Kiefergelenksdysfunktion

Der Begriff Dysfunktion beschreibt eine Fehlfunktion, in diesem Fall des Kiefergelenks. Die Krankheit geht mit Schmerzen im Kiefergelenk und der Kaumuskulatur einher, die in den Bereich der Ohren ausstrahlen und sich auch als Kopfschmerz äußern können. Der Schmerz verschlimmert sich beim Kauen, und häufig ist es schmerzhaft zu gähnen.

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Das Kiefergelenk

Im Kiefergelenk ist der Unterkiefer gelenkig mit einem Teil des Schädels verbunden. Eine knorpelige Gelenkscheibe sorgt für mehr Beweglichkeit des Gelenks, sodass Mund öffnen und schließen, Kauen, Schlucken und Sprechen möglich sind.

Das Kiefergelenk

 

 

 

Was ist eine Kiefergelenksdysfunktion?

Normalerweise lässt sich das Kiefergelenk ohne Beschwerden öffnen und schließen, was sich gut selbst im Bereich direkt vor den Ohren tasten lässt. Bei einer Kiefergelenksdysfunktion verspüren die Betroffenen Schmerzen im Kiefergelenk, in der Kaumuskulatur und manchmal auch im Bereich des Ohrs. Der Schmerz verschlimmert sich beim Kauen, und häufig ist es schmerzhaft, den Mund weit zu öffnen. Viele Patienten fühlen sogar ständig störende Schmerzen im und um das Kiefergelenk. Klicken und Knacken im Gelenk treten ebenfalls häufig auf. Die Beschwerden können chronisch oder vorübergehend sein, bei manchen Betroffenen gehen die Schmerzen zurück, treten dann aber erneut auf.

Kiefergelenkbeschwerden sind häufig und sie gehen oft von selbst vorüber. Die Erkrankung tritt am häufigsten bei jungen Frauen auf, viermal so häufig wie bei Männern. Aufgrund von Verschleißerscheinungen im Kiefergelenk sind auch bei älteren Menschen ähnliche Symptome zu beobachten. Allerdings suchen laut Erhebungen nur ca. 5 % der Menschen mit einem oder mehreren Anzeichen für Kiefergelenkbeschwerden einen Arzt auf.

Ursachen

Die Forscher glauben, dass es verschiedene Ursachen für die Schmerzen geben kann. Bei einigen Patienten lässt sich die Erkrankung möglicherweise auf Stress und übermäßig stark angespannte Kiefermuskulatur zurückführen. Dies kann zu verspannten Kaumuskeln führen, deren zu kräftige Bewegung für die Gelenkflächen der Kiefergelenke belastend ist. Stark angespannte Kaumuskeln können auch dazu führen, dass man mit den Zähnen knirscht und dadurch die Kiefergelenke weiter belastet. Umgekehrt können Kieferbeschwerden dazu führen, dass Sie mit den Zähnen knirschen (Bruxismus), z. B. nachts im Schlaf.

In einigen Fällen können die Symptome auf eine Fehlstellung der Zähne oder einen schlecht sitzenden Zahnersatz zurückzuführen sein. Doch laut Studien muss eine Fehlstellung der Zähne nicht zwangsläufig zu Schmerzen führen, und es hat sich nur in Ausnahmefällen gezeigt, dass die Korrektur einer Fehlstellung der Zähne die Symptome verbessert. Bei älteren Menschen können Verschleißerscheinungen und Verkalkungen in den Kiefergelenken Schmerzen verursachen. Eine Arthritis (Entzündung des Gelenks) bei Kindern oder Erwachsenen kann ebenfalls das Kiefergelenk angreifen und auf lange Sicht akute Beschwerden oder Verschleißbeschwerden verursachen.

Die Fehlfunktion kann auch darin begründet sein, dass sich die Gelenkscheibe im Kiefergelenk bei Bewegungen zu sehr verschiebt, was nach längerer Zeit zu Problemen führen kann.

 

Die Dysfunktion im Kiefergelenk kann auch Auswirkungen auf die Tuba auditiva – den Luftkanal zwischen dem hinteren Teil der Nase und dem Mittelohr – haben und den Druckausgleich im Mittelohr behindern, beispielsweise während einer Flugreise.

Diagnostik

Die Beschwerden sind typisch, mit Schmerzen im oder direkt vor dem Ohr. Die Schmerzen werden durch das weite Öffnen des Mundes und durch Kauen ausgelöst oder verschlimmern sich dadurch, und in vielen Fällen kann man ein Knacken oder Knirschen der Kiefergelenke hören. Einige Betroffene erleben auch, dass sich die Kiefergelenke für kurze Zeit vollständig ausrenken. Selten verschiebt sich die Gelenkscheibe beim Öffnen so stark, dass sich der Kiefer nicht mehr schließen lässt (Kiefersperre).

Liegt die Ursache der Probleme in der Muskulatur, sind Schmerzen typisch, die über den Tag verschieden stark sind: Oft ist es morgens am schlimmsten, und die Patienten berichten häufig von schmerzenden Zähnen nach dem Zähneknirschen (Bruxismus). Häufig strahlen die Schmerzen zum Ohr oder bis vor das Ohr, die Schläfe, die Wange oder entlang des Unterkiefers bis in den Nacken aus.

Ca. 80 % der Patienten klagen über Kopfschmerzen, und 40 % klagen über Schmerzen im Gesicht. Der Schmerz wird häufig schlimmer, wenn der Kiefer geöffnet und geschlossen wird. Die Exposition gegenüber Kälte oder Luft aus Klimaanlagen kann die Muskelkontraktionen und Gesichtsschmerzen erhöhen.

Etwa die Hälfte der Patienten mit Kieferdysfunktion berichtet auch über Ohrenschmerzen, auch wenn keine Anzeichen einer Ohrenentzündung vorliegen. Die Ohrenschmerzen werden in der Regel als vor oder unter dem Ohr lokalisiert beschrieben. Etwa ein Drittel der Patienten leidet unter dem Gefühl, ein "verstopftes" Ohr zu haben. Sie stellen fest, dass das Ohr (oder die Ohren) im Flugzeug beim Start und der Landung „ploppt“ oder „knackst“. Diese Symptome werden in der Regel durch eine Dysfunktion der Tuba auditiva verursacht, die für die Regulierung des Drucks im Mittelohr verantwortlich ist. Es wird angenommen, dass Patienten mit einer Kieferdysfunktion unter Hyperaktivität (Spasmen) in denjenigen Muskeln leiden, die für die Steuerung des Öffnens und Schließens der Tuba auditiva verantwortlich sind. Aus unbekanntem Grund gibt ein Drittel der Patienten das Gefühl von Rauschen oder Klingeln im Ohr an. Bei der Hälfte dieser Patienten verschwindet das Ohrensausen nach erfolgreicher Behandlung der Kieferdysfunktion wieder.

Etwa 40 % der Patienten berichten von einem vagen Gefühl von Schwindel oder Gleichgewichtsstörungen.

Bei der Untersuchung stellt der Arzt häufig eine ausgeprägte Empfindlichkeit der Kaumuskeln an der Wange fest, und durch Druck auf die Kiefergelenke werden häufig typische Schmerzen ausgelöst. Einige Patienten können den Mund kaum oder gar nicht weit öffnen, und bei einigen ist beim Öffnen und möglicherweise auch beim Schließen des Mundes ein Schnappen oder Klicken im Kiefergelenk zu hören.

Oft empfiehlt die Ärztin noch weitere Verfahren zur genaueren Diagnostik, darunter Ultraschall, Bildgebung mit Computertomografie und Magnetresonanztomografie oder Röntgenbilder der Zähne.

Therapie

Liegt eine akute Kiefersperre vor, muss der Arzt (oder der bereits erfahrene Patient) versuchen, die Gelenkscheibe wiedr an den richtigen Ort zu drücken (zu reponieren).

Eine lang andauernde Kiefergelenksdysfunktion kann die Lebensqualität stark einschränken, die Aussichten auf Genesung sind aber in der Regel gut. Für viele Patienten ist es ausreichend zu wissen, dass die Beschwerden in den meisten Fällen von selbst wieder vergehen. Wenn eine zugrunde liegende Ursache für die Schmerzen nachgewiesen wird, kann man versuchen, etwas dagegen zu unternehmen.

Bei akuten Schmerzen ist es oft hilfreich, eine Zeitlang das Kiefergelenk zu schonen, also weiche Nahrung zu essen, nicht unnötig zu kauen und den Mund möglichst kaum weit zu öffnen.

Vielen Patienten geht es z.B. besser, wenn sie durch Beratung und Hilfe lernen, ihre Kaumuskulatur bewusst entspannen zu können. Allgemeine körperliche Aktivität ist ebenfalls häufig hilfreich. Eventuell kann eine Physiotherapie ausprobiert werden. Wenn es einen Grund zu der Annahme gibt, dass der Erkrankung psychische Anspannungen zugrunde liegen könnten, können Entspannungsübungen oder eine Behandlung durch einen Psychiater oder Psychologen hilfreich sein. In den meisten Fällen besteht jedoch keine Notwendigkeit für eine solche umfassende Therapie.

Werden eine Krankheit im Gelenk beziehungsweise mögliche Verletzungen oder Fehlfunktionen des Kiefers oder der Zähne festgestellt, ist eine Überweisung an einen Zahnarzt sinnvoll. Der Zahnarzt kann evtl. vorliegende Zahnfehlstellungen feststellen und/oder Sie eventuell mit einer Aufbissschiene ausstatten, die vielen Patienten zu helfen scheint. Wenn der Zahnarzt eine solche Schiene für notwendig erachtet, übernimmt die Krankenversicherung die Kosten.

In Phasen mit starken Beschwerden und Schmerzen kann die kurzzeitige Verabreichung von Schmerzmitteln oder entzündungshemmenden Medikamenten hilfreich sein. Chronische Schmerzen lassen sich manchmal mit Antidepressiva in niedriger Dosierung behandeln. In bestimmten Fällen kann die Injektion von Kortison in das Gelenk angebracht sein. Liegte eine rheumatoide Arthritis den Kiefergelenksbeschwerden zugrunde, ist eine Überweisung an einen Facharzt für rheumatologische Erkrankungen notwendig.

Bei ausgeprägten Beschwerden, bei der die konservative Behandlung ohne Wirkung bleibt, kann ein Hals-Nasen-Ohrenarzt beurteilen, ob ein chirurgischer, korrigierender Eingriff sinnvoll wäre. Dies wird allerdings als letztes Mittel betrachtet. Der Nutzen des Eingriffs ist ebenfalls unsicher.

Prognose

Die Prognose hängt von den zugrunde liegenden Ursachen ab. In vielen Fällen kann eine erfolgreiche Bewältigung von Stressfaktoren oder Ruhigstellung des Kiefergelenk in recht kurzer Zeit zu Verbesserungen führen. Je länger aber die Therapien dauern und je öfter eine neue Maßnahme erfolglos ausprobiert wurde, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass zukünftige Therapien helfen werden.

Patienteninformationen

Autoren

  • Susanne Meinrenken, Dr. med., Medizinjournalistin, Bremen
 

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Temporomandibuläre Dysfunktion. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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