Multiple endokrine Neoplasie (MEN)

Bei multiplen endokrinen Neoplasien (MEN) handelt es sich um seltene Erkrankungen, bei der sich an mehreren (multiplen) Stellen im Körper Tumoren (Neoplasien) gebildet haben. Die Tumoren befinden sich in den sogenannten endokrinen Organen, die für die Produktion von Hormonen verantwortlich sind.

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Was sind multiple endokrine Neoplasien?

Bei den multiplen endokrinen Neoplasien (MEN) handelt es sich um seltene Erkrankungen, bei der sich an mehreren (multiplen) Stellen im Körper Tumoren (Neoplasien) gebildet haben. Die Tumoren befinden sich in den sogenannten endokrinen Organen, die für die Produktion von Hormonen verantwortlich sind. Am häufigsten sind die Schilddrüse (Thyreoidea), die Nebenschilddrüsen (Parathyreoideae), die Bauchspeicheldrüse (Pankreas) sowie die Nebennieren und die Hypophyse betroffen. Die Tumoren in diesen Organen können gutartig (benigne) oder bösartig (maligne, Krebstumoren) sein.

Bei MEN unterscheidet man hauptsächlich zwischen drei Varianten: Sie werden als MEN 1, MEN 2A und MEN 2B bezeichnet. Der Unterschied zwischen den verschiedenen Varianten liegt in der speziellen Kombination von Tumoren. Bei Patienten mit MEN 1, der häufigsten Form, finden sich die Tumoren z. B. hauptsächlich in den Nebenschilddrüsen, der Bauchspeicheldrüse und der Hypophyse.

Es handelt sich um Erbkrankheiten, die dominant vererbt werden, d. h., dass das Vorliegen nur einer Erbanlage (also von Mutter oder Vater) bereits zu dieser Krankheit führt. Ist ein Elternteil Träger des genetischen Defekts, so beträgt das Risiko, dass dessen Kinder ebenfalls von der Erkrankung betroffen sind, 50 %.

Symptome

Die Symptome können zum Teil stark variieren und hängen von der Lage der Tumoren ab. Tumoren in den Nebenschilddrüsen sind selten bösartig, können allerdings zu einer Überproduktion von Parathormon führen (vgl. dazu Artikel Hyperparathyreoidismus). Dies hat einen hohen Kalziumspiegel im Blut zur Folge. Dadurch kann es zu Verdauungsbeschwerden, häufigem Harndrang, starkem Durst und zur Bildung von Nierensteinen kommen. Weitere mögliche Symptome sind Müdigkeit oder auch psychische Beschwerden.  

Auch in der Bauchspeicheldrüse sind die meisten Tumoren gutartig, produzieren allerdings verschiedene Hormone wie z. B. Insulin (vgl. dazu Artikel Insulinom). Solche Insulinome verursachen ein Absinken des Blutzuckers. Tumoren in der Bauchspeicheldrüse können auch ein anderes Hormon produzieren, das sich Gastrin nennt. Eine Überproduktion von Gastrin kann zu Magenschmerzen, Durchfall oder zur Bildung von Magengeschwüren führen.

Tumoren in der Hypophyse können ebenfalls diverse Hormone produzieren, die Funktionsstörungen im Körper hervorrufen, z. B. Prolaktin, Wachstumshormone oder Kortikotropin (ACTH). Hypophysentumoren, die keine Hormone produzieren, kommen auch vor und werden oftmals so groß, dass sie Druck auf den Sehnerv oder Teile des Gehirns ausüben.

Tumoren in den Nebennieren, die sogenannten Phäochromzytome, können Hormone freisetzen, die den Blutdruck erhöhen, zu vermehrtem Schwitzen, Kopfschmerzen, Zittern, Übelkeit und starkem Herzklopfen u. a. führen können.

Tumoren in Schilddrüse und Nebennieren können zwar gutartig sein, allerdings enthalten sie nicht selten maligne (bösartige) Krebszellen, die in andere Körperregionen streuen können. Dies ist bei MEN 2A und MEN 2B häufig der Fall. 

Personen mit MEN 2B haben oftmals ein charakteristisches Aussehen, sie sind unter anderem hochgewachsen, schlank und haben lange, schmale Finger. Bei Vorliegen eines MEN 1 weisen die Patienten oft auch unterschiedliche Tumoren der Haut auf.

Diagnostik

Wenn sich bei einem Patienten mehrere Tumoren in den hormonproduzierenden Organen nachweisen lassen und überdies nahe Verwandte (ein Eltern- oder Großelternteil) nachweislich an multipler endokriner Neoplasie erkrankt sind, ist die Diagnose recht einfach. Bei eher untypischen Symptomen dauert es oft länger, bis der Arzt die richtige Diagnose stellen kann. Die Beschwerden können zudem so unterschiedlich sein, dass grundsätzlich verschiedene Krankheiten als Ursache infrage kommen können.

In der Regel werden zur Diagnosesicherung umfangreiche Blutuntersuchungen durchgeführt; hier lässt sich nachweisen, ob die entsprechenden Hormone vermehrt gebildet werden und verschiedene Mineralstoffe (z. B. Kalzium, Phosphat) im Blut erhöht vorkommen. Oftmals muss auch auf bildgebende Diagnostik wie Röntgen oder Magnetresonanztomografie (MRT) zurückgegriffen werden, um die manchmal sehr kleinen Tumoren darzustellen. Inzwischen gibt es auch Gentests, die dem Nachweis der multiplen endokrinen Neoplasie bei Patienten mit entsprechenden Symptomen dienen. Wird in einer Familie MEN diagnostiziert, ist auch eine genetische Untersuchung und Beratung der direkten Verwandten empfehlenswert.

Therapie

Die Behandlung richtet sich nach der Art der Tumoren. Einzelne und ungefährliche Tumoren können medikamentös behandelt werden, auch um unerwünschte Wirkungen der produzierten Hormone entgegen zu wirken. Andere Tumoren müssen chirurgisch entfernt werden, weil sie Symptome hervorrufen, bereits bösartig sind oder aber ein erhöhtes Risiko besteht, dass sie im weiteren Verlauf bösartig werden und streuen können.

Prognose

Die Prognose ist abhängig davon, um welche Variante der multiplen endokrinen Neoplasien es sich handelt. Besonders bei MEN 1 ist die Prognose in der Regel gut, auch wenn die meisten Patienten um eine medikamentöse Therapie sowie eine Operation nicht umhin kommen. Bei MEN 2A und 2B kommt es oftmals zur Bildung von Karzinomen, was die Prognose verschlechtert.

Weitere Informationen

Selbsthilfe

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen
  • Günter Ollenschläger, Prof. Dr. Dr. med., Internist, Uniklinikum Köln

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Multiple endokrine Neoplasie. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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