Störungen der sexuellen Präferenz (Paraphilien)

Störungen der sexuellen Präferenz beziehen sich auf sexuelle Wünsche und Verhaltensweisen, die außerhalb der gesellschaftlich akzeptierten Norm liegen.

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Was ist mit Störungen der sexuellen Präferenz (Paraphilien) gemeint?

Sexuelle Abweichungen oder Variationen beziehen sich auf sexuelle Wünsche und Verhaltensweisen, die außerhalb der gesellschaftlich akzeptierten Norm liegen. Dies wird auch als Paraphilie bezeichnet, „Liebe für das, was daneben liegt.“ Aber was als ungewöhnlich und atypisch angesehen wird, unterscheidet sich zwischen Kulturen und verändert sich mit der Zeit.

Sexuelle Variationen (Paraphilien) werden auch als abweichendes Sexualverhalten bezeichnet. Einheitliche Definitionen bezüglich sexueller Variationen fehlen. Eine Definition besagt, dass es sich dabei „um mindestens sechs Monate lang wiederkehrende und intensive, sexuell erregende Fantasien, sexuelle Bedürfnisse oder Verhaltensweisen“, die bedeutendes Leiden oder Funktionsstörungen verursachen handelt.

Verschiedene sexuelle Variationen

Exhibitionismus

Die Häufigkeit des Auftretens von Exhibitionismus ist aufgrund fehlender epidemiologischer Studien nicht bekannt. Exhibitionismus handelt davon, sich zu entblößen. Exhibitionisten kommen in der Regel in Kontakt mit medizinischen Einrichtungen, wenn sie ihren Impuls ausgelebt haben und festgenommen wurden. Es handelt sich typischerweise um erwachsene Männer, die sexuelle Erregung und Erfüllung erlangen, indem sie ihre Geschlechtsorgane einer unvorbereiteten fremde Person zeigen und dabei häufig masturbieren. Eine Absicht ist, zu überraschen, eventuell in der Hoffnung, beim Opfer sexuelle Erregung zu erzeugen. „Flitzen“ ist eine Variante, bei der sich eine Person auszieht und z. B. über einen Sportplatz rennt, wo sich viele Zuschauer (und Fernsehkameras) befinden.

Pädophilie

Pädophilie ist ein intensives sexuelles Interesse an vorpubertären Kindern. Zwei Drittel der Kinder, die missbraucht werden, sind Mädchen, in der Regel im Alter zwischen 8 und 11 Jahren. Um die Definitionskriterien zu erfüllen, muss ein Pädophiler älter als 16 und mindestens 5 Jahre älter als das Opfer sein. Die meisten bekannten Pädophilen sind Männer, es gibt aber auch Fälle, in denen Frauen wiederholten sexuellen Kontakt mit Kindern hatten. In 90 % der Fälle ist der Täter dem Kind bekannt, in mindestens 15 % handelt es sich um Verwandte. Die meisten Pädophilen sind heterosexuell, oft verheiratet und haben eigene Kinder.

Die Untersuchung des Zustands sollte in einer Spezialklinik durchgeführt werden.

Fetischismus

Fetischismus beinhaltet wiederkehrendes sexuelles Verlangen oder Verhaltensweisen, bei der die Verwendung von Objekten wie Leder- und Gummibekleidung, weibliche Unterwäsche, Strümpfe, Schuhe und Stiefel, oder Körperteile wie Füße im Zentrum steht. Es handelt sich, soweit man weiß, in der Regel um Männer, und sie erleben sexuelle Erregung und Befriedigung bei der Ausübung.

Transvestitismus und transvestitischer Fetischismus

Transvestitismus bezeichnet das Tragen von Kleidung, die typisch für das jeweilige andere Geschlecht ist. Ein „Transvestit“ ist eine heterosexuelle oder homosexuelle Person, die freiwillig Kleidung des anderen Geschlechtes trägt, wobei dies nicht von sexueller Erregung begleitet ist. Abzugrenzen hiervon ist der transvestitische Fetischismus, bei dem bereits getragene Kleidung einer anderen Person das Objekt der sexuellen Erregung ist. Transvestitischer Fetischismus und Transvestitismus sollten nicht mit Geschlechtsidentitätsstörungen verwechselt werden, die eine dauerhafte Identifikation mit dem jeweiligen anderen Geschlecht und eine Unzufriedenheit mit dem Geschlecht bei der Geburt beinhalten.

Asphyxiophilie (Atemkontrolle)

Asphyxiophilie ist eine sexuelle Variante, bei der man versucht, den Genuss des Orgasmus durch die Reduzierung der Sauerstoffaufnahme, beispielsweise durch eine enge Schlinge um den Hals, zu erhöhen. Dieses Verhalten hat zu Todesfällen geführt.

Andere sexuelle Variationen

Andere sexuelle Variationen umfassen das Erreichen sexueller Befriedigung durch das Zufügen von Schmerzen (sexueller Sadismus) oder zugefügten Schmerz oder Demütigung (sexueller Masochismus), das sexuelle Verlangen nach Sex mit einer Leiche (Nekrophilie) oder mit Tieren (Zoophilie), Erregung durch Kontakt mit Urin (Urophilie) und Kot (Koprophilie), und sexuelle Erfüllung durch das Reiben der Geschlechtsorgane an einer anderen Person an einem Ort mit Gedränge (Frotteurismus).

Kombinationen

Es ist nicht ungewöhnlich, dass bei einer Person mehr als eine sexuelle Variation auftritt. Ungewöhnliche Neigungen müssen keine Ängste oder Funktionsbeeinträchtigungen verursachen. Ein Beispiel sind Menschen in Clubs für sexuellen Sado-Masochismus (BDSM), wo man sich einvernehmlich Sex widmet, der den eigenen Wünschen entspricht.

Wann suchen Menschen mit sexuellen Variationen Hilfe?

Nur ein Teil dieser Menschen sucht Hilfe im Gesundheitswesen. Vereinfacht handelt es sich um vier Arten von Kontakten:

  • Straftäter, die im Einvernehmen mit Justizbehörden und Gefängnissen Hilfe suchen, um ihr Sexualverhalten kontrollieren zu können.
  • Hilfesuchende, die über ihre Veranlagung verzweifelt sind. Es kann sich dabei um Menschen handeln, die Angst haben, eine strafbare oder obszöne Handlung zu begehen, zum Beispiel eine, die ihr Privatleben und ihre Karriere zerstören kann.
  • Diejenigen, die Hilfe suchen, weil ihr Partner reagiert. Sie sind frustriert darüber, dass der Partner frustriert ist. Dies sind Menschen mit stabilen und langfristigen Beziehungen.
  • Diejenigen, die Hilfe für offensichtliche sexuelle Probleme suchen. Sie können über Erektionsprobleme oder andere Funktionsstörungen berichten, die als Folge der stark unterschiedlichen sexuellen Wünsche oder Verhaltensweisen entstehen. Zum Beispiel kann ein Mann merken, dass er eine Erektion nicht ausreichend lange aufrechterhalten kann, um Geschlechtsverkehr durchzuführen, wenn er keine Lederbekleidung trägt.

Gibt es eine Behandlung?

Bis vor 30 Jahren war das Ziel, das abweichende Sexualverhalten zu ändern. Das Hauptverfahren war die elektrische Aversionstherapie. Diese unterdrückte das Verhalten, beseitigte es aber nicht. Psychodynamische Psychotherapie oder Psychoanalyse wurden ebenfalls verwendet, und können das Selbstbewusstsein der Person steigern, jedoch hat man keinen sicheren Einfluss auf die Gefahr des unerwünschten Auslebens gefunden. Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)

KVT konzentriert sich darauf, der Person zu helfen und sie zu motivieren, ihre sexuellen Gedanken und Impulse zu kontrollieren. Rückfallprävention wird in der gleichen Weise wie für Abhängige eingesetzt. Die Person lernt, Risikosituationen zu erkennen, in denen unerwünschte sexuelle Fantasien und Impulse zum Leben erweckt werden.

Für Täter werden speziell Gespräche in der Gruppe verwendet. Durch das Programm sollen Erkenntnisse über die Gefährlichkeit des Verhaltens für Andere gewonnen werden, gleichzeitig bietet es Unterstützung durch das Treffen mit Menschen mit ähnlichen Problemen.

Pharmakologische Therapien können für die größten Probleme in Frage kommen. Verminderung des Sexualtriebs mit Hilfe von Medikamenten kann das problematische Verhalten reduzieren, wirkt aber nicht selektiv. Das bedeutet, dass auch erwünschtes normales Verhalten beeinflusst wird.

Antiandrogene und GnRH-Analoga verringern die Libido. Diese Hormonmedikamente scheinen das Risiko eines Rückfalls zu Sexualstraftaten zu reduzieren, wenn der Täter eine oder mehrere Paraphilien hat.

Hilfsangebote

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Julia Trifyllis, Dr. med., Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, Münster/W
  • Günter Ollenschläger, Prof. Dr. Dr. med., Internist, Uniklinikum Köln