Neuralgie nach Gürtelrose

Nach Ausheilen der Gürtelrose kommt es bei ca. 10 % der Betroffenen zu anhaltenden Schmerzen im betroffenen Hautbereich. Die Schmerzen sind in vielen Fällen so stark, dass sie behandelt werden müssen.

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Was ist Post-Zoster-Neuralgie?

 

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Gürtelrose (Zoster) ist eine Erkrankung, die durch das Windpocken-Virus (Varizella-Zoster-Virus) verursacht wird. Eine frühere Windpockenerkrankung ist die Voraussetzung, um Gürtelrose entwickeln zu können. Nach Abklingen der Windpocken bleibt das Virus latent im Körper und „ruht“ in den Nervenknoten der Wirbelsäule (Spinalganglien) oder des Gehirns. Unter bestimmten Umständen, z. B. bei einer Schwächung des Immunsystems, können die Viren wieder aktiv werden. Ist dies der Fall, folgt das Virus einer vom Rückenmark ausgehenden Nervenbahn oder, bei Ausbruch in der Kopfregion, einem vom Gehirn ausgehenden Gehirnnerv zur Haut. Entlang dieser Nervenbahn entwickelt sich ein Hautausschlag, die Gürtelrose.

Meistens heilt die Gürtelrose innerhalb weniger Wochen von selbst aus. In manchen Fällen führt sie zu monatelangen Schmerzen, die selten über mehrere Jahre andauern, selbst wenn der Hautausschlag verschwunden ist. Dieses Krankheitsbild wird als Post-Zoster-Neuralgie bezeichnet, also Nervenschmerzen nach Gürtelrose, wenn die Schmerzen mehr als 3 Monate nach dem Beginn einer akuten Gürtelrose bestehen bleiben.

Mindestens 10 % aller Personen sind nach durchlaufener Gürtelrose davon betroffen. Die Häufigkeit der Erkrankung nimmt mit zunehmendem Alter zu.

Risikofaktoren

Höheres Alter ist der größte Risikofaktor für anhaltende Nervenschmerzen nach Gürtelrose. Bei Personen unter 60 Jahren beträgt das Risiko der Entwicklung einer Post-Zoster-Neuralgie weniger als 2 %, während es in der Altersgruppe von 60–69 Jahren bei 7 % und über 70 Jahren bei 19 % liegt. Das Risiko ist bei den Personen am höchsten, die während der akuten Gürtelrose unter besonders starken Schmerzen litten, bei denen der Ausschlag besonders stark war oder bereits einige Zeit vor Auftreten des Ausschlags Schmerzen auftraten.

Symptome

Nach einer Gürtelrose halten die Schmerzen im betroffenen Gebiet mehrere Monate an. Die Schmerzen, die sehr stark sein können, werden als brennend beschrieben und befallen die Bereiche, die vom Ausschlag bedeckt waren. Die Schmerzen treten häufig plötzlich auf, ähnlich wie ein Stromschlag. Im betroffenen Hautbereich kann sich eine ungewöhnlich hohe Empfindlichkeit entwickeln. In vielen Fällen lösen bereits leichte Berührungen starke Schmerzen aus. Bei einigen Personen sind die Beschwerden mäßig, während andere über starke Schmerzen klagen. Die Lebensqualität kann durch die Schmerzen erheblich reduziert werden.

Behandlung

Das Ziel der Behandlung ist es, die Schmerzen zu lindern, die Dauer der Nervenschmerzen zu verkürzen und dadurch die Lebensqualität zu verbessern. Wenn Sie zu den Personen mit leichten Beschwerden gehören, reicht es häufig aus zu wissen, wodurch die Schmerzen verursacht werden, bzw. ein leichtes Schmerzmittel (z. B. Paracetamol) einzunehmen. Wenn Sie an stärkeren Schmerzen leiden, kommen unterschiedliche Arten der Behandlung infrage.

Empfohlen wird der Gebrauch eines Lokalanästhetikums (Lidocain) als Salbe oder Pflaster, das auf den schmerzenden Bereich aufgetragen wird. Eine weitere Alternative ist die Verwendung einer capsaicinhaltigen Salbe. Dieser Wirkstoff ist betäubend und schmerzlindernd. Häufig reicht eine lokale Anwendung alleine nicht aus und die Patienten nehmen zusätzlich Schmerztabletten ein. In einigen Fällen wird auf starke, verschreibungspflichtige Schmerzmittel zurückgegriffen.

Wenn eine langfristige, kontinuierliche Behandlung erforderlich ist, wird entweder ein Antidepressivum oder ein Antiepileptikum über 3–6 Wochen eingesetzt. Medikamente gegen Depressionen (Antidepressiva) helfen vielen Betroffenen, indem sie die Aktivität in den schmerzenden Nervenbahnen dämpfen. Dies gilt auch für einige Antiepileptika.

Bei langwierigen Verläufen können auch nichtmedikamentöse Verfahren, z. B. Psychotherapie, Physiotherapie und Entspannungstechniken, angewandt werden.

Prävention

Einige Zeit wurde davon ausgegangen, dass durch die Behandlung mit virenhemmenden Mitteln während der Ausschlagphase dem späteren Auftreten von Schmerzen vorgebeugt werden kann. Mittlerweile liegen jedoch Belege vor, dass diese Behandlung nicht zum Vorbeugen chronischer Schmerzen geeignet ist. Ob eine umfassende Schmerztherapie in der akuten Phase chronischen Nervenschmerzen vorbeugen kann, ist nicht ausreichend belegt.

In Deutschland sind zwei Impfstoffe gegen Gürtelrose für Personen ab 50 Jahren zugelassen und verfügbar. Die Impfung reduziert das Auftreten von Gürtelrose um ca. 50 % und somit auch die Anzahl derer, die an Nervenschmerzen leiden. Die Impfung mit dem Totimpfstoff ist von der Ständigen Impfkommission (STIKO) seit Dezember 2018 für alle Personen über 60 Jahren empfohlen. Für Patienten mit einer Immunschwäche oder einer chronischen Grunderkrankung empfiehlt die STIKO die Gürtelrose-Impfung bereits ab 50 Jahren.Die Impfung soll laut Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden.

Die Impfung von Säuglingen gegen Windpocken reduziert nachweislich das Vorkommen sowohl von Windpocken als auch von Gürtelrose bei Kindern. Allerdings kann eine Gürtelrose auch bei gegen Windpocken geimpften Menschen auftreten, dies ist jedoch selten. Die STIKO empfiehlt die Windpocken-Impfung für alle Kinder und Jugendlichen.

Prognose

Bei den meisten Patienten klingen die Schmerzen auch ohne Behandlung ab. Auch wenn es Jahre dauern kann, verschwinden die Schmerzen vollständig. In einer Studie mit Patienten über 60 Jahren lagen nach 1 Monat bei 61 %, nach 3 Monaten bei 24 % und nach 6 Monaten bei 13 % Schmerzen vor. In einer anderen Studie hatten nach 12 Monaten etwa 3 % aller Patienten noch Schmerzen. Bei den allermeisten waren die Schmerzen nach diesem langen Zeitraum gering.

Weitere Informationen

Literatur

  1. Robert Koch-Institut. Gürtelrose (Herpes zoster): Antworten auf häufig gestellte Fragen zu Erkrankung und Impfung. Berlin 2019. www.rki.de

Autoren

  • Martina Bujard, Wissenschaftsjournalistin, Wiesbaden

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Post-Zoster-Neuralgie. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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