Notfallsituationen bei Diabetes

Bei Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) kann es sowohl bei zu niedrigem als auch bei zu hohem Blutzucker zu akuten Komplikationen kommen. Hier finden Sie Empfehlungen hinsichtlich der Ersten Hilfe in solchen Akutsituationen.

Deximed – Deutsche Experteninformation Medizin

"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiermann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

Deximed ist ein unabhängiges Arztinformationssystem mit Fokussierung auf die primärärztliche Versorgung. Evidenzbasierte und regelmäßig aktualisierte Artikel zu allen medizinischen Gebieten zeichnen Deximed aus.

Mehr erfahren

Hintergrund

  • Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) bezeichnet eine Krankheit, bei der der Zuckerstoffwechsel im Körper nicht richtig reguliert werden kann. Entscheidend hierfür ist Hormon Insulin.
  • Bei Personen mit Diabetes Typ 1 kann im Körper nicht genug Insulin produziert werden, bei Typ 2 können die Zellen, die Zucker aus dem Blut aufnehmen sollen, nicht mehr ausreichend auf Insulin reagieren.
  • Insulin ist ein Hormon, das steuert, wie viel Zucker sich im Blut befindet.
  • Bei zu viel Insulin kommt es zu einem zu niedrigen Blutzuckerspiegel (Hypoglykämie).
  • Bei zu wenig Insulin kommt es zu einem zu hohen Blutzuckerspiegel (Hyperglykämie).
  • Beides kann zu schwerwiegenden Problemen führen.

Zucker ist lebensnotwendig für die Energiezufuhr aller Körperzellen. Der aus der Nahrung über den Darm ins Blut aufgenommene Zucker wird in die Zellen aufgenommen, wofür jedoch das Hormon Insulin als „Türöffner" nötig ist. Beim Gesunden wird die Produktion und Freisetzung von Insulin in der Bauchspeicheldrüse im Zusammenspiel mit der Zuckerkonzentration im Blut genau reguliert; die Körperzellen reagieren prompt auf das Insulin und können entsprechend Zuckermoleküle aufnehmen. Bei Typ-1-Diabetes wird zu wenig oder gar kein Insulin mehr in der Bauchspeicheldrüse produziert, bei Typ-2-Diabetes ist zwar Insulin vorhanden, aber die Körperzellen können kaum noch darauf reagieren. In beiden Fällen steigt also ohne Therapie der Blutzuckerspiegel an.

Typ-1-Diabetiker müssen Insulin spritzen, damit die Regulation aufrecht erhalten bleibt. Falls sie aber versehentlich zu viel Insulin spritzen bzw. dann zu wenig essen oder zu viel Sport treiben, kann die Zuckerkonzentration im Blut (der Blutzuckerspiegel) rasch auf gefährlich niedrige Werte sinken. Beim Typ-2-Diabetiker kann eine Überdosierung der Tabletten, vergessene Mahlzeiten, unverhältnismäßig viel Sport bei zu geringer Nahrungszufuhr etc. ebenfalls zu einem zu niedrigen Blutzuckerspiegel führen. Der Betroffene wird müde, fahrig, unkonzentriert, verwirrt und evtl. sogar bewusstlos. Hier können schon kleine Änderungen der Zuckerkonzentration die Symptome deutlich verschlechtern bzw. verbessern.

Auf der anderen Seite kann ein extrem zu hoher Blutzucker den Stoffwechsel des Körpers so verändern, dass bestimmte Substanzen entstehen, die zu Verwirrung und ebenfalls Bewusstlosigkeit führen können (sogenannte Ketoazidose). In dieser Situation sind deutlich größere Änderungen der Zuckerkonzentration im Blut nötig, um die Symptome zu verbessern (oder versehentlich zu verschlechtern).

Erste Hilfe bei Diabetikern mit auffälligen Symptomen 

  • Sowohl bei einem zu hohen als auch bei einem zu niedrigen Blutzuckerspiegel kann es zu Verwirrtheit kommen, sodass die betroffene Person nicht kooperieren oder nicht mitteilen kann, worin das Problem besteht.
  • Anhand der Symptome lässt sich oft kaum feststellen, ob eine Person, die an Diabetes mellitus leidet und verwirrt ist, einen zu hohen oder einen zu niedrigen Blutzuckerspiegel aufweist.
  • Falls Sie keine Erfahrung im Umgang mit Diabetes mellitus haben oder nicht über die Möglichkeit verfügen, den Blutzucker zu messen, ist Folgendes zu empfehlen:
    • Gehen Sie davon aus, dass der Patient einen zu niedrigen Blutzuckerspiegel aufweist.
    • Bei einem zu niedrigen Blutzuckerspiegel ist die Gabe von Zucker, gleich in welcher Form, lebensrettend.
    • Sollte sich später herausstellen, dass der Blutzuckerspiegel des Patienten erhöht war, so führt der zusätzlich verabreichte Zucker zu keinerlei zusätzlichen Schäden.
  • Verabreichen Sie Zucker in einer der folgenden Formen:
    • Bieten Sie ein süßes, zuckerhaltiges Getränk wie etwa Saft oder Limonade an. Vorsicht: Sie müssen sicherstellen, dass der Patient noch gut schlucken kann bzw. sich nicht verschluckt.
    • Bieten Sie Süßigkeiten/Traubenzucker oder evtl. Puderzucker an (viele Diabetiker führen einen „Notproviant“ in ihrer Tasche, Jackentasche o. Ä. mit sich).
    • Sprechen Sie den Patienten an und versuchen Sie, seine Aufmerksamkeit zu erhalten.

Erste Hilfe bei Bewusstlosigkeit

  • Machen Sie die Atemwege frei und prüfen Sie, ob die betroffene Person atmet.
  • Bringen Sie die betroffene Person in die stabile Seitenlage, falls sie atmet.
  • Bereiten Sie sich darauf vor, bei Bedarf die Wiederbelebung einzuleiten (Kinder/Erwachsene).
  • Wählen Sie die 112 und rufen Sie einen Krankenwagen.
  • Versuchen Sie, auf folgende Weise Zucker zu verabreichen:
    • Geben Sie Honig oder Puderzucker auf das Zahnfleisch zwischen Wange und Zähnen.
    • Sehen Sie in den Taschen der Person nach, ob diese Traubenzuckergel mit sich führt, das auf das Zahnfleisch zwischen Wange und Zähnen gegeben werden kann.
    • Inzwischen gibt es Glukose auch in Form von Spray.
  • Prüfen Sie regelmäßig Lebensfunktionen wie Reaktionsfähigkeit (Bewusstsein), Atmung und Puls, bis Hilfe eintrifft.

Zu niedriger Blutzuckerspiegel (Hypoglykämie)

Auch wenn sich manche Symptome bei zu hohem und zu niedrigem Blutzuckerspiegel gleichen, gibt es doch auch Unterschiede.

Typische Symptome und Beschwerdebilder

  • Tritt vor allem bei Patienten auf, die Insulin verwenden.
  • Schwitzen – kalte, feuchte und blasse Haut
  • Schneller Puls
  • Hungergefühl (nicht immer), Schwäche, Ohnmacht
  • Übelkeit, Kopfschmerzen
  • Verwirrtheit, Patient reagiert schlecht, wenn er angesprochen wird.
  • Flache Atmung

Erste Hilfe bei ansprechbaren Patienten, bei denen bekannt ist, dass ein zu niedriger Blutzuckerspiegel vorliegt

  • Reichen Sie dem Patienten zuckerreiche Getränke oder Lebensmittel.
    • Bitten Sie ihn, sich hinzusetzen (evtl. nur halb aufgerichtet, etwa bei Schwindel).
    • Bieten Sie ein gesüßtes Getränk oder etwas Süßes/Traubenzucker zum Essen an.
  • Es ist wichtig, dass sich die betroffene Person ausruhen kann.
    • Wenn sie sich langsam besser fühlt, können Sie erneut Getränke oder Lebensmittel anbieten.
    • Der Patient sollte sich über ausreichend Zeit ausruhen.
    • Eventuell sollte er seinen Arzt bezüglich der Behandlung konsultieren.

Zu hoher Blutzuckerspiegel (Hyperglykämie)

Typische Symptome und Beschwerdebilder

  • Tritt bei Diabetikern und insbesondere bei Personen auf, die Insulin verwenden.
  • Trockene Haut
  • Tiefe, schwere Atmung, schneller Puls
  • Atem riecht nach Aceton (wie Nagellackentferner)
  • Sehr starker Durst
  • Betroffene Person kann verwirrt sein und schließlich das Bewusstsein verlieren.

Erste Hilfe bei ansprechbaren Patienten, bei denen bekannt ist, dass ein zu hoher Blutzuckerspiegel vorliegt

  • Wählen Sie die 112 und rufen Sie einen Krankenwagen.
  • Sie sollten kein Insulin verabreichen, wenn Sie darin keine Erfahrung haben.
    • Ein zu niedriger Blutzuckerspiegel ist im akuten Fall kritischer als ein zu hoher Blutzuckerspiegel.
    • Es besteht das Risiko, großen Schaden anzurichten, indem zu viel Insulin verabreicht wird oder falls sich herausstellt, dass der Blutzuckerspiegel der betroffenen Person nicht erhöht war.
  • Prüfen Sie regelmäßig Lebensfunktionen wie Reaktionsfähigkeit (Bewusstsein), Atmung und Puls, bis Hilfe eintrifft.

Weitere Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen