Genitale Herpesinfektion

Es handelt sich um eine Infektion mit dem Herpes-Simplex-Virus (HSV) im Genitalbereich (Herpes genitalis). Zwei verschiedene Virenarten werden unterschieden: HSV-1 und HSV-2.

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Was ist eine genitale Herpesinfektion?

Herpes im Genitalbereich kann durch zwei verschiedene Herpes-Virus-Typen (HSV-1 und HSV-2) verursacht werden, meist führt HSV-2 zur genitalen Infektion. Der Erstausbruch (Primärinfektion) erfolgt einige Tage bis Wochen nach Ansteckung. Bei vielen Infizierten (etwa 50%) kommt es zu keinen Beschwerden. Der Erstausbruch kann aber auch sehr unangenehm sein. Die äußeren Genitalien röten sich, schwellen an und sind empfindlich. Allmählich bilden sich schmerzhafte Bläschen im Genitalbereich. Diese platzen bald und es bilden sich kleine Wunden. Der Ausbruch führt häufig zu Müdigkeit, Kopfschmerzen und Fieber. Häufig kommt es auch zu Gelenkschmerzen. Das Wasserlassen kann ebenfalls sehr schmerzhaft sein. Ohne Behandlung ist die Infektion nach 2 - 4 Wochen abgeheilt.

Viele, aber nicht alle Betroffenen, leiden an rezidivierenden (wiederkehrenden) Herpes-Ausbrüchen. Nachfolgende Infektionen (Schübe) verlaufen oft milder als die Primärinfektion sowie mit weniger Bläschen und Wunden. In der Regel kommt es auch hier zu einem allgemeinen Krankheitsgefühl und oft zu deutlichen Schmerzen, auch wenn sich nicht mehr so viele Bläschen bilden.

Eine genitale Herpesinfektion tritt häufig auf. Untersuchungen zufolge sind etwa ein Fünftel der Menschen in Deutschland mit HSV-2 infiziert. HSV-1 lässt sich bei 80–90% nachweisen; typisch hierfür sind beim Ausbruch oder einem Rückfall die schmerzhaften Lippenbläschen. Eine HSV-1 im Genitalbereich tritt jedoch selten wiederholt auf, meist handelt es sich dort um eine „einmalige Infektion“. Rezidivierende Herpes-Infektionen im Genitalbereich sind in mehr als 90 % der Fälle auf HSV-2 zurückzuführen.

Bei HSV-2 erfolgt eine nahezu ausschließlich sexuelle Ansteckung (aber auch infolge von Wunden im Genitalbereich), während HSV-1 sowohl sexuell (häufig durch Oralsex) als auch anderweitig übertragen wird (z.B. über Lippen und Mundschleimhaut). Lediglich rund 20–30 % der HSV-2-Infizierten wissen, dass sie sich mit Herpes genitalis angesteckt haben. Bei weiteren 20 % lag zwar eine Symptomatik im Genitalbereich vor, sie haben aber keine spezifische Diagnose erhalten. Etwa die Hälfte der Infizierten kann über keine subjektiven Symptome für eine frühere Herpes genitalis berichten. 

Ursache

Genitalherpes wird durch sexuelle Kontakte übertragen. HSV-2 verbreitet sich vorzugsweise durch Geschlechtsverkehr oder anderen Kontakt von genitaler Schleimhaut/Haut mit Schleimhaut/Haut. Beim Oralsex besteht die Gefahr einer Übertragung vom Mund auf die Genitalien (HSV-1).

Das Virus wandert entlang der Nervenbahnen und ruht danach in den so genannten Nervenganglien. Befindet sich das Virus in der Ruhephase (Latenzphase), treten keine Symptome auf. Das Virus kann jedoch reaktiviert werden, erneut die Nerven entlangwandern bis zur Haut und zu wiederholten Ausbrüchen an gleicher Stelle führen. Spätere Ausbrüche verlaufen meist harmloser als die erst Episode.

Das Infektionsrisiko ist während offensichtlicher Symptome wie Bläschen und Wunden am größten. Insbesondere bei HSV-2 ist eine Übertragung aber auch dann möglich, wenn kein Ausbruch vorliegt. Demzufolge ist eine unbewusste Ansteckung möglich. Kondome bieten einen guten Schutz vor Ansteckung, einen 100 %-igen Schutz stellen sie aber nicht dar. 

Diagnostik

Die ärztliche Diagnose wird auf der Grundlage typischer Symptome wie schmerzhafte Bläschen, gefolgt von Wund- und Schorfbildung gestellt. Vor allem bei der erstinfektion sind oft auch die Lymphknoten in den Leisten vergrößert tastbar. Ein Abstrich der Bläschenflüssigkeit mit Nachweis der Viren im Labor bestätigt die Diagnose. Moderne Herpes-Tests sind sehr genau. Der Befund kann jedoch auch fälschlicherweise keine Infektion anzeigen, wenn der Abstrich bei Fortschreiten der Krankheit zu spät vorgenommen wurde. Beim Erstausbruch muss der Abstrich innerhalb von 5–6 und bei späteren Ausbrüchen innerhalb von 2–3 Tagen vorgenommen werden.

Behandlung

Zwar gibt es keine Medikamente, die die Krankheit heilen, aber Arzneimittel, die die Vermehrung des Virus und die Aktivität hemmen und die Infektionsübertragung verringern (z.B. Aciclovir, Famciclovir oder Valaciclovir). Diese sollten möglichst als Tabletten angewendet werden. Die Medikamente kommen in erster Linie bei den starken Primärausbrüchen zum Einsatz. Sie lassen sich aber auch erfolgreich bei Patienten mit häufigen und unangenehmen Rückfallerkrankungen verwenden. In diesen Fällen kann es notwendig sein, die Medikamente über längere Zeit – sogar über einige Jahre – vorbeugend einzunehmen.

Bei der Primärinfektion zeigt die Behandlung dann Wirkung, wenn sie innerhalb von 4–7 Tagen nach Auftreten der Symptome begonnen wird. In der Regel erfolgt eine Behandlung über 5 Tage. Hin und wieder wird auch ein Behandlungszyklus von 10 Tagen empfohlen. Eine Verbesserung zeichnet sich etwa ab dem 3. Tag ab.

Eine Therapie späterer Ausbrüche (so genannter Schübe) mit Medikamenten ist meist nicht nötig, aber sinnvoll, wenn starke Symptome bestehen. Die Tablettengabe muss dann möglichst innerhalb von 24 Stunden erfolgen, um eine Wirkung zu erzielen. Bei einigen wenigen Personen flackert die Infektion besonders häufig auf (etwa jeden Monat). Die Erkrankung wird dann als äußerst belastend empfunden, häufig ist das gewohnte Sexualleben eingeschränkt. In diesen Fällen ist eine prophylaktische Behandlung (Suppressionstherapie) für kurze oder längere Zeit wie z. B. mit einer täglichen Gabe von einmal Valaciclovir (500 mg) oder zweimal täglich Valaciclovir (250 mg) in Tablettenform möglich.

Während der Ausbrüche lässt sich der Schmerz mithilfe von Lokalanästhetika wie z. B. Lidocain-Gel oder -Salbe lindern. Mitunter scheint auch Zinksalbe ein schnelleres Austrocknen der Wunden zu bewirken.

Eine lokale Behandlung mit antiviraler Creme (z. B. Aciclovir-Creme 5 %) wirkt nicht so gut wie Tabletten und kann Resistenzen der Viren fördern.

Liegt neben der Herpesinfektion noch eine andere Infektion vor, werden andere Therapieoptionen empfohlen.

Üblicherweise können Patienten die Infektion von zu Hause aus behandeln. Eine Einweisung in die Klinik kann jedoch nötig sein, wenn z.B. sehr starke Schmerzen vorliegen, bei Komplikationen wie Ausbreitung des Infektion auf die Hirnhäute, bei einer Schwangerschaft, geschwächtem Allgemeinzustand oder Immunschwäche.

Weitere Maßnahmen

Schmerzstillende Salben und/oder warme Sitzbäder können die Beschwerden lindern; lockere Kleidung ist engen Hosen vorzuziehen. Der Genitalbereich sollte trocken und sauber gehalten werden; nach Berührung der Bläschen sollte man sich die Hände waschen. Während der Erkrankung ist sexuelle Abstinenz wichtig, um den Partner zu schützen. Grundsätzlich ist es sinnvoll, sich vom Arzt genau über Ansteckungswege, -risiko und Maßnahmen zur Vorbeugung einer Infektion und Schutz des Partners zu informieren.

Infektionsrisiko

Eine medikamentöse Behandlung ersetzt keine anderen Maßnahmen, um die Ausbreitung dieser sexuell übertragbaren Infektion zu unterbinden. Sie sollten ein Kondom verwenden und den Partner darüber informieren, dass Sie ansteckend sind. Eine medikamentöse Behandlung und Kondomverwendung beseitigt die Ansteckungsgefahr nicht vollständig, verringert aber das Infektionsrisiko. Während Symptome wie Schmerzen und Bläschen vorhanden sind, sollte der Betroffene keinen Sex haben.

Schwangere Frauen, die mit HSV-2 infiziert sind, können das Virus auf ihr Neugeborenes übertragen, z.B. über Bläschen im Genitalbereich während der vaginalen Geburt. Daher sind in solchen Fällen besondere Maßnahmen während der Geburt erforderlich, ggf. ein Kaiserschnitt.

Prognose

In der Regel beträgt die Inkubationszeit von der Ansteckung bis zum Auftreten von Symptomen (sofern diese vorliegen) weniger als eine Woche. Bevor der Primärausbruch vollständig ausgeheilt ist, vergehen 2–4 Wochen. Mehr als 50 % der Patienten erleben neuerliche Ausbrüche. Diese verlaufen, wie bereits früher erwähnt, in der Regel weitaus milder und dauern 1–2 Wochen. Rezidivierende (wiederkehrende) Ausbrüche sind bei einer HSV-1-Infektion im Genitalbereich ungewöhnlich.

Die Intensität der Erkrankung nimmt im Verlauf der Zeit ab. Einige Patienten erleben nur einen Ausbruch, während bei anderen die Krankheit über viele Jahre aktiv sein kann. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass die Krankheit langfristige Folgen hat. Bei Patienten mit Herpes-Infektionen ist weder eine erhöhte Krebsrate noch ein verstärktes Vorkommen von Unfruchtbarkeit zu verzeichnen.

Bei einer Herpes-Erkrankung kann es jedoch während des Geburtsvorgangs zu einer Ansteckung des Kindes kommen. Dies kann eine gravierende Erkrankung beim Neugeborenen nach sich ziehen. Das absolute Risiko ist bei einer Infektion in der Spätschwangerschaft bei einer so genannten Primärinfektion am größten. Bei einer Primärinfektion mit Genitalherpes während der Schwangerschaft ist unbedingt ärztlicher Rat einzuholen. So können einige Maßnahmen ergriffen werden, um die Gefahr einer Übertragung auf das Kind zu verringern wie z. B. Herpes-Medikamente am Schwangerschaftsende und ggf. geplanter Kaiserschnitt. Ist ein Genitalherpes bereits bei Eintritt der Schwangerschaft bekannt, ist die Ansteckungsgefahr gering. Das Kind wird in diesem Fall bereits während der Schwangerschaft mit den entsprechenden mütterlichen Antikörpern versorgt.

Bei der pränatalen Betreuung durch Ärzte und Hebammen sind diese über den Genitalherpes zu unterrichten. So lässt sich sorgfältig kontrollieren, dass bei der Entbindung keine Bläschen im Geburtskanal vorliegen. In seltenen Fällen kann ein Kaiserschnitt notwendig sein. Bei einer bekannten Herpes-Infektion mit dicht aufeinanderfolgenden Schüben zum Schwangerschaftsende kann ebenfalls eine prophylaktische Tablettenbehandlung vor der Geburt (z. B. Aciclovir) angezeigt sein.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen
  • Julia Trifyllis, Dr. med., Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, Münster/W

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Herpes genitalis bei Frauen. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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