Alkoholvergiftung

Eine akute Alkoholvergiftung verursacht vorübergehende mentale Störungen und Muskelkoordinationsstörungen. Der Zustand ist in der Regel selbstheilend; schwere Vergiftungen können eine intensive Therapie erfordern.

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Was ist eine Alkoholvergiftung?

Es handelt sich um eine akute Vergiftung durch Alkohol (Ethanol), die vorübergehende mentale Störungen und eine verminderte Muskelkontrolle (Koordination) verursacht.

Eine Alkoholvergiftung tritt auf, wenn die Menge an Alkohol, die eine Person zu sich nimmt, die individuelle Toleranzgrenze für Alkohol überschreitet, und psychische und körperliche Veränderungen verursacht. Man unterscheidet zwischen leichten, mäßigen, beträchtlichen und schweren Alkoholvergiftungen.

  • Leichter Alkoholeinfluss
    • Geruch nach Alkohol, leichte Verhaltensstörung sowie Beeinträchtigung des Funktions- und Reaktionsniveaus oder leichte Koordinationsstörungen
  • Mäßiger Alkoholeinfluss
    • Geruch nach Alkohol, mäßige Verhaltensstörung sowie Beeinträchtigung des Funktions- und Reaktionsniveaus oder mäßige Koordinationsstörungen
  • Beträchtlicher Alkoholeinfluss
    • Deutliche Verhaltensstörung sowie Beeinträchtigung des Funktions- und Reaktionsniveaus, erhebliche Koordinationsstörungen und eingeschränkte Kooperationsfähigkeit
  • Schwerwiegender Alkoholeinfluss
    • Stark eingeschränktes Funktions- und Reaktionsniveau, schwerwiegende Koordinationsstörungen

Bei den meisten Menschen wird der Ethanolgehalt des Blutes mit einer Geschwindigkeit von rund 0,15 bis 0,20 ‰ pro Stunde abgebaut, während Alkoholabhängige Alkohol nahezu mit doppelter Geschwindigkeit verstoffwechseln.

Häufigkeit

Im Jahr 2014 gab es in Deutschland 118.562 Krankenhauseinweisungen aufgrund akuter Alkoholintoxikationen.

Was geschieht im Körper?

Alkohol hat eine hemmende Wirkung auf bestimmte Teile des Gehirns. Mit zunehmendem Alkoholkonsum werden stetig weitere Funktionen in der folgenden Reihenfolge beeinträchtigt:

  1. Verlust des normalen Sozialverhaltens
  2. Amnesie
  3. Verwirrung
  4. Desorientierung
  5. Herabgesetzte Koordinationsfähigkeit der Bewegungen
  6. Zunehmende Bewusstlosigkeit
  7. Koma
  8. Tod – Atemstillstand

Alkohol-Entzug

Bei chronischem Alkoholmissbrauch sind nach dem abrupten Absetzen des Alkoholkonsums Vergiftungssymptome möglich. Dies wird als Abstinenz bezeichnet. Dieser Zustand kann außerdem in mehrere Stadien unterteilt werden. Die Grenzen zwischen den Phasen sind fließend. Es müssen nicht alle Symptome auftreten:

  • Leicht
    • Unruhe, Angstzustände, Depression, Schlaflosigkeit
  • Mäßig
    • Auftreten nach 24–36 Stunden Ausgeprägte psychische und körperliche Symptome wie Zittern, Schwitzen, Kopfschmerzen, Übelkeit, schneller Puls, schnelle Atmung, Bluthochdruck
  • Schwer ausgeprägt
    • Deutliche Unruhe, vorübergehende Halluzinationen oder Illusionen Deutliche Hyperaktivität mit starkem Zittern, Übelkeit und Erbrechen Der Allgemeinzustand ist deutlich beeinträchtigt.
  • Kompliziert
    • Einschließlich Delirium tremens oder körperlicher Komplikationen wie Krämpfe, erhöhte Temperatur oder eine stark erhöhte Herzfrequenz und Bluthochdruck Nur 5 % der Patienten auf Alkoholentzug erleben ein Delirium tremens.

Die körpereigene Aufnahme und der Abbau von Alkohol

Alkohol-Aufnahme

Etwa 20 % des Alkohols werden mit dem Blutfluss direkt aus dem Magen und 80 % aus dem Dünndarm aufgenommen (absorbiert). Je länger sich der Alkohol im Magen befindet, desto langsamer wird er absorbiert, und der Spitzenwert der Alkoholkonzentration im Blut ist umso niedriger. Dies erklärt, warum die Aufnahme von Nahrung während des Alkoholkonsums einen „Brummschädel“ verhindert.

Verteilung des Alkohols im Körper

Ethanol ist leicht löslich in Wasser, löst sich in Fett hingegen viel schlechter. Der Alkohol fließt daher in Gewebe, die reich an Wasser (z. B. in den Muskeln) sind, anstatt in das Fettgewebe. Zwei Menschen mit identischem Körpergewicht, von denen jedoch einer klein und korpulent und der andere groß und schlank ist, reagieren unterschiedlich auf die Menge des zugeführten Alkohols. Da die korpulente Person in Relation eine geringere Muskelmasse als die schlanke Person aufweist, ist die Blutalkoholkonzentration der korpulenten Person höher. Mit anderen Worten sind korpulente Menschen eher betrunken als schlanke oder muskulöse Menschen.

Frauen verfügen durchschnittlich über einen höheren Anteil an Körperfett als Männer. Aus dem gleichen Grund wie oben genannt, weist eine Frau eine höhere Blutalkoholkonzentration als ein Mann mit demselben Gewicht auf, wenn sie die gleiche Mengen von Alkohol aufnehmen.

Abbau von Alkohol

Der Alkoholabbau erfolgt zu 90 % über die Leber. 5 % werden über die Lunge und 5 % im Urin ausgeschieden. Eine durchschnittliche Person verbrennt etwa ein Standard-Getränk (4 cl Schnaps, 1 Glas Wein, 1 kleine Flasche Bier - das entspricht rund 10 g Alkohol) pro Stunde. Starke Trinker haben eine aktivere Leber und sind in der Lage, bis zu 3 Getränke pro Stunde zu verbrennen. Menschen mit Lebererkrankungen sind nicht in der Lage, die Menge eines Getränks pro Stunde zu verbrennen, und sind daher bereits nach dem Konsum einer geringen Alkoholmenge betrunken.

Anzeichen einer Alkoholvergiftung

Die Wirkung von Alkohol variiert stark von Person zu Person. Dabei spielen zahlreiche Faktoren eine Rolle wie die bisherigen Erfahrungen mit Alkohol, Begleitmedikationen, Erkrankungen, die Statur und die Menge des konsumierten Alkohols. Vor allem bei Alkoholabhängigen kann ein solcher Zustand Komplikationen wie ein Delirium hervorrufen.

Überprüfen Sie Folgendes

  • Der Bewusstseinszustand der Person – lässt sich die betreffende Person wecken? Atmet die Person ausreichend? Hat er/sie uriniert?
  • Wie viel Alkohol hat der Patient aufgenommen?
  • Wie viel Zeit ist seit der Aufnahme vergangen? Wie lange hat der/die Betroffene getrunken (Stunden, Tage, Wochen)?
  • Hat der Patient ein chronisches Alkoholproblem? Ist er Alkoholabhängig?
  • Besteht eine Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten oder Tabletten?
  • Litt der Patient im Zusammenhang mit dem Alkoholkonsum an Krämpfen, wenn ja – wie lange dauerten sie an?
  • Hat der Patient (Kopf-) Verletzungen erlitten?

Anzeichen für die Entwicklung eines Deliriums?

  • Hat der Patient Visionen oder hört er Stimmen?
  • Zittern die Hände des Patienten?
  • Litt der Patient unter Krämpfen?
  • Hat der Patient bereits ein Delirium erlitten?

Therapie zu Hause

Die meisten Betrunkenen können mit den folgenden Maßnahmen zu Hause behandelt werden:

  • Entfernen Sie Alkohol aus dem Haushalt, stellen Sie hochprozentige Getränke sicher.
  • Achten Sie darauf, dass die Person weder sich selbst noch andere verletzen kann. D.h. vermeiden Sie jeglichen Kontakt mit gefährlichen Maschinen oder Fahrzeugen.
  • Finden Sie heraus, ob ausschließlich Alkohol konsumiert wurde.
  • Überprüfen Sie, ob die Person leicht zu wecken ist, wenn Sie ihn ansprechen oder sanft anstupsen.
  • Überlegen Sie, ob der Zustand durch eine zugrunde liegende Erkrankung oder Verletzung verursacht werden kann. Achten Sie besonders auf Anzeichen von Kopfverletzungen.
  • Jemand muss bei der betreffenden Person bleiben, um sicherzugehen, dass sich der Zustand verbessert oder um bei Bedarf medizinische Hilfe anzufordern. Wenn niemand diese Aufgabe übernehmen kann, sollten Sie sich an den ärztlichen Notdienst wenden.
  • Kein Medikament beschleunigt das Ausnüchtern. Kaffee oder kalte Duschen haben nur eine sehr temporäre Wirkung.

Wann sollte der Betrunkene ins Krankenhaus gebracht werden?

Wenn die Bedingungen für die Therapie zu Hause nicht erfüllt oder Sie sich nicht sicher sind, ob der Zustand ernst ist, sollten Sie Kontakt mit dem ärztlichen Notdienst aufnehmen. Das gleiche gilt für die Anzeichen eines Delirium tremens.

Stationäre Therapie

Bei der Ankunft wird der Betrunkene von einem Arzt untersucht und es werden u.a. Bluttests zur Bestimmung des Blutalkoholspiegels durchgeführt. Außerdem werden der Blutdruck, die Temperatur, die Atmung und der Puls sowie der Blutzucker, die Elektrolyte, die Nierenfunktion und die Leberfunktion überprüft und ein EKG geschrieben. Der Arzt wird insbesondere die Bewusstseinsebene beurteilen und Anzeichen von Kopfverletzungen sowie Anzeichen für das Vorliegen einer Erkrankung oder den Einfluss von Medikamenten oder Betäubungsmitteln überprüfen.

Keine besondere Therapie kann die Symptome der Alkoholvergiftung verringern. Man muss warten, bis der Patient von selbst ausnüchtert. Der Patient wird beobachtet. In der Regel wird ein intravenöser Tropf gelegt. In schweren Fällen wird der Patient intubiert (ein Kunststoffschlauch in die Trachea eingeführt) und an ein Beatmungsgerät (Respirator) angeschlossen, da große Mengen an Alkohol die Atemfunktion beeinträchtigen. Die Intubation verhindert außerdem, dass der Patient erbricht und an seinem eigenen Erbrochenen erstickt.

Verlaufskontrolle

Eine Alkoholvergiftung weist darauf hin, dass der Betroffene wahrscheinlich ein schweres Alkoholproblem hat. Deshalb ist es wichtig, dass die betreffende Person, wenn sie nüchtern ist, mit dem Pflegepersonal über die Notwendigkeit einer Verlaufskontrolle und die Therapie eines chronischen Alkoholproblems spricht.

Prognose

In den meisten Fällen verschwindet der Zustand von selbst, doch die Tatsache, dass nicht wenige Menschen in Deutschland an einer akuten Alkoholvergiftung sterben, zeigt, dass es sich auch um eine potenziell tödliche Situation handelt.

Weitere Informationen

Autoren

  • Philipp Ollenschläger, Medizinjournalist, Köln

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Alkoholvergiftung. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Statistisches Bundesamt, Behandlungen aufgrund akuter Intoxikationen (akuter Rausch durch Alkohol). Wiesbaden. Zugriff 16.2.2016. www.destatis.de
  2. Kraus L, Rehm J. Schätzung alkohol-attribuierbarer Morbidität und Mortalität in Deutschland: Trends und Vergleich zwischen den Jahren 2006 und 2012. Kurzbericht. Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Berlin, 2015. www.drogenbeauftragte.de
  3. Mayo-Smith MF, Beecher LH, Fischer TL et al. Management of alcohol withdrawal delirium. An evidence-based practice guideline. Arch Intern Med 2004; 164: 1405-12. PubMed
  4. Amato L, Minozzi S, Vecchi S, Davoli M. Benzodiazepines for alcohol withdrawal. Cochrane Database of Systematic Reviews 2010, Issue 3. Art. No.: CD005063. DOI: 10.1002/14651858.CD005063.pub3. DOI