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Entzündung des Gleichgewichtsnervs (Neuritis vestibularis)

Die Beschwerden sind unter der Bezeichnung „Entzündung des Gleichgewichtsnervs“ bekannt und werden aufgrund des plötzlich auftretenden, intensiven Drehschwindels als sehr unangenehm empfunden.

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Was ist eine Entzündung des Gleichgewichtsnervs?

Dies ist eine Entzündung des Nervs, der vom Gleichgewichtsorgan im Innenohr zum Gehirn verläuft. Bei einer Entzündung des Nervs werden die Impulse (Signale) gestört, die durch den Nerv geleitet werden. Diese gestörten Signale kann das Gehirn nicht wie üblich verarbeiten, zudem sendet das gesunde Gleichgewichtsorgan der anderen Seite scheinbar widersprüchliche Signale. Dadurch hat der Betroffene das Gefühl eines plötzlichen Drehschwindels, der Gang wird unsicher. Beim Drehschwindel scheint die Umgebung sich zu drehen, was häufig mit Übelkeit und gelegentlich mit Erbrechen einhergeht. Bewegt sich der Betroffene oder verändert seine Lage, verstärkt sich der Schwindel meist. Zu Beginn haben viele Patienten zudem Schwierigkeiten, einen Punkt zu fokussieren. Das Gehör ist meist nicht beeinträchtigt, und Ohrengeräusche (Tinnitus) ist ebenfalls ungewöhnlich.

Der Schwindel entwickelt sich im Laufe weniger Stunden und ist einige Tage lang extrem, bevor er im Laufe von Tagen oder Wochen abklingt.

Die Erkrankung tritt vor allem bei 50- bis 60-jährigen Patienten auf, häufiger bei Frauen als bei Männern.

Ursachen

Die genaue Ursache ist nicht bekannt. Viele Erkenntnisse deuten jedoch auf die Theorie hin, dass die Erkrankung durch die Aktivierung eines Virus ausgelöst wird, den die meisten Menschen im Körper haben (Herpes-Simplex-Virus), was zu einer Entzündung des Gleichgewichtsnervs (N. vestibularis) führt. Wenn sich der Nerv entzündet, schwillt er an und wird im engen Kanal durch den Schläfenknochen eingeklemmt. Dies führt zu einer vorübergehenden Störung der Nervensignale zwischen dem Gleichgewichtsorgan im Innenohr und dem Gleichgewichtszentrum im Gehirn. Die Folgen sind wie oben genannt Schwindel und Gleichgewichtsstörungen.

Es ist nicht bekannt, warum das Virus aus seinem "Ruhezustand" heraus aktiv wird. In einigen Fällen tritt die Krankheit nach einer Infektion der Atemwege auf, die zu einer vorübergehenden Schwächung der körpereigenen Abwehr geführt hat. In vielen Fällen besteht jedoch kein solcher Zusammenhang und die Ursache ist unbekannt.

Diagnostik

Akuter Schwindel, Übelkeit, Fallneigung nach der betroffenen Seite und unfreiwillige Augenbewegungen sind typische Symptome. Bei der medizinischen Untersuchung kann beobachtet werden, dass die Augen unwillkürlich langsam zur Seite gleiten und dann wieder schnell zurückspringen – dieses Phänomen wird Nystagmus genannt. Der Arzt führt zudem einen Hörtest durch und untersucht die Ohren und das Nervensystem. Die Diagnose wird bestätigt, wenn außer den genannten Symptomen Gehör und Nervensystem normal/unauffällig sind.

Der Schwindel kann über den Zeitraum von ein bis zwei Tagen sehr intensiv sein, und es kommt vor, dass in dieser Zeit eine stationäre Aufnahme in der Klinik erforderlich ist. Diese kann auch bei Diagnoseunsicherheit sinnvoll sein.

Therapie

Es gibt keine Behandlung, die die Beschwerden direkt beeinflusst, es können lediglich Symptome gelindert werden. Mithilfe verschiedener Maßnahmen bilden sich die Beschwerden jedoch meist vollständig zurück.

In den ersten Tagen kann die Gabe von Antiemetika (Medikamente gegen Übelkeit) sinnvoll sein. Ihr Arzt wird Ihnen wahrscheinlich so wenig Antiemetika wie möglich geben, am besten nur über einen oder zwei Tage, weil diese Medikamente die Heilung verzögern können. Zusätzlich kommen häufig andere Medikamente zum Einsatz, die die Erhlung des Gleichgewichtsnervs fördern.

Wenn die schlimmste Übelkeit und das Erbrechen vorbei sind, können Sie mit dem „Training“ beginnen. Üben Sie, auf einen bestimmten Punkt zu blicken, an der Wand entlang oder mit einer anderen Person als Stütze zu gehen. Wählen Sie beim Gehen unebenen Untergrund und führen Sie im Stehen Gleichgewichtsübungen durch. Das Schwindelgefühl kann sich während der Übungen verstärken, geht aber anschließend zurück. Diese Übungen tragen zu einer schnelleren, vollständigen Heilung bei.

Prognose

Die Prognose ist gut, und die meisten erhalten ihren normalen Gleichgewichtssinn zurück. Meistens dauert es nur einige Tage oder wenige Wochen, bis das Schwindelgefühl verschwindet, schlimmstenfalls können die Schwindelattacken bis zu drei Monate anhalten. Über die Hälfte der Betroffenen leidet an fortwährenden leichteren Restbeschwerden, die sich durch leichten Schwindel bei schnellen Bewegungen und evtl. einem verschlechterten Gleichgewichtssinn im Dunkeln äußern oder dazu führen, dass der Untergrund als schwankend wahrgenommen wird. Dies ist in der Regel nicht problematisch, solange Sie wissen, dass es sich um normale Restbeschwerden handelt.

Ein erneutes Auftreten der Beschwerden ist selten.

Weiterführende Informationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Medizinjournalistin, Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Vestibularisnevritt. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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