Akute Arzneimittelvergiftung

Akute Arzneimittelvergiftungen sind eine häufige Ursache für eine Einweisung ins Krankenhaus.

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Eine akute Überdosierung von Arzneimitteln kann ein Versehen sein, zum Beispiel wenn ein Kind Tabletten findet und sie zu sich nimmt, kann aber auch willentlich in Selbstmordabsicht erfolgen.

Worum handelt es sich bei einer Arzneimittelvergiftung?

Akute Arzneimittelvergiftungen sind eine häufige Ursache für eine Einweisung ins Krankenhaus: 2011 wurden in Deutschland ca. 205.000 Krankenhausbehandlungen aufgrund akuter Vergiftungen durchgeführt. 1.410 Todesfälle wurden als vorsätzliche Selbstvergiftung mit Arzneimitteln eingestuft.

Akute Maßnahmen bei Überdosierung

Eine Arzneimittelvergiftung kann unterschiedliche Ursachen haben: geplante Überdosis, versehentliche Einnahme von Tabletten (z.B. Kinder) oder eine versehentliche Einnahme eigener Medikamente in der falschen Dosis. Bei Einnahme einer Überdosis können Betroffene und Angehörige sich telefonisch beim Notdienst melden, eine Arztpraxis aufsuchen oder in eine Klinik (Notfallambulanz) begeben.

Sie können sich bei den Giftnotrufzentralen beraten lassen, wenn Sie unsicher sind, ob ein Arzt oder Notarzt hinzugezogen werden sollte. Dies gilt für die Fälle, bei denen es (noch) nicht zu Symptomen oder Anzeichen einer Vergiftung gekommen ist. Erwachsene oder Kinder, bei denen sich Auswirkungen einer Überdosis zeigen, müssen schnellstmöglich ins Krankenhaus. Betroffene, die absichtlich eine Überdosis eingenommen haben oder unter Bewusstseinstrübung leiden, müssen unverzüglich in eine Notfallaufnahme eingeliefert werden.

Diagnostik

Die häufigsten Arzneimittelvergiftungen bei Erwachsenen sind auf Schmerzmittel, Beruhigungsmittel, Schlafmittel, Antipsychotika, Antidepressiva, Herzmedikamente und Mittel zur Behandlung epileptischer Anfälle zurückzuführen.

Häufig sind die Umstände bei der Einweisung unklar. Die Betroffenen sind möglicherweise benommen oder bewusstlos. Es ist wichtig, bei der ärztlichen Untersuchung möglichst rasch zu erkennen, dass es sich möglicherweise um eine Vergiftung handelt. Allerdings kann es schwierig sein zu klären, welches Gift (z.B. giftige Pilze, andere Pflanzen, Reinigungsmittel) oder Arzneimittel eingenommen wurde. Die Betroffenen können unter Umständen nicht selbst Auskunft geben oder man kann sich nicht auf die Angaben verlassen. Manchmal wollen die Betroffenen auch nicht sagen, was sie eingenommen haben. Hilfreich ist es stets, als Angehöriger oder Freund den Patienten in die Klinik zu begleiten und ggf. leere Tablettenschachteln mitzubringen, die zu Hause zu finden waren.

Bei der Untersuchung wird die Ärztin zunächst prüfen, wie schwer der jeweilige Fall ist. Insbesondere die Atemfunktion, der Puls und der Blutdruck müssen genau kontrolliert werden. Auch die Größe und Reaktion der Pupillen kann Hinweise geben; enge, stecknadelkopfgroße Pupillen deuten z.B. auf eine Opiatvergiftung. Die Behandlung ist abhängig vom Schweregrad der Vergiftung, von der Art des Giftstoffs, von der Höhe der Dosis und von der Gefährlichkeit des Arzneimittels/der Arzneimittel.

Medikamentenanalysen aus Blutproben können hilfreich sein, es dauert aber häufig länger, bis Ergebnisse vorliegen. Besonders wichtig ist die Untersuchung auf Paracetamol, einerseits, weil das Mittel bei willentlichen Vergiftungen leicht zugänglich ist, und andererseits, weil sich bei den Betroffenen im frühen Verlauf oft keine Symptome zeigen, auch wenn sich der Zustand längerfristig (im Verlauf von Stunden und Tagen) gravierend verschlechtern kann. Auch die Alkoholkonzentration muss gemessen werden, weil viele Betroffene zusätzlich zur Arzneimittelüberdosis Alkohol zu sich genommen haben.

Behandlung

Entscheidend ist die Beurteilung des Schweregrads. Bei einer geschwächten oder gestörten Atemfunktion muss der Patient möglicherweise intubiert und an ein Beatmungsgerät (Respirator) angeschlossen werden. Durch kontinuierliche Messung des Sauerstoffgehalts im Blut (Pulsoxymetrie) wird die Atemfunktion zuverlässig kontrolliert. Möglicherweise sind Kontrollen und Messungen der Herzfunktion erforderlich, um Herzrhythmusstörungen festzustellen und entsprechend zu behandeln. Mit regelmäßigen Blutdruckmessungen können zu hohe und zu niedrige Werte festgestellt und die Behandlungsmaßnahmen entsprechend angepasst werden.

Wichtig ist auch eine Infusionstherapie, einerseits um stabilisierende Medikamente und Flüssigkeit zu verabreichen, andererseits, um entsprechende Gegenmittel geben zu können, die für manche Gifte zur Verfügung stehen: zum Beispiel bei Opiatvergiftungen oder auch bei einer Überdosis Paracetamol.

Blutuntersuchungen geben Aufschluss über wichtige Änderungen der Elektrolytkonzentration, mögliche Veränderungen des Säure-Basen-Haushalts sowie über die Leber- und Nierenfunktion, also Störungen, die spezifische Behandlungsmaßnahmen erfordern.

Wenn weniger als eine Stunde seit der Arzneimitteleinnahme vergangen ist, wird über den Mund eine Magensonde eingeführt, mit der eine Magenspülung durchgeführt werden kann. Bei manchen Medikamenten macht diese Maßnahme auch noch einige Stunden später Sinn. So lässt sich oft zumindest ein Teil der Gesamtmenge des Arzneimittels wieder aus dem Magen befördern, bevor es ins Blut gelangt ist. Oft wird zum Abschluss dieses Verfahrens eine Dosis Aktivkohle in den Magen bzw. Darm eingebracht. In vielen Fällen kann Aktivkohle Giftstoffe binden und dadurch die über den Darm aufgenommene Menge an Toxinen reduzieren.

Prognose

Die akute Vergiftungsphase kann dramatisch sein, zum Glück gehen die allermeisten Fälle von Arzneimittelvergiftungen aber glimpflich aus. Je nach dem Grund für die Vergiftung ist eine Nachbehandlung nötig (z.B. eine psychiatrische Behandlung nach einem Selbstmordversuch).

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med, Medizinjournalistin, Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Arzneimittelvergiftung, akute . Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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