Was tun bei Gehirnerschütterung?

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Hat jemand eine Gehirnerschütterung erlitten, wird er je nach Schwere der Symptome von einem Arzt und/oder ggf. in einer Klinik untersucht. Ergeben sich bei dieser Untersuchung keine Hinweise auf starke Beschwerden, ernste Hirnverletzungen oder ein erhöhtes Risiko für weitere Komplikationen, kann der Betroffene sich ggf. zu Hause erholen. Dennoch sind auch zu Hause noch einige Punkte zu beachten, um eine vollständige Genesung nicht zu gefährden. Für den Betroffenen selbst und die betreuenden Angehörigen ist es sinnvoll, den Verlauf und mögliche Probleme nach einer Gehirnerschütterung zu kennen, um ggf. richtig reagieren zu können.

Muss man mit schweren Komplikationen rechnen?

Akute Komplikationen sind bei einer leichten Kopfverletzung (entspricht einer Gehirnerschütterung) selten, v. a. bei Patienten, bei denen die ärztliche Untersuchung oder sogar Hirnscans im Krankenhaus keine verdächtigen Befunde gezeigt haben. Wenn trotzdem eines der folgenden Symptome auftritt, sollten sich die Betroffenen oder Angehörige sofort an den Arzt oder das Krankenhaus wenden:

  • zunehmend starke Kopfschmerzen
  • wiederholte Anfälle von Übelkeit/Erbrechen
  • Beeinträchtigung des Bewusstseins (die Person ist schwer zu wecken)
  • Verwirrtheit
  • Beschwerden, die nach einem zunächst beschwerdefreien Intervall von einigen Stunden auftreten (Sehstörungen oder andere Wahrnehmungsstörungen, Krampfanfall, Lähmungen, sehr starke Kopfschmerzen etc.). Dies kann Hinweis für eine Blutung im Bereich des Gehirns als Folge der Gehirnerschütterung sein und stellt dann einen Notfall dar. 

Welche Beschwerden und Symptome sind normal?

Eine leichte Kopfverletzung kann folgende leichte und vorübergehende Symptome verursachen:

  • mäßige Kopfschmerzen
  • Übelkeit/Erbrechen
  • Schwindel/körperliche Unsicherheit
  • Erinnerungslücken und/oder etwas verschlechtertes Gedächtnis
  • Konzentrationsschwäche

Diese Beschwerden sind in den ersten Stunden und evtl. einigen Tagen nach der Verletzung häufig; sie sollten sich im Verlauf bessern. In der Regel verschwinden sie von selbst, aber bei einigen Patienten können diese Symptome Wochen oder Monate anhalten. Verschlechtern sich diese Beschwerden oder halten länger als einige Tage an, ist ein erneuter Arztbesuch zu empfehlen.

Was kann man dagegen tun?

Die Betroffenen sollten zumindest am ersten Tag nicht allein gelassen werden und man sollte sie (je nach Empfehlung des Arztes) zunächst halbstündlich dann stündlich in der ersten Nacht wecken, um sicherzustellen, dass sie ansprechbar und ihre Reaktionen normal sind. Es wird Patienten nach einer Gehirnerschütterung empfohlen, die folgenden Aktivitäten in der Zeit nach dem Unfall deutlich einzuschränken, bis sie sich wieder fit fühlen:

  • längeres Fernsehen oder Lesen
  • Computerspiele
  • Alkohol
  • sportliche Aktivitäten, die die Gefahr einer neuen Kopfverletzung bergen (z. B. Ball-/Kontaktsportarten, Ski fahren, Skaten)

Bei leichten Kopfschmerzen können rezeptfreie Schmerzmittel wie z. B. Paracetamol helfen. Möglicherweise müssen die Betroffenen für ein paar Tage krankgeschrieben werden; dies hängt auch vom Beruf/Studiengang und Allgemeinzustand ab. Kinder sollten ggf. auch erst mehrere Tage abwarten, bis sie wieder zur Schule gehen.

Eine Person mit Gehirnerschütterung sollte am besten von Personen betreut werden, die sich mit dieser Erkrankung auskennen bzw. vom Arzt ausführlich darüber informiert wurden.
Bei stärker werdenden Symptomen sollte man sich zur Beurteilung an einen Arzt oder ein Krankenhaus wenden.

Sport und Gehirnerschütterung

Basierend auf Forschungsergebnisse wird Folgendes empfohlen:

  • Ein Sportler, der eine Gehirnerschütterung erlitten hat, sollte seine momentane Aktivität nicht sofort wieder aufnehmen.
  • Nach einer Gehirnerschütterung besteht je nach Schwere der Verletzung in den ersten Stunden bis Tagen ein erhöhtes Risiko einer erneuten Kopfverletzung (Ursache hierfür ist u. a. ein oft vorübergehend eingecshränktes Reaktionsvermögen).
  • Ein Sportler sollte seinen Sport erst weiter betreiben, wenn er sowohl im Ruhezustand als auch unter Belastung beschwerdefrei ist – dies setzt je nach Schwere der Gehirnerschütterung in der Regel eine Ruhepause von mehreren Tagen bis Wochen voraus. Bei Kindern gehen Experten von einer Erholungsphase von bis zu 4 Wochen aus, bei Erwachsenen etwa 2 Wochen.
  • Es ist zu empfehlen, zunächst ein eigenes Training wieder aufzunehmen, das nicht die Gefahr einer erneuten Kopfverletzung birgt (z. B. Joggen) und erst dann wieder seinen ausgeübten Sport zu treiben, v. a. bei Kontakt- oder Ballsportarten.  

Wann wird ein erneuter Kontakt mit dem Arzt notwendig?

Wenn Betroffene diese Ratschläge befolgt haben und sich die Beschwerden trotzdem nach einigen Tagen nicht bessern oder sogar verschlechtern, sollten sie sich ebenfalls an ihren Arzt wenden.

Weitere Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Kopfverletzungen. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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