Schwere Schädel-Hirn-Verletzung

Eine schwere Schädel-Hirn-Verletzung (Schädel-Hirn-Trauma) kann lebensbedrohlich sein und erfordert eine zeitnahe Untersuchung und/oder Behandlung durch ärztliches Personal.

Teilen Sie diese Patienteninformation

QR-Code

Fotografieren Sie diesen QR-Code mit Ihrem Smartphone

Deximed – Deutsche Experteninformation Medizin

"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiemann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

Deximed ist ein unabhängiges Arztinformationssystem mit Fokussierung auf die primärärztliche Versorgung. Evidenzbasierte und regelmäßig aktualisierte Artikel zu allen medizinischen Gebieten zeichnen Deximed aus.

Mehr erfahren

Definition

Ein Schädel-Hirn-Trauma ist die Folge einer Gewalteinwirkung und/oder Verletzung des Gehirns, die so stark ist, dass das Gehirn in seiner Funktion gestört wird, z. B. in Form von Bewusstlosigkeit. Mögliche Begleitverletzungen betreffen die Kopfschwarte, den Schädelknochen, Gefäße und die äußere Hirnhaut. Eine Kopfverletzung ohne Hirnfunktionsstörung bezeichnet man als Schädelprellung.

Hintergrund

  • Bei einem Schädel-Hirn-Trauma können Blutungen innerhalb des Schädels auftreten, also an den Hirnhäuten oder im Hirngewebe, wodurch sich der Druck im Gehirn dramatisch erhöht. Symptome infolge dieser Blutungen können sofort, aber auch verzögert auftreten.
  • Durch die Verletzung kann ein offenes Schädeltrauma resultieren, bei dem Blutungen durch die verletzte Schädeldecke zu sehen sind. Aber auch bei unverletztem Schädelknochen und Kopfhaut sind schwere Schäden des Gehirns möglich (geschlossene Hirnverletzung).
  • Ein schweres Schädel-Hirn-Trauma ist lebensbedrohlich und erfordert sofortige Hilfe!

Häufigkeit

In Deutschland muss pro Jahr von 332 Patient*innen mit Schädel-Hirn-Verletzungen pro 100.000 Einw. ausgegangen werden, davon sind 91 % als leicht, 4 % als mittel und 5 % als schwer einzustufen. 28 % aller betroffenen Personen sind jünger als 16 Jahre.

Beurteilung der Schwere von Kopfverletzungen

Zur Einteilung von Schädel-Hirn-Traumata wird die Glasgow Coma Scale verwendet. Sie ermöglicht eine schnelle Einschätzung, die durch geschultes Personal ohne weitere Hilfsmittel erfolgen kann. Die Bewertungskriterien beziehen sich auf die spontane Muskelbewegung, Augenöffnung und Sprache. Es können maximal 15 Punkte erreicht werden.

  • minimales Schädel-Hirn-Trauma: 15 Punkte
  • leichtes Schädel-Hirn-Trauma: 13–15 Punkte
  • mittelgradiges Schädel-Hirn-Trauma: 9–12 Punkte
  • schweres Schädel-Hirn-Trauma: 3–8 Punkte

Entscheidend für die weitere Diagnostik sind neben der Klassifikation auch die Risikofaktoren der einzelnen Patient*innen. Bei erhöhtem Risiko kann eine CT-Untersuchung indiziert sein.

Risikofaktoren

  • Es lag eine Bewusstlosigkeit oder mindestens zwei Fälle von Übelkeit und Erbrechen vor.
  • Es werden Blutverdünner eingenommen (z. B. Aspirin, Clopidores, Ticagrelor).
  • Es werden Gerinnungshemmer eingenommen (z. B. Vitamin-K-Antagonist, Heparine, Dabigatran).
  • Die betroffene Person litt nach dem Trauma an einem epileptischen Krampfanfall.
  • Es bestehen Lähmungen.
  • Es gibt Anzeichen eines Knochenbruchs am Schädel.
  • Es bestehen starke Kopfschmerzen.
  • Es wurden Alkohol oder Drogen konsumiert.
  • Der Unfallhergang ist unklar.
  • Es bestehen Hinweise auf ein Hochenergietrauma.

Worauf können Sie achten?

Häufig ist das ärztliche Personal auf die Informationen durch Dritte angewiesen. Achten Sie auf folgende Symptome und Anzeichen:

  • War oder ist die betroffene Person ohne Bewusstsein? Wenn ja, wie lange?
  • Erinnert sich die betroffene Person an die Geschehnisse vor und nach dem Unfall?
  • Können Arme und Beine bewegt werden?
  • Besteht an einem oder mehreren Körperteilen eine Gefühlslosigkeit?
  • Bestehen Schmerzen?
  • Klagt die betroffene Person über Kopfschmerzen, Schwindel, Sehstörungen, Nackenschmerzen und/oder Übelkeit und Erbrechen?
  • Inwiefern haben sich die Beschwerden im Zeitverlauf verändert?
  • Tritt Blut oder andere Flüssigkeit aus Ohren, Nase, Auge oder Mund aus?
  • Finden sich Einblutungen rund um die Augenlider oder Blutungen im weißen Teil des Augapfels?
  • Blutet die Kopfhaut?
  • Sind die Pupillen ungleichmäßig groß?
  • Ist die Atmung unregelmäßig?

Sammeln Sie Informationen zur betroffenen Person und dem Unfall:

  • Wie war der Schadensmechanismus? Sturz, Schlag, Schnitt, Schuss usw.
  • Wie viel Energie hat eingewirkt (z. B. Fahrzeuggeschwindigkeit oder Sturzhöhe)
  • Wann war der Unfall?
  • Besteht eine Vergiftung? Wurden Drogen konsumiert?
  • Bestehen Erkrankungen oder Verletzungen, die den Unfall verursacht haben könnten?

Wann sollte der Notruf (112) alarmiert werden?

  • Es liegen stark blutende Wunden am Kopf oder im Gesicht oder tastbare starke Schwellungen am Schädel nach einem Sturz/Schlag auf den Schädel vor.
  • Die verletzte Person weist einen veränderten Bewusstseinszustand auf, selbst wenn dies nur vorübergehend der Fall ist.
  • Der Bereich rund um die Augen ist dunkel bzw. bläulich verfärbt.
  • Die verletzte Person atmet nicht.
  • Der verletzte Person ist verwirrt.
  • Es liegen Gleichgewichtsprobleme bzw. Schwindel vor.
  • Die betroffene Person erbricht.
  • Die verletzte Person hat einen Krampfanfall gehabt oder krampft immer noch.
  • Die verletzte Person kann einen Arm oder ein Bein nicht bewegen (Lähmung).
  • Selbst wenn diese Symptome nicht vorliegen, sollten Sie notärztliche Hilfe rufen, wenn Sie eine verletzte Person finden, die eine Kopfverletzung hat, und Sie sich nicht sicher sind, wie schwer diese ist.

Erste Hilfe bei akutem Schädel-Hirn-Trauma

  • Bei Verdacht auf eine Verletzung der Halswirbelsäule: Die betroffene Person nicht bewegen, wenn nicht unbedingt erforderlich. Ist es eine Umlagerung notwendig, muss darauf geachtet werden, die Halswirbelsäule gegenüber dem Körper/Kopf nicht zu bewegen.
  • Legen Sie die betroffene Person hin, möglichst mit leicht erhöhtem Kopf und Oberkörper.
  • Falls der die betroffene Person schlecht atmen kann, machen Sie die Atemwege frei: Gehen Sie hinter dem Kopf des Betroffenen auf die Knie, legen Sie Ihre Hände auf beiden Seiten des Kopfes unter den Kieferwinkel und heben Sie den Kiefer an, ohne den Nacken des Verletzten dabei zu bewegen.
  • Stillen Sie eventuelle Blutungen mit einem Verband oder einem sauberen Stück Stoff.
  • Überwachen Sie den Bewusstseinszustand der verletzten Person.
  • Hört die verletzte Person auf zu atmen, sollten Sie umgehend mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung beginnen (Kinder/Erwachsene).

Häusliche Beobachtung

Nach einem Schädel-Hirn-Trauma kann der Gehirndruck im Verlauf schrittweise zunehmen und zu einer Verschlechterung des Zustandes führen. Bei Patient*innen mit nur kurzzeitigem Bewusstseinsverlust ist in manchen Fällen statt einer Überwachung im Krankenhaus eine häusliche Beobachtung durch Dritte möglich. Das ärztliche Personal wird Sie ggf. darüber aufklären. An die verantwortliche Person werden folgende Anweisung gegeben:

  • Wecken Sie die verletzte Person in den ersten 4 Stunden nach dem Unfall jede halbe Stunde, dann während der folgenden 3 Stunden stündlich, danach bis zu 20 Stunden alle 2 Stunden.
  • Fragen Sie die verletzte Person nach ihrem Namen und Geburtsdatum, Zeit, Ort und Situation.
  • Kontaktieren Sie ärztliches Personal, wenn die Fragen nicht beantwortet werden können, bei verringertem Bewusstsein, Übelkeit, Erbrechen oder wenn Zweifel über den Zustand bestehen.

Weitere Informationen

Autor*innen

  • Hannah Brand, Cand. med., Berlin
  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Schädel-Hirn-Trauma. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie. Schädel-Hirn-Trauma im Erwachsenenalter. AWMF-Leitlinie Nr. 008-001, Stand 2015. www.awmf.org
  2. Gesellschaft für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin. Das Schädel-Hirn-Trauma im Kindesalter. AWMF-Leitlinie Nr. 024-018, Stand 2011. www.awmf.org
  3. Kuppermann N, Holmes JF, Dayan PS, et al, for the Pediatric Emergency Care Applied Research Network (PECARN). Identification of children at very low risk of clinically-important brain injuries after head trauma: a prospective cohort study. Lancet 2009; 374: 1160-70. PubMed
  4. Hamilton M, Mrazik M, Johnson DW. Incidence of delayed intracranial hemorrhage in children after uncomplicated minor head injuries. Pediatrics 2010; 126: e33-39. www.ncbi.nlm.nih.gov
  5. Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie. Polytrauma / Schwerverletzten-Behandlung. AWMF-Leitlinie Nr. 012-019, Stand 2016. www.awmf.org
  6. af Geijerstam JL, Oredsson S, Britton M; OCTOPUS Study Investigators. Medical outcome after immediate computed tomography or admission for observation in patients with mild head injury: randomised controlled trial. BMJ 2006; 333: 465. www.ncbi.nlm.nih.gov
  7. Norlund A, Marké LÅ, af Geijerstam JL et al. Cost comparison of immediate computed tomography or admission for observation after mild head injury: randomised controlled trial. BMJ 2006; 333: 469-71. www.jstor.org
  8. Undén J, Ingebrigtsen T, Romner B. Scandinavian guidelines for initial management of minimal, mild and moderate head injuries in adults: an evidence and consensus-based update. BMC Med 2013; 11: 50. PubMed
  9. Stubbe H, Wölfer J. Schädel-Hirn-Trauma bei Erwachsenen. Intensivmedizin up2date 8, 2012. www.thieme.de