Krampfanfall, Erste Hilfe

Allgemeine Informationen

  • Krampfanfälle können Ausdruck verschiedener Störungen sein, die häufigste Ursache ist eine Epilepsie.
  • Es gibt fokale und generalisierte Krämpfe, möglich ist auch ein fokaler Beginn mit sekundärer Generalisierung. 
  • Tonische Krämpfe zeichnen sich durch anhaltende, starke Muskelkontraktionen aus, klonische Krämpfe durch einen Wechsel zwischen starken Muskelkontraktionen und -entspannung. Es gibt auch Mischformen.

Erstmaßnahmen in der Hausarztpraxis

Während des Anfalls

  • Zeitmessung (da sich aus der Dauer des Anfalles Konsequenzen für das weitere Handeln ergeben)
  • Schutz vor Selbstgefährdung und Freihalten der Atemwege (wenn möglich sofortige Entfernung von Zahnersatz, Vermeidung der Applikation jeglicher Gegenstände im Mundraum)
  • Beobachtung der Patienten zur Diagnosefindung (ggf. auch Video-Aufzeichnung, falls möglich)
  • Überwachung der Vitalparameter
  • Legen mindestens eines stabilen, anfallsungefährdeten (d. h. außerhalb der Ellenbeuge lokalisierten) venösen Zugangs
  • Gabe von isotoner Kochsalzlösung
  • Gabe von Thiamin 100 mg i. v. bei Verdacht auf einen ethanol-assoziierten Status epilepticus
  • Gabe von Glukose 40 % 60 ml i. v. bei Verdacht auf oder bei nachgewiesener Hypoglykämie
  • Sauerstoffgabe, ggf. Beatmung
  • Symptomatische Temperatursenkung bei Körpertemperatur über 37,5 °C
  • Bereitschaft zur Gabe antikonvulsiver Medikamente (bei Status epilepticus bzw. Anfallserie)
    • Die intravenöse Gabe von 2–4 mg Lorazepam ist die aktuell empfohlene, evidenzbasierte Initialtherapie und kann ggf. nach 5 Minuten wiederholt werden.1
    • Eine intranasale oder bukkale Gabe von Midazolam (5–10 mg, ggf. wiederholen, max. ca. 20 mg) oder die rektale Applikation von Diazepam (10–20 mg, ggf. wiederholen, max. ca. 30 mg) sind alternativ möglich.1
    • Da eine spontane Terminierung eines epileptischen Anfalls nach 5 Minuten zunehmend unwahrscheinlich wird, sollte eine pharmakologische Intervention spätestens nach dieser Dauer erfolgen.1
    • Ein epileptischer Anfall, der max. 2 Minuten dauert, muss nicht unterbrochen werden. Lediglich länger dauernde Anfälle oder Anfallsserien sollten zu einer Akutmedikation führen. Der Einsatz von Akutmedikation zum Nachteil der Patienten wird oft übertrieben.

Nach dem Anfall

  • Ggf. stabile Seitenlage (siehe Illustration unten)
  • Ggf. passende, o. g. Maßnahmen, falls noch nicht erfolgt.
  • Notfallmäßige Einweisung bei Status epilepticus, wiederholten Anfällen, anhaltender Bewusstseinsstörung
  • Einweisung ins Krankenhaus bei Verdacht auf Erstmanifestation eines epileptischen Anfalles oder einer TIA
  • Überweisung zum Neurologen bei fehlenden akuten Kriterien

Weitere Maßnahmen in der Hausarztpraxis

  • Erhebung der Vitalparameter, ggf. EKG
  • Allgemeiner und neurologischer Status
  • Zur Beurteilung des ersten Anfalls sollte eine möglichst genaue Anfallsbeschreibung mittels Eigen- und Fremdanamnese erhoben werden. Eines der wichtigsten Anfallssymptome, das auch von Laien gut wiedergeben werden kann, betrifft die Augen: Sind bei einem Anfall (aus dem Wachen) zu Beginn die Augen geschlossen, spricht dies eher für einen nichtepileptischen Anfall, es sei denn, es gibt klare Hinweise für einen epileptischen Anfall.2
  • Kleines Blutbild, CRP, Elektrolyte, Kreatinin, Harnstoff, Leberwerte, Glukose, ggf. Spiegelbestimmung des eingenommenen Antikonvulsivums

Differenzialdiagnosen 

  • Die wichtigsten Differenzialdiagnosen zu einem epileptischen Ereignis sind:
    • psychogene nichtepileptische Anfälle (dissoziative Anfälle)
    • (konvulsive) Synkopen
    • (Non-)REM-Schlaf-Verhaltensstörungen
    • transiente globale Amnesien
    • paroxysmale Bewegungsstörungen
    • transiente ischämischen Attacken.2

Epileptischer Anfall

  • Epilepsie ist die häufigste Ursache eines Krampfanfalles.
  • Die Verdachtsdiagnose wird mittels Beobachtung und (Fremd-)Anamnese gestellt, die weitere Diagnostik erfolgt meist im stationären Bereich. 

Akut symptomatischer Anfall (ASA)3

  • Anfälle, die in enger zeitlicher Beziehung zu akuten ZNS-Schädigungen auftreten, welche hirnstrukturell
    oder systemisch (zum Beispiel toxisch) bedingt sein können, werden als akut symptomatische Anfälle (ASA) bezeichnet.
  • Traumatische Hirnschädigungen, zerebrovaskuläre Erkrankungen, aber auch Medikamententzug, Alkoholentzug und metabolische Störungen sind die häufigsten Ursachen.

Psychogener (dissoziativer) Anfall

  • Die Anfälle können allen Arten von epileptischen Anfällen ähneln oder auch das Bild einer Synkope nachahmen.
  • In der Regel sind die Patienten schneller reorientiert als bei einem epileptischen Anfall, es kommt selten zu Verletzungen, die Augen sind während eines Anfalles oft geschlossen oder gar zugekniffen.

Konvulsive Synkope4

  • Die Unterscheidung zwischen stattgehabter Synkope und erlittenem epileptischem Anfall stellt bei der Abklärung eines transienten Bewusstseinsverlustes mit im Intervall beschwerdefreien, klinisch unauffälligen Patienten eine große Herausforderung dar.
  • Insbesondere die Tatsache, dass auch Synkopen in 20–90 % mit mindestens diskreten, hypoxiebedingten Myoklonien der Extremitäten einhergehen, führt nicht selten zur Fehldiagnose einer Epilepsie (in bis zu 15–30 % der Fälle), während das umgekehrt seltener der Fall zu sein scheint.
  • Die Fehldiagnose einer Epilepsie hat erhebliche Konsequenzen, so z. B. Dauertherapie mit möglicherweise Nebenwirkungen verursachenden Antiepileptika und relevante Einschränkungen im privaten wie beruflichen Leben.

(Non-)REM-Schlaf-Verhaltensstörung5

  • Parasomnien sind durch unerwünschte Symptome, die im Schlaf auftreten, gekennzeichnet.
  • Die klinischen Gemeinsamkeiten der Arousalstörungen sind Verwirrtheit und Desorientiertheit, automatisches Verhalten, herabgesetztes Reaktionsvermögen gegenüber externen Stimuli, geringe Reaktion auf Bemühungen, Wachheit herzustellen, eine retrograde Amnesie für viele während der Ereignisse auftretende Vorgänge und das Auftreten meist im ersten Nachtdrittel aus dem Tiefschlaf (Non-REM) heraus.
  • Durch das Ausbleiben der motorischen Hemmung im REM-Schlaf kommt es zu motorischer Aktivität, die oft den Trauminhalten entspricht. Häufiges heftiges Ausagieren der Trauminhalte kann zu erheblicher Fremd- und Eigengefährdung führen. 

Transiente globale Amnesie (TGA)

  • Die transiente globale Amnesie (TGA) ist durch eine akut einsetzende Störung aller Gedächtnisinhalte (visuell, taktil, verbal) für einen Zeitraum von im Mittel 6–8 Stunden gekennzeichnet.
  • Während der Attacke ist die Behaltensspanne für neue Informationen reduziert, die Betroffenen sind zu Zeit und Situation häufig nicht, zur Person jedoch immer orientiert.
  • Es besteht keine Vigilanzminderung, die Patienten sind wach und kontaktfähig. 
  • Wegen der spontanen und vollständigen Rückbildung der Symptomatik besteht keine Notwendigkeit einer Therapie. Bis zum Abklingen der Symptomatik empfiehlt sich eine Beobachtung der Patienten, z. B. durch Angehörige. Am folgenden Tag sollte eine Nachuntersuchung erfolgen; Aufklärung der Patienten über die Gutartigkeit der Erkrankung. Darüber hinaus ergeben sich keine weiteren Konsequenzen. Maßnahmen zur Rezidivprophylaxe sind nicht bekannt.

Paroxysmale Bewegungsstörung

  • Epileptische Anfälle können sich als komplexe Bewegungsstörungen manifestieren, insbesondere wenn sie frontalen Ursprungs sind.
  • Umgekehrt sind die häufigsten Bewegungsstörungen, die Anlass für die Fehliagnose einer Epilepsie sein können, Myoklonus, paroxysmale Dyskinesien und nichtepileptische Augenbewegungen, Stereotypien und episodische Ataxien.

Transiente ischämische Attacke (TIA)

  • Plötzlich einsetzender fokaler, neurologischer Ausfall aufgrund von Störungen in der Blutzirkulation des Gehirns, mit Symptomen, die sich innerhalb von 24 Stunden zurückbilden. 

Weitere Informationen

Patienteninformationen

Patienteninformationen in Deximed

Illustrationen

Stabile Seitenlage 1
Stabile Seitenlage 1: Legen Sie den Patienten auf den Rücken. Der Ihnen nähere Arm wird im Ellbogengelenk um 90° gebeugt. Der gegenüberliegende Arm wird über den Brustkorb gelegt.
Stabile Seitenlage 2
Stabile Seitenlage 2: Fassen Sie den Patienten an der Schulter, die weiter von Ihnen entfernt ist (blauer Pfeil), und ziehen Sie gleichzeitig das Knie hoch, das weiter von Ihnen entfernt ist (roter Pfeil).
Stabile Seitenlage 3
Stabile Seitenlage 3: Führen Sie die Bewegung der vorherigen Position weiter, und rollen Sie den Patienten zu Ihnen hin auf die Seite, indem Sie an der Schulter und am Knie ziehen.
Stabile Seitenlage 3
Stabile Seitenlage 4: Legen Sie den oberen Arm unter den Kopf, und beugen Sie den Kopf ein wenig nach hinten. Der Mund sollte am nach unten zeigen, damit evtl. Erbrochenes herausfließen kann.

Quellen

Leitlinien

  • Deutsche Gesellschaft für Neurologie. Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter. AWMF-Leitlinie Nr. 030-041, Stand 2017. www.awmf.org
  • Deutsche Gesellschaft für Neurologie. Status epilepticus im Erwachsenenalter. AWMF-Leitlinie-Nr. 030-079, Stand 2012. www.awmf.org

Literatur

  1. Deutsche Gesellschaft für Neurologie. Status epilepticus im Erwachsenenalter. AWMF-Leitlinie-Nr. 030-079. Stand 2012. www.awmf.org
  2. Deutsche Gesellschaft für Neurologie. Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter. AWMF-Leitlinie Nr. 030-041, Stand 2017. www.awmf.org
  3. Rosenow F. Behandlung symptomatischer epileptischer Anfälle: Notwendigkeit oder Unsinn. Epileptologie 2013. www.epi.ch
  4. Humm A. Synkopen – nichtepileptische anfallsartige Störungen auf kardiovaskulärer Basis. Epileptologie 2007; 24: 184 – 192. www.epi.ch
  5. Mayer G, Kotterba S. Parasomnien im Erwachsenenalter. Dtsch Arztebl 2004. www.aerzteblatt.de

Autoren

  • Miriam Spitaler, Dr. med. univ., Ärztin für Allgemeinmedizin, Innsbruck/Österreich