Körperliche Aktivität und psychische Erkrankungen

Die positive Wirkung von Sport als Therapiemaßnahme ist bei einigen Formen psychischer Erkrankungen wissenschaftlich gut dokumentiert.

Viele Menschen erkranken im Laufe ihres Lebens an einer psychischen Störung. Statistiken zeigen, dass sogar die Hälfte der Gesamtbevölkerung irgendwann im Laufe des Lebens Therapiebedarf aufgrund einer psychischen Erkrankung haben kann. Laut wissenschaftlichen Erkenntnissen trägt körperliche Aktivität durch verschiedene Mechanismen dazu bei, unser psychisches Wohlbefinden zu erhalten und zu verbessern.

So kann sich körperliche Bewegung positiv auf Menschen mit leichten Depressionen auswirken und auf die gleiche Weise auch dazu beitragen, Depressionen und Angstzuständen vorzubeugen. Ein Grund dafür ist möglicherweise, dass körperliche Aktivität zu chemischen Veränderungen im Gehirn führt, die sich wiederum positiv auf unsere Stimmung auswirken. Einige Wissenschaftler gehen davon aus, dass Training dadurch zu einem besseren Wohlbefinden beiträgt, dass es das Selbstvertrauen und die Disziplin verbessert und die Fähigkeit stärkt, sich Herausforderungen zu stellen.

Körperliche Aktivität ist neben der positiven Wirkung bei Depression, aber auch bei Panikstörungen, generalisierten Angststörungen, Schizophrenie, Konversionsstörungen, chronischen Schmerzen und Alkoholismus möglicherweise hilfreich.1

Viele Menschen betrachten Körper und Geist als getrennt voneinander funktionierende Einheiten; tatsächlich aber kann sich alles Körperliche stark auf Geist und Gefühl auswirken. Insofern gibt es zahlreiche Untersuchungen darüber, wie sich Bewegung/Sport auf das psychische Wohlbefinden auswirkt. Diesen Zusammenhang zu untersuchen, ist nicht einfach, insofern gibt es auf diesem Gebiet viele unterschiedliche, teilweise auch widersprüchliche Ergebnisse. Trotzdem lässt sich sagen, dass regelmäßiger Sport mäßiger bis hoher Intensität in der Regel einen positiven Effekt auf das emotionale Wohlbefinden hat und sich in Bezug auf manche psychische Krankheiten vorbeugend oder auch lindernd auswirkt. Dies gilt grundsätzlich sowohl für Erwachsene als auch für Kinder, wobei es jedoch für Kleinkinder nur wenige Untersuchungen gibt. 

Aktiv zu sein, bedeutet nicht, dass Sie Stunde um Stunde im Fitnessstudio verbringen müssen, wenn dies nicht zu Ihnen passt. Versuchen Sie, körperliche Aktivitäten zu finden, die Sie mögen und die in Ihren Alltag passen.

Weitere Informationen finden Sie im Artikel Motivation und Zeit für Bewegung und im Artikel Körperliche Aktivität – Heilmittel für Körper und Geist.

Jugendliche

Die Empfehlungen lauten, dass Schulkinder und Jugendliche sich mindestens 60–90 Minuten am Tag mit mäßiger und hoher Intensität körperlich aktiv sein sollten. Dies schließt die Bewegung im Alltag (zu Fuß gehen, Rad fahren) und Sport ein. Diese Empfehlungen halten jedoch längst nicht alle Kinder und Jugendlichen ein.

Wenn Jugendliche körperlich aktiv werden und Herausforderungen meistern, kann das ein positives Selbstbild stärken. Dazu kommt, dass Jugendliche, die ihre körperliche Verfassung verbessern, ein positiveres soziales Feedback von anderen bekommen können, was ebenfalls die Selbstwahrnehmung positiv beeinflusst. Zusätzlich wirkt sich eine hohe körperliche Aktivität günstig auf die körperliche Gesundheit aus, wie ein gesundes Körpergewicht, ein normaler Blutdruck, günstige Zucker- und Blutfettwerte sowie gesunde Knochen und Muskeln.

Gleichzeitig zeigen andere Studien, dass sitzende Tätigkeiten wie Fernsehen oder Computerspielen sich nicht positiv auf die psychische Gesundheit auswirken bzw. Kinder/Jugendliche, die sehr viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen, eher psychosoziale Auffälligkeiten aufweisen als andere. Laut Empfehlungen sollten Kinder maximal 90 Minuten, Jugendliche maximal 120 Minuten am Tag vorm Compuer oder Smartphone sitzen (was die Erledigung von etwa Hausaufgaben am PC mit einschließt).

Wie häufig und wie viel?

Körperliche Aktivität ist eine gute Selbsthilfemaßnahme in Hinsicht auf psychische Erkrankungen, allerdings sind viele Menschen mit schweren psychischen Problemen in schlechter körperlicher Verfassung und brauchen Hilfe, um mit dem Training zu beginnen.

Das allgemeine Aktivitätsniveau in der Bevölkerung ist leider niedrig und sozial häufig ungleich verteilt.

Die gute Nachricht: Die Forschung zeigt, dass gar nicht so viel notwendig ist, damit sich Training auf die psychische Gesundheit auswirkt. Auch in diesem Zusammenhang lauten die Empfehlungen für Erwachsene 30 Minuten moderater körperlicher Aktivität, allerdings verstärkt sich der gesundheitliche Effekt, wenn man die Menge und Intensität erhöht. Falls die körperliche Fitness im Vorfeld sehr schlecht ist, kann der gesundheitliche Nutzen allein schon durch das Beginnen sehr groß sein.

Weitere Informationen finden Sie im Artikel Sport – Empfehlungen für einen guten Einstieg.

Nicht alle psychischen Erkrankungen sind in Hinsicht auf die Wirkung körperlicher Aktivität gleich gut dokumentiert. In Bezug auf leichtere und mittelschwere Depressionen ist der positive Effekt aber gut belegt. Gemäß Forschungsergebnissen hat körperliche Aktivität eine vorbeugende Wirkung und ist eine gute Ergänzung zur medikamentösen bzw. psychotherapeutischen Therapie.

Warum hilft körperliches Training?

Aus welchem Grund wirkt sich körperliche Aktivität auf die psychische Gesundheit aus? Eine Erklärung ist, dass sich körperliche Aktivität auf unser Verhalten auswirkt. Menschen mit Depressionen ziehen sich häufig zurück und isolieren sich möglicherweise von der Außenwelt. Zu den Auswirkungen körperlicher Aktivität zählen auch positive Gedanken, besseres Selbstvertrauen und stärkere Selbstkontrolle – und das wiederum kann helfen, die depressiven Symptome zu reduzieren. Es gibt aber auch andere Erklärungen für die Wirkung von körperlichem Training: Bei schweren Depressionen ist der Serotonin- und Noradrenalin-Spiegel im Gehirn vermindert. In Tierversuchen wurde gezeigt, dass körperliche Aktivität den Spiegel dieser Botenstoffe im Gehirn erhöht.

Durch körperliche Aktivität werden Endorphine, also körpereigene Morphine, freigesetzt. Die vorübergehende Erhöhung des Spiegels dieser sogenannten „Glückshormone“ kann also auch eine Erklärung für die psychische Wirkung körperlichen Trainings sein.

Körperliche Aktivität und Angststörungen

Die Auswirkungen körperlicher Aktivität auf Depressionen sind gut dokumentiert, bei Angststörungen ist die Dokumentationslage aber weniger gut. Studien zeigen dennoch, dass sich die Angst und innere Anspannung nach einer Trainingseinheit reduziert. Ein Bericht, der im British Journal of Sports Medicine veröffentlicht wurde, zeigt, dass körperliche Aktivität Angstsymptome reduzieren kann, allerdings nicht so effektiv wie Antidepressiva.2

Britische Wissenschaftler haben Informationen aus großen, sorgfältig aufgebauten Studien zusammengestellt, um die Auswirkungen von körperlicher Aktivität auf Angststörungen zu untersuchen. Sie kamen zu dem Schluss, dass Menschen, die an Panikstörungen leiden, ihre Symptome durch körperliche Aktivität teilweise reduzieren konnten. Dennoch zeigt die Analyse, dass körperliches Training weniger effektiv ist als Antidepressiva. Welche Form an Sport bzw. körperlicher Aktivität sich besonders eignet, ist nicht so genau geklärt. Das Gleiche gilt auch für die Intensität des Sports. 

Eine Übersichtsarbeit (mit Auswertung verschiedener einzelner Forschungsarbeiten) zu diesem Thema zeigt ebenfalls, dass unterschiedliche Trainingsvarianten vorteilhaft sein können. Dabei kann es sich um hohe oder geringe Intensität, um Gruppenaktivitäten oder Einzeltraining handeln. 

Nähere Informationen zur Cochrane-Übersichtsarbeit finden Sie hier.

Andere psychische Störungen

Auch wenn keine Bestätigung durch kontrollierte Studien vorliegt, berichten viele Drogen- und Alkoholabhängige, dass körperliches Training die Entzugserscheinungen lindern kann, und die Rückfallhäufigkeit ist bei denjenigen, die regelmäßig trainieren, geringer als bei anderen.

Beim chronischen Erschöpfungssyndrom ist die Wirkung körperlicher Aktivität in kontrollierten Studien dokumentiert. Eine der Untersuchungen zeigte sogar, dass körperliches Training effektiver als Antidepressiva war.

Anscheinend kann Training die Symptome bei Langzeitpatienten mit Schizophrenie reduzieren, aber auch hier mangelt es an kontrollierten Studien.

Literatur

  1. Schulz KH. Körperliche Aktivität und psychische Gesundheit. Körperliche Aktivität und psychische Gesundheit 2012; 55: 55-65. www.rki.de
  2. Jayakody K. Exercise for anxiety disorders: systematic review. Br J Sports Med. 2014; 48: 187-196. www.ncbi.nlm.nih.gov

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen
  • Thomas Fühner, PD Dr. med., Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie, Hannover