Tinnitus (Ohrensausen)

Ohrensausen ist ein im Deutschen manchmal gebrauchter Begriff für Tinnitus (lat.) – das Vernehmen eines Tons oder Geräuschs im Ohr, ohne dass es eine äußere Geräuschquelle gibt oder die Betroffenen halluzinieren. Tinnitus ist meist ein Symptom einer Grunderkrankung.

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Was ist Tinnitus?

Tinnitus und Ohrensausen sind Synonyme und werden als Bezeichnungen für ein subjektives Hörempfinden verwendet, ohne dass es eine externe Geräuschquelle gibt oder die Betroffenen halluzinieren. Entweder existiert gar keine Geräuschquelle oder das Geräusch entsteht innerhalb des Körpers des Betroffenen, im Bereich des Ohrs (z.B. ein Blutströmungsgeräusch). Die Betroffenen „hören" ein Sausen, Brummen, Brausen, Motorengeräusch, Klingeln oder Pfeifen. Der Ton kann pulsierend oder knackend sein, die Intensität von Person zu Person und von einem Augenblick zum nächsten variieren und auf einem oder beiden Ohren wahrgenommen werden. Manche leiden sehr oft über jeweils einige Minuten an Tinnitus, andere werden dadurch „nur" ein paar Mal im Monat belästigt; das ist sehr unterschiedlich.

Ein Patient beschreibt seinen Tinnitus folgendermaßen: „Ohrensausen ist die schlechteste Beschreibung von Tinnitus, da saust nichts, vielmehr sind es einer oder mehrere konkrete Töne. Sowohl hohe als auch niederfrequente.“

Tinnitus ist keine Krankheit an sich, sondern es handelt sich meist um ein Symptom oder Anzeichen einer Grunderkrankung, wie zum Beispiel als Folge von altersbedingtem Hörverlust, einer Ohrenverletzung oder Störungen der Blutzirkulation nahe dem Innenohr.

Einige empfinden Tinnitus als sehr lästig, aber er ist für gewöhnlich kein Anzeichen einer schweren Grunderkrankung. Etwa 10 % der Bevölkerung haben Tinnitus, aber die allermeisten von ihnen leiden an einer milden Form. 1 von 10 Personen ist so stark betroffen, dass der Tinnitus die Lebensqualität deutlich beeinträchtigt. Der Tinnitus kann sich bei einigen mit zunehmendem Alter verschlechtern, viele erfahren allerdings im Zuge einer Behandlung eine Besserung – zumal wenn eine zugrunde liegende behandelbare Erkrankung festgestellt wird. Es gibt auch Therapien, die den Tinnitus dämpfen oder überdecken können, sodass er weniger spürbar ist.

Tinnitus ist ein weit verbreitetes Phänomen. Einer amerikanischen Studie zufolge hat etwa 1 von 6 Personen einen Tinnitus erlebt, und etwa 1 von 20 Personen beschreibt häufige Episoden von Tinnitus im Lauf des vergangenen Jahres. Das Symptom tritt am häufigsten bei älteren Erwachsenen auf, die Häufigkeit von Tinnitus ist in der Altersgruppe der 60- bis 69-Jährigen (14,3 %) am größten. Das Phänomen kann auch bei Kindern vorkommen, bei Mädchen/Frauen ist es ebenso häufig wie bei Jungen/Männern. Eine norwegische Studie hat gezeigt, dass 11 % der Fälle auf Erbanlagen zurückgeführt werden konnten. Chronisches Ohrensausen tritt bei Menschen mit Schwerhörigkeit häufiger auf.

Personen mit einem Tinnitus leiden im Vergleich zu solchen ohne diese Beschwerden häufiger an Angststörungen, Schlafstörungen oder Depressionen. Diese Krankheiten können bereits bestehen, bevor der Tinnitus beginnt, infolge des Tinnitus entstehen und/oder diesen noch verstärken. 

Ursachen

In einigen Fällen gibt es eine naheliegende Erklärung wie etwa Ohrenschmalz. Chronisches Ohrensausen (mit einer Dauer von mehr als 6 Monaten) wird am häufigsten durch Lärmschädigungen oder andere Umstände verursacht, die zu Gehörschäden geführt haben. In anderen Fällen wiederum kann es sich um chronische Veränderungen des Innenohrs oder schwerwiegende Veränderungen in den großen Blutgefäßen handeln. Pulsierendes, einseitiges Ohrensausen und Ohrensausen im Zusammenhang mit anderen einseitigen Symptomen am Ohr werden eher mit einer Grunderkrankung assoziiert. Eine zugrunde liegende Krankheit ist zudem eher anzunehmen, wenn das Ohrgeräusch jeweils länger als 5 Minuten anhält, häufiger vorkommt als 1-mal pro Woche und zugleich eine Schwerhörigkeit besteht.

Die häufigsten Ursachen eines Tinnitus sind Ohrenschmalz, verstopfte Ohrtrompeten bei Erkältung oder nach dem Tauchen oder Flugreisen, Lärmschädigung, altersbedingte Schwerhörigkeit, chronische Mittelohrentzündung, Morbus Menière, Otosklerose, Blutarmut. Andere Ursachen sind u.a. das Akustikusneurinom (ein seltener Tumor des Hörnervs), verschiedene neurologische Erkrankungen, Gefäßerkrankungen, Fehlfunktion des Kiefergelenks, der Halswirbelsäule.

Mehrere Medikamente können Tinnitus verursachen. Sie können Haarzellen im Innenohr, den Hörnerv oder das Gehirn beschädigen. Die verbreitetsten Wirkstoffe, die einen Tinnitus auslösen können, sind Salicylate, Indometacin, Propranolol, Carbamazepin, Aminophyllin-Präparate, Streptomycin, Gentamycin. Die Schädigungen können sich als Schwerhörigkeit, Schwindel oder Ohrensausen zeigen.

Diagnostik

Die Anamnese ist ein wichtiges Werkzeug für den Arzt, um die zugrunde liegenden Ursachen aufzudecken. Zu klären ist, wann der Tinnitus angefangen hat, ob es einen bestimmten Auslöser (z.B. plötzlicher Lärm) gab, ob er ein- oder beidseitig besteht, welcher Art das Geräusch ist, ob Begleiterkrankungen vorliegen etc.. der Arzt wird wahrscheinlich auch nach psychsicher Belastung/Stress fragen, weil dies die Beschwerden verstärken kann. Bei der ärztlichen Untersuchung wird abgeklärt, dass keine Anzeichen für eine Herzerkrankung oder eine neurologische Erkrankung vorliegen. Der Arzt wird den Gehörgang und das Trommelfell mit einem kleinen Gerät untersuchen, einem Otoskop. Mithilfe von Stimmgabeluntersuchungen und Hörtests prüft er, ob das Gehör geschädigt ist und ob dies auf ein mechanisches Versagen oder auf eine neurologische Erkrankung zurückzuführen ist. Bei Verdacht auf eine Krankheit oder Schädigung im Ohr kann es zur Überweisung an einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt kommen, der eine umfassendere Untersuchung vornimmt. Bei Verdacht auf eine zugrunde liegende Krankheit können Blutuntersuchungen sinnvoll sein; in einigen Fällen können CT oder MRT oder andere spezielle Untersuchungen notwendig sein.

Therapie

Die Behandlung hängt von der Ursache ab. In den meisten Fällen ist das Ergebnis einer HNO-Untersuchung normal oder weist eine Schwerhörigkeit aus erklärbaren Gründen nach. Ist Ohrenschmalz die Ursache, wird dieser vorsichtig entfernt. Tinnitus ist in den allermeisten Fällen eine harmlose Erkrankung, die aber sehr lästig und störend sein kann.

Ohrensausen bei Schwerhörigen wird oft durch ein Hörgerät gelindert, indem die Umgebungsgeräusche verstärkt werden und so das Geräusch im Ohr überdecken.

Gegen Ohrensausen gibt es keine wirksamen Medikamente. Zwar wurde die Wirkung von Antidepressiva untersucht, aber die Schlussfolgerungen zur Wirkung fallen negativ aus. Andere Medikamente wie Beruhigungsmittel und Anxiolytika, Antiepileptika und stärkere Neuroleptika sind erprobt worden, zeigten in Studien aber auch keinen deutlichen Effekt. Eine Reihe anderer Medikamente, Vitamine, Mineralien, pflanzlicher Präparate und Spurenelemente sind ebenfalls erprobt worden. 

Kognitive Verhaltenstherapie kann in Fällen ausprobiert werden, bei denen die Patienten stark beeinträchtigt sind. Dabei lernt der Betroffene unter Anleitung eines Psychotherapeuten, mit der Belastung durch den Tinnitus anders umzugehen. Laut Studiendaten ist diese Art der spezifischen Psychotherapie derzeit die gegen Tinnitus am besten wirksame Behandlung. Die kognitive Verhaltenstherapie verbessert die Lebensqualität bei Patienten mit Tinnitus nachweisbar, ohne dass jedoch die Stärke des Geräuschs beeinflusst wird, wie eine Untersuchung zeigte. Im Rahmen solcher Therapien gibt es auch sehr spezielle Verfahren für Tinnitus-Patienten.

Der Tinnitus tritt normalerweise dann auf, wenn man ausruhen und entspannen möchte. Es kann daher auch hilfreich sein, in solchen Situationen eine Geräuschquelle (CD-Player) zur Hand zu haben, die den Tinnitus überdeckt und sich selbst ausschalten kann, wenn man eingeschlafen ist.

Hilfreich ist es meist, verschiedene Auslöser für Tinnitus zu meiden; dazu gehören Stress, sehr laute Umgebung ebenso wie vollkommen stille Räume, Schlafmangel und starke körperliche Belastung. Ärzte, Patientenverbände und Tinnitus-Selbsthilfegruppen können hier weitere Informationen und Unterstützung liefern. 

Prognose

Die Prognose hängt von der zugrunde liegenden Ursache ab, aber Umfragen haben gezeigt, dass die überwiegende Mehrheit (über 90 %) der Betroffenen mit der Zeit mit dem Tinnitus gut zurechtkommt.

Weiterführende Informationen

Autoren

Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Tinnitus. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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