Psychische Erste Hilfe (Krisenintervention)

Der Begriff Krise bezeichnet in diesem Zusammenhang eine psychische Krise. Dabei handelt es sich um ein Erlebnis, das als eine große psychische Belastung empfunden wird. Bisherige Lebenserfahrungen und herkömmliche Bewältigungsmechanismen versagen, der Betroffene kann mit der Situation nicht umgehen.

Deximed – Deutsche Experteninformation Medizin

"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiermann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

Deximed ist ein unabhängiges Arztinformationssystem mit Fokussierung auf die primärärztliche Versorgung. Evidenzbasierte und regelmäßig aktualisierte Artikel zu allen medizinischen Gebieten zeichnen Deximed aus.

Mehr erfahren

In welchen Situationen ist psychische Krisenhilfe erforderlich?

In der Regel unterscheidet man zwischen Lebenskrisen und traumatischen Krisen. Die Reaktionen ähneln sich allerdings stark. Wie groß die Belastung sein muss, um bei einer Person eine Krise auszulösen, ist individuell verschieden. Einige Menschen erleben zu praktisch keinem Zeitpunkt in ihrem Leben eine Krise (dies dürfte allerdings die Ausnahme sein), während andere mehrere Krisen durchleben.

Um weiterhin im Alltag zurechtzukommen und ein normales Leben zu führen, kann es nach einer Krise notwendig sein, professionelle Hilfe und Behandlung in Anspruch zu nehmen. Zwar lassen sich manche Krisen niemals komplett überwinden, mit entsprechender Hilfe ist es allerdings möglich, dauerhaftes Leiden zu lindern oder zu begrenzen. Zur Krisenbewältigung kann professionelle Hilfe – wie die eines Arztes, Psychologen oder anderer medizinischer Fachkräfte – in Anspruch genommen werden. In vielen, möglicherweise sogar in den meisten Fällen kann die Hilfe aber genauso gut von anderen Personen geleistet werden.

Lebenskrisen

Solche Krisen werden zuweilen auch als Entwicklungskrisen bezeichnet. Es handelt sich um Reaktionen auf Geschehnisse, welche die meisten Menschen irgendwann einmal durchleben. Beispiele:

  • Beziehungsbruch, Hochzeit, Geburt eines Kindes, eigener Auszug von Zuhause, Auszug der Kinder
  • eigene Erkrankung, Erkrankung einer nahestehenden Person, Verlust einer nahestehenden Person durch Tod oder Umzug
  • Eintritt ins Rentenalter, Verlust der Erwerbstätigkeit, neue Arbeit, wirtschaftlicher Verlust, Verlust des Ansehens

Traumatische Krisen

Dabei handelt es sich um plötzliche und unerwartete Erlebnisse, die eine Bedrohung für Leib und Seele darstellen. Beispiele:

  • Vergewaltigung
  • Gewalt
  • Unfall
  • Mobbing
  • Selbstmord im näheren Umfeld oder von Personen, die man bewundert oder kennt
  • Krieg

Krisenreaktionen

Jeder Mensch reagiert in einer akuten Krise auf seine eigene Weise. Auch die Stärke der Reaktion kann variieren. Dennoch gibt es einige Gemeinsamkeiten, die sich bei fast allen Menschen wiederfinden lassen. In der Regel wird der Verlauf einer Krisenreaktion folgendermaßen unterteilt:

1. Schockphase – kann wenige Sekunden bis hin zu einigen Tagen andauern

  • Typisch für diese Phase sind Schock und Leugnung.
  • Es dominiert ein Gefühl der Unwirklichkeit und Ungläubigkeit – das Geschehene kann unmöglich wahr sein.
  • Apathie: Der Betroffene ist verschlossen und unzugänglich und zeigt kaum emotionale Reaktionen.
  • Es kann sich mitunter als schwierig erweisen, an eine Person im Schockzustand mit praktischen Informationen heranzukommen. Dies sollte daher stets in einfachen und deutlichen Worten geschehen, so dass der Betroffene in der Lage ist, die entsprechende Information auch zu verarbeiten.
  • Oftmals ist die zeitliche Wahrnehmung gestört.
  • Mögliche physische Stressreaktionen sind z. B, Schweißausbrüche, Übelkeit, Herzrasen, Zittern, Magenschmerzen.

2. Reaktionsphase – einige Tage bis mehrere Wochen

  • Das Geschehene wird schmerzhaft als Tatsache erkannt und nicht mehr geleugnet, Gefühle werden zugelassen. Als Reaktion darauf versucht der Betroffene, in dem, was geschehen ist, einen Sinn zu entdecken.
  • Angst, Panik oder Zorn können die Folge sein.
  • Schlafstörungen und Alpträume sind ebenfalls möglich.
  • Es kann zu depressiven Verstimmungen oder Depressionen kommen.
  • Der Betroffene fühlt sich hilflos.
  • Das Krisenerlebnis wird in Gedanken noch einmal durchlebt und ruft Verzweiflung, Tränen und schmerzhafte Erinnerungen hervor.
  • Auch frühere Krisen können wieder ins Bewusstsein treten.
  • Psychischer Stress kann nur begrenzt bewältigt werden.
  • Abwehrmechanismen treten in Kraft: Das Geschehene wird verleugnet oder verdrängt. Auch die Schuldfrage spielt eine zentrale Rolle. Bei vielen führt dies zur sozialen Isolation – man meidet den Umgang mit anderen.

3. Bearbeitungsphase – einige Wochen bis mehrere Monate

  • Das Geschehene wird akzeptiert und die Lösung von Trauma und Vergangenheit ist möglich.
  • Die mit der Krise im Zusammenhang stehenden Emotionen werden zunehmend schwächer.
  • Betroffene sind weniger in sich gekehrt und suchen wieder den Kontakt zu anderen.
  • Auch die Abwehrmechanismen treten zunehmend in den Hintergrund.

4. Neuorientierungsphase

  • Das gewohnte Leben wird fortgesetzt.
  • Früheren Interessen wird wieder nachgegangen.
  • Neue Herausforderungen werden angegangen.
  • „Das Leben geht weiter.“

Wie werden Krisenreaktionen behandelt?

Der Begriff Krisenintervention hat mittlerweile den Charakter eines Modeworts und wird zunehmend in Tageszeitungen und anderen Medien verwendet. Die Krisenintervention umfasst die psychologische Betreuung und Behandlung von Menschen, die Hilfe bei der Bewältigung schwerer Krisen und bei der Rückkehr in den Alltag benötigen. Dieser Prozess gestaltet sich mitunter recht schwierig, aber es lohnt sich zumeist, aktiv zu werden, um dauerhaftes Leiden zu lindern oder zu begrenzen.

Krisenbewältigung

Viele Menschen reagieren wütend auf die Aussage, dass es wichtig sei, „darüber hinwegzukommen“. Wie kann man jemals über einen schweren Unfall oder den Verlust eines geliebten Menschen hinwegkommen? Viele verspüren Schuldgefühle bei dem Gedanken, irgendwann nicht mehr zu trauern. „Das mindeste, was ich tun kann, ist zu trauern“, denken einige Menschen.

Tatsächlich gibt es viele Krisensituationen, die niemals ganz überwunden werden können – aber das ist auch nicht in jedem Fall das Ziel. Eine Situation zu bearbeiten bedeutet nicht, sie zu vergessen. Es geht vielmehr darum, dass das Leben trotz allem weitergeht und man es leichter im Alltag hat, wenn man das Geschehene erfolgreich verarbeiten konnte.

Der Schlüssel zu einer solchen Versöhnung ist es, offen darüber zu reden. Schweigt man stattdessen, so riskiert man, seine Trauer für immer unbearbeitet mit sich herumzutragen. Es wird daher empfohlen, nach einer Krise stets über das Geschehene mit jemandem zu sprechen, selbst wenn man das Gefühl hat, dass kein Gesprächsbedarf besteht. Den meisten Menschen tun solche Gespräche gut.

Allerdings sollte eine Gesprächstherapie nur über einen begrenzten Zeitraum laufen, da sonst die Gefahr droht, dass dadurch die Krisenreaktion aufrechterhalten oder sogar verstärkt wird. Das Krisenerlebnis sollte adäquat verarbeitet werden, ohne jedoch das weitere Leben des Betroffenen infolge zu dominieren.

Spätfolgen

Krisenerlebnisse können ein breites Spektrum psychischer Leiden und Beschwerden hervorrufen oder auslösen. Nach einem traumatischen Erlebnis sind Angststörungen nicht ungewöhnlich. Durch den Verlust einer nahestehenden Person ist das Risiko, eine Depression zu entwickeln, erhöht.

Ob jemand aufgrund einer durchlebten Krise Spätfolgen erleiden wird, lässt sich nur schwer beurteilen. Dies ist nicht nur vom Ausmaß der Krise abhängig, sondern auch davon, wie stark das Geschehene den Betroffenen belastet. Bei extrem traumatischen Erlebnissen sind psychische Beschwerden nicht ungewöhnlich.

Wollen Sie mehr erfahren?

  • Posttraumatische Belastungsstörung – Informationen für ärztliches Personal

Autoren

  • Philipp Ollenschläger, Medizinjournalist, Köln