Vermindertes sexuelles Verlangen bei Frauen

Vermindertes sexuelles Verlangen oder sexuelle Appetenzstörung ist das häufigste sexuelle Problem bei Frauen und oft das am schwierigsten zu behandelnde.

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Was versteht man unter vermindertem sexuellen Verlangen?

Ob fehlendes sexuelles Verlangen als unnormal betrachtet werden soll oder einfach als eine Variation des Normalen, wird seit langem diskutiert. Der Zustand hat in der Regel psychosoziale und verhaltensbedingte Ursachen und wird von einer Vielzahl von Umständen im täglichen Leben und in der Partnerbeziehung beeinflusst.

Vermindertes sexuelles Verlangen bei Frauen kann auftreten als:

  • Fehlen von oder Mangel an Interesse an Sex
  • Nicht vorhandene sexuelle Gedanken oder Fantasien und dadurch fehlendes Verlangen
  • Schwache oder keine Motivation, zu versuchen, sexuell erregt zu werden
  • Fehlendes Interesse bedeutet hier niedriger als der Durchschnitt in der Altersklasse und der Dauer der Paarbeziehung.

Bevölkerungsstudien haben gezeigt, dass 10 % bis 46 % der Frauen vermindertes sexuelles Verlangen aufweisen. Eine komplette Abneigung gegen Sex tritt aber selten auf. Der Zustand ist am häufigsten bei Frauen mittleren Alters und älteren Frauen.

Über normale weibliche Sexualität

Die normalen weiblichen sexuellen Reaktionsmuster werden als Zirkel mit mehreren Phasen beschrieben, bei denen die eine zur nächsten führt. Der Vorgang kann damit beginnen, dass die Frau Lust auf sexuelle Aktivität hat, sexuelle Erregung entsteht, beim Sexualakt erfährt die Frau zunehmendes Lustempfinden bis zum eventuellen Klimax und/oder Orgasmus/Orgasmen. Auf gute Erfahrungen folgen Befriedigungen, und eine stärkere Motivation oder Lust für die Zukunft. Die Frau kann auch „in den Lustzirkel hineinspringen“, indem sie beginnt, sich selbst zu stimulieren oder ihr Partner die Initiative ergreift. Die Gefühle im Genitalbereich können das psychische Verlangen nach Sex wecken, und die sexuelle Aktivität kann fortgesetzt werden.

Die Körperfunktionen, die die Lust, die Erregung und den Orgasmus steuern sind jedoch getrennt und eigentlich nicht voneinander abhängig. Frauen, die die spontane Lust auf Sex verloren haben, können daher immer noch guten Sex erleben. Allerdings initiieren sie den sexuellen Kontakt nicht.

Ist sexuelles Verlangen ein Gedanke oder ein Gefühl?

Die Antwort ist nicht klar. Zu Beginn einer Liebesbeziehung folgt auf fast jeden sexuellen Gedanken körperliche Erregung. Es beginnt mit einem sexuellen Gedanken, der die sexuellen Erregungsmechanismen über die Nervenbahnen auslöst. Der Gedanke kann eine Erwartung sein, den kommenden Abend betreffend oder eine Erinnerung an frühere sexuelle Erlebnisse. Frauen, die kein Verlangen nach sexueller Aktivität haben, können wie gesagt sexuell gut funktionieren, wenn sie sich dennoch auf Sex einlassen. Berührungen rund um die Klitoris, die Schamlippen und die Scheide lösen Nervenimpulse aus, die zu einer starken sexuellen Erregung, erhöhter Feuchtigkeit der Scheide bis zum Orgasmus führen.

Ursache

Alle gesundheitlichen Probleme können das sexuelle Verlangen und die sexuellen Funktionen beeinflussen. Daher können Krankheiten eine wichtige Ursache darstellen. Auch viele Medikamente können das Verlangen beeinträchtigen. Dabei handelt es sich vor allem um Substanzen, die die körpereigene Produktion der Hormone Testosteron und Östrogen beeinträchtigen. Antidepressiva, Beruhigungsmittel, Alkohol und Drogen können das sexuelle Verlangen ebenfalls vermindern.

Das männliche Geschlechtshormon Testosteron wird normalerweise in kleinen Mengen in den Eierstöcken und den Nebennieren produziert und spielt eine Rolle beim sexuellen Verlangen der Frau. Die Entfernung der Eierstöcke, Chemotherapien und Bestrahlung können zu einem Mangel an Testosteron und damit zu geringerem Verlangen nach Sex führen.

Wesentliche Änderungen der Hormonmengen kommen in verschiedenen Phasen des Lebens vor. Bekannt ist, dass geringere Lust häufiger bei prämenstruellem Syndrom (PMS), während der Schwangerschaft und nach der Geburt sowie mit zunehmenden Alter der Frau vorkommt. 

Erkrankungen und Medikamente, die eine gesteigerte Bildung von Prolaktin verursachen, haben auch eine unmittelbare Wirkung und führen zu einem verminderten sexuellen Verlangen (z. B. Hypophysentumoren, Schilddrüsenerkrankungen, Lebererkrankungen, Stress und bestimmte Medikamente).

Für sexuelles Interesse und sexuelle Aktivitäten ist es wichtig, dass die Frau sich körperlich und psychisch gesund fühlt. Das Empfinden schlechter körperlicher und emotionaler Gesundheit, vor allem depressive Gefühle, hängen mit einem geringen sexuellen Verlangen, Abneigung gegen sexuelle Erregung und Schmerzen beim Sex zusammen. Der Zustand kann zusätzlich bei schwacher sexueller Erregung und fehlenden Orgasmen entstehen.

Frauen erfüllen oft viele Rollen im Leben, wie professionell Berufstätige, Ehefrau, Mutter, Tochter, Freundin und Liebespartnerin. Die Rolle der Liebhaberin scheint zu verschwinden, wenn die anderen Ansprüche steigen, was mit der Zeit geschieht. Zu Beginn einer Beziehung hat die Frau oft nicht so viele dieser Rollen inne, wodurch die Rolle der Liebespartnerin ausgeprägter ist. In einer Ehe/Paarbeziehung nehmen die persönliche Zeit und die Zeit zum Kuscheln mit dem Partner im Laufe der Jahre am stärksten ab. Wenn die Frau fühlt, dass das Verhältnis sie einschränkt, oder wenn sie vielleicht sogar manchmal Angst vor dem Partner hat, ist die fehlende Lust auf Sex ganz natürlich.

Darüber hinaus gibt es viele Missverständnisse und Mythen über Sexualität, die auf mangelnden Kenntnissen beruhen.

Diagnostik

Die Diagnose stellen Sie selbst – Sie haben weniger Lust als Sie wollen, und das ist ein relativ großes Problem für Sie oder Ihre Beziehung. Wenn Sie medizinische Hilfe suchen, sollten Sie über folgende Fragen nachdenken, die der Arzt stellen könnte:

  • Sind Vorerkrankungen bekannt?
  • Nehmen Sie Medikamente ein?
  • Wie ist die Beziehung mit Ihrem Partner?
  • Gab es in der letzten Zeit wichtige Ereignisse im Leben?
  • Wie sehr fühlen Sie sich von Ihrem Partner angezogen?

Es erfolgt außerdem eine ärztliche Untersuchung, einschließlich einer gynäkologischen Untersuchung. Die äußeren Geschlechtsorgane werden auf Altersveränderungen und Anzeichen für krankhafte Veränderungen untersucht. Blutuntersuchungen und andere Tests sind selten hilfreich.

Therapie

Die Therapie behandelt die zugrundeliegenden Ursachen. Eventuelle medizinische Probleme müssen behandelt werden. Das sexuelle Verlangen nimmt häufig mit dem Alter und der Dauer einer Paarbeziehung ab. Es ist nichts falsch an solchen altersbedingten Veränderungen. Wenn aber Sie und Ihr Partner das Gefühl haben, dass es ein Problem ist, kann es ein Grund sein, Maßnahmen zu ergreifen.

Wichtige Elemente der Behandlung sind Informationen und eventuell Schulung sexueller Techniken. Änderungen des Lebensstils können in Form von verbesserter Stressbewältigung, ausreichenden Ruhezeiten und regelmäßiger Bewegung angezeigt sein.

Eine medikamentöse Behandlung ist von begrenztem Nutzen. Testosteron wurde in Studien getestet, empfiehlt sich aber nicht für alle, denen die Lust abhanden gekommen ist. Frauen, denen beide Eierstöcke entfernt wurden oder die eine Strahlentherapie des Unterleibs erhalten haben, können eventuell von Testosteron profitieren. Nebenwirkungen können Vermännlichung und eine tiefere Stimmlage sein. Lokale Behandlungen (Salbe) mit Östrogen erhöhen die Feuchtigkeit der Vagina (für eine bessere Gleitfähigkeit der Vagina) bei Frauen nach den Wechseljahren, aber es gibt keine sicheren Beweise dafür, dass dadurch das sexuelle Verlangen oder die Erregung steigt.

Kognitive Verhaltenstherapie und psychodynamische Ansätze können eine entscheidende Rolle bei der Behandlung von schweren Fällen spielen. Eine Sexualtherapie für Paare ist erfahrungsgemäß am wirkungsvollsten. Spezialisierte Sexualtherapeuten können helfen.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Martina Bujard, Wissenschaftsjournalistin, Wiesbaden
  • Julia Trifyllis, Dr. med., Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, Münster/W

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Vermindertes sexuelles Verlangen bei Frauen. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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