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Akute Mittelohrentzündung

Die Mittelohrentzündung tritt häufig bei Kleinkindern auf, und sie ist durch Schmerzen im Ohr während des Verlaufs einer Erkältung gekennzeichnet.

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Das Mittelohr

Von der Ohrmuschel führt ein 1–2 cm langer Gehörgang zum Trommelfell. Das Trommelfell ist so dünn, dass es möglich ist, das Mittelohr dahinter zu sehen. Eines der drei Gehörknöchelchen, der Hammer, ist mit dem Trommelfell verbunden. Wenn Schallwellen auf das Trommelfell treffen, wird der Hammer in Bewegung gesetzt. Diese Bewegungen werden über den Hammer, Amboss und Steigbügel an das Innenohr übertragen. Im Innenohr werden diese Bewegungen in Nervensignale übersetzt, die an das Hörzentrum im Gehirn gesendet werden, und wir erleben ein Geräusch.

Ohr, Überblick

Die drei Gehörknöchelchen befinden sich im Mittelohr – ein mit Luft gefüllter Hohlraum, der mit einer Schleimhaut ausgekleidet ist. Vom Mittelohr verläuft auch ein schmaler Kanal, die Tuba auditiva, herunter zum hinteren Teil der Nase/oberen Teil des Rachens. Auf diese Weise kann das Mittelohr belüftet werden, was unter anderem wichtig ist, wenn es Druckunterschiede zwischen der Außenseite und der Innenseite des Trommelfells gibt, z. B. wenn wir fliegen oder über einen Berg fahren. Der Druckunterschied wird dadurch ausgeglichen, dass Luft zum oder vom Mittelohr in den Nasenrachenraum nach außen strömt.

Auch die Tuba auditiva ist mit einer dünnen Schleimhaut ausgekleidet. Im Zusammenhang mit Erkältungen schwillt diese Schleimhaut an, wodurch der Kanal verstopft werden kann. Das Risiko dafür ist am größten bei kleinen Kindern, die natürlich engere Kanäle haben als größere Kinder und Erwachsene. Wenn die Tuba auditiva verstopft, kann die Flüssigkeit, die in der Schleimhaut des Mittelohrs erzeugt wird, nicht abfließen, was gute Wachstumsbedingungen für Bakterien schafft.

Prädisponierende Faktoren

Der wichtigste Faktor ist, wie erwähnt, dass im Mittelohr und der Tuba auditiva enge Verhältnisse bestehen. Dies bedeutet, dass kleine Kinder am häufigsten betroffen sind. Je jünger das Kind ist, wenn es seine erste Ohrenentzündung bekommt, desto höher ist das Risiko neuer Ohrenentzündungen. Die Erkrankung tritt häufiger auf, wenn auch die Eltern oder Geschwister viele Ohrenentzündungen gehabt haben. Kinder im Kindergarten sind einfach deshalb anfälliger, weil sie häufiger Infektionen der Atemwege ausgesetzt sind. Vergrößerte Mandeln (Tonsillen) und große Polypen (Adenoide) erhöhen das Risiko von Ohrenentzündungen.

Es ist umstritten, inwiefern die Verwendung von Schnullern das Risiko von Ohrenentzündungen erhöht. Eine niederländische Studie lieferte keine überzeugenden Beweise dafür.

Akute Mittelohrentzündung

Dies ist eine Infektion der Schleimhaut des Mittelohrs, die in mehr als 50 % der Fälle durch Viren verursacht wird. In einigen Fällen entwickelt sich auch eine bakterielle Infektion. Entzündliche Veränderungen im Mittelohr führen dazu, dass der Druck im Mittelohr zunimmt, was zu Schmerzen führt.

Verlauf

Eine Mittelohrentzündung tritt häufig in Verbindung mit Erkältungen auf, und das häufigste Symptom dieser Art von Ohrenentzündungen sind Schmerzen im Ohr. In der Regel beginnen die Ohrenschmerzen während der Nacht. Der Schmerz wird schlimmer, wenn das Kind liegt, und das Gehör im entzündeten Ohr ist häufig beeinträchtigt. Das Kind bekommt häufig gleichzeitig Fieber. Bei einem Teil der Betroffenen gehen die schlimmsten Schmerzen rasch vorüber, weil das Trommelfell platzt (siehe Zeichnung) und sich der Eiter, der von der Innenseite auf das Trommelfell gedrückt hat, in den Gehörgang ergießt und aus dem Ohr fließt.

Das Mittelohr
Das Mittelohr

 

Häufigkeit

Die Erkrankung ist am häufigsten um das Alter von 6–12 Monaten, und die Häufigkeit nimmt mit zunehmendem Alter ab. Bei etwa 60 % aller Kinder hat sich bis zu ihrem sechsten Geburtstag mindestens eine Mittelohrentzündung entwickelt. Die große Häufigkeit und die Tatsache, dass die meisten Ohrenentzündungen von selbst vorübergehen, sprechen dafür, dass die akute Mittelohrentzündung ein natürliches Phänomen ist. 2–4 Episoden mit Mittelohrentzündung sind bei vielen Kleinkindern nicht ungewöhnlich. Entwickelt das Kind noch häufiger Entzündungen, sollten Sie jedoch ausführlicher mit Ihrem Arzt sprechen.

Diagnostik

Die Beschwerden sind in der Regel typisch, und die Diagnose kann mit einem gewissen Maß an Sicherheit auf der Grundlage der Anamnese gestellt werden. Dies gilt vor allem, wenn Eiter aus dem Gehörgang herausläuft. Normalerweise ist es nicht notwendig, aus diesem Grund nachts einen Arzt zu rufen, um nach dem Kind zu sehen.

Das Trommelfell durch den Gehörgang gesehen.
Das Trommelfell durch den Gehörgang gesehen.

Bei einer normalen Untersuchung des Ohres (siehe Zeichnung des Trommelfells) kann der Arzt bestätigen oder ausschließen, ob eine Mittelohrentzündung vorliegt. Eine Ausnahme besteht, wenn Wachs im Gehörgang die Einsicht ins Trommelfell verhindert.

Therapie

In den meisten Fällen sind Antibiotika nicht notwendig, da der Körper es schafft, die Krankheit selbst zu bekämpfen. Wir wissen, dass ca. 80 % aller Ohrenentzündungen innerhalb von ca. 3 Tagen von selbst vorübergehen. Die Behandlung richtet sich daher in erster Linie auf die Verringerung von Schmerzen und Fieber.

Wenn die typischen Symptome auftreten, können Sie Nasentropfen und Schmerzmittel wie z. B. Paracetamol oder Ibuprofen probieren. Antibiotika empfehlen Ärzte meist nur, wenn die Symptome nach 2–3 Tagen nicht abklingen oder in bestimmten Situationen, z.B. bei Säuglingen unter 6 Monaten, bei Kindern mit sehr hohem Fieber und starken Schmerzen, bei beidseitiger Ohrentzündung oder Kindern mit anderen Grunderkrankungen. Auch bei Kindern mit häufigen Ohrenentzündungen („Ohrenkinder“) wird oft eher zur Gabe von Antibiotika geraten; hier sind auch besondere Verlaufskontrollen sinnvoll.

Wenn die Symptome anhaltend und stark sind, kann es ausnahmsweise notwendig sein, das Trommelfell zu durchstechen und evtl. ein kleines Röhrchen einzusetzen, um den Eiter aus dem Mittelohr zu lösen. Dies ist jedoch schmerzhaft, und die Kinder müssen in der Regel für eine solche Behandlung unter Vollnarkose gesetzt werden. Deshalb wird dies selten durchgeführt.

Kindergarten/Tagesmutter

Kinder mit einer nicht mehr akuten Ohrenentzündung und gutem Allgemeinzustand können ggf. in den Kindergarten oder zur Tagesmutter gehen. Sind sie beeinträchtigt und haben Fieber über 38 Grad, sollten sie zu Hause bleiben.

Verlauf

Die akute Mittelohrentzündung geht, wie gesagt, in der Regel von selbst vorüber, und mehr als 80 % der Patienten genesen ohne die Hilfe von Antibiotika. Typisch ist, dass der Schmerz sukzessive nachlässt und dass sich das Gehör schließlich verbessert, wenn die Schleimhäute im Ohr wieder abschwellen.

Wie beschrieben, wird manchmal ein Loch in das Trommelfell gestochen, sodass der Eiter aus dem Mittelohr herausläuft. Wenn dies geschieht, verschwindet der Schmerz schnell und das Fieber sinkt. Danach kann für mehrere Tage Flüssigkeit aus dem Ohr laufen. Das Trommelfell repariert sich selbst, aber das Gehör kann für mehrere Monate beeinträchtigt sein, nachdem die Entzündung abgeklungen ist, weil sich Flüssigkeit im Mittelohr befindet.

Es wird empfohlen, das Kind nach 8 Wochen von einem Arzt untersuchen zu lassen, auch wenn das Kind keine Antibiotika erhalten hat. Der Arzt wird dann prüfen, ob das Mittelohr normal ist oder ob sich noch Flüssigkeit im Ohr befindet. Verbleibende Flüssigkeit im Ohr erfordert eine Verlaufskontrolle, um Gehörschäden zu verhindern.

Wiederholte akute Mittelohrentzündungen können dazu führen, dass das Trommelfell einen permanenten Schaden nimmt, und die Erkrankung kann in eine chronische Mittelohrentzündung übergehen. Sehr selten kann sich eine akute Mittelohrentzündung in den Knochen um das Ohr herum oder in die Hirnhaut ausbreiten. Dies ist eine ernste Komplikation, die eine sofortige Einweisung ins Krankenhaus erfordert. Sie müssen deshalb immer einen Arzt konsultieren, wenn die Entwicklung nicht so gut wie erwartet ist oder wenn es Ihnen/Ihrem Kind während der Behandlung schlechter geht.

Bei einigen Kindern mit wiederholten akuten Ohrenentzündungen wird ein kleines Drainagerohr operativ in das Trommelfell eingesetzt. Das Drainagerohr sorgt dafür, dass mögliche Flüssigkeit in das Mittelohr drainiert wird. Es gibt Hinweise aus Studien, dass sich auf diese Weise das Risiko einer neuen Ohrenentzündung innerhalb der folgenden 6 Monate reduziert.

Patienteninformationen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Otitis media, akute. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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