreoiditis entwickeln nach 3 bis 5 Jahren eine dauerhafte Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose). Dieses Risiko ist umso höher, je höher der Titer der TPO-AK ist. Regelmäßige TSH-Kontrollen etwa einmal im Jahr können hier hilfreich sein. 

Weitere Informationen

Autoren

  • Caroline Beier, Dr. med., Fachärztin für Allgemeinmedizin, Hamburg
  • Julia Trifyllis, Dr. med., Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, Münster/W

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Thyreoiditis. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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