Fluorvergiftung

Eine Überdosierung mit Fluoridtabletten ist bei Kindern im Alter von 1–3 Jahren nicht ungewöhnlich.

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Definition

Eine Fluorose entsteht durch zu hohe Fluoridzufuhr. Man unterscheidet akute und chronische (Skelettfluorose und Dental- bzw. Zahnfluorose) Formen, wobei manche Autoren den Begriff Fluorose auf chronische Formen beschränkt anwenden und die akute Fluoridvergiftung isoliert betrachten.

Eine Überdosierung mit Fluorid

Eine Überdosierung mit Fluoridtabletten ist bei Kindern im Alter von 1–3 Jahren nicht ungewöhnlich. Allgemein gilt dies für die Einnahme von 5–50 Tabletten (Fluoridtabletten für Kinder). In der Regel ist dies harmlos und verläuft unproblematisch mit wenigen oder keinen Symptomen.

Eine Überdosierung von Fluorid ist in der Regel auf die versehentliche Einnahme einer zu großen Menge kariesvorbeugender Medikamente zurückzuführen, wobei es sich meist um Fluoridtabletten handelt. Fluorid ist in hoher Konzentration auch in einigen Insekten- und Schädlingsbekämpfungsmitteln zu finden. Natriumfluorid ist die Fluoridverbindung, die am häufigsten zu zahnärztlichen Zwecken eingesetzt wird. 1 mg Fluorid entspricht 2,2 mg Natriumfluorid.

Was passiert, wenn große Mengen an Fluorid konsumiert werden?

In seltenen Fällen verursacht eine hohe Fluoridaufnahme eine Fluorvergiftung. Oft können Magenbeschwerden auf die Einnahme einer zu großen Menge Fluoridtabletten zurückzuführen sein, was durch die sonstigen Bestandteile von Fluoridtabletten, nämlich Sorbit, bedingt ist. Sorbitol in hohen Dosen verursacht häufig Übelkeit, Erbrechen und Durchfall, ohne jedoch als toxisch eingestuft zu werden.

Die Aufnahme von mehr als 5 mg Fluorid pro kg Körpergewicht wird als potenzieller Auslöser für Vergiftungen eingestuft. Dies verdeutlicht, dass ein Kind mit einem Gewicht von 30 kg 150 mg Fluorid konsumieren müsste, was einer ganzen Tube Zahnpasta mit höchstem Fluorgehalt entspräche. Bei der Beurteilung von Kindern unter 5 Jahren werden in der Regel absolute Maße verwendet. Somit ist die Aufnahme von unter 25 mg Fluorid unproblematisch, während Dosen im Bereich von 25–100 mg zu Problemen führen können. Ist die Dosis bei einem Kind von unter 5 Jahren höher als 100 mg, sollte das Kind von einem Arzt untersucht und möglicherweise ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Die schwerwiegendsten Nebenwirkungen von Fluorid sind die Auswirkungen auf den Elektrolythaushalt der Körperflüssigkeiten, insbesondere auf den Kalziumspiegel. Fluorid bindet Kalzium, sodass die Menge an verfügbarem Kalzium im Organismus sinkt. Dies kann in seltenen Fällen Probleme wie Atembeschwerden und Herzrhythmusstörungen verursachen. Weiterhin kann Fluor den Säuregehalt im Magen erhöhen, was Ulkuserkrankungen verursachen kann.

Der Fluorgehalt der gängigsten Zahnpflegeprodukte

Das häufigste Problem ist die Einnahme von Fluoridtabletten bei Kleinkindern. Fluoridtabletten sind in verschiedenen Stärken von 0,25 mg bis 1,0 mg Fluorid pro Tablette erhältlich. Erst dann, wenn ein Kind (unter 5 Jahren) mehr als 100 Tabletten der stärksten Art konsumiert, kann möglicherweise eine Vergiftung auftreten und eine stationäre Beobachtung notwendig sein.

Zahlreiche Zahnpasten enthalten ebenfalls Fluorid.

Zahnpasta für Erwachsene enthält 1000-1500 ppm Fluorid, das entspricht einem Anteil von 1–1,5 mg pro Gramm Zahnpasta bzw. 0,1–0,15 %. Die meisten Zahnpasten enthalten Natriumfluorid, seltener Aminfluorid.

Kinder bis zum Alter von etwa 3–4 Jahren können noch nicht richtig ausspucken und verschlucken die Zahnpasta meist. Bis Erreichen des Schulalters sollten sie daher eine spezielle Kinderzahnpasta mit verringertem Fluoridgehalt nutzen, sie enthält 500 ppm Fluorid (das sind 0,5 mg pro Gramm Zahnpasta bzw. 0,05 %).

Das Bundesamt für Risikobewertung, BfR, empfiehlt, dass Mundspüllösungen nicht mehr als 0,05 Prozent Fluorid enthalten sollten. Fluorid-haltige Mundspüllösungen sollten für Kinder unter 6 Jahren nicht verwendet werden.1

Die deutschen Zahnärzte und die Kinderärzte raten von der Anwendung der in Deutschland üblichen Kinderzahnpasten mit einem Fluoridgehalt von 500 ppm ab, da keine wissenschaftlichen Belege für einen günstigen Effekt auf die Zahngesundheit existiere. Die tägliche Anwendung einer Zahnpasta mit 1000 ppm Fluorid wird im Vorschulalter wegen des Risikos einer übermäßigen Fluoridexposition und einer Fluorose nicht empfohlen.2

Symptome

Vergiftungssymptome treten in der Regel schnell auf, können sich nach der Einnahme von Fluorid jedoch auch erst nach einigen Stunden zeigen. Bauchschmerzen, Diarrhö oder Erbrechen sind die häufigsten Symptome bei Vergiftungen, können jedoch auch auf die in Fluoridtabletten enthaltenen Zusatzstoffe (Sorbit) zurückzuführen sein. Weitere Symptome oder Anzeichen eines zu hohen Fluorkonsums können verstärkter Speichelfluss, Blut im Urin, Austrocknung (Dehydratation), Durst, Zittern, vermindertes Bewusstsein, Atembeschwerden, Krämpfe und Veränderungen des Herzrhythmus sein. Es wird jedoch wiederholt darauf hingewiesen, dass schwere Fluorvergiftungen sehr selten sind.Wenn Sie bezüglich der Menge oder Wirkung des Fluorids, das das Kind verschluckt hat, unsicher sind, sollten Sie einen Arzt kontaktieren. Telefonischer Kontakt ist häufig bereits ausreichend. Um die Gefahr einer Vergiftung beurteilen zu können, ist der Arzt über die ungefähre Menge und den Zeitpunkt der Einnahme zu informieren.

Therapie

Eine einfache Maßnahme, die als hilfreich angesehen wird, ist die möglichst rasche Verabreichung von Milch. Das in der Milch enthaltene Kalzium bindet Fluorid, sodass die Aufnahme von Fluorid im Margen-Darm-Trakt reduziert wird. Erbrechen, herbeigeführt beispielsweise durch das Einführen eines Fingers in den Rachen, kann ebenfalls eine sinnvolle Maßnahme darstellen. Je schneller das Erbrechen ausgelöst wird, desto besser – sind jedoch mehr als zwei Stunden seit der Einnahme verstrichen, macht dies wenig Sinn. In diesem Fall wäre das Fluorid aus dem Magen bereits in die Körperflüssigkeiten gelangt. Wenn Sie Ihr Kind zum Erbrechen bewegen, können Sie ihm anschließend erneut Milch verabreichen. Die Verabreichung von Kohle macht keinen Sinn, da Kohle Fluor nicht bindet.

Wenn die Symptome oder die Beurteilung des Arztes einen stationären Aufenthalt notwendig machen, wird man im Krankenhaus versuchen, den Magen zu entleeren, um zu verhindern, dass noch mehr Fluor in den Organismus gelangt (dies ist jedoch nur sinnlos, wenn seit der Einnahme mehr als zwei Stunden vergangen sind). Da die Aufnahme von Fluor einen niedrigen Kalziumspiegel im Organismus zur Folge hat, werden dem Kind möglicherweise Infusionen mit einer Kalziumlösung verabreicht. Außerdem wird die Atmung und der Kreislauf des Kindes überwacht und die Linderung möglicher Beschwerden initiiert. Um die Ausscheidung des Fluorids im Urin zu erhöhen, wird ausreichend Flüssigkeit verabreicht. In einigen Fällen kann die Verabreichung von Antazida oder Kalzium-Brausetabletten indiziert sein.

Bei einer stationären Einlieferung sollten die Patienten mindestens sechs Stunden überwacht werden. Sind bis zu diesem Zeitpunkt keine Vergiftungssymptome aufgetreten, kann man sicher nach Hause zurückkehren.

Prävention

Die Prävention von Unfällen ist immer das wichtigste. Fluorhaltige Produkte, die von der ganzen Familie mehrmals täglich verwendet werden, sind oft schwierig im Blick zu behalten. Eine gute Regel ist es nach wie vor, alles, was potenziell schädlich für kleine Kinder ist, außerhalb ihrer Reichweite zu platzieren.

Autoren

  • Philipp Ollenschläger, Medizinjournalist, Köln

Quellen

Literatur

  1. Bundesinstitut für Risikobewertung. Fluoridh-altige Mundwässer und Alkoholgehalt in Mund- und Zahnpflegemitteln Stellungnahme des BgVV vom 29. 11. 2001 (aktualisiert am 23. 1. 2003). www.bfr.bund.de
  2. Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. Fluoridierungsmaßnahmen zur Kariesprophylaxe. AWMF-Leitlinie Nr. 083-001, Stand 2013. www.awmf.org

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Fluoridvergiftung. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Jha SK, Singh RK, Damodaran T, Mishra VK, Sharma DK, Rai D. Fluoride in groundwater: toxicological exposure and remedies. J Toxicol Environ Health B Crit Rev. 2013. 16(1):52-66.
  2. Monsour PA et al. Acute fluoride poisoning after ingestion of sodium fluoride tablets. The Medical Journal of Australia 1984; 141: 503-5. PubMed
  3. Augenstein WL et al. Fluoride ingestion in children: A review of 87 cases. Pediatrics 1991; 907-12.
  4. Mowry JB, Spyker DA, Brooks DE, McMillan N, Schauben JL. 2014 Annual Report of the American Association of Poison Control Centers’ National Poison Data System (NPDS): 32nd Annual Report. Clinical Toxicology Volume 53, Issue 10, 2015. www.tandfonline.com
  5. Norwegisches Gesundheitsdirektorat. Giftinformationen Fluorid-Tabletten und .Zahncreme. Norwegisches Volksgesundheitsinstitut, Oslo 2013. helsenorge.no
  6. Kao WF, Deng JF, Chiang SC: A simple, safe, and efficient way to treat severe fluoride poisoning--oral calcium or magnesium. J Toxicol Clin Toxicol 2004; 42: 33-40. PubMed