Bleivergiftung

Bleivergiftungen sind in der Vergangenheit häufig aufgetreten. Derartige Vergiftungen können Schäden an Knochenmark, Nervensystem, Leber, Niere und Hormon-produzierenden Organen verursachen. Trotz strengerer Grenzwerte für Blei kann es aber je nach Arbeitsplatz oder Wohnumgebung auch heute noch zu einer Bleivergiftung kommen.

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Was ist eine Bleivergiftung?

Blei kann über den Darm, die Lungen (Bleistaub) oder auch über die Haut in den Körper gelangen. Das Schwermetall wird vom Körper nicht verstoffwechselt, kann sich jedoch in den Organen (v. a. Blut und Knochen) anreichern und Organschäden verursachen. Bleivergiftungen können Schäden an Knochenmark, Nervensystem, Leber, Niere und den Hormon produzierenden Organen verursachen. Quellen der Bleiexposition finden sich zuhause (alte Wasserleitungen aus Blei), am Arbeitsplatz und in der übrigen Umgebung (Verkehr, bleihaltiges Spielzeug, Modeschmuck etc.).

Bleivergiftungen sollten auf alle Fälle vermieden werden. Eine akute Vergiftung kann wirkungsvoll therapiert werden. Sind jedoch aufgrund einer langjährigen Belasung mit Blei bereits Organschäden aufgetreten, sind diese oft kaum mehr rückgängig zu machen. Eine Bleivergiftung kann lebensbedrohlich sein.

Da in den letzten Jahren die erlaubten Grenzwerte für eine Bleibelastung immer strenger geworden sind, kommt es heutzutage immer seltener zu einer Bleivergiftung. Dennoch kann die chronische Belastung mit Blei infolge alter Trinkwasserleitungen oder auch durch beruflichen Umgang mit bleihaltigen Substanzen auch heute noch zu Organschäden durch Bleivergiftung führen.

Ursachen

Annähernd eine Milliarde Tonnen Blei aus der Natur und der Industrie gelangen jedes Jahr in die Atmosphäre. Benzinverbrennung ist seit den 1920er Jahren die größte Einzelquelle. Offenbar ist der Übergang zu bleifreiem Kraftstoff der Hauptgrund dafür, dass sich die Bleiwerte im Blut der Menschen deutlich reduziert haben. Zuvor enthielt Straßenstaub große Mengen an Blei. Sowohl in der Industrie als auch zuhause finden sich Quellen der Bleiexposition, die Bleivergiftungen verursachen können. Die wichtigsten sind:

  • Das Risiko einer Bleivergiftung hängt von mehreren Faktoren ab: Dazu gehört die Menge an Blei, der Sie ausgesetzt sind, ob das Blei durch die Verdauung/Lunge/Haut aufgenommen wird, in welchem ​​Umfang Sie Schutzkleidung verwenden, wie alt Sie sind und wie lange Sie dem Blei ausgesetzt waren. Kinder sind besonders gefährdet. Die Hauptexposition erfolgt durch Einatmen von bleihaltigem Staub/Gas, in einigen Fällen nehmen wir das Blei jedoch mit der Nahrung auf.
  • Berufsbezogen ist der Umgang mit Blei häufig nicht zu vermeiden, Beispiele sind: Batterie-Industrie, Lackindustrie, chemische Industrie, Sanitär, Bauindustrie, PVC-Industrie, Schrotthandel, Herstellung von Keramik, Feuerwehr, Druckerei, Benzinindustrie, Reinigungsunternehmen, Bleigruben, Glasmacher, Schmuckherstellung, Schweißen, Schmelzen, Löten
  • Allgemeine Quellen für Blei sind: Luftverschmutzung, Wasserverschmutzung, Spielwaren aus Blei bzw. Verunreinigungen mit Blei, manche kräuterhaltigen Heilmittel, Kosmetika, Straßenstaub, alte Farbe, Munition (Wildfleisch), Hobby-Schmuckherstellung, Buntglas, Glasuren.

Organschäden

In der Regel sind Blut und Knochenmark (wo die Blutbildung stattfindet), das Nervensystem, die Nieren und möglicherweise die Fortpflanzungsorgane von Bleivergiftungen betroffen. Dies spiegelt sich in den Symptomen und Beschwerdebildern wider, die die Vergiftung verursacht.

Symptome und Beschwerdebilder

Eine Bleivergiftung kann sich als sowohl als akute als auch als chronische Vergiftung auszeichnen.

Bei einer akuten Vergiftung können die Symptome und Beschwerden innerhalb von Tagen bis Wochen auftreten. Hauptsymptome sind Magenschmerzen (Koliken), bei Kindern treten nicht selten Zeichen massiver Hirnschäden auf sowie Krämpfe, die möglicherweise Koma und Tod zur Folge haben. Lähmungen oder Taubheitsgefühl sind ebenfalls typisch. Weniger häufig kommt es zu ausgeprägter Abgeschlagenheit, verminderter Konzentrationsfähigkeit, Gehörverlust, Kopfschmerzen, Verstopfung, Nervenerkrankungen und Blutarmut (Anämie).

Bei einer langsamen und geringen Aufnahme erfolgt nach und nach die Anreicherung von Blei im Körper. Anzeichen und Symptome entwickeln sich schleichend, und oft zeigen sich in der Anfangsphase keine klaren Indizien. Die Beschwerden bei einer Bleivergiftung können von vagen Symptomen bis hin zu lebensbedrohlichen Zuständen variieren. Das Hauptsymptom ist Ermüdung aufgrund von Anämie, also Hautblässe, schnelle Erschöpfbarkeit, rascher Puls, Atemprobleme schon bei mäßiger körperlicher Belastung oder auch Schwindel. Viele Betroffene sind zudem reizbar, evtl. übermäßig ängstlich und/oder haben Konzentrations- und andere kognitive Probleme. Verfärbungen des Zahnfleischs und der Haut treten heute selten auf, sind aber auch möglich und ein typisches Zeichen. Am häufigsten sind das Blut und Knochenmark, das Nervensystem und die Nieren von Bleivergiftungen betroffen.

Eine chronische Bleibelastung erhöht zudem das Risiko für Herz- und Gefäßkrankheiten, wahrscheinlich auch für Nierenkrebs; die Fruchtbarkeit wird eingeschränkt, und es kann bei Schwangeren zu spontanen Fehlgeburten kommen.

Diagnostik

Die Diagnosestellung einer Bleivergiftung ist schwierig, wenn man nicht weiß, ob man einer Bleibelastung ausgesetzt war. Die Symptome sind zunächst vage. Zur Abklärung zieht die Ärztin oder der Arzt primär die Anamnese, die Untersuchungsbefunde der Patienten und die Resultate verschiedener Bluttests heran. Der Nachweis der Bleimengen im Blut ist das endgültige Indiz für eine Bleivergiftung. Die Bleikonzentration im Blut sollte deutlich unter 15 µg/dl Blut liegen; bei höheren Werten ist die Belastung zu hoch. Mittlerweile gibt es jedoch Studien, nach denen bereits bei dauerhaften Bleiwerten von 5 µg/dl Blut gehäuft Schäden auftreten können.

Im Röntgenbild lassen sich am Knochen in einigen Fällen typische Veränderungen erkennen.

Therapie

Bei einer akuten Vergiftung (Lebensmittelvergiftung oder versehentliches Schlucken von bleihaltigen Gegenständen) wird eine Magenspülung durchgeführt. Evtl. kann das Blei auch operativ aus dem Magen entfernt werden. Schmerzhafte Koliken und Krämpfe werden medikamentös therapiert. Bei einer chronischen Vergiftung ist die Bleiquelle zu beseitigen.

Bei mäßig erhöhten Bleiwerten im Blut ist keine medizinische Therapie erforderlich. Sind jedoch Symptome vorhanden und die Bleiwerte stark erhöht, ist eine Behandlung indiziert. Diese besteht aus der Verabreichung von Medikamenten, die das Blei, das im wesentlichen aus dem Blut und dem Weichgewebe (wenig aus den Knochen) stammt, binden (Chelat-Therapie), und dann hauptsächlich über die Nieren mit dem Urin ausgeschieden werden. Die Patienten müssen viel trinken (unter Umständen wird die Flüssigkeit im Krankenhaus durch eine Infusion zugeführt). Die Therapie wird beendet, wenn der Bleigehalt im Blut akzeptabel ist.

Verfügt der Körper über genügend Eisen, Kalzium, Magnesium und Zink, wird Blei weniger stark aufgenommen. Eine vermehrte Zufuhr dieser Mineralstoffe wirkt sich auch therapeutisch positiv aus. Wie eine schwache Chelat-Therapie kann auch Vitamin C wirken.

Ist die Bleivergiftung nachweislich durch Bedingungen am Arbeitsplatz verursacht, gilt dies als anerkannte Berufskrankheit.

Prognose

Wenn die Diagnose bei einer akuten Vergiftung frühzeitig gestellt wird, ist die Prognose aufgrund der effektiven Therapiemöglichkeiten positiv. Menschen mit sehr hohen Bleiwerten im Blut, die nicht frühzeitig therapiert werden, haben jedoch eher eine schlechte Prognose.

Weitere Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Bleivergiftung. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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