Paukenerguss

Sammelt sich Flüssigkeit im Mittelohr an, entsteht ein Paukenerguss. Dadurch werden die Bewegungen des Trommelfells beeinträchtigt: Es kommt zu einer Hörminderung.

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Was ist eine Mittelohrentzündung mit Paukenerguss?

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Die Paukenhöhle (Cavum tympani) bezeichnet den Raum hinter (von außen gesehen) dem Trommelfell, also das sogenannte Mittelohr mit den Gehörknöchelchen. Sammelt sich hier Flüssigkeit an, spricht man von einem Paukenerguss (Serotympanon) bzw. einer Mittelohrentzündung mit Flüssigkeitsbildung (seröse Otitis media). Die Flüssigkeit kann dünn- oder dickflüssig sein, es liegt jedoch keine bakterielle Infektion vor, sondern lediglich eine Entzündung.

Über die Ohrtrompete (Eustachi-Röhre) ist das Mittelohr mit dem Rachen verbunden. Über diese Verbindung erfolgt u. a. der Druckausgleich zwischen dem äußeren Ohr und dem Mittelohr. Ist die Ohrtrompete verengt oder möglicherweise verstopft, entsteht ein Unterdruck im Mittelohr. Dadurch kann sich die Schleimhaut im Mittelohr entzünden, und es kann sich Flüssigkeit ansammeln. Sammelt sich die Flüssigkeit im Mittelohr, werden die Bewegungen des Trommelfells beeinträchtigt. Dies führt zu einer Hörminderung.

In der Regel verstopfen Nasensekret und Absonderungen der Nase die Öffnung zur Ohrtrompete. Ein Paukenerguss (seröse Otitis) entsteht daher meist nach einer Erkältung oder Ohrenentzündung. Manchmal ist jedoch keine Ursache für die Erkrankung aufzufinden.

Grundsätzlich funktioniert die Belüftung des Ohrs bei Kleinkindern wegen der engen Verhältnisse in Rachen und Ohr nicht so gut, daher tritt ein Paukenerguss gehäuft in dieser Altersgruppe auf. Mit zunehmenden Wachstum verbessert sich die Belüftung und das Risiko für einen Paukenerguss nimmt deutlich ab.

Häufigkeit

Die Erkrankung tritt meist bei Kindern auf. Vor dem Schulalter leiden mindestens 80 % der Kinder über einige Wochen oder Monate unter einem Paukenerguss. Viele Ärzte sehen einen Zusammenhang zwischen der kleineren Öffnung in Nase und Ohrtrompete bei Kleinkindern und der Erkrankung, da die Ohrtrompete dadurch leichter verstopfen kann. Aber auch bei Erwachsenen können die Beschwerden auftreten, in der Regel als Folge der verstopften Nase. Sehr selten kann im erwachsenenalter auch ein Tumor im Bereich des nasenrachenraums als Ursache vorliegen.

Prädisponierende Faktoren für einen Paukenerguss sind:

  • Vergrößerung (Hyperplasie) des Drüsengewebes im Rachen (Adenoide)
  • Funktionsstörung der Ohrtrompete
  • Exposition von Tabakrauch (rauchende Eltern) 
  • Allergie mit geschwollenen Schleimhäuten.

Kinder, die einen Kindergarten besuchen, sind ebenfalls etwas anfälliger, da sie öfter erkältet sind als andere Kinder. 5 % der Kinder im Alter zwischen 2 und 4 Jahren leiden unter einer anhaltenden (länger als 3 Monate) Hörminderung aufgrund von Flüssigkeit im Mittelohr. 

Diagnostik

Normalerweise treten nur wenige oder gar keine Symptome auf. Bei Kindern wird die Erkrankung meist entdeckt, wenn Eltern bei ihrem Kind eine Schwerhörigkeit feststellen. Säuglinge sind manchmal reizbar und unruhig. Ältere Kleinkindern klagen manchmal über ein Druckgefühl (Gefühl wie Watte) im Ohr und eine Hörminderung. Hält der Paukenerguss lange an, kann es wegen der Schwerhörigkeit zu einer verzögerten Sprachentwicklung kommen. Einige Kinder zeigen auch Konzentrationsprobleme.

Bei größeren Kindern und Erwachsenen kann ein Hörverlust bzw. eine erhebliche Hörminderung auftreten. Meist kommt es zu kurzen, wiederkehrenden Episoden mit einem unbestimmten Druckgefühl oder stechenden Schmerzen im Ohr. Fieber tritt nur selten auf.

Bei Verdacht auf die Erkrankung wird die Ärztin/der Arzt das Ohr sorgfältig mit einem Ohrenspiegel untersuchen. Dabei lässt sich oft erkennen, dass sich Flüssigkeit im Mittelohr gesammelt hat. Bei einem ggf. durchgeführten Hörtest (Audiometrie) zeigt sich eine Hörminderung. Möglicherweise werden auch Tests mit einer Stimmgabel durchgeführt. Mit einer Tympanometrie kann ebenfalls bestätigt werden, dass sich Flüssigkeit im Mittelohr befindet; diese Untersuchung steht jedoch oft nur in einer HNO-Praxis zur Verfügung.

Therapie

Ein Paukenerguss heilt in ca. 80 % der Fälle von selbst aus, und eine Therapie ist in den meisten Fällen nicht notwendig. Daher wartet man in der Regel mehrere Wochen bis zu einem Monat ab, bevor eine aktive Therapie eingeleitet wird. Bei einer verstopften Nase wird jedoch die Verwendung von Nasentropfen empfohlen. Zudem kann das Kind selbst bestimmte Methoden lernen, um das Ohr besser zu belüften: verstärkte Kau- und Schluckbewegungen oder das sogenannte Politzern. Dabei soll das Kind durch ein Nasenloch einen davor befestigten kleinen Ballon aufpusten. Durch den erhöhten Druck wird die Ohrtrompete etwas gedehnt und das Ohr besser belüftet. Fragen Sie Ihren Arzt/Ihre Ärztin nach dieser Methode. Aber: Liegt gleichzeitig eine bakterielle eitrige Infektion im Bereich der Nase oder Ohren vor, darf dieses Verfahren nicht angewendet werden!

Hat sich der Zustand nach 3–4 Monaten nicht gebessert und bleibt die Hörminderung bestehen, sind beide Ohren betroffen oder haben sich Sprachstörungen entwickelt, wird das Kind in der Regel an einen HNO-Spezialisten überwiesen. Dieser wird beurteilen, ob das Trommelfell vorsichtig durchstochen werden soll, um die Flüssigkeit zu entleeren. In den meisten Fällen legt die Ärztin/der Arzt dann eine kleine Drainage in das Trommelfell (ein sogenanntes Paukenröhrchen – siehe Zeichnung). Das Röhrchen wird meist nach 2–8 Monaten spontan abgestoßen. In dieser Zeit klingt die Reizung in der Regel ab. Allerdings diskutieren Experten immer wieder den Nutzen eines Paukenröhrchens: Zwar scheint es vor immer wiederkehrenden Mittelohrentzündungen mit Paukenerguss zu schützen, aber durch die künstliche Öffnung steigt auch die Gefahr für bakterielle Infektionen im Ohr. Zudem sind ggf. bestimmte Vorsichtsmaßnahmen beim Schwimmen, Tauchen etc. zu beachten – fragen Sie dazu Ihre Ärztin/Ihren Arzt.

Im Hinblick auf die weitere Sprachentwicklung des Kindes ist es jedoch nicht entscheidend, sehr rasch eine Drainage zu legen: In einer Studie ergab sich bei den später Dreijährigen kein Unterschied bei den Kindern, die sofort nach Diagnosestellung oder erst 6–9 Monate später eine solche Drainage erhielten. Regelmäßige Kontrollen v. a. des Hörvermögens ohne aktive Therapie sind also oft zunächst einmal ein geeignetes Vorgehen.

Im Verlauf des weiteren Wachstums des Kindes verbessert sich auch die normale Belüftung im Ohr durch die Ohrtrompete, und das Risiko für die Erkrankung sinkt mit zunehmendem Alter. 

Sind beim betroffenen Kind die Rachenmandeln stark vergrößert und behindern die Belüftung des Ohrs, wird die HNO-Ärztin/der HNO-Arzt ggf. empfehlen, die Mandeln zu entfernen. In manchen Fällen ist auch eine Therapie mit Antibiotika unterstützend sinnvoll.

Prognose

Bei der Mehrheit der Betroffenen bildet sich der Paukenerguss mit oder ohne spezielle Therapie innerhalb von mehreren Monaten zurück. 5 % der Kinder im Vorschulalter haben mindestens ein Jahr lang Flüssigkeit im Mittelohr; selten bleibt der Paukenerguss dauerhaft bestehen. Ein bleibender Hörschaden infolge dieser Erkrankung ist heutzutage jedoch sehr selten. Es können in manchen Fällen jedoch Verkalkungen am Trommelfell entstehen.

Weitere Informationen

Illustrationen

Akute Mittelohrentzündung: Flüssigkeit hinter dem Trommelfell
Akute Mittelohrentzündung: Flüssigkeit hinter dem Trommelfell
 
Drainage im Trommelfell
Drainage im Trommelfell

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Otitis media, seröse. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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