Mögliche Spätfolgen einer Mandelentzündung

Eine durch Streptokokken verursachte Mandelentzündung kann entzündliche Reaktionen in Herz, Nieren oder Gelenken nach sich ziehen. Diese Erkrankungen sind in Deutschland heute sehr selten.

Deximed – Deutsche Experteninformation Medizin

"Deximed ist für mich eine große Hilfe, um im Praxisalltag schnell aktuelles Wissen zur Therapie oder Diagnostik nachschlagen zu können. Die übersichtliche Struktur ermöglicht es, sogar im Patientenkontakt rasch etwas nachzulesen." - PD Dr. med. Guido Schmiemann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Bremen

Deximed ist ein unabhängiges Arztinformationssystem mit Fokussierung auf die primärärztliche Versorgung. Evidenzbasierte und regelmäßig aktualisierte Artikel zu allen medizinischen Gebieten zeichnen Deximed aus.

Mehr erfahren

Welche Spätfolgen kann eine Mandelentzündung haben?

Eitrige Mandelentzündungen (Streptokokkeninfektionen des Halses) und Scharlach werden durch beta-hämolysierende Streptokokken der Gruppe A verursacht. Diese Bakterien können auch Erkrankungen wie rheumatisches Fieber, reaktive Arthritis, PANDAS und akute Nierenentzündung (Poststreptokokken-Glomerulonephritis) auslösen. „Poststreptokokken-“ bedeutet dabei „nach einer Streptokokkeninfektion“. Solche Komplikationen können auch nach Hautinfektionen mit Streptokokken auftreten.

Spätfolgen nach Streptokokken-Infektionen sind in Deutschland heute sehr selten, da die Bakterienstämme, die diese Komplikationen verursachen können, seltener werden. In den Entwicklungsländern kommen diese Erkrankungen aber immer noch häufig vor. Akutes rheumatisches Fieber, PANDAS und Poststreptokokken-Glomerulonephritis treten in erster Linie bei Kindern auf. Die meisten Patienten gehören zur Altersgruppe 3–15 Jahre, aber auch Personen im Jugend- und jungen Erwachsenenalter können erkranken.

Ursache

Als Reaktion auf die ursprüngliche Infektion bildet das körpereigene Immunsystem Antikörper gegen verschiedene Bestandteile der A-Streptokokken. Später verwechselt das Immunsystem dann Teile des körpereigenen Gewebes mit diesen Bakterien. Da die Antikörper also eigentlich gesundes Gewebe angreifen, spricht man hier von einer Autoimmunerkrankung. Am stärksten gefährdet sind dabei bestimmte Gewebearten in Herz, Gelenken und Nieren.

Wenn die Antikörper körpereigenes Gewebe angreifen, kommt es in Herz, Gelenken und Nieren zu entzündlichen Reaktionen.

Vorbeugung

Die Folgeerkrankungen von Streptokokken-Infektionen sind in Deutschland heute sehr selten. Sicher spielen ein hoher Lebensstandard und gute hygienische Bedingungen eine Rolle. Außerdem wird ein Zusammenhang mit dem Einsatz von Antibiotika vermutet. In vielen Fällen von eitriger Mandelentzündung und Scharlach wird Penicillin verordnet, was nachweislich zu einem Rückgang des rheumatischen Fiebers geführt hat. Ob Antibiotika auch das Risiko von Nierenentzündungen oder PANDAS verringern, ist dagegen weniger gesichert.

Da die Bakterienstämme, die zu Komplikationen führen könnten, in den westlichen Industrieländern sehr selten vorkommen, wird die routinemäßige Gabe von Antibiotika bei von Streptokokken verursachten Halsentzündungen nicht empfohlen. Antibiotika werden jedoch bei vorliegenden Risikofaktoren und schweren Verläufen verschrieben.

Akutes rheumatisches Fieber

Die Erkrankung tritt heute fast nur noch in Entwicklungsländern auf. In Deutschland kommt sie nur selten vor.

Das rheumatische Fieber ist eine akute fieberhafte Erkrankung, die 2–3 Wochen nach einer Streptokokken-Infektion im Hals oder Scharlach ausbricht. Dabei kommt es zu Entzündungen der großen Gelenke, die meist in den Beinen beginnen und im Verlauf auch auf die Arme übergreifen. Häufig verweilt die Entzündung einige Tage in einem Gelenk, verlagert sich dann in ein anderes Gelenk. Meist sind Kniegelenke, Knöchel, Ellenbogen oder Handgelenk betroffen. Die Gelenkentzündung dauert 1–5 Wochen und heilt in der Regel vollständig aus.

Darüber hinaus liegen manchmal Symptome einer Entzündung des Herzens vor, die den Herzbeutel (bei Perikarditis), den Herzmuskel (bei Myokarditis) oder die Herzinnenhaut (bei Endokarditis) betreffen kann. Mögliche Anzeichen einer solchen Entzündung sind Schmerzen in der Brust, Herzrhythmusstörungen, Herzschwäche und eine Schädigung der Herzklappen. Langfristig kann sich ein Herzklappenfehler entwickeln. Zwischen der ursprünglichen Infektion und dem Auftreten erheblicher Herzprobleme liegen häufig 10–20 Jahre.

Am Körper kann sich ein ringförmiger Ausschlag zeigen, gelegentlich treten auch Knötchen unter der Haut auf.

Manche Kinder führen plötzlich blitzartige, unkontrollierte Bewegungen aus (Chorea minor). Weitere mögliche Symptome sind Muskelschwäche und psychische Störungen. Die Chorea minor heilt in der Regel von selbst aus, erstreckt sich meist über 2–3 Monate und betrifft bis zu 5 % der Patienten.

Die Symptome des rheumatischen Fiebers können unterschiedlich stark ausgeprägt sein und in verschiedenen Kombinationen auftreten. Die akute Phase der Erkrankung dauert unbehandelt Wochen bis Monate, mit Behandlung sind die meisten Patienten nach 2 Wochen wiederhergestellt. Eine Schädigung der Herzklappen kann jedoch chronisch werden und eine Verschlechterung des Patientenzustands mit sich bringen.

Das rheumatische Fieber wird mit Antibiotika behandelt, meist mit Penicillin, um die Streptokokken zu beseitigen. Die Entzündung der Gelenke wird mit entzündungshemmenden Medikamenten (NSAR) behandelt. Bei einer Entzündung des Herzens wird zusätzlich Kortison gegeben.

Poststreptokokken-reaktive Arthritis

Auch hierbei handelt es sich um eine Form der Gelenkentzündung, die sich aber von der bei akutem rheumatischem Fieber unterscheidet. Die Entzündung der Gelenke ist in der Regel stärker ausgeprägt als beim rheumatischen Fieber. Zwischen der akuten Streptokokken-Infektion und dem Ausbruch einer Poststreptokokken-reaktiven Arthritis liegen mindestens 1–2 Wochen. Die Erkrankung kann chronisch oder rezidivierend, also immer wieder aufflammend, verlaufen. Auch schwere Verläufe mit Nierenkomplikationen sind möglich. Bei dieser Form der Gelenkentzündung zeigen NSAR-Präparate keine nennenswerte Wirkung. Eindeutige Leitlinien für die Therapie stehen nicht zur Verfügung.

PANDAS

Bei manchen Kindern lautet die Diagnose PANDAS (pädiatrische autoimmun-neuropsychiatrische Störungen): Damit ist eine Autoimmunerkrankung mit zugrunde liegender Streptokokken-Infektion im Kindesalter gemeint. Hierbei handelt es sich um eine Entzündung in bestimmten Hirnregionen, den Basalganglien. Bei betroffenen Kindern treten nach einer ausgestandenen Streptokokken-Infektion plötzlich Zwangsstörungen oder Tics auf. Die Symptome der PANDAS unterscheiden sich von denen der Chorea minor. Die Erkrankung ist selten.

Poststreptokokken-Glomerulonephritis

Dies ist eine der häufigsten Ursachen einer akuten Nierenentzündung (Glomerulonephritis) bei Kindern. In den westlichen industrialisierten Ländern geht die Häufigkeit der Erkrankung stark zurück. Die Poststreptokokken-Glomerulonephritis tritt meist im Alter von 2–12 Jahren auf. Sie bricht etwa 10 Tage nach einer Streptokokken-Infektion des Halses oder 3 Wochen nach einer Streptokokken-Infektion der Haut aus. In den meisten Fällen löst diese Komplikation lediglich leichte Beschwerden aus.

Bei einer akuten Nierenentzündung wird weniger Urin produziert und Blut und Eiweiß treten im Urin auf. Wasseransammlungen im Gewebe (Ödeme) und Bluthochdruck können vorkommen. Weitere typische Symptome sind Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen und Abgeschlagenheit. Manchmal treten seitlich am Rumpf oder am hinteren Rücken Schmerzen auf.

Für die meisten Patienten ist die Prognose gut. In über 95 % der Fälle heilt die Erkrankung von selbst aus und ist die normale Nierenfunktion nach 3–4 Wochen wiederhergestellt, ohne dass Schäden an den Nieren zurückbleiben.

Die Streptokokken-Infektion wird mit Antibiotika behandelt. Zur Behandlung der Symptome der Nierenentzündung stehen ebenfalls Medikamente zur Verfügung. Bei schweren Verläufen können zusätzlich Medikamente, die die Immunreaktion unterdrücken, (z. B. Kortison) gegeben werden.

Weitere Informationen

Autoren

  • Martina Bujard, Wissenschaftsjournalistin, Wiesbaden

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Poststreptokokken-Erkrankungen. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

  1. Hahn RG, Knox LM, Forman TA. Evaluation of poststreptococcal illness. Am Fam Physician 2005; 71: 1949-54. PubMed
  2. Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie. Rheumatisches Fieber - Poststreptokokkenarthritis im Kindes- und Jugendalter. AWMF-Leitlinie Nr. 023–027, Stand 2013. www.awmf.org
  3. Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. Zwangsstörungen. AWMF-Leitlinie Nr. 038-017, Stand 2013. www.awmf.org
  4. Robert Koch Institut. RKI-Ratgeber für Ärzte. Streptococcus pyogenes-Infektionen. www.rki.de
  5. Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin. DEGAM-Leitlinie: Halsschmerzen (Gültigkeit abgelaufen seit 10/2014, wird aktualisiert). www.degam.de
  6. Spinks A, Glasziou PP, Del Mar CB. Antibiotics for sore throat. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013, Issue 11. Art. No.: CD000023. DOI: 10.1002/14651858.CD000023.pub4. DOI
  7. Hilario MO, Terreri MT. Rheumatic fever and post-streptococcal arthritis. Best Pract Res Clin Rheumatol 2002; 16: 481-94. PubMed
  8. Ferrieri P and Jones Criteria Working Group. Proceedings of the Jones Criteria workshop. Circulation 2005; 106: 2521-2523. Circulation
  9. Hilario MO, Andrade JL, Gasparian AB, Carvalho AC, Andrade CT, Len CA. The value of echocardiography in the diagnosis and followup of rheumatic carditis in children and adolescents: a 2 year prospective study. J Rheumatol 2000; 27: 1082-6. PubMed
  10. Keitzer R. Akutes rheumatisches Fieber (ARF) und Poststreptokokken reaktive Arthritis (PSRA) – Ein Update. Z Rheumatol 2005; 64: 295-307. pmid:15965814 PubMed
  11. Mackie SL, Keat A. Poststreptococcal reactive arthritis: what is it and how do we know? Rheumatology (Oxford) 2004; 43: 949-54. PubMed
  12. Bejerot S, Bruno K, Gerland G, et al. Suspect PANDAS in children with acute neuropsychiatric symptoms. Infection behind the disease - long-term antibiotic therapy should be considered. Lakartidningen 2013; 110: CDCD. PMID: 24187894 PubMed
  13. Walitza S, Melfsen S, Jans T, Zellmann H, Wewetzer C, Warnke A: Obsessive-compulsive disorder in children and adolescents. Dtsch Arztebl Int 2011; 108(11): 173–9. DOI: 10.3238/arztebl.2011.0173. www.aerzteblatt.de
  14. Pichichero ME. PANDAS: Pediatric autoimmune neuropsychiatric disorder associated with group A streptococci. UpToDate, last updated June 04, 2015. UpToDate
  15. Gilbert DL, Mink JW, Singer HS. A Pediatric Neurology Perspective on Pediatric Autoimmune Neuropsychiatric Disorder Associated with Streptococcal Infection and Pediatric Acute-Onset Neuropsychiatric Syndrome. J Pediatr 2018; 199: 243-51. pmid:29793872. www.ncbi.nlm.nih.gov
  16. Stratta P, Musetti C et al.. New trends of an old disease: the acute post infectious glomerulonephritis at the beginning of the new millenium.. J Nephrol. 2014. pmid:24777751 PubMed
  17. Vijayakumar M. Acute and crescentic glomerulonephritis. Indian J Pediatr 2002; 69: 1071-5. PubMed