Morbus Menière

Morbus Menière ist durch wiederkehrende Anfälle mit Tinnitus, starkem Schwindel und teilweisem oder völligem Hörverlust gekennzeichnet.

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Was ist Morbus Menière?

Morbus Menière ist durch wiederkehrende Anfälle mit Tinnitus (einem subjektiv empfundenen Geräusch/Ton), starkem Schwindel und teilweisem oder völligem Hörverlust gekennzeichnet. Die Diagnose kann erst gestellt werden, wenn alle drei Symptome auftreten; einzelne dieser Beschwerden können Hinweis auf verschiedene andere Krankheiten sein. Der für Morbus Mèniere typische Schwindel hält 10–20 Minuten oder auch mehrere Stunden an und ist meist so ausgeprägt, dass die Patienten nicht mehr stehen können. Auch im Liegen und in Ruhe ist der Schwindel noch zu spüren. Häufig berichten die Betroffenen auch über das Gefühl eines erhöhten Drucks im Ohr. Die Beschwerden können auf einer oder auf beiden Seiten bestehen.

Morbus Menière ist eine seltene Krankheit; wahrscheinlich leiden etwa 50–250 von 100.000 Personen daran. Genaue Zahlen zur Häufigkeit sind schwierig zu erheben, weil bei einigen Patienten mit Schwindel und Hörproblemen die Diagnose Morbus Mèniere gestellt wird, obwohl doch eine andere Krankheit zugrunde liegt. Die Krankheit kommt offenbar bei beiden Geschlechtern in gleicher Häufigkeit vor und tritt meist in der Altersgruppe um 50 Jahre zum ersten Mal auf. In der Regel (bei 90 %) beginnt die Erkrankung auf einer Seite, im Laufe der Zeit sind aber in 30–50 % der Fälle beide Ohren betroffen.

Ursache

Die eigentliche Ursache dieser Erkrankung des Innenohrs ist nicht bekannt. Man geht jedoch davon aus, dass die Beschwerden Folge eines erhöhten Volumens der Flüssigkeit im Innenohr sind. Im Innenohr befindet sich das Gleichgewichtsorgan des Menschen: hier ist ein kompliziert aufgebautes Gebilde aus 3 kleinen bogenförmigen „Schläuchen", die in 3 Ebenen stehen und miteinander über zwei etwas größere Kammern verbunden sind. Darin ist eine spezielle Flüssigkeit, die Endolymphe, enthalten, deren Bewegung bei Lagerungswechsel des Kopfs zu Nervensignalen ans Gehirn führt: So kann sich der Mensch über seine Position im Raum orientieren. Ist der Druck der Endolymphe erhöht, wird diese Signalübertragung gestört – der Betroffene empfindet Schwindel.

Wahrscheinlich spielen auch erbliche Faktoren eine Rolle, da bei etwa 15% der Erkrankten auch andere Familienmitglieder betroffen sind.

Symptome

Die Symptome sind zu Beginn oft atypisch und können sich als episodische Anfälle mit nur einem Symptom manifestieren, z. B. plötzliche Schwindelanfälle. In anderen Fällen treten nur Hörprobleme auf. Nach Monaten oder Jahren solcher Episoden wird die Erkrankung typischer. Die Anfälle kommen plötzlich und dauern in der Regel zwischen 10–20 Minuten und mehreren Stunden an. Während der Anfälle und danach kommt es in der Regel zu Übelkeit und Erbrechen sowie unkontrollierten Augenbewegungen (Nystagmus). Die Übelkeit kann sich mehrere Stunden halten, nachdem der Anfall vorüber ist. Der teilweise oder völlige Gehörverlust betrifft in der Regel nur ein Ohr, aber bei manchen Erkrankten auch beide Seiten. Während sich das Hörvermögen zu Beginn der Krankheit in der Regel zwischen den Anfällen oft wieder erholt, verschlechtert es sich bei vielen Patienten im Verlauf der Erkrankung dauerhaft.

Bei einigen Patienten treten die Anfälle alle ein bis zwei Monate auf, bei anderen jedoch deutlich seltener. Sehr selten stürzen die Betroffenen während eines Anfalls plötzlich, jedoch ohne bewusstlos zu werden.

Diagnostik

Der Verdacht auf Morbus Menière gründet sich auf die typischen, oben erwähnten Symptome. Ein Hörtest kann mögliche Hörschäden nachweisen.

Gleichgewichtsstörungen kann der Arzt durch bestimmte Tests überprüfen, bei denen der Patient mit geschlossenen Augen ruhig auf einem oder beiden Beinen stehen oder auf der Stelle marschieren soll. Bei Verdacht auf Morbus Menière erfolgt eine Überweisung zum HNO-Arzt und/oder Neurologen für eine gründliche Untersuchung und zuverlässige Diagnose. Dabei werden Hörtests und verschiedene spezielle Untersuchungen durchgeführt, um die Funktionen des Nervensystems und speziell des Gleichgewichtsorgans zu prüfen. Bestimmte Tests, bei denen der Patient schnell gedreht oder umgelagert wird, geben hier wichtige Hinweise für den Arzt.

In den meisten Fällen wird auch der Gleichgewichtsnerv mit einer Magnetresonanztomografie untersucht, also einer Bilddiagnostik des Gehirns. Die Ergebnisse von Blutuntersuchungen können dazu beitragen, andere Krankheiten nicht zu übersehen. Alle Tests werden durchgeführt, um andere Ursachen für die Beschwerden auszuschließen. Morbus Menière zeichnet sich nicht durch charakteristische diagnostische Einzelbefunde aus. Die Diagnose beruht auf der Gesamtheit der Symptome und dem Ausschluss anderer Krankheiten.

Therapie

Die Therapie des Morbus Menière ist schwierig; es gibt verschiedene mögliche Medikamente oder auch chirurgische Verfahren, die die Beschwerden lindern können. Allerdings heilt die Krankheit bei etwa 80 % der Betroffenen von selbst oder die Symptome gehen zumindest sehr deutlich zurück, das kann aber Jahre dauern.

Es wirkt sich wahrscheinlich positiv auf die Anfallshäufigkeit aus, ein geregeltes Leben zu führen, Sport zu treiben und ausreichend zu schlafen.

Während der Anfälle hilft es den meisten Betroffenen, Bettruhe einzuhalten. Tabletten oder Zäpfchen gegen Übelkeit haben bei Anfällen in der Regel lindernde Wirkung. Um neuen Anfällen vorzubeugen, wird manchmal eine Behandlung mit Diuretika, also harntreibenden Medikamenten, versucht.

Bestimmte Medikamente kommen zum Einsatz: Betahistin wirkt auf Sinnesrezeptoren im Innenohr und kann v.a. zu Beginn der Krankheit Schwindelattacken vorbeugen. Kortikosteroide verkürzen bei einigen Betroffenen den Anfall und schwächen Schwindel und Tinnitus ab. Bei Patienten, bei denen keine andere Therapie Besserung bringt, kann ein bestimmtes Antibiotikum direkt in den erkrankten Bereich injiziert werden: Gentamycin schädigt die Sinneszellen im Innenohr irreversibel, sodass die Empfindung eines Schwindels nicht mehr entstehen kann. Allerdings verschlimmert sich dadurch in einigen Fällen die Schwerhörigkeit - also kommt dieser Therapie nur in Ausnahmen zum Einsatz.

Wenn für Betroffene die Anfälle und der Schwindel unerträglich werden, ist eine Operation im Bereich des Gleichgewichtsorgans oder des Gleichgewichtsnervs möglich. Hier stehen verschiedene Verfahren zur Wahl. Bei stark eingeschränktem Hörvermögen kann ein Cochlea-Implantat das Gehör verbessern. 

Prognose

Eines der Merkmale von Morbus Menière ist, dass sich der Krankheitsverlauf von Person zu Person wesentlich unterscheiden kann. Bei der mildesten Form der Erkrankung kommt es nur zu wenigen Anfällen ohne bleibende Hörschäden. Die schwerste Form dagegen kann bereits nach wenigen Anfällen zu völliger Ertaubung und großen Gleichgewichtsstörungen führen. Die meisten Fälle liegen irgendwo zwischen diesen beiden Extremen.

Häufig kommt es nach einer Zeit mit mehreren Anfällen zu symptomfreien Perioden, die mehrere Jahre dauern können.

Die Hörschädigung nimmt langsam und allmählich zu und kann nach vielen, heftigen Anfällen zu völligem Gehörverlust, in der Regel beschränkt auf eine Seite, führen. 

Die Anfälle können sehr belastend sein, und auch symptomfreie Perioden können durch die Angst vor neuen Anfällen zu einer stark verringerten Lebensqualität führen. Um das zu verhindern, ist die Behandlung durch einen Psychologen oder Psychiater möglicherweise zu empfehlen. Auch eine geeignete Physiotherapie ist oft hilfreich. Die Anfälle selbst sowie der Hörverlust, der mit dieser Erkrankung einhergeht, sind eine schwere Belastung. Allerdings ist immer zu bedenken, dass es sich nicht um eine lebensbedrohliche Erkrankung handelt und sie sich nicht auf andere Organe als das Ohr und das Gleichgewichtsorgan auswirkt.

Die überwiegende Mehrheit der Betroffenen, etwa 80 %, werden die Schwindelanfälle wieder los, auch wenn dies mehrere Jahre dauern kann.

Weiterführende Informationen

Illustrationen

Ohr Bogengänge und Nerven
Ohr Bogengänge und Nerven
Bogengänge
Bogengänge

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Morbus Ménière. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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