Labyrinthitis

Akute Labyrinthitis ist eine akute Entzündung des Hör- und Gleichgewichtsorgans, des sogenannten Labyrinths. Die Erkrankung ist durch plötzlich entstehenden starken Schwindel und Probleme mit dem Hören charakterisiert.

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Was ist Labyrinthitis?

Eine Labyrinthitis ist eine Infektion des Hör- und Gleichgewichtsorgans, des Labyrinths, im Innenohr. Die Erkrankung ist durch akut entstehenden Schwindel und eine Hörminderung in einem Ohr oder in beiden Ohren gekennzeichnet. Die Symptome treten in der Regel sehr schnell auf und bessern sich dann langsam wieder. Der dauerhafte Schwindel lässt in der Regel innerhalb von wenigen Tagen bis zu einigen Wochen nach, aber Schwanken und Schwindel, die durch Kopfbewegungen ausgelöst werden, können mehrere Monate andauern.

Die Labyrinthitis ist eine seltene Krankheit, wahrscheinlich jedoch wird sie häufig nicht richtig erkannt (also ist sie in Wirklichkeit häufiger als die Zahl der erkannten Fälle vermuten lassen, d. h. unterdiagnostiziert).

Ursachen

Cochlea und Vestibulum des Innenohres

Das Labyrinth befindet sich im Innenohr und ist von Knochengewebe umgeben. Es besteht aus zwei Teilen (siehe Abbildung): (1) Die Cochlea (Hörorgan), die Schnecke, erfasst die Schallsignale und sendet diese über Nervenbahnen an das Gehirn, sodass der Ton zu hören ist. (2) Das Gleichgewichtsorgan, das Vestibularorgan, mit drei flüssigkeitsgefüllten bogenförmigen Kanälen, ist für den Gleichgewichtssinn verantwortlich.

Das Labyrinth entzündet sich aufgrund von Infektionen, die sich entweder nur im Ohr (lokal) oder auch im ganzen Körper (systemisch) ausbreiten. Meistens handelt es sich um eine Virusinfektion, z. B. nach einer vorangegangenen Erkältung oder Grippe (Influenza) oder im Rahmen einer Virusinfektion wie Mumps oder Windpocken. In selteneren Fällen handelt es sich um eine bakterielle Infektion, z. B. als Teil einer Hirnhautentzündung (Meningitis) oder Mittelohrentzündung. Die Entzündung des Labyrinths kann die Hör- und Gleichgewichtsfähigkeit stören und die genannten Symptome auslösen. Die Erkrankung kann ein Ohr oder beide Ohren betreffen.

Symptome

Die Erkrankung beginnt in der Regel akut mit einem deutlichen Schwindel, der häufig so ausgeprägt ist, dass die Betroffenen die ersten Tage im Bett bleiben müssen. Der Schwindel verursacht das Gefühl, als würde sich die Umgebung bewegen oder drehen. Er kann auch durch Kopfbewegungen ausgelöst werden. Gleichzeitig ist der Gleichgewichtssinn beeinträchtigt, wodurch der Gang unsicher wird. Zusammen mit dem Schwindel setzt eine Hörminderung eines oder seltener beider Ohren ein. Die Schwerhörigkeit kann leicht oder ausgeprägt sein. Andere Symptome können ein Gefühl eines „verstopften“ Ohrs, ein Geräusch im Ohr (Tinnitus), das Auslaufen von Flüssigkeit aus dem Ohr, Ohrenschmerzen, Übelkeit und Erbrechen, Erkältungssymptome, Fieber, oder eventuell ein steifer Nacken (bei Meningitis) sein.

Die Erkrankung schränkt die Patienten vor allem zu Beginn deutlich in ihrer Alltagsaktivität ein.

Diagnostik

Die Diagnose wird auf der Grundlage der Anamnese und möglicher körperlicher Befunde gestellt. Ihre Ärztin/Ihr Arzt kann in vielen Fällen anomale Augenbewegungen, einen sogenannten Nystagmus, erkennen, bei dem der Blick langsam auf die Seite der Augen gleitet, bevor sich der Blick rasch wieder fokussiert, um dann langsam wieder wegzugleiten und so weiter. Eine Hörminderung kann auch bei den meisten Patienten nachgewiesen werden. Zur Diagnostik des Schwindels kann die Ärztin/der Arzt verschiedene spezielle Tests durchführen. Zudem wird sie/er Sie sorgfältig auf weitere neurologische Symptome hin untersuchen und dabei auch das Gangbild und die Stabilität im Stand prüfen.

Es gibt keine spezifischen Labortests, aber die Messung von Entzündungswerten im Blut (CRP, Blutkörperchensenkungsgeschwindigkeit und weiße Blutkörperchen) kann aufdecken, ob es sich um eine Infektion handelt – jedoch nicht immer. Sogenannte kalorische Test, bei denen jeweils kaltes (ca. 30 °C) und warmes Wasser (ca. 44 °C) in den Gehörgang gespült wird, können manchmal dazu beitragen, die Diagnose zu klären. Andere Tests haben in der Regel wenig Wert. Bei Verdacht auf eine andere zugrunde liegende Erkrankung kann es bei ausgeprägten und hartnäckigen Fällen angemessen sein, CT- und/oder MRT-Untersuchungen durchzuführen.

Therapie

In den meisten Fällen vergehen die Symptome der Labyrinthitis innerhalb von wenigen Tagen bis zu einigen Wochen von selbst (oder nach der Therapie), aber der Schwindel kann manchmal länger anhalten. Die Behandlung besteht aus Ruhe (Bettruhe) und möglicherweise symptomlindernden Medikamenten, z. B. Antiemetika (Medikamente gegen Übelkeit) und Wirkstoffe gegen Schwindel. Diese sollten jedoch nur kurz zum Einsatz kommen.

Übliche Therapiemöglichkeiten sind eine kurze Kortisontherapie sowie – bei Verdacht auf Bakterien oder Viren als Ursache – die Gabe von Antibiotika oder Wirkstoffe gegen Viren. Bei ausgeprägten Beschwerden mit Übelkeit und Erbrechen kann es notwendig sein, die Patienten für eine intravenöse Flüssigkeitstherapie ins Krankenhaus einzuweisen.

Bei anhaltenden Gleichgewichtsproblemen ist es oft hilfreich, ein spezielles Trainingsprogramm (vestibulare Rehabilitationstherapie) zu beginnen. Dies ist eine Behandlung, die dazu dient, das Gehirn so zu trainieren, dass es die veränderten Signale aus dem Gleichgewichtsorgan sozusagen nicht mehr als störend wahrnimmt. Je nach Symptomen kann auch eine Physiotherapie sinnvoll sein.

Verläuft die Infektion sehr schwer, kann wegen der Gefahr einer Mitbeteiligung des umgebenden Knochens in seltenen Fällen ein chirurgischer Eingriff nötig werden. Liegt der Labyrinthitis eine spezielle Krankheit z. B. des Immunsystems (sehr selten) zugrunde, ist eine entsprechend spezifische Behandlung angezeigt.

Prognose

Die Prognose ist für die meisten Patienten gut, Hören und Gleichgewichtssinn werden dann vollständig wieder hergestellt. Gleichgewichtsstörungen und/oder positionsabhängiger Schwindel (bei rascher Bewegung des Kopfs) können manchmal für Wochen bestehen bleiben, nachdem die akute Infektion bereits zurückgegangen ist. Bei einigen wenigen Patienten halten die Symptome sogar für mehrere Monate, seltener auch für Jahre, an. Bessert sich eine Schwerhörigkeit auch nach längerer Zeit nicht, kann ein Cochlea-Implantat eingesetzt werden. Dies ist aber nur selten nötig.

Weitere Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Labyrinthitis. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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