Gehirnerschütterung

Gehirnerschütterung ist die Bezeichnung für eine Schädigung des Gehirns nach einem Schlag, Sturz, Aufprall etc., die zu leichten Symptomen des Betroffenen führt. Eine Gehirnerschütterung kann lediglich mit Schwindel und Unwohlsein ohne Bewusstseinsverlust, aber auch mit einem kurzfristigen Bewusstseinsverlust einhergehen. Sie entspricht damit am ehesten einem leichten Schädel-Hirn-Trauma. Mittlere und schwere Hirntraumata gehen mit stärkeren Symptomen und Einschränkungen einher.

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Hintergrund

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Kopfverletzungen können bereits nach kleinen Traumata (kräftiger Kopfball beim Fußball, Sturz beim Eishockey) und natürlich bei schweren Unfällen entstehen und gehen je nach Verletzung des Gehirns mit verschieden schweren Symptomen einher. Ärzte unterscheiden entsprechend beim Schädel-Hirn-Trauma je nach Beschwerdebild des Patienten (Bewusstseinsgrad, Einschränkungen, Reaktionen) die Schweregrade minimal, leicht, mittel und schwer. Eine als Gehirnerschütterung bezeichnete Folge einer Hirnverletzung entspricht dabei am ehesten einem leichten Schädel-Hirn-Trauma; der Betroffene hat meist vorübergehende Beschwerden und war möglicherweise über einen kürzeren Zeitraum bewusstlos. Für ein leichtes Hirn-Trauma gilt für die Bewusstlosigkeit eine Dauer von maximal 5 Minuten; eine Gehirnerschütterung kann jedoch auch mit einer etwas längerern Bewusstlosigkeit einhergehen. War jemand nach der Kopfverletzung nicht bewusstlos, litt anschließend nur vorübergehend an geringen Beschwerden, war gleich wieder ganz wach und zeigte auch sonst kaum oder keine neurologischen Auffälligkeiten, liegt ein minimales Schädel-Hirn-Trauma vor. 

In Deutschland erleiden pro Jahr von 100.000 Personen etwa 330 ein Schädel-Hirn-Trauma, von denen gut 90 % leicht ausgeprägt sind. Etwa 28 % der Schädel-Hirn-Verletzungen betreffen Kinder und Jugendlichen <16 Jahren; hier ist oft eine Sportverletzung die Ursache (Fußball, Eishockey oder Kontaktsportarten) oder auch ein Unfall beim Rad fahren, Skaten etc.. Stürze und Autounfälle sind hingegen die häufigsten Ursachen bei Erwachsenen.

Symptome

Das Gehirn ist zwar zum einen durch den Schädelknochen, zum anderen durch Hirnflüssigkeit recht gut geschützt, wird aber durch einen Aufprall doch oft deutlich geschädigt. Dabei ist zu beachten, dass das weiche Hirngewebe zunächst an der Stelle des Aufpralls an den Schädelknochen stößt und dann je nach Schwere des Unfalls zusätzlich noch an die gegenüber liegenden Seite des Schädels gedrückt wird. Je nach einwirkenden Kräften kann es nur zu kleinen Gewebeschäden oder auch deutlicheren strukturellen Veränderungen, Blutungen im Gehirn oder zwischen den Hirnhäuten kommen. Bei einer Gehirnerschütterung sind auf einer üblichen Computertomografie keine Auffälligkeiten zu erkennen, dennoch können kleinste Schäden vorliegen. 

Aufgrund dieser Hirnschäden können Betroffene sich benommen und schwindelig fühlen, (kurz) bewusstlos werden, an Übelkeit und Erbrechen, Kopfschmerzen und Erschöpfung leiden. Selbst wenn etwa ein Fußballspieler nach einem harten Kopfball sich scheinbar sofort wieder fit fühlt, sind meist für einige Zeit die Aufmerksamkeit und das Reaktionsvermögen verringert: Das Risiko für eine Folgeverletzung steigt also an. Ob ein Sportler nach einem Sturz oder Aufprall weiter spielen darf, wurde daher in den letzten Jahren insbesondere für Jugendliche deutlich strenger geregelt als früher.

Forschungen in den letzten Jahren haben gezeigt, dass auch nach einem leichten Schädel-Hirn-Trauma geringe kognitive Einschränkungen noch einige Tage bis Wochen fortbestehen können. Die Betroffenen können sich nicht richtig konzentrieren, sind schnell müde etc. Nach einer Gehirnerschütterung sollte man daher nur langsam wieder mit dem Sport beginnen, ggf. sollten Kinder auch erst einmal ein paar Tage gar nicht zur Schule gehen.  

Möglicherweise leidet der Betroffene auch vorübergehend unter einem Gedächtnisverlust, was die Zeit unmittelbar vor dem Unfall (retrograde Amnesie) oder nach dem Unfall angeht (anterograde Amnesie). Ein Gedächtnisverlust sowie Krampfanfall, längere Bewusstlosigkeit, Desorientierheit, Lähmungen, Sehstörungen, anhaltender Schwindel oder heftige Kopfschmerzen, mehrfaches Erbrechen und ähnliche Symptome sind jedoch Hinweise auf eine mittlere bis schwere Hirnverletzung und als Notfall zu betrachten. Eine sichtbare Kopfverletzung (blutende Wunde, Prellmarke) kann natürlich auch mit einem Schädel-Hirn-Trauma einhergehen.

Erste Hilfe

Wer sich einer gestürzten Person mit Kopfverletzung nähert, sollte zunächst prüfen, ob diese ansprechbar ist. Atmung und Kreislauf/Puls sollten ebenfalls überprüft werden. Atmet die Person nicht, sollte man schnell Hilfe/den Notarzt rufen und Maßnahmen zur Ersten Hilfe/Wiederbelebung (Erwachsene/Kinder) starten. Wichtig ist es darauf zu achten, ob sich der Betroffene auch an der Halswirbelsäule verletzt hat: Wenn ja, sollte der Patient möglichst nicht bewegt oder die Halswirbelsäule beim Umlagern des Betroffenen nicht im Verhältnis zum Körper bewegt werden.

Ist die Person ansprechbar, klagt aber über Kopfschmerzen, Schwindel oder ähnliche Symptome, sollte eine ärztliche Untersuchung und ggf. Überwachung über mindestens 24 Stunden erfolgen. Je nach Schwere der Symptome wird zur Beurteilung der Hirnschädigung im Krankenhaus eine Computertomografie durchgeführt..

Überwachung nach einer Gehirnerschütterung

Wie lange eine Person mit Gehirnerschütterung zu überwachen ist und ob sie möglicherweise daheim überwacht werden kann, hängt zum Teil davon ab, wie lange die Person bewusstlos war und wie ausgeprägt die übrigen Symptome waren und davon, ob noch Begleiterkrankungen bestehen, die das Risiko von Komplikationen erhöhen. Personen ohne Anzeichen von Schäden am Nervensystem (neurologische Schäden) werden in vielen Krankenhäusern einige Stunden beobachtet und können dann entlassen werden, wenn eine andere Person die Verantwortung für die weitere Beobachtung übernimmt. Siehe dazu Ratschläge bei Gehirnerschütterung.

Nachwirkungen

Am Tage nach einer Gehirnerschütterung und auch an den Folgetagen sind Kopfschmerzen und erhöhte Empfindlichkeit häufig, insbesondere bei Kindern. Wenn Betroffene nach einer Gehirnerschütterung sehr müde sind und schnell einschlafen, kann es sinnvoll sein, sie zunächst regelmäßig zu wecken, um zu überprüfen, ob sie weiterhin ansprechbar und orientiert sind und sich der Zustand nicht verschlechtert. Besprechen Sie dies mit dem Arzt; in solchen Fällen ist eine Überwachung im Krankenhaus dann doch oft empfehlenswert.

Wer eine Gehirnerschütterung hatte, dem wird geraten, seine normalen Aktivitäten erst wieder aufnehmen, wenn Kopfschmerzen und Schwindel abgeklungen sind. Vor allem für Kinder gibt es inzwischen klare Regeln, ab wann und in welchem Umfang das Kind wieder zur Schule gehen und am Sport teilnehmen kann.

Neuerliche Müdigkeit, Lähmungen und Sprachprobleme oder andere neurologische Auffälligkeiten einige Zeit nach einer Gehirnerschütterung geben jedoch Anlass zur Besorgnis. Diese können Anzeichen für eine Form von Hirnblutungen zwischen den Hirnhäuten (Subduralhämatom, Epiduralhämatom) sein. Bei derartigen Anzeichen muss man sofort einen Arzt konsultieren und das Gehirn mithilfe einer Computertomografie untersuchen lassen.

Langfristige Folgen einer Gehirnerschütterung

Nach einer Gehirnerschütterung erleben manche Personen Kopfschmerzen, Schwindel und Konzentrationsschwierigkeiten (postkommotionelles Syndrom), die noch Tage und Wochen nach der Verletzung anhalten. Wie häufig dies vorkommt, ist nicht genau bekannt, aber diese anhaltenden Beschwerden kommen eher nach leichten Traumata als nach schweren Hirnverletzunge vor. Meist lassen die Beschwerden nach einigen Monaten von selbst nach, in einigen Fällen bestehen sie aber länger. Ein Teil dieser Patienten leidet auch an psychischen Beschwerden, wie Panikzuständen und Depression.

Die wichtigste Behandlung ist dabei, dem Patienten zu vermitteln, dass bei der überwiegenden Mehrheit die Symptome dieses Syndroms nach einiger Zeit völlig verschwinden. Psychotherapie, Entspannungstechniken, bestimmte Medikamente können u. a. die Beschwerden lindern. 

Gehirnerschütterungen bei Sportlern

Bei ambitionierten Sportlern bzw. Leistungssportlern ist je nach Sportart das Risiko einer Gehirnerschütterung erhöht und es ist besonders wichtig, sich trotz der wichtigen Trainingspläne nach einer Hirnverletzung nicht zu früh wieder einem erneuten Risiko auszusetzen. Neueren Untersuchungen zufolge sind geringe, im Alltag kaum spürbare, kognitive Einschränkungen (Konzentration, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Lernen) recht häufig noch eine Zeit lang in speziellen Tests nachzuweisen. Gerade mehrmalige Gehirnerschütterungen bei Kindern und Jugendlichen sind eine Gefahr für eine dauerhafte Schädigung der Hirnfunktionen, die sich in kognitiven, aber auch psychischen Beschwerden äußern kann. Gerade bei Kontaktsportarten gibt es seit einigen Jahren für Kinder/Jugendliche und Erwachsene strengere Regeln für das Verhalten während des Spiels und die weitere Teilnahme nach einer Gehirnerschütterung.

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Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen