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Adenoide (Vergrößerung der Rachenmandel)

Bei Adenoiden oder adenoiden Vegetationen ist das lymphatische, also den Lymphknoten ähnliche Gewebe der Rachenmandel vergrößert. Umgangssprachlich wird in diesem Zusammenhang häufig fälschlicherweise von Polypen gesprochen. Eine vergrößerte Rachenmandel kann insbesondere bei kleinen Kindern eine verstopfte Nase, verstärkte Mundatmung, Schlafstörungen und Tagesmüdigkeit verursachen. Bei starken Beschwerden wird die vergrößerte Rachenmandel operativ entfernt.

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Was sind Adenoide?

Die Rachenmandel (Tonsilla pharyngea) befindet sich am Dach des Nasenrachens. Schaut man jemandem in den geöffneten Mund, kann man die Mandeln an beiden Seiten hinten im Rachen oft als kleine Vorwölbung nach innen erkennen. Die Rachenmandeln bestehen aus lymphatischem Gewebe und dienen der Immunabwehr. Sind sie vergrößert, spricht man von einer Rachenmandelvergrößerung (adenoide Rachenmandelhyperplasie). Dadurch wird der Rachen beim Übergang in die Luftröhre eingeengt, die Atmung also erschwert. 

Von vergrößerten Mandeln sind kleine Schleimhautwucherungen (Polypen) im hinteren Teil der Nase zu unterscheiden. Diese können zwar auch die Atmung behindern, gehören aber zu einem anderen Krankheitsbild. Bei Adenoiden ist das lymphatische Gewebe der Rachenmandel, das sich im oberen Rachenraum hinter der Nase befindet, im Vergleich zum Normalzustand stark vergrößert. Das Phänomen tritt meist bei Kindern im Alter von 3–8 Jahren auf, kann aber auch jüngere oder ältere Kinder betreffen. Die allermeisten Patienten, die mit entsprechenden Symptomen vorgestellt werden, sind also Kinder.

Ursache

Bei Adenoiden kommt es im Bereich des Nasenrachens zu einer Vergrößerung von normalem lymphatischem Gewebe. Das gehäufte Vorkommen lymphatischen Gewebes in diesem Bereich erklärt sich aus dessen Funktion für die Immunabwehr. Da Nase, Mund und Rachen die wichtigste Eintrittspforte für Viren und Bakterien bilden, befindet sich hier ein regelrechter Verteidigungsring aus lymphatischem Gewebe, also den verschiedenen Mandeln. Wenn sich Adenoide oder andere Vergrößerungen lymphatischen Gewebes im Rachenraum herausbilden, steht dies in einem klaren Zusammenhang mit früheren Infektionen der oberen Atemwege. Auch erbliche Faktoren und allergische Reaktionen spielen vermutlich eine Rolle.

Symptome 

Die Symptome sind im Wesentlichen mechanisch bedingt: Die vergrößerten Rachenmandeln stören den Luftstrom aus der Nase in den Rachen; dies kann (so wie eine verstopfte Nase) z. B. Allgemeinsymptome und Komplikationen bei Atemwegsinfekten verursachen. Aufgrund des eingeschränkten Luftstroms durch die Nase atmen die betroffenen Kinder in der Regel durch den Mund und weisen meist einen typischen Gesichtsausdruck mit ständig leicht geöffnetem Mund auf. Die Stimme kann dabei einen nasalen Klang annehmen. Viele Kinder schlafen wegen der erschwerten Atmung nachts schlecht, sie husten und schnarchen; manchmal kommt es auch zu kurzzeitigen Atemaussetzern (Schlafapnoe). Die gestörte Nachtruhe kann sich auch auf die Tagesverfassung auswirken: Viele Kinder sind müde, antriebslos und können sich schlecht konzentrieren. Dies kann sich auch in Hyperaktivität äußern. Falls die Kinder wegen der vergrößerten Rachenmandeln schlecht hören, kann dies die Sprachentwicklung verzögern.

Die Arztpraxis wird häufig aufgesucht, weil das Kind einen Atemwegsinfekt hat. Ein solcher Infekt kann die erschwerte Atmung noch verstärken und weitere allgemeine Symptome hervorrufen. Dies sind häufig Fieber, Abgeschlagenheit, Halsschmerzen und Ähnliches. Bei den meisten betroffenen Patienten sind in den letzten Wochen vor dem Arztbesuch gehäuft Atemwegsinfekte aufgetreten.

Kinder mit adenoiden Vegetationen neigen verstärkt dazu, Paukenergüsse (Ansammlungen von Flüssigkeit im Mittelohr) und Mittelohrentzündungen zu entwickeln.

Diagnostik

Die Diagnose gründet sich in der Regel auf die Anamnese, also die Krankengeschichte, und auf die Ergebnisse der klinischen Untersuchung. Bestätigt wird die Diagnose durch die Begutachtung von Mund-, Rachen- und Nasenhöhle. Entsprechend geschulte Ärzte erkennen die adenoiden Vegetationen mithilfe einer Nasenspiegelung (siehe Illustration). Heute erfolgt diese Untersuchung zunehmend mit flexiblen Geräten auf Glasfaserbasis. Tests zur eindeutigen Bestätigung der Diagnose stehen nicht zur Verfügung. Röntgen oder Computertomografie sind praktisch nie erforderlich. Ob im Einzelfall etwas anderes gilt, wird von den betreuenden Fachärzten entschieden. Wenn das Kind von den Beschwerden stark beeinträchtigt ist, wird es an eine Facharztpraxis für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde (HNO) überwiesen.

Therapie

Bei einem milden Verlauf ist keine spezielle Therapie erforderlich. Mit zunehmendem Alter gehen die Symptome zurück, weil sich der Rachenraum mit dem Wachstum vergrößert. Die Anwendung abschwellender Nasensprays oder -tropfen hat vermutlich keine oder nur eine geringe Wirkung und wird eher nicht empfohlen. Kortisonhaltige Nasensprays (nicht zugelassen für kleine Kinder) können die Beschwerden jedoch lindern. Antibiotika werden nur in Ausnahmefällen verschrieben, da die Infekte meistens von Viren verursacht werden. Da Rauchen die Beschwerden verstärken kann, ist ein rauchfreies Umfeld für das Kind wichtig. Liegt der Kopf nachts etwas erhöht, kann dies die Atmung erleichtern.

Die operative Entfernung von vergrößerten Rachenmandeln kann sinnvoll sein, wenn die die Entwicklung des Kindes belastet wird, und wenn eine Besserung nicht in Aussicht steht: bei starker gesundheitlicher Beeinträchtigung wie Schluckstörungen, unzureichender Nahrungsaufnahme und Gedeihstörungen sowie bei gehäuften Flüssigkeitsansammlungen im Mittelohr und einer andauernden Hörminderung mit der Gefahr einer Sprachentwicklungsverzögerung, aber auch bei Schnarchen mit nächtlichen Atemaussetzern. Ein solcher Eingriff erfolgt meist bei Kindern zwischen 3 und 10 Jahren.

Häufige Mittelohrentzündungen oder ein chronischer Paukenerguss stärken die Indikation für eine Operation. Bei Flüssigkeitsansammlungen im Mittelohr werden manchmal sowohl eine Adenoidektomie durchgeführt als auch ein Paukenröhrchen eingesetzt, das die Flüssigkeit durch das Trommelfell abfließen lässt. Dieses Vorgehen senkt das Risiko neuer Flüssigkeitsansammlungen, falls das Röhrchen herausfällt.

Solche Eingriffe sollten nicht während eines Infektes, sondern in möglichst beschwerdefreien Phasen durchgeführt werden. Die Eingriffe selbst dauern in der Regel nicht lange.

Komplikationen 

Komplikationen werden vor allem durch die verstopfte Nase verursacht. Viele Kinder mit Adenoiden schlafen schlecht, sind chronisch müde und leiden tagsüber an den Folgen der gestörten Nachtruhe. Dies kann auch zu Entwicklungsverzögerungen führen.

Als Folgeerscheinung von Adenoiden können Mittelohrentzündungen auftreten. Diese können zu chronischem Paukenerguss und Schwerhörigkeit führen, was wiederum Störungen der Sprachentwicklung nach sich ziehen kann.

Nach einer Operation können Blutungen, Infektionen und vorübergehende starke Schleimhautschwellungen auftreten. Bei manchen Patienten bilden sich die Adenoide trotz der Operation nochmals wieder aus.

Weitere Informationen

Illustrationen

Querschnitt einer gesunden Nase
Querschnitt einer gesunden Nase
Nasenspiegelung
Nasenspiegelung

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Bremen

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Adenoide. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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