Insulinom

Ein Insulinom ist ein Tumor der Bauchspeicheldrüse (Pankreas), der zu massiver Unterzuckerung mit Bewusstseinsverlust führen kann. Bei den meisten Insulinomen handelt es sich um gutartige Tumoren und nicht um Krebs.

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Was ist ein Insulinom?

Gallenblase und Bauchspeicheldrüse

Die Bauchspeicheldrüse (Pankreas) wiegt 100–150 Gramm, ist 12–15 Zentimeter lang und erstreckt sich quer im hinteren Oberbauch, hinter dem Magen. Ein Teil des Pankreas, der sogenannte Pankreaskopf, ist fast vollständig vom Zwölffingerdarm (Duodenum) umgeben. Anatomisch wird die Bauchspeicheldrüse in Pankreaskopf (Caput pancreatis), -körper (Corpus pancreatis) und -schwanz (Cauda pancreatis) unterteilt. Sie produziert etwa 1,5 Liter Bauchspeichel pro Tag. Der Bauchspeichel neutralisiert die Magensäure und ist für die Aufspaltung von Proteinen, Fetten und Kohlenhydraten verantwortlich.

Außerdem bildet die Bauchspeicheldrüse das Hormon Insulin. Insulin sorgt dafür, dass die Körperzellen die Glukose (Zucker), die aus der Nahrung ins Blut aufgenommen wird, aufnehmen und für für den Energiehaushalt nutzen können. Indem es die Zellen dazu anregt, Glukose aus dem Blut aufzunehmen, senkt es den Blutzuckerspiegel. Bei gesunden Personen wird die Insulinausschüttung im Zusammenhang mit Mahlzeiten stimuliert und richtet sich nach der Nahrungsmenge.

Die Zellen eines Insulinoms ähneln den Zellen, die normalerweise für die Produktion von Insulin zuständig sind, und haben sich diese Fähigkeit bewahrt. Im Gegensatz zu den gesunden Zellen, bei denen die Stimulation über die Nahrungszufuhr reguliert wird, produzieren die Zellen des Insulinoms große Mengen an Insulin ohne Kontrolle durch die Nahrungszufuhr. Dies kann bei entsprechend zu hohen Mengen zu einem starken Abfallen des Blutzuckers, einer sogenannten Hypoglykämie, führen, die mit typischen Symptomen einhergeht. Etwa 90 % der Insulinome sind gutartige Tumoren; sehr selten können sie auch in anderen Organen als den Pankreas vorkommen. Neben Insulin produzieren manche Insulinome auch andere Hormone.

Bei rund 4 von 1 Million Personen pro Jahr wird ein Insulinom diagnostiziert, meist in einem Alter von etwa 50 Jahren. Bei Frauen entwickeln sich diese Tumoren 2-mal häufiger als bei Männern. Wird ein Insulinom entdeckt (v. a. bei jüngeren Patienten), dann wird der Arzt prüfen, ob möglicherweise eine Krankheit vorliegt, bei der sich neben anderen Symptomen auch Insulinome entwickeln (sog. multiple endokrine Neoplasie, MEN).

Symptome

Die vom Insulinom hervorgerufenen Symptome ähneln den Warnzeichen, die Diabetiker bei einer Unterzuckerung verspüren (Hypoglykämie). Dazu gehören immer wieder auftretende Episoden mit u. a. einer Verschlechterung des Sehvermögens, Sehstörungen, Kopfschmerzen, Zittern, Schwitzen und Schwäche. Oftmals treten Herzrasen und ein starkes Hungergefühl auf. Sinkt der Blutzucker weiter ab, kann es zu Verwirrungszuständen und Bewusstseinsstörungen bis hin zur Bewusstlosigkeit kommen. Sämtliche Symptome lassen recht schnell nach, sobald die Betroffenen etwas Süßes gegessen haben.

Beim Insulinom treten die genannten Symptome überwiegend vormittags auf. Als potenzielle Auslöser gelten körperliche Aktivität, Alkohol, das Auslassen von Mahlzeiten, Diäten sowie die Behandlung mit Antidiabetika auf Wirkstoffbasis von Sulfonylharnstoffen. Bei etwa 20 % der Betroffenen treten die Symptome zuweilen auch nach einer Mahlzeit auf.

Bei den Insulinomen handelt es sich normalerweise um kleine Tumoren, die sich nicht von außen ertasten lassen. Auch Schmerzen sind eher selten. Patienten essen typischerweise häufig am Tag und üppig, um den Blutzuckerspiegel konstant zu halten und das Hungergefühl zu dämpfen. Bei längerem Krankheitsverlauf kommt es daher oftmals zu einer starken Gewichtszunahme.

Im Einzelfall kann ein Insulinom auch aus Krebszellen bestehen, dann liegt ein bösartiger Tumor vor. Ein solches Insulinom kann auf andere Körperregionen übergreifen und Metastasen (Tochtergeschwüre) ausbilden; es handelt sich um eine sehr ernste Erkrankung.

Diagnostik

Der Verdacht auf ein Insulinom ergibt sich aus den typischen Symptomen. Die Diagnose erfolgt in der Regel über die Bestimmung der Werte von Zucker und Insulin im Blut. Entsprechende Untersuchungen werden normalerweise bei stationärer Aufnahme in einem Krankenhaus durchgeführt. Um die typische Unterzuckerung zu provozieren, wird nach der Zufuhr von Glukose ein dreitägiges Fasten (unter ärztlicher Kontrolle) verordnet. Während der Fastenperiode werden regelmäßig Blutuntersuchungen durchgeführt. Informieren Sie das ärztliche Personal, sobald Sie Symptome bei sich feststellen, damit in diesen Momenten gezielt Blut entnommen werden kann. Bei deutlichem Absinken des Blutzuckers wird der Test beendet. Bei Personen mit Insulinom zeigen sich die Symptome normalerweise recht schnell, und der Test kann schon weit vor Ablauf der drei Tage beendet werden.

Weisen die Befunde der Blutuntersuchungen während der Fastenperiode auf ein Insulinom hin, erfolgen mitunter weitere Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren (z. B. Magnetresonanztomografie, Computertomografie oder endoskopischer Ultraschall), um den Tumor in der Bauchspeicheldrüse genau lokalisieren zu können. Der Tumor kann auch direkt während einer Operation gefunden werden. Eine genaue Lokalisierung im Vorfeld des Eingriffs ist allerdings vorzuziehen.

Therapie

Die meisten Insulinome lassen sich chirurgisch entfernen. Normalerweise kann der gesamte Tumor entfernt werden, ohne dass die Bauchspeicheldrüse ernsthaften Schaden nimmt. In einigen Fällen muss auch ein kleinerer oder größerer Teil der Bauchspeicheldrüse mitentfernt werden.

In der Wartezeit vor der Operation ist es sinnvoll, häufig am Tage Mahlzeiten einzunehmen, um einer Unterzuckerung vorzubeugen. Auch Medikamente können starken Schwankungen des Blutzuckerspiegels entgegenwirken.

Ist das Insulinom bösartig, muss entsprechend mehr Gewebe aus dem Umfeld des Tumors sowie evtl. Metastasen chirurgisch entfernt werden. Möglicherweise ist zusätzlich noch eine weitere Therapie nötig.

Prognose

Die Prognose ist in der Regel sehr gut. Mehr als 90 % der Patienten können mit einem chirurgischen Eingriff geheilt werden. Ist die Entfernung größerer Teile der Bauchspeicheldrüse nötig, kann dies im Nachhinein bei einigen Patienten zu Diabetes führen. Zuweilen kommt es ein paar Jahre nach der Behandlung zu einem erneuten Auftreten des Insulinoms, in den meisten Fällen ist die Prognose aber selbst dann sehr gut (wenn auch etwas schlechter als beim erstmaligen Auftreten).

Handelt es sich um Krebs, ist die Aussicht auf Heilung deutlich schlechter und abhängig vom Stadium des bösartigen Tumors.

Weitere Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Insulinom. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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