Ertrinken und Beinahe-Ertrinken

In zwei von drei Ertrinkungsunfällen lässt sich die Ursache auf Alkoholkonsum zurückführen.

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Definition

Kommt es nach einem Aufenthalt unter Wasser zum Sauerstoffmangel mit Todesfolge, so bezeichnet man dies als Ertrinken. Die Bezeichnung Beinahe-Ertrinken wird bei Personen angewendet, die einen solchen Sauerstoffmangel überleben.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat eine eigene Definition veröffentlicht: Ertrinken ist der Prozess, bei dem es infolge eines Untertauchens in einer Flüssigkeit zum Ersticken kommt. Mögliche Folgen des Ertrinkens sind Tod, Überleben mit Schädigungen oder Überleben ohne bleibende Schäden. Die Bezeichnung Ertrinken umfasst in diesem Fall also sowohl Personen, die durch das Untertauchen unter Wasser sterben, als auch solche, die einen solchen Vorfall überleben.

Häufigkeit

Seit den 50er Jahren ist die Zahl der Todesfälle durch Ertrinken stetig zurückgegangen. Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass deutlich mehr Menschen schwimmen können und überdies zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen getroffen wurden, die dazu geführt haben, dass weniger Menschen ins Wasser fallen. Die Schließung von Schwimmhallen sowie die Zuwanderung von Menschen, die das Schwimmen aus kulturellen Gründen nie erlernt haben, können unter Umständen bewirken, dass die Zahl der Ertrinkungsunfälle wieder ansteigt.

In zwei von drei Ertrinkungsunfällen lässt sich die Ursache auf Alkoholkonsum zurückführen. Am häufigsten kommt es bei Bade- oder Bootsunglücken, beim Einbrechen ins Eis oder bei Selbstmordversuchen zum Ertrinken.

Varianten des Ertrinkens

Beim Einatmen von Süßwasser werden wichtige Stoffe in der Lunge weggespült. Dies kann dazu führen, dass die Lungenflügel in sich zusammenfallen (kollabieren). Im Gegensatz zum Körpergewebe und den Flüssigkeiten im Inneren des Körpers enthält Süßwasser kein Salz. Dies führt dazu, dass das Wasser über die Zellwände in die Körperzellen eindringt und sich Flüssigkeitsansammlungen im Gewebe (sogenannte Ödeme) bilden. Beim Ertrinken in Salzwasser kommt es seltener zu Ödemen.

In einigen Fällen verschließen sich die Atemwege umgehend, sobald der Betroffene mit dem Kopf unter Wasser kommt. Ein Krampf im Schlund bewirkt, dass der Kehldeckel die Luftröhre verschließt. Auf diese Weise gelangen weder Luft noch Wasser in die Lunge des Betroffenen (sogenanntes trockenes Ertrinken).

Die Erste-Hilfe-Maßnahmen sind unabhängig der Ertrinkungsursache stets gleich.

Ausschlaggebende Faktoren für das Ausmaß der Folgeschäden

Der kritischste Faktor ist selbstverständlich die Zeit, also wie lange die ertrunkene Person unter Wasser gewesen ist. Auch der sogenannte Tauchreflex, der beim Ertrinken ausgelöst wird, ist von Bedeutung. Dieser bewirkt, dass die Durchblutung von Herz und Gehirn über einen kurzen Zeitraum größer ist als die in anderen Organen des Körpers. Das Gehirn ist das empfindlichste Organ des gesamten Körpers, dies gilt vor allem beim Ertrinken oder Beinahe-Ertrinken. Hirnschäden sind irreversibel, sie lassen sich nicht wieder rückgängig machen. Auch wenn eine Person das Ertrinken überlebt, kann sie schwere Hirnschäden davontragen.

Zusätzlich zum Erstickungsrisiko gibt es noch weitere Faktoren, die das Ausmaß der Folgeschäden infolge von Ertrinken oder Beinahe-Ertrinken beeinflussen können.

Eine bewusstlose Person, die nach einem längeren Aufenthalt unter Wasser geborgen wird, befindet sich in den ersten Minuten außerhalb des Wassers in einer lebensbedrohlichen Phase. Durch die erhöhte Wasseransammlung im Blutkreislauf steigt die Belastung des Herzens. Bei Personen, die unter Herzschwäche leiden, kann diese Belastung zu stark werden. Die ertrunkene Person sollte daher direkt nach der Bergung aus dem Wasser hingelegt werden und vorerst auch liegen bleiben.

Eine anhaltende Unterkühlung kann zu reduzierten Blutdruckreflexen führen. Auch wenn die Flüssigkeitsmenge im Blutkreislauf erhöht ist, fällt der Blutdruck weiter ab. Dies kann zum Kreislaufzusammenbruch und einem nicht behandelbaren Schock führen.

Wassertemperatur

Bei niedrigen Temperaturen fährt der Körper den Stoffwechsel und den Sauerstoffverbrauch herunter. Daher sind die Überlebensaussichten beim Ertrinken in kaltem Wasser besser als in wärmeren Gewässern. Dasselbe gilt für das Risiko einer Schädigung des Gehirns.

Unfall/Verletzung

Ist es beim Sturz ins Wasser zu Verletzungen gekommen, kann sich dies ebenfalls auf die Überlebenswahrscheinlichkeit auswirken. Bei Tauchunglücken sollten Sie besonders auf mögliche Verletzungen der Halswirbelsäule achten. Diese können zu einer Querschnittslähmung vom Hals an abwärts führen.

Weitere Faktoren

Steht der Betroffene unter dem Einfluss von Alkohol oder anderen Drogen, sind Reaktionsvermögen und die Koordinationsfähigkeit möglicherweise herabgesetzt, so dass er nicht in der Lage ist, sich selbst zu helfen.

Auch das Alter der Person kann von Bedeutung sein – Kinder kommen häufig besser zurecht als Erwachsene oder ältere Menschen. 

Entsprechende Hilfsmaßnahmen können Leben retten. Entscheidend dabei ist, wie schnell Hilfe geleistet werden kann. Allerdings besteht selbst bei Personen, die längere Zeit unter Wasser gewesen sind, aufgrund der verlangsamten Körperprozesse eine gewisse Überlebenschance.

Wie können Sie helfen?

  • Informieren Sie sich über die Erste-Hilfe-Maßnahmen bei Ertrinken und Beinahe-Ertrinken.
  • Alarmieren Sie den Notruf unter der Nummer 112 und folgen Sie den Anweisungen des Rettungspersonals, bis der Krankenwagen am Unfallort eintrifft.
  • Beginnen Sie mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung.
  • Nach erfolgreicher Reanimation sollte stets eine stationäre Aufnahme zu Beobachtung im Krankenhaus erfolgen, da ein erhöhtes Risiko für Lungenkomplikationen besteht.
    • Der Betroffene sollte so schnell wie möglich ins Krankenhaus gebracht werden, am besten unter ärztlicher Aufsicht.
    • Bis zu 72 Stunden nach dem Ertrinken kann es noch zur Ausbildung einer Schocklunge (akutes Lungenversagen) mit lebensbedrohlicher Atemnot kommen, verursacht durch einen dramatischen Sauerstoffabfall im Blut.
  • Achtung! Das sogenannte sekundäre Ertrinken ist noch bis zu drei Tagen nach dem Ertrinkungsunfall möglich.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Philipp Ollenschläger, Medizinjournalist, Köln

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Ertrinken und Beinaheertrinken. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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