Mandelabszess (Peritonsillarabszess)

Der Mandel- oder Peritonsillarabszess ist eine Komplikation bei entzündlichen Halserkrankungen. Die Symptome sind starke Halsschmerzen, Schwierigkeiten beim Schlucken, Kieferschmerzen und Fieber.

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Was ist ein Mandelabszess?

Hierbei handelt es sich um eine relativ seltene, aber nicht ungewöhnliche Komplikation einer Halsentzündung. Mandelabszesse treten hauptsächlich bei Erwachsenen und Jugendlichen auf, seltener auch bei Kindern. Die Inzidenz ist in der Gruppe von 20 bis 40 Jahren am höchsten. Zahlen aus Deutschland zeigen eine Häufigkeit von ca. 40 Fällen pro 100.000 Personen pro Jahr. Mandelabszesse treten, ähnlich wie die Streptokokken-Halsentzündung, am häufigsten im Winter auf.Der medizinische Begriff für einen Mandelabszess ist Peritonsillarabszess. Es handelt sich um eine Infektion des Gewebes in der Umgebung meist einer Gaumenmandel (Tonsille). Die Infektion geht von einer Entzündung der Gaumenmandeln (akute Tonsillitis) in das umgebende Bindegewebe aus.

Ursachen

Die Ursache ist eine Infektion, die sich von den Gaumenmandeln in das umliegende Gewebe und die Gaumenwand ausbreitet. Diese Infektion dringt tiefer in das Gewebe ein als eine gewöhnliche Halsentzündung, weshalb sie schwieriger von der körpereigenen Abwehr bekämpft werden kann. Außerdem besteht die Gefahr, dass sich die Infektion in die Hohlräume im Rachen ausbreitet und noch schwerwiegendere Infektionen auslöst. Als Abszess bezeichnen Ärzte eine Infektion, die durch eine Ansammlung von Eiter in einer Gewebetasche gekennzeichnet ist.

Wenn Sie bereits früher einen Mandelabszess hatten, scheint die Wahrscheinlichkeit größer zu sein, dass sich bei erneuten Halsentzündungen erneute Abszesse bilden.

Symptome

Die Krankheit beginnt meist mit einer gewöhnlichen Halsentzündung. Nach und nach nehmen die Schmerzen in Hals und Rachen zu, während das Fieber steigt und sich ein starkes Krankheitsgefühl einstellt. Die Schmerzen auf der befallenen Seite werden sukzessive stärker. Die Schluckbeschwerden nehmen zu, und es wird immer schwieriger, den Speichel zu schlucken, was dazu führt, dass dieser aus dem Mund rinnt. Auf der befallenen Seite können Ohren- und Kieferschmerzen auftreten. Darüber hinaus kommt es zu Mundgeruch und einer belegten Stimme. Außerdem wird es immer schwieriger, den Mund zu öffnen, was zu einer Kieferklemme führen kann, bei der Sie den Mund nur noch einen kleinen Spalt öffnen können.

Diagnostik

Beim Arztgespräch zeigt sich häufig eine typische Krankengeschichte mit vorausgegangener Halsentzündung.

Bei einer normalen Untersuchung des Rachens können die Ärzte eine Infektion der Halsmandeln feststellen und sehen, ob sich ein Mandelabszess gebildet hat. Dieser zeigt sich in Form einer Schwellung und Rötung oberhalb der Mandeln und führt dazu, dass die Gaumenmandeln und das Zäpfchen zur gesunden Seite hin verschoben werden. Ein typisches Zeichen für einen Mandelabszess ist, dass der Patient große Schwierigkeiten hat, bei der Untersuchung den Mund weit zu öffnen.

Möglicherweise macht der Arzt einen Abstrich von der entzündeten Schleimhaut, um mit einem speziellen Test zu überprüfen, ob Streptokokken Typ A die Erreger der Infektion sind. Im Blut lassen sich im Falle einer Infektion erhöhte Entzündungswerte nachweisen oder auch Hinweise auf bestimmte andere Erreger finden; meist ist aber die Untersuchung des Rachens eindeutig und es sind keine Laboruntersuchungen nötig.

Therapie

Es ist wichtig, sich während der Krankheitsphase nicht zu überanstrengen. Man ist häufig so krank, dass Bettruhe erforderlich ist. Sie können Schmerzmittel einnehmen, die rezeptfrei erhältlich sind.

Die Infektion wird mit Antibiotika behandelt. Penicillin ist das bevorzugte Medikament; als Alternative kommen andere Antibiotika wie Erythromycin in Betracht. In einigen Fällen verordnet der Arzt zusätzlich Metronidazol. Wenn der Abszess klein ist oder die Krankheit noch nicht fortgeschritten ist, kann die Infektion meist mit Tabletten behandelt werden. Hierbei ist es sehr wichtig, die Behandlung (7–10 Tage) nicht vorzeitig abzubrechen. Ein vorzeitiger Abbruch der Behandlung kann zu einem neuen Aufflammen der Krankheit führen.

In vielen Fällen ist die Infektion jedoch so weit fortgeschritten, dass der Abszess geöffnet und entleert werden muss. In der Regel wird der Hausarzt den Patienten hierfür an einen HNO-Facharzt überweisen. Dieser führt üblicherweise mit einem Spray eine örtliche Betäubung des infizierten Bereichs durch, bevor eventuell ein Lokalanästhetikum gespritzt wird. Dann öffnet der Arzt den Abszess. damit der Eiter austreten kann.

Unter Umständen kann es die ersten Tage nach dem Eingriff erforderlich sein, täglich zu kontrollieren, ob der Abszess weiterhin offen ist und sich entleert.

Bei einem akuten Krankheitsverlauf trifft der Arzt in einigen Fällen die Entscheidung, die Mandeln zu entfernen (Tonsillektomie). Eine akute Tonsillektomie kann bei Patienten erforderlich sein, bei denen eine starke Indikation für den Eingriff besteht: Patienten mit Schlafapnoe, häufig wiederkehrenden Mandelentzündungen, wiederholten Mandelabszessen sowie bei Kindern, bei denen das Entleeren des Abszesses schwierig ist. Es können beide Tonsillen oder nur die erkrankte entfernt werden.

Verlauf 

Die akuten Symptome klingen meist innerhalb von einigen Tagen ab, nachdem der Arzt den mit Eiter gefüllten Abszess geöffnet und geleert hat. Eine ausschließliche Behandlung mit Antibiotika kann ausreichend sein, sie sollte aber mit dem Öffnen des Abszesses ergänzt werden, falls sich die Krankheit ausgebreitet hat. Denken Sie daran, dass Sie zur Behandlung der Halsentzündung die komplette Antibiotikadosis so lange einnehmen wie es verordnet wurde.

Wie bereits erwähnt, können Mandelabszesse bei späteren Halsentzündungen erneut auftreten. Daher wird empfohlen, dass Sie im Fall von erneuten Halsentzündungen bereits frühzeitig den Arzt aufsuchen und diesen über Ihre früheren Mandelabszesse informieren.

Wenn bei Ihnen häufiger Mandelabszesse auftreten und andere Probleme durch die vergrößerten Mandeln bestehen (z. B. Schlafstörungen wegen Atemproblemen), wird Ihnen der Arzt möglicherweise empfehlen, sich die Mandeln entfernen zu lassen. Hierbei handelt es sich um einen relativ häufigen Eingriff. Die Operation dauert zwischen 30 Minuten und einer Stunde und wird in der Regel Vollnarkose durchgeführt. Nach dem Entfernen der Mandeln treten meist vorübergehend Halsschmerzen und Schluckbeschwerden auf. Die Schmerzen klingen innerhalb von 7–8 Tagen ab. Sie müssen damit rechnen, dass Sie 1–2 Wochen krankgeschrieben werden.

Weitere Informationen

Autor

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Peritonsillarabszess. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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