Methanolvergiftung

Methanol ist unter chemischen Gesichtspunkten ein Alkohol, findet jedoch als organisches Lösungsmittel Verwendung. Die berauschende Wirkung ist deutlich schwächer als bei gewöhnlichem Alkohol. Der Konsum von Methanol kann schwerwiegende Folgen haben.

Deximed – Deutsche Experteninformation Medizin

"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiermann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

Deximed ist ein unabhängiges Arztinformationssystem mit Fokussierung auf die primärärztliche Versorgung. Evidenzbasierte und regelmäßig aktualisierte Artikel zu allen medizinischen Gebieten zeichnen Deximed aus.

Mehr erfahren

Giftnotrufzentralen

Ort

Region

Telefon

Website

Berlin

B, BRA

030 19240

giftnotruf.charite.de

Bonn

NRW

0228 19240

www.gizbonn.de

Erfurt

MV, SAC, SAN, THÜ

0361 730730

www.ggiz-erfurt.de

Freiburg

BW

0761 19240

www.uniklinik-freiburg.de/giftberatung.html

Göttingen

HB, HH, NDS, SHO

0551 19240

www.giz-nord.de

Homburg/Saar

SAL

06841 19240

www.uniklinikum-saarland.de/giftzentrale

Mainz

RLP, HES

06131 19240

www.giftinfo.uni-mainz.de

München

BAY

089 19240

http://www.toxinfo.med.tum.de/node/380

Wien

A

+43 1 4064343

https://goeg.at/Vergiftungsinformation

Zürich

CH

145 (in CH), +41 44 2515151

https://toxinfo.ch

Was ist Methanol?

Methanol ist unter chemischen Gesichtspunkten ein Alkohol, es ist auch als Holzgeist bekannt. Es wird als organisches Lösungsmittel verwendet und findet sich unter Anderem in Frostschutzmitteln und Parfums. Methanol ist ein Giftstoff und kann schwere Komplikationen bis hin zum Tod verursachen. Die tödliche Dosis wird auf etwa 30–240 ml oder 1g/kg Körpergewicht geschätzt. Obwohl es sich um eine Alkoholart handelt, ist die Rauschwirkung von Ethanol geringer als bei gewöhnlichem Alkohol.

Im Körper zerfällt Methanol zunächst zu Formaldehyd, und wird dann in Ameisensäure umgewandelt, von der wir annehmen, dass dies die giftige Substanz ist. Die Tatsache, dass sowohl Ethanol als auch Methanol durch das gleiche Enzym (Alkoholdehydrogenase) aufgespalten werden und dass sie um die „Nutzung“ des Enzyms konkurrieren, ist hilfreich bei der Therapie von Methanolvergiftungen. Der Methanolgehalt im Blut kann durch Blutuntersuchungen gemessen werden.

Vergiftungen

Kinder können Methanol unbeabsichtigt über Flüssigkeiten, die Methanol enthalten, konsumieren. Alkoholiker sind besonders gefährdet. Ihr Verlangen nach Alkohol motiviert sie möglicherweise dazu, nahezu alles zu konsumieren, das nach Alkohol schmeckt.

Methanol hat keine spezielle Farbe und keinen Geruch, sodass es nicht möglich ist, zu erkennen, ob eine alkoholische Flüssigkeit auch Methanol enthält.

Nebenwirkungen

Die bekannteste unerwünschte Nebenwirkung von Methanol ist das Erblinden. Die Ursache liegt in der Schädigung der Sehnerven.

Der Abbau von Methanol bewirkt eine Übersäuerung des Blutes (metabolische Azidose), die schwerwiegende Folgen für den gesamten Organismus hat und zum Tode führen kann.

Methanol verursacht außerdem Schäden in zentralen Bereichen des Gehirns (Basalganglien), was ein Krankheitsbild (Spätfolgen) zur Folge haben kann, das an Parkinson erinnert und mit Symptomen wie Zittern, Steifheit und mechanischen Bewegungsabläufen einhergeht.

Wie entwickelt sich die Vergiftung?

Die ersten Symptome treten in der Regel 12 bis 24 Stunden nach der Einnahme auf. Je größer der Konsum, desto früher setzen die Symptome ein. Wenn der Vergiftete eine Mischung aus Ethanol und Methanol zu sich genommen hat, kann es länger dauern, bis sich die Symptome zeigen.

Zunächst erscheinen die Vergiftungssymptome von Methanol als gewöhnliche Begleiterscheinungen des Alkoholeinflusses, also in Form eines Rausches. Kopfschmerzen treten häufig frühzeitig auf, Übelkeit, Erbrechen und diffuse Bauchschmerzen folgen. Ein unauffälliger Alkoholrausch kann schließlich in Bewusstlosigkeit und Koma übergehen. Es treten Krämpfe auf.

Im Frühstadium kann es zu leicht ausgeprägtem Nebelsehen kommen, das sich nach und nach verschlechtert bis Gesichtsfeldausfälle und schließlich eine vollständige Erblindung auftreten. Diese Erblindung kann durch die richtige, rasche Therapie rückgängig gemacht werden, dennoch ist eine dauerhafte Erblindung oft das Resultat.

Die Übersäuerung (Azidose) des Blutes und des gesamten Körpers hat eine schnellere Atmung zur Folge. Der Körper versucht, auf diesem Wege die überschüssige Säure abzugeben. In späteren Stadien kann das Atemzentrum im Gehirn derart betäubt/geschädigt sein, dass die Atemfunktion nicht mehr ausreichend ist und ein Respirator (Beatmungsgerät) zur Unterstützung der Atemfunktion benötigt wird. Bei größeren Vergiftungen kann auch die Herzfunktion eingeschränkt sein und eine Herzinsuffizienz auftreten.

Therapie

Das Ziel der Therapie ist es, die Auswirkung von Methanol bestmöglich zu reduzieren. Wenn seit dem Konsum einer größeren Menge weniger als 1–2 Stunden vergangen sind, wird ein Brechmittel mit dem Ziel verabreicht, das Methanol aus dem Magen zu entfernen. Ist der Vergiftete nicht bei Bewusstsein, nimmt man davon Abstand. In diesem Falle ist eher eine Magenspülung und das Absaugen des Mageninhalt über einen Kunststoffschlauch, der in den Magen eingeführt wird, indiziert. Eine derartige Therapie ist nötig, wenn seit dem Konsum der Flüssigkeit weniger als 2 Stunden vergangen sind.

Die Verabreichung von Alkohol bewirkt, dass der gewöhnliche Alkohol mit dem Methanol „konkurriert“, sodass die Schäden geringer ausfallen. Ethanol bindet sich einfacher an das Enzym und bewirkt daher, dass geringere Mengen Methanol in schädliche Stoffe umgewandelt werden. Ein Blutalkoholspiegel von rund 1 Promille wird angestrebt. Die Behandlung dauert bis zu 48 Stunden oder bis kein Methanol mehr im Blut nachzuweisen ist. Außerdem werden (alkalische) Stoffe verabreicht, die den Blutsäuregehalt reduzieren.

Fomepizol eignet sich als Gegenmittel für Methanol. Es ist sicher zu dosieren, wirkungsvoller als Alkohol und hat nur wenige Nebenwirkungen. Es ist jedoch sehr teuer. Fomepizol ist nicht in allen Krankenhäusern verfügbar, kann jedoch aus einem zentralen Lager bezogen werden. Folinsäure ist ein weiteres Medikament, das den Abbau von Ameisensäure beschleunigt und somit die schädlichen Auswirkungen der Methanolvergiftung verringert. Es wird daher empfohlen, bei Methanolvergiftungen Folinsäure zu verabreichen.

Eine weitere Option, die häufig bei schweren Vergiftungen eingesetzt wird, ist die Reinigung des Blutes durch die sogenannte Hämodialyse. Dabei handelt es sich um ein Reinigungsverfahren, das üblicherweise bei der Therapie von Patienten mit Nierenversagen zur Anwendung kommt.

Prognose

Eine nicht-therapierte Methanolvergiftung kann zu dauerhaften Sehstörungen, Kreislaufkollaps und Koma führen. Schäden an den Basalganglien können ein Parkinson-ähnliches Krankheitsbild auslösen. Eine tödliche Dosis beläuft sich etwa auf 1 g/kg Körpergewicht. Die Höhe einer niedrigeren Dosis, die Sehschäden verursacht, ist nicht bekannt. Eine frühzeitige und angemessene Therapie von Methanolvergiftungen verhindert Folgeerscheinungen.

Weitere Informationen

Autoren

  • Philipp Ollenschläger, Medizinjournalist, Köln

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Methanolvergiftung. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Sivilotti MLA, Winchester JF: Methanol and ethylene glycol poisoning. Wolters Kluwer 2017; UpToDate, last updated Dec 05, 2016. www.uptodate.com
  2. Müller D, Desel H. Common causes of poisoning— etiology, diagnosis and treatment.. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(41): 690-700. doi:10.3238/arztebl.2013.0690 DOI
  3. Benecke J, Benecke M, Eckert K-G, Erber B, Golly IC, Kreppel H, Liebl B, Mückter H, Reichl F-X, Szinicz L, Zilker T. Taschenatlas der Toxikologie Substanzen, Wirkungen, Umwel. Georg Thieme Verlag, Stuttgart, New York: Franz-Xaver Reichl, 2002.
  4. Barceloux DG, Bond GR, Krenzelok EP, Cooper H, Vale JA. American Academy of Clinical Toxicology practice guidelines on the treatment of methanol poisoning. J Toxicol Clin Toxicol 2002; 40: 415 - 46. PubMed
  5. Böhmer S, Böhmer R, Hess T, Jäger G, Schneider T, Szabanowski T, Wolcke B. Taschenatlas Rettungsdienst. Naseweis Verlag, Ingelheim: Benno Wolcke, 2011.
  6. Lüllmann H, Mohr K, Wehling M. Pharmakologie und Toxikologie- Arzneimittelwirkungen verstehen – Medikamente gezielt einsetzen. Thieme Verlag, Stuttgart, New York: Heinz Lüllmann, 2003.