Synthetische Cannabinoide („Spice“)

Synthetische Cannabinoide sind ein relativ neues Phänomen. Zunächst erschienen sie als verhältnismäßig harmlose Droge. Aufgrund der vielen negativen Erfahrungen, die die meist jungen Konsumenten mit der Droge gemacht haben, wird sie heutzutage weitaus kritischer gesehen.

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Was sind synthetische Cannabinoide?

Synthetische Cannabinoide sind als Ersatz für Cannabis (Haschisch und Marihuana) konzipiert, aber der Wirkstoff verändert sich ständig, um die Vorschriften zu umgehen. Das Ergebnis ist ein unberechenbares Rauschmittel, das eine viel stärkere und potenziell lebensbedrohliche Wirkung haben kann.

„Spice" ist eine der diversen Bezeichnungen für synthetisch hergestelltes Cannabis (Haschisch, Marihuana). „Sence", „Smoke", „ChillX", „Yukatan Fire", „Skunk", „Blaze", „Chillem", „K2", „Aroma" und „Mary Jane" sind alternative Bezeichnungen. In Pulverform werden die Substanzen unter Bezeichnungen wie JWH-018, JWH-122, JWH-073 und AM-2201, AM-634, AM-2233 vertrieben. Diese zählen zur Gruppe der „Designerdrogen". Dabei handelt es sich um Narkotika, die synthetisch hergestellt werden, um Analysen und Rechtsvorschriften zu umgehen.

Im Allgemeinen werden die Drogen geraucht. Die Produkte werden oft als legal vermarktet und als Chemikalien zu Forschungszwecken, Räucherwerk, Lufterfrischer u. Ä. verkauft.
Diese Rauschmittel können sehr stark wirksam sein, und man riskiert schon bei sehr kleinen Mengen schädliche Wirkungen. Die aufgeführten Inhaltsstoffe sind meist unzureichend oder irreführend.

Seit 2009 sind die synthetischen Cannabinoide „CD-47,497" und „JWH-018" dem deutschen Betäubungsmittelgesetz in Anlage II unterstellt. Damit ist jede Form von Herstellung, Handel, Erwerb und Besitz dieser Substanzen ohne Genehmigung des Bundesinstituts für Arzneimittelsicherheit und Medizinprodukte verboten.

Wachsendes Problem

Synthetische Cannabinoide stellen eine zunehmende Gesundheitsgefährdung dar. Etwa 11 % aller High-School-Absolventen in den USA geben an, die Droge im vergangenen Jahr ausprobiert zu haben.
Von 2008 bis 2011 wurden in der Giftnotzentrale Freiburg 48 Personen registriert, die notfallmedizinisch behandelt wurden und zugaben, synthetische Cannabinoide konsumiert zu haben.

Anwendung

Synthetische Cannabinoide können in vielfältiger Art konsumiert werden, um eine Rauschwirkung zu erzielen. Die Häufigste ist das Rauchen einer Kräutermischung. Synthetische Cannabinoide sind kein natürlicher Bestandteil der Kräutermischung und werden aufgesprüht. Da synthetische Cannabinoide als Pulver hergestellt werden, müssen sie in Flüssigkeit gelöst werden. Häufig wird dazu Aceton verwendet, das jedoch gesundheitsgefährdend ist und unter anderem Nierenschäden verursacht.

Symptome und Beschwerdebilder

Übliches Cannabis verursacht einen Rauscheffekt, der häufig Entscheidungen und Handlungen derart stark beeinflusst, dass die Gefahr von Unfällen und Verletzungen dramatisch ansteigt. Die Substanz wirkt nur schwach toxisch und verursacht wenige körperliche Schäden. Bei synthetischen Cannabinoiden trifft dies nicht unbedingt zu. Sie erzeugen häufig einen Rauschzustand, der einem hohen Konsum von Cannabis entspricht.

Der durch Cannabis erzeugte Rauschzustand wird häufig als „High“ bezeichnet, ein Gefühl gesteigerter Energie und Konzentration. Ein gesteigerter Appetit und ein schwer zu kontrollierender Lachimpuls sind verbreitete Nebenwirkungen. Cannabis kann beim Konsumenten auch Schläfrigkeit, Benommenheit, Gedächtnisstörungen und Halluzinationen hervorrufen. Nervosität, Angst, Paranoia und Agitation, Übelkeit und Erbrechen sind weitere Symptome, die mit Cannabis einhergehen können. Tod durch Herzinfarkt wird nicht mit dem Konsum von Cannabis in Verbindung gebracht, dafür jedoch mit der synthetischen Variante.

Therapie

Patienten, die nach dem Konsum synthetischer Cannabinoide derart starke Symptome entwickeln, dass sie medizinische Hilfe benötigen, sollten von ärztlichem Personal beobachtet werden, bis sie symptomfrei sind. Analysen können den Konsum der bekanntesten Arten bestätigen/widerlegen, sind jedoch selten schnell verfügbar. Glücklicherweise hängt die Therapie von Vergiftungen kaum von derartigen Tests ab. Benötigt man weiterführende Informationen und Ratschläge, sollte man sich mit einer Giftinformationszentrale in Verbindung setzen.

Verlauf und Prognose

Da die Inhaltsstoffe synthetischer Cannabinoide nur unzureichend bekannt sind und stetig variieren, ist es schwierig, einen typischen Verlauf und zukünftige schädliche Auswirkungen zu skizzieren.

Vergiftungssymptome dauern in der Regel weniger als 8 Stunden an. In diesem Fall wird jedoch von Symptomen berichtet, die länger als 24 Stunden andauern. Hypertonie und eine hohe Pulsfrequenz können zu einer derart großen Belastung für das Herz werden, dass Schmerzen in der Brust, Herzinfarkt und Tod die Folge sind. Akutes Nierenversagen und eine beträchtlichen Störung des Mineralstoffwechsels sind weitere mögliche lebensbedrohliche Auswirkungen synthetischer Cannabinoide. Das Risiko schwerer Unfälle ist im Rauschzustand stark erhöht.

Wie zahlreiche andere Drogen führen synthetische Cannabinoide zu einer Abhängigkeit mit Toleranzentwicklung (es werden immer höhere Dosen benötigt, um den gleichen Effekt zu erzielen) und Entzugserscheinungen nach dem Absetzen. Entzugserscheinungen können Schlafstörungen, Angst, Übelkeit, Schüttelfrost und Krämpfe sein. Die Toleranzentwicklung und Entzugserscheinungen entwickeln sich bei synthetischen Cannabinoiden intensiver als bei richtigem Cannabis.

Registrierte Langzeitwirkungen synthetischer Cannabinoide sind Nierenversagen, Lungenerkrankungen und psychische Erkrankungen. Außerdem werden Symptome wie Gedächtnisstörungen, Lernprobleme, Stimmungsschwankungen, eine schlechte Schlafqualität und eine gestörte Aggressionskontrolle mit dieser Stoffgruppe verbunden.

Autoren

  • Philipp Ollenschläger, Medizinjournalist, Köln

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Cannabinoide, synthetische. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Drogenlexikon, Kapitel "Spice". Köln o.D. Drugcom. de. www.drugcom.de
  2. The European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction (EMCDDA): Understanding the 'Spice' phenomenon, Lisbon, November 2009 www.emcdda.europa.eu
  3. Müller D, Desel H. Ursachen, Diagnostik und Therapie häufiger Vergiftungen. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(41): 690-700; DOI: 10.3238/arztebl.2013.0690. www.aerzteblatt.de
  4. Zimmermann US, Winkelmann PR, et al. Entzugszeichen und Abhängigkeitssyndrom nach „Spice Gold“-Konsum. Dtsch Arztebl Int 2009; 106(27): 464-7; DOI: 10.3238/arztebl.2009.0464. www.aerzteblatt.de
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  7. van Amsterdam J, Brunt T, van den Brink W. The adverse health effects of synthetic cannabinoids with emphasis on psychosis-like effects. Journal of Psychopharmacology. 2015: 29(3), 254-263. jop.sagepub.com