Polypharmazie im Alter (Multimedikation)

Zusammenfassung

  • Definition:Gleichzeitige Einnahme von 5 oder mehr Medikamenten. Steht häufig im Zusammenhang mit Multimorbidität. Entsteht häufig durch ungenaue Indikationsstellung, mangelnde Medikationsplanung und unzureichende Absprachen zwischen den Beteiligten (Patient, Angehörige, Arzt, Apotheker).
  • Häufigkeit: Mehr als 40 % aller über 65-Jährigen nehmen 5 oder mehr Wirkstoffe ein.
  • Symptome:Häufig unspezifische Beschwerden wie Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Schwindel, Verwirrtheitszustände, Tremor oder Stürze.
  • Befunde:Unerwünschte Arzneimittelwirkungen infolge von Interaktionen und oder Fehldosierungen. Evtl. eingeschränkte Therapietreue und fehlendes Ansprechen auf die Therapie.
  • Diagnostik:Bestandsaufnahme der Medikamenteneinnahme und Medikationsbewertung: Prüfung der Angemessenheit der Verordnungen.
  • Therapie:Verordnungsvorschlag auf Grundlage der MAI (Medikationserfassung, Angemessenheitsbewertung, gezielte Intervention).

Allgemeine Informationen

Definition

  • Polypharmazie steht häufig im Zusammenhang mit Multimorbidität.
    • Laut DEGAM wird Multimorbidität als das Vorliegen von mindestens 3 chronischen Erkrankungen definiert.2
  • Nach einer gebräuchlichen Definition ist Polypharmazie die gleichzeitige Einnahme von 5 oder mehr rezeptpflichtigen oder nicht-rezeptpflichtigen Arzneimitteln. Daneben existieren auch andere Definitionen, die eine Polypharmazie definieren als die Verschreibung von mehr Medikamenten, als es klinisch indiziert ist, und/oder ein Regime mit mindestens einem unnötigen Medikament.3-4
  • Medikamenteninduzierte Nebenwirkungen lassen sich leicht mit anderen geriatrischen Syndromen verwechseln, können Verwirrung, Sturzneigung und Inkontinenz verursachen und dann zuweilen dazu führen, dass der Arzt noch mehr Medikamente verschreibt (Verschreibungskaskade).5-6
  • Medikationsprozess: Um die Sicherheit und Qualität der Arzneitherapie zu optimieren und zu gewährleisten, soll der gesamte Verordnungsprozess betrachtet werden, mit folgenden Schritten, die zyklisch durchlaufen werden:7
    • Bestandsaufnahme: Patientenanamnese plus Medikamentenanamnese
    • Medikationsbewertung: kritische Prüfung und Bewertung der Medikation
    • Abstimmung mit dem Patienten über seine Bedürfnisse und Vorstellungen zur Arzneitherapie
    • Verordnungsvorschlag: Therapiemodifikation, Auslassversuche etc.
    • Kommunikation: Information der Patienten/Angehörigen 
    • Arzneimittelabgabe: Patienten mit Multimedikation sollten Sie raten, eine Hausapotheke zu wählen, um Informationsverluste gering zu halten und eine Apotheke als Ansprechpartner zu haben.
    • Arzneimittelanwendung: Eine sichere Arzneimittelanwendung kann durch verschiedene Berufsgruppen/Einrichtungen (Arzt, medizinische Fachangestellte, Apotheke, Pflege) sowie schriftliche Informationen unterstützt werden.
    • Medikamentenmonitoring
      • Erhöhung der Arzneimitteltherapie-Sicherheit durch klinische und/oder Laborkontrollen bei bestimmten Wirkstoffen (z. B: Kontrolle von Kreatinin unter Spironolacton, Metformin, EKG-Kontrollen wegen möglicher QTc-Verlängerung)7
      • Monitoring (Prüfung der Behandlungsergebnisse, Erfassung unerwünschter Arzneimittelwirkungen – UAW) bedeutet stets eine Wiederholung der Bestandsaufnahme (s. o.) in regelmäßigen Abständen.
      • Die DEGAM hat in ihren Leitlinien zum Medikamentenmonitoring11 eine Handreichung zu den Arzneimitteln zusammengestellt, bei denen ein Monitoring empfohlen wird.
  • Adhärenz (früher Compliance – paternalistisches Modell): Therapietreue. Non-Adhärenz kann unterschiedliche Ausprägungen haben.12
    • Auslassen (Vergessen) einzelner Arzneidosen, auch bei täglicher Einmalapplikation
    • Abweichen von verordneten Einnahmezeiten und Dosierungsintervallen
    • Einnahmepausen; vom Patienten initiierte „Drug Holidays“ (≥ 2 aufeinanderfolgende Tage)
    • Abbruch jedweder Therapie/Einnahme
    • Mindereinnahme (Unterdosierung), diese ist häufiger als Mehreinnahme (Überdosierung).
    • Morgendliche Einnahme ist regelmäßiger als abendliche Einnahme.
    • Regelmäßige Einnahme steht in einem engen zeitlichen Zusammenhang mit dem Arztbesuch („Toothbrush Effect“, „White Coat Compliance“), mit zunehmendem zeitlichem Abstand nimmt sie ab.
  • Siehe auch den Artikel Adäquate medikamentöse Therapie in Pflegeeinrichtungen.

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