Entfernung der Gaumenmandeln (Tonsillektomie)

Der Fachbegriff Tonsillektomie bezeichnet die operative Entfernung der Gaumenmandeln. Häufige schwere Infektionen der Mandeln sind beispielsweise ein Anlass, diese Operation zu empfehlen.

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Was sind die Mandeln?

 

Die Mandeln, die medizinisch als Tonsillen bezeichnet werden, sitzen auf beiden Seiten des Gaumens. Sie befinden sich zwischen dem vorderen und hinteren Gaumenbogen. Die Gaumenbögen erstrecken sich vom Gaumensegel aus nach hinten zum Zungengrund und Rachen. Die Größe der Mandeln variiert stark von Person zu Person und ist auch bei ein- und demselben Menschen. Sind die Tonsillen vergrößert, sind sie bei weit geöffnetem Mund hinten im Rachen gut zu erkennen. Während normalerweise das Zäpfchen zwischen den Mandeln frei herabhängt, können enorm vergrößerte Mandeln sogar in der Mitte am Zäpfchen dicht anliegen. Relativ gesehen sind die Mandeln bei den meisten Menschen im Alter von etwa 10 Jahren am größten, während sie im weiteren Verlauf weniger stark als das Gewebe in ihrer Umgebung wachsen.

Die Mandeln bestehen aus lymphatischem Gewebe. Die Oberfläche der Mandeln ist uneben und besteht aus vielen kleinen Vertiefungen. Die Mandeln sind an der Produktion von weißen Blutkörperchen (Lymphozyten) beteiligt, sind ein Teil des Immunsystems und produzieren Antikörper gegen eindringende Mikroorganismen. Da die Mandeln die erste Station von Immunzellen in den Atemwegen und im Verdauungstrakt sind, spielen sie eine wichtige Rolle für die körpereigene Abwehr. Sind die Mandeln jedoch sehr häufig entzündet und deutlich vergrößert, kann die Entfernung sinnvoll sein. 

Was ist eine Tonsillektomie?

Der Fachbegriff Tonsillektomie bezeichnet die operative Entfernung der Gaumenmandeln. Auch wenn heutzutage weniger Mandelentfernungen als früher durchgeführt werden, handelt es sich weiterhin um eine der häufigsten Operationen überhaupt, vor allem bei Kindern. Grundsätzlich kann der Arzt die Gaumenmandeln vollständig (Tonsillektomie) oder nur Teile davon (Tonsillotomie) entfernen.

Wann sollten die Mandeln entfernt werden?

Bei häufig wiederkehrenden, schweren Infektionen der Mandeln wird häufig die Operation empfohlen. Dabei gilt: Tritt eine Infektion, die eine Antibiotikatherapie erfordert, bis zu 3-mal im Jahr auf, wird eine Operation nicht empfohlen. Ist es 4- bis 5-mal zu solchen Erkrankungen innerhalb von 12 Monaten gekommen und folgte danach innerhalb von 6 Monaten eine sechts Infektion, ist die Operation eine mögliche Option. Ab 6 antibiotikabedürftigen Infektionen im Jahr empfehlen Ärzte in der Regel die Entfernung der Mandeln.   

Zurückhaltung sollte jedoch bei Kindern mit periodischen Halsschmerzen im Rahmen kleinerer Epidemien herrschen, bei denen auch viele andere von Halsinfektionen betroffen sind. Auch Operationen an Kindern unter 4 Jahren sollten vermieden werden.

Abgesehen von häufigen Infektionen können vergrößerte Mandeln zu verschiedenen Problemen führen: Atembeschwerden mit Schlafstörungen, Schluckstörungen, Hörproblemen wegen Verschluss der Ohrtrompete (Belüftung des Ohrs vom Rachen aus). Bestehen solche Beschwerden, wird der Arzt je nach Schweregrad und Alter des Patienten, ebenfalls zu einer Operation raten.

Sind die Mandeln lediglich deutlich vergrößert, führen aber nicht zu Beschwerden, ist eine Operation in der Regel unnötig bzw. nicht zu empfehlen. 

Operation

Der Eingriff erfolgt unter Vollnarkose. Die Mandeln werden vom HNO-Arzt entweder vollständig entfernt (Tonsillektomie) oder es werden Anteile des Gewebes herausgeschnitten (Tonsillotomie).

Zunehmend wird der Eingriff ambulant durchgeführt. Das bedeutet, dass die Patienten morgens in der Klinik/Praxis nüchtern eintreffen und nachmittags wieder nach Hause dürfen. Ambulante Operationen haben sich als medizinisch vertretbar erwiesen, denn die Patienten, die schnell wieder nach Hause dürfen, schlafen offenbar besser, trinken mehr und leiden weniger unter Schmerzen als die Patienten, die die erste Nacht im Krankenhaus verbringen.

Nach der Operation

In den ersten Tagen nach der Operation sind die Schmerzen relativ stark, sodass Schmerzmittel erforderlich sind. Die Schmerzen nehmen in der Regel nach 3–5 Tagen ab.

Wichtig ist, dass die Patienten viel trinken. Nach der Operation dürfen die Patienten alles essen, worauf sie Lust haben, den meisten fällt es aber einfacher, „weiches“ Essen zu schlucken. Rauchen ist zu meiden, weil dies die Wundheilung beeinträchtigt. In den ersten 10 Tagen sollten schwere Lasten und größere körperliche Anstrengungen vermieden werden. Die Empfehlungen variieren ein wenig, aber Kinder sollten nach der Operation normalerweise für 1–2 Wochen zu Hause bleiben.

Komplikationen

Nachblutungen treten am häufigsten in den ersten Stunden nach der Operation auf, können aber auch später vorkommen, dann meist nach 5–8 Tagen. Diese Blutungen entstehen im Allgemeinen als Folge einer unzureichenden Blutungskontrolle während der Operation oder aufgrund verbleibender Gewebereste. Die Blutungen können ernst sein, ggf. sogar lebensbedrohlich. Bei einer Neigung zu Blutungen ist eine sorgfältige Beobachtung nötig. Bei Nachblutungen sollte eine Einweisung ins Krankenhaus erfolgen. Wenn Kinder über zunehmende Schmerzen klagen oder hohes Fieber hinzukommt, sollten sie von einem Arzt untersucht werden.

Nach einer Tonsillektomie kommt es häufig zu einer kurzfristigen Temperaturerhöhung. Auch Ohrenschmerzen sind häufig, und in diesem Fall muss ausgeschlossen werden, dass es zu einer Mittelohrentzündung gekommen ist. Selten kommt es zu einer Lungenentzündung. Sonstige vorübergehende Störungen sind Sprachstörungen und Probleme mit dem Schlucken.

Selten kann der Arzt versehentlich den Gaumen, Zahnfleisch oder Nerven verletzt haben.

Prognose

Die Prognose ist in der Regel sehr gut, und Rückfälle nach korrekt ausgeführten Operationen sind sehr selten (<10% im ersten Jahr). Dann ist u. U. eine erneute Operation angezeigt.

Weitere Informationen

Illustrationen

Mundhöhle
Mundhöhle

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Tonsillenhyperplasie. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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