Zustand des Verletzten einschätzen

Wie Sie den Zustand einer verletzten Person einschätzen können.

Deximed – Deutsche Experteninformation Medizin

"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiermann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

Deximed ist ein unabhängiges Arztinformationssystem mit Fokussierung auf die primärärztliche Versorgung. Evidenzbasierte und regelmäßig aktualisierte Artikel zu allen medizinischen Gebieten zeichnen Deximed aus.

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Allgemeine Vorgehensweise

  • Wenn Sie den Zustand einer verletzten, eventuell bewusstlosen Person einschätzen müssen, sollten Sie als Erstes herausfinden, ob ein Atemstillstand vorliegt – in dem Fall muss umgehend mit der Wiederbelebung begonnen werden.
  • Sobald Gewissheit darüber besteht, dass die betroffene Person noch (oder wieder) atmet, sollte eine genauere Beurteilung ihres Zustands erfolgen.

Notfallcheck

  • Sind Sie oder der Verletzte gefährdet?
    • Die Eigen- und Fremdsicherung stehen an erster Stelle.
    • Sichern Sie den Unfallort ab.
  • Schätzen Sie den Zustand der verletzten Person ein. Maßnahmen zur Bewusstseinskontrolle: Sprechen Sie sie laut an, rütteln Sie sanft an ihren Schultern, zwicken Sie sie leicht – reagiert sie darauf und kann antworten?
    • Ja
      • Fahren Sie mit einer genaueren Zustandsbeurteilung fort (siehe unten).
      • Behandeln Sie eventuelle Verletzungen und alarmieren Sie bei Bedarf den Notruf unter der Nummer 112.
    • Nein
      • Rufen Sie laut um Hilfe.
      • Machen Sie die Atemwege frei: Überstrecken Sie den Kopf leicht, indem Sie eine Hand auf die Stirn legen und mit der anderen das Kinn hochziehen (Ausnahme: Verdacht auf Verletzungen der Halswirbelsäule; hier darf die Halswirbelsäule nur falls unbedingt nötig bewegt werden. Dabei ist sie gegenüber dem Körper zu stabilisieren, also nur vorsichtig zusammen mit dem Oberkörper).
  • Kontrollieren Sie die Atmung: Überprüfen Sie, ob Sie eine normale Atmung hören, fühlen oder sehen können.
    • Ja
      • Untersuchen Sie den Verletzten auf lebensbedrohliche Verletzungen.
      • Positionieren Sie ihn in stabiler Seitenlage und alarmieren Sie den Notruf.
    • Nein
      • Sorgen Sie dafür, dass jemand den Notruf alarmiert.
      • Beginnen Sie mit der Mund-zu-Mund-Beatmung und Herzdruckmassage (Laien: Kinder/Erwachsene, ärztliches Personal: Kinder/Erwachsene).
      • Setzen Sie die Wiederbelebungsmaßnahmen fort, bis ärztliche Hilfe eintrifft oder der Verletzte wieder selbständig atmet.
  • Fühlen Sie den Puls am Handgelenk oder vorsichtig am Hals. Er sollte regelmäßig sein und zwischen 50 und 100 Schlägen/Minute betragen.

Detaillierte Zustandsbeurteilung

  • Befindet sich der Verletzte nicht mehr in unmittelbarer Lebensgefahr und Sie sind sicher, dass keine weiteren lebensrettenden Maßnahmen erforderlich sind, sollten Sie den Zustand des Verletzten genauer beurteilen.
  • Klagt er über ein bestimmtes Problem, behandeln Sie dieses zuerst.
  • Kontrollieren Sie in regelmäßigen Abständen die Vitalfunktionen:
    • Bewusstsein
    • Puls
    • Atmung

Details zum Unfallhergang

  • Versuchen Sie sich einen Überblick über die Situation zu verschaffen, indem Sie folgende Fragen stellen:
  • Was ist passiert?
    • Wie ist es zu der Situation gekommen?
    • Hat der Verletzte diese Beschwerden zuvor schon einmal gehabt?
    • Gibt es etwas, das die Beschwerden lindert oder verschlimmert?
  • Wann ist der Unfall geschehen?
    • Zu welcher Uhrzeit?
    • Womit war der Verletzte da gerade beschäftigt?
  • Wo ist der Unfall geschehen?
    • War der Verletzte an einem bestimmten Ort, als die Beschwerden begannen?
  • Wieso ist es passiert?
    • Kennt der Verletzte die Unfallursache?
    • Haben spezielle Umstände zu den Beschwerden beigetragen?
  • Wie lange bestehen die Beschwerden bzw. der Zustand schon?
    • Haben die Beschwerden plötzlich begonnen oder bestehen sie schon seit längerem?
    • Haben sie sich verändert?

Wie ist der Unfall geschehen?

  • Möglicherweise erhalten Sie Hinweise zu weiteren potenziellen Verletzungen, indem Sie mehr über den Unfallhergang erfahren.
  • Sturz
    • Ist der Verletzte aus einer Höhe von über zwei Metern gefallen, kann es zu ernsten Verletzungen wie einem Beckenbruch, einer Schädigung des Rückenmarks oder inneren Organschäden gekommen sein.
  • Verkehrsunfall
    • Ist der Verletzte von der Seite getroffen worden, so ist das Risiko ernster Verletzungen größer als bei einem Frontalaufprall.
    • Bei vorschriftsgemäßer Anwendung eines Sicherheitsgurtes kommt es infolge eines Frontalaufpralls oder Auffahrunfalls häufig zum Schleudertrauma mit überstreckten Muskeln und überdehnten Bändern im Hals- und Nackenbereich. Zudem kann es an der Stelle, wo der Sicherheitsgurt aufliegt, zu Blutungen kommen.
  • Kopfsprung ins Wasser
    • Ist der Verletzte kopfüber in ein Schwimmbecken oder ins flache Wasser gesprungen, kann es zu Verletzungen der Halswirbelsäule gekommen sein.
  • Reitunglück
    • Ist der Verletzte während des Reitens vom Pferd gefallen, kann es zu Verletzungen am Kopf oder der Halswirbelsäule gekommen sein.

Im Falle einer Bewusstlosigkeit – Suche nach äußeren Hinweisen

  • Atmet der Patient, ist aber nicht bei Bewusstsein oder nicht imstande, auf Fragen zu antworten, suchen Sie nach folgenden möglichen Hinweisen:
  • Gegenstände, die eine Verletzung verursacht haben können
  • Gegenstände, die Aufschluss über das bestehende Problem geben können: gebrauchte Kanülen und Spritzen, Alkoholflaschen, Hinweise auf Drogenmissbrauch
  • Medikamente, die auf eine Erkrankung des Verletzten schließen lassen
    • Inhalatoren können auf Asthma hindeuten
    • Notfallspritzen können auf das Risiko einer lebensbedrohlichen, allergischen Reaktion hinweisen (anaphylaktischer Schock)
  • Notfall-Karte mit Informationen über Allergien, Diabetes oder Epilepsie
  • Notfall-Armband, -Halskette, -Pass oder -Medaillon mit medizinisch relevanten Informationen
  • Gesundheitsdaten im Mobiltelefon des Verletzten

Körperliche Untersuchung

  • Eine verletzte oder verunfallte Person sollte stets von Kopf bis Fuß untersucht werden, um den Schweregrad der Verletzungen beurteilen zu können. Dies ist normalerweise die Aufgabe des ärztlichen Personals (Arzt oder Notarzt). Mitunter gebietet die akute Situation es jedoch, dass der Ersthelfer eine erste Einschätzung vornimmt.
  • Die Symptome und Beschwerden können sich verändern, während Sie den Zustand der verletzten Person beurteilen.
  • Kontrollieren Sie in regelmäßigen Abständen die Vitalfunktionen: Bewusstsein, Puls und Atmung.
  • Suchen Sie nach Anzeichen einer Verletzung, hören Sie den Schilderungen des Verletzten zu. Lassen sich körperliche Veränderungen ertasten, nehmen Sie ungewöhnliche Gerüche wahr?
  • Nehmen Sie eine vorsichtige körperliche Untersuchung vor, während Sie aufmunternd und beruhigend auf den Verletzten einreden.
  • Stellen Sie Fragen, die für den Unfallhergang und die Behandlung von Relevanz sein können.

Generelle Symptome und Anzeichen

  • Fragen Sie den Verletzten, ob und wo er Schmerzen verspürt.
  • Fühlen Sie die Haut: Ist sie kalt, klamm, warm oder schwitzig?
  • Ist die Haut (speziell die Lippen) bläulich verfärbt? Dies deutet auf einen Sauerstoffmangel hin (Zyanose).
  • Überprüfen Sie die Atmung: Ist sie schnell, langsam, schwach oder erschwert?
  • Fühlen Sie den Puls am Handgelenk oder Hals des Verletzten: Ist er beschleunigt, langsam, schwach oder unregelmäßig?
  • Beobachten Sie den Bewusstseinszustand: Ist der Verletzte schläfrig, verwirrt oder ängstlich?

Untersuchung von Kopf und Hals

  • Untersuchung des Kopfes
    • Führen Sie Ihre Hände vorsichtig über den Kopf des Verletzten. Wenn Sie eine Verletzung der Halswirbelsäule vermuten, sollten Sie den Kopf möglichst nicht bewegen.
    • Finden sich Anzeichen einer Blutung, Schwellung oder Vertiefung im Schädel, so kann dies auf einen Schädelbruch hindeuten.
  • Ohren und Nase
    • Sprechen Sie deutlich in jedes Ohr hinein und überprüfen Sie die Reaktion.
    • Tritt Blut oder eine gelbliche Flüssigkeit aus Ohren, Mund oder Nase aus, so kann dies auf einen Schädelbruch hindeuten.
  • Augen
    • Überprüfen Sie die Augen auf Blutungen, Kratzer, Schwellungen oder Fremdkörper. Fragen Sie den Verletzten, ob er klar und deutlich sehen kann.
    • Überprüfen Sie, ob die Pupillen beider Augen gleich groß sind und sich bei Licht zusammenziehen. Sind die Pupillen unterschiedlich groß, kann dies auf einen Hirnschaden hindeuten.
  • Mund
    • Überprüfen Sie den Mundbereich auf Blutungen, Hämatome und Schwellungen.
    • Überprüfen Sie, ob der Atem des Betroffenen ungewöhnlich oder unangenehm riecht.
  • Fragen Sie, ob der Verletzte Nackenschmerzen verspürt.
  • Überprüfen Sie die Schlüsselbeine auf Verletzungen.

Untersuchung von Brust und Bauch

  • Brustkorb
    • Weist der Brustkorb Verletzungen auf, bewegt er sich unnatürlich beim Atmen?
    • Bitten Sie den Verletzten, tief einzuatmen, und beobachten Sie, ob sich der Brustkorb symmetrisch wölbt. Ist dies nicht der Fall, liegt möglicherweise eine Verletzung im Brustraum vor.
    • Ungewöhnliche Atemgeräusche nach dem Husten oder Keuchen können auf eine Verengung der Atemwege hindeuten.
    • Führen Sie Ihre Hände vorsichtig über den Brustkorb und überprüfen Sie ihn auf Schwellungen, Deformationen und Schmerzempfindlichkeit.
  • Bauch
    • Überprüfen Sie den Bauch auf Verletzungen, äußere Blutungen und Schwellungen.
    • Ist die Bauchmuskulatur schmerzempfindlich oder angespannt, so kann dies auf innere Verletzungen hindeuten.
  • Überprüfen Sie die Kleidung des Verletzten auf den Verlust von Urin, Stuhlgang oder Blut.
  • Überprüfen Sie das Becken auf Anzeichen einer Verletzung (Deformation).

Beurteilung des Rückens

  • Falls der Verletzte über starke Rückenschmerzen klagt oder Schwierigkeiten hat, die Gliedmaßen zu bewegen, vermeiden Sie es nach Möglichkeit, ihn zu bewegen. In diesem Fall besteht dringender Verdacht auf Verletzungen im Bereich der Wirbelsäule.
  • Fragen Sie den Verletzten, ob er Taubheitsgefühle oder ein Kribbeln in der Haut verspürt.

Untersuchung von Armen und Händen

  • Überprüfen Sie Arme und Hände auf Blutungen, Hämatome, Schwellungen und Fehlstellungen.
  • Bitten Sie den Verletzten, die Arme zu bewegen, um die Funktionsfähigkeit der verschiedenen Gelenke zu überprüfen.
  • Überprüfen Sie, ob sich Anzeichen von Nadeleinstichen finden lassen. Eventuell besteht ein Ansteckungsrisiko über das Blut (HIV, Hepatitis B).
  • Überprüfen Sie die Farbe der Finger. Sind sie blau, kann dies auf eine gestörte Blutzirkulation oder eine Kältereaktion hindeuten.

Untersuchung von Beinen und Füßen

  • Überprüfen Sie Beine und Füße auf Blutungen, Hämatome, Schwellungen und Fehlstellungen.
  • Bitten Sie den Verletzten, die Beine zu bewegen, um die Funktionsfähigkeit der verschiedenen Gelenke zu überprüfen.
  • Überprüfen Sie die Farbe der Füße und Zehen. Sind sie blau, kann dies auf eine gestörte Blutzirkulation oder eine Kältereaktion hindeuten.

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen