Metabolische Azidose

Eine metabolische Azidose tritt ein, wenn der Anteil von Säuren in der Körperflüssigkeit erhöht ist. Dies führt zur Absenkung des pH-Wertes. Dieser Zustand wird vor allem bei Diabetikern und Patienten mit Nierenversagen beobachtet und muss sofort behandelt werden.

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Eine metabolische Azidose tritt ein, wenn die Wasserstoffionenkonzentration bzw. die Konzentration von Säuren in der Körperflüssigkeit erhöht ist. Dies führt zur Absenkung des pH-Wertes. Die Bezeichnung metabolisch bedeutet, dass die Azidose, also die Übersäuerung, durch veränderte Stoffwechselprozesse verursacht wird. Eine solche Azidose wird vor allem bei Personen, die an Diabetes leiden, und Patienten mit Nierenversagen beobachtet.

Normalerweise haben die Körperflüssigkeiten einen pH-Wert von etwa 7,4, der durch verschiedene Mechanismen sehr genau reguliert wird, weil dies für die Organfunktionen entscheidend ist. Bei höheren Werten (z. B. 7,5) liegt eine Alkalose vor und bei niedrigeren Werten (z. B. 7,3) eine Azidose. Die metabolische Azidose entsteht dadurch, dass verschiedene chemische Prozesse im Körper eine Anhäufung von Säure bewirken. Die „Gegenspieler“ der Säuren, also Basen (vor allem Bikarbonat), liegen dagegen in zu niedriger Konzentration vor.

Die unzureichende Abatmung von CO2 über die Lunge führt ebenfalls zu einer Azidose. Diese wird als respiratorische Azidose bezeichnet und weist auf eine mangelnde Atmung hin. Allerdings versucht der Körper bei Vorliegen einer metabolischen Azidose diese durch ein verändertes Atemmuster auszugleichen: Betroffene weisen dann häufig eine sogenannte Kußmaul-Atmung auf, bei der auffallend tief und regelmäßig ein- und ausgeatmet wird. Dadurch wird möglichst viel CO2 ausgeatmet, um die Azidose etwas abzumildern.

Ursachen den metabolischen Azidose

Metabolische Azidose entsteht durch die erhöhte Produktion oder die verminderte Auscheidung von Säuren oder auch die verminderte Konzentration von Basen im Körper.

Eine wichtige Ursache ist eine Stoffwechselveränderung, die zur Ketoazidose führt. Ketonkörper sind Stoffwechselprodukte, die entstehen, wenn der Körper keine Glukose zur Energieversorgung zur Verfügung hat. Eine Ketoazidose kann daher bei Mangelernährung bzw. Hungerperioden sowie bei einem Mangel an Insulin (ketoazidotisches Koma bei Zuckerkrankheit) oder auch bei hohem Alkoholkonsum vorkommen.

Eine andere Säure, die sich im Körper anhäufen kann, ist Laktat. Eine Laktatazidose kann sich durch einen verringerten Kreislauf bei Herz-/Kreislaufversagen (Schock) oder auch im Rahmen einer Blutvergiftung (Sepsis) entwickeln. Auch das Medikament Metformin zur Kontrolle des Blutzuckers bei Diabetes sowie bestimmte andere Medikamente können bei manchen Menschen zu einer erhöhten Laktatkonzentration im Körper führen.

Vergiftungen (Methanol, Ethanol, Salicylsäure) sind eine weitere mögliche Ursachen für eine metabolische Azidose.

Über die Niere werden beim Gesunden zum einen ausreichend Säuren ausgeschieden, zum anderen Basen (Bikarbonat) gebildet. Besteht eine Nierenfunktionsstörung (Niereninsuffizienz) oder gar ein Nierenversagen, so können diese Prozesse gestört sein und zu einer Azidose führen. 

Basen/Bikarbonat zum Ausgleich des pH-Werts können auch bei Durchfallerkrankungen in zu großen Mengen über den Darm verloren gehen, sodass wegen des Überschusses an Säuren eine Azidose entstehen kann. Ähnliche Folgen können auch chronische Verdauungsstörungen haben. Patienten, die aufgrund einer Operation am Darmtrakt einen künstlichen Darmausgang (Stoma) tragen, sind ebenfalls gefährdet.  

Carboanhydrasehemmer, ein Medikament zur Therapie des Glaukoms, können in zu hohen Mengen ebenfalls die Bildung von Bikarbonat beeinträchtigen und eine Azidose begünstigen.

Symptome

Im Allgemeinen liegt dieser Komplikation eine schwere Erkrankung zugrunde, und das Krankheitsbild wird in der Regel durch diese primäre Erkrankung geprägt. Eine leichte Azidose muss keine Symptome zeigen; im Verlauf können sich als unspezifische Beschwerden Übelkeit und Erbrechen zeigen.

Eine Kußmaul-Atmung kann Anzeichen einer Azidose sein. Dieses Atemmuster ist durch ungewöhnlich langsames, tiefes und regelmäßiges Ein- und Ausatmen gekennzeichnet. Der Körper versucht, die Azidose durch diese Atmung zu korrigieren, indem er mehr CO2 ausstößt. Die Betroffenen atmen jedoch in einigen Fällen auch eher ungewöhnlich schnell.

Eine schwere Azidose kann Folge eines Schocks sein, aber ebenso einen Schock auslösen, da dieser Zustand die Pumpfunktion des Herzens beeinträchtigt. Daraus entsteht ein Teufelskreis, wobei die Übersäuerung das Herz schwächt, dieses schlechter pumpt, der Kreislauf sich verschlechtert und sich damit die Azidose immer weiter verstärkt. Es ist daher dringend notwendig, einer metabolischen Azidose schnellstens entgegenzuwirken.

Diagnose

Die Diagnose erfolgt in der Regel mithilfe einer Blutuntersuchung (Blutgasanalyse). Das Blut muss von einer Arterie entnommen werden, im Gegensatz zu gewöhnlichen Blutentnahmen, die aus Venen entnommen werden. Das Blut wird meist am Handgelenk entnommen und die Einstichstelle danach für mehrere Minuten komprimiert, um ein Nachbluten in die Haut zu vermeiden. Im Blut lassen sich pH-Wert, Bikarbonatkonzentration sowie weitere Parameter bestimmen, anhand derer sich eine genaue Diagnose stellen und das Ausmaß der Azidose beurteilen lässt.

Es ist für die Therapie wichtig, die zugrunde liegende Ursache einer metabolischen Azidose herauszufinden. Hierzu sind eine Reihe von anderen Blutuntersuchungen, Urinproben, und gegebenenfalls weitere Untersuchungen notwendig.

Therapie

Die akut aufgetretene metabolische Azidose ist eine ernsthafte Erkrankung, bei der eine Krankenhausbehandlung erforderlich ist. Dort behandelt man die Azidose mithilfe von Infusionen. Entscheidend ist zudem die Behandlung der auslösenden Erkrankung, in der Regel auf der Intensivstation: also z. B. Gabe von Insulin und Flüssigkeit bei Diabetes, Therapie eines Kreislaufversagens, Antibiotika bei einer Sepsis, Unterstützung der Nierenfunktion bzw. Dialyse bei Nierenversagen.

Patienten mit einer chronischen Niereninsuffizienz weisen in einigen Fällen eine chronische (leichter ausgeprägte) metabolische Azidose auf; diese lässt sich oft durch Medikamente sowie durch eine entsprechend angepasste Ernährung kontrollieren.

Prognose

Eine metabolische Azidose wird durch eine meist schwere/lebensbedrohliche zugrunde liegende Erkrankung ausgelöst. Je nachdem, wie schwer diese Grunderkrankung ist, erfolgt eine entsprechende Therapie; dies bestimmt dann den Verlauf bzw. die Prognose für die Betroffenen. Wenn schnell eine korrekte Diagnose und effektive Therapie erfolgt, lässt sich die Azidose in der Regel erfolgreich behandeln.

Weitere Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

 

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Metabolische Azidose. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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