Hereditäres Angioödem

Ein Angioödem bezeichnet eine Schwellung der Haut oder Schleimhäute, z. B. der Augenlider, der Lippen und der Zunge. Das hereditäre Angioödem ist erblich bedingt und kann z. B. durch Operationen, Medikamente oder Infektionen ausgelöst werden oder spontan auftreten.

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Was ist ein hereditäres Angioödem (HAE)?

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Ein Angioödem bezeichnet eine Schwellung der Haut oder Schleimhaut. Die Hautschwellungen können am ganzen Körper auftreten, sind aber besonders häufig im Gesicht im Bereich der Augenlider, der Lippen und der Zunge. Da auch andere Schleimhäute in den Atemwegen anschwellen können, z. B. die Stimmlippen, kann es zu Atemnot und zur Erstickungsgefahr kommen.

Das hereditäre Angioödem (HAE) ist erblich bedingt. Durch einen Mangel oder eine verminderte Funktion des Proteins C1-Esterase-Inhibitor (C1-INH) kommt es zu einer Fehlregulation komplexer Prozesse, die z. B. bei Entzündungsreaktionen eine Rolle spielen. Ein wichtiges Protein, das durch C1-INH reguliert wird, ist der Botenstoff Bradykinin, der Gefäße weitstellen und die Durchlässigkeit der Gefäßmembran erhöhen kann. Ist C1-INH zu wenig vorhanden oder funktionseingeschränkt, wirkt Bradykinin verstärkt. Infolgedessen kommt es zum Flüssigkeitsaustritt aus den Gefäßen in das umliegende Gewebe, was zu Ödemen führt, die an der Haut als Schwellungen sichtbar sind. Auch Schleimhäute können von der Schwellung betroffen sein, z. B. im Magen-Darm- oder Harntrakt.

Erbgang und Vorkommen

Das hereditäre Angioödem ist erblich und wird autosomal-dominant vererbt. Die Vererbung erfolgt also über die nichtgeschlechtlichen Chromosomen (Autosomen). Von jedem Chromosom ist ein Paar vorhanden, von dem das eine vom Vater und das andere von der Mutter stammt. Liegt ein Gendefekt auf einem der Chromosomen, kommt es beim dominanten Erbgang zum Ausbruch der Erkrankung. Die Wahrscheinlichkeit der Weitergabe der Krankheit von einem betroffenen Elternteil an das Kind beträgt 50 %, unabhängig vom Geschlecht des Kindes. Allerdings kann der Gendefekt auch durch eine spontane Mutation während der Befruchtung entstehen, ohne dass die Erkrankung bisher in der Familie vorkam.

Das hereditäre Angioödem kommt bei ca. 1,5 von 100.000 Personen vor. Männer und Frauen sind gleich häufig betroffen.

Symptome

Hereditäres Angioödem
Angioödem

Das hereditäre Angioödem tritt attackenartig auf. Mögliche Auslöser der Attacken sind Unfälle, Operationen, Stress, Menstruation, Infektionen oder Medikamente, z. B. Medikamente gegen Bluthochdruck (ACE-Hemmer, Sartane) und Östrogene. Die Attacken können aber auch spontan ohne Auslöser auftreten. Die Erkrankung zeigt sich von Person zu Person sehr unterschiedlich. Einige Patienten leiden unter schweren Formen mit mehreren Attacken im Monat. Bei anderen kann das Protein C1-INH reduziert sein, ohne dass jemals Attacken auftreten. Die Lebensqualität von Betroffenen kann durch häufige und schwere Ödemattacken deutlich eingeschränkt sein.

Als Vorankündigung der Attacke leiden Patienten im Vorhinein oft unter Müdigkeit, Abgeschlagenheit, einem verstärkten Durstgefühl, Aggressivität, depressiver Verstimmung oder einem kreisförmig rötlichem Hautausschlag (Erythema marginatum).

Klassischerweise treten die Schwellungen beim Angioödem im Gesichtsbereich an Augenlidern, den Lippen und der Zunge, aber auch an den Armen und Beinen sowie an den Genitalien auf. Auch die Schleimhäute der Atemwege können von der Schwellung betroffen sein. In diesem Fall muss schnellstmöglich gehandelt werden, da Atemnot und Erstickungsgefahr besteht. Zudem können die Schleimhäute des Magen-Darm-Trakts anschwellen. Als Symptome können deshalb tagelang krampfartige Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall bestehen. In manchen Fällen sind die Magen-Darm-Beschwerden die einzigen Anzeichen für die Krankheit. Eine Beteiligung der Harnwege kann Symptome wie bei einer Harnwegsinfektion hervorrufen (schmerzhaftes, häufiges Wasserlassen, starker Harndrang). Die Schwellung kann oft mehrere Tage anhalten.

Juckreiz und Urtikaria (Nesselsucht) treten bei der hereditären Form in der Regel nicht auf. Dafür sind die Schwellungen eher von Spannungsgefühl und Schmerzen begleitet.

Diagnostik

Die typischen Symptome sind der Ausgangspunkt für die Diagnose. Sind Erkrankungsfälle in der Familie bekannt, kann dies auf die Erkrankung hindeuten. Wenn es keine Fälle von HAE in der Familie gibt, kann die Erkrankung allerdings auch über einen langen Zeitraum fehlgedeutet werden, z. B. als allergische Reaktion. Bei einigen Patienten treten als einziges Symptom starke Bauchschmerzen auf, weshalb sie fälschlicherweise wegen des Verdachts auf eine Blinddarmentzündung operiert oder anderen chirurgischen Eingriffen unterzogen wurden.

Die Erkrankung wird diagnostiziert, indem ein Bluttest durchgeführt wird, der sowohl die Menge an C1-INH als auch die Aktivität des Proteins misst. Außerdem wird die C4-Konzentration im Serum bestimmt. Je nach Menge und Aktivität können verschiedene Untertypen der Erkrankung diagnostiziert werden. Gegebenenfalls kommen auch genetische Tests infrage.

Therapie

Akutbehandlung

Ein Angioödem kann ein potenziell lebensbedrohlicher Zustand sein, vor allem, wenn die Atemwege betroffen sind. Eine schnelle Diagnose und unverzügliche Behandlung sind deshalb wichtig. Im Notfall wird ggf. die Atmung gesichert, indem ein Schlauch (Tubus) in die Atemwege eingeführt (Intubation) und künstlich beatmet wird. Bei starken Schwellungen kann im Notfall möglicherweise auch ein Luftröhrenschnitt (Tracheotomie) angezeigt sein.

Das allergische Angioödem wird in der akuten Phase mit Antihistaminika, Kortison und ggf. Adrenalin behandelt. Beim hereditären Angioödem ist eine solche Behandlung wirkungslos. Allerdings kann C1-INH über die Vene verabreicht werden, um das fehlende Protein zu ersetzen. C1-INH ist sowohl als Konzentrat, das aus menschlichem Blut gewonnen wird, sowie als gentechnisch hergestelltes (rekombinantes) Produkt erhältlich. Ein anderes Medikament, Icatibant, kann die Wirkung von Bradykinin unterbinden. Der Wirkstoff wird hierfür unter die Haut gespritzt. Eine andere Möglichkeit besteht in der Gabe von Spenderplasma, wenn C1-INH oder Icatibant nicht vorhanden sind. 

Bei geringfügigen Schwellungen der Hände und Füße kann eine abwartende Therapie mit Kühlung und Schmerzlinderung ausreichend sein. Ausgedehnte Schwellungen an Armen und Beinen oder Schwellungen im Gesicht sollten allerdings behandelt werden.

Vorbeugende Maßnahmen

Um Attacken vorzubeugen, sollten Sie bekannte Auslöser meiden.

Alle Patienten mit einem hereditären Angioödem (HAE) sollten mit einem Notfallausweis ausgestattet sein. Sowohl Icatibant als auch C1-INH-Konzentrate können den Patienten zu Hause oder auf Reisen zur Verfügung gestellt werden. So können sich die Patienten bei einer beginnenden Attacke die Medikamente frühzeitig selbst verabreichen. Vor Operationen oder Zahnarztbehandlungen kann die vorherige Gabe von C1-INH-Konzentraten zur Kurzzeitprophylaxe sinnvoll sein. 

Androgene (z. B. Danazol) oder Tranexamsäure können eingesetzt werden, um die Häufigkeit und Schwere der Attacken zu reduzieren. Allerdings sind Androgene zur Behandlung des HAE in Deutschland nicht zugelassen und haben Nebenwirkungen, v. a. bei Frauen. Tranexamsäure ist eine sogenannter Fibrinolysehemmer, der die Blutgerinnung fördern und bei Patienten mit HAE Schwellungen entgegenwirken kann. Auch C1-INH-Konzentrate können über einen längeren Zeitraum vorbeugend verabreicht werden. Ob eine Langzeitprophylaxe mit den genannten Medikamenten infrage kommt, wird in der Regel in einem auf HAE spezialisierten Zentrum besprochen.

Es wird empfohlen, alle blutsverwandten Familienmitglieder auf einen C1-INH-Mangel zu untersuchen, um Erstickungsfälle bei Nicht-Diagnostizierten zu vermeiden.

Verlauf

Die Symptome beginnen oft in der Kindheit oder Jugend. Attacken können im Abstand von mehreren Wochen und Monaten auftreten, dazwischen sind die Patienten beschwerdefrei. Die Schwere und Häufigkeit der Attacken unterscheiden sich allerdings von Patient zu Patient und scheinen bei älteren Menschen abzunehmen.

Weitere Informationen

Patientenorganisationen

Autoren

  • Martina Bujard, Wissenschaftsjournalistin, Wiesbaden
  • Marleen Mayer, Ärztin, Mannheim

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Angioödem. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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  3. Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie. Hereditäres Angioödem durch C1-Inhibitor-Mangel. AWMF-Leitlinie Nr. 061-029. Stand 2018 www.awmf.org
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  8. Zuraw BL, Busse PJ, White M, et al. Nanofiltered C1 inhibitor for treatment of hereditary angioedema. N Engl J Med 2010; 363: 513-22. New England Journal of Medicine