Nesselsucht (Urtikaria)

Nesselsucht äußert sich in Form von juckenden Quaddeln auf der Haut, die hautfarben oder blassrot sind. Sie entstehen innerhalb weniger Minuten und können sich im Tagesverlauf mehrmals neu bilden und wieder vergehen. In den meisten Fällen findet man keine eindeutige Ursache.

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Fakten über Nesselsucht

  • Nesselsucht oder Urtikaria ist ein juckender Hautausschlag mit meist angeschwollenen, hautfarbenen oder blassroten Quaddeln, die sich im Verlauf eines Tages bilden und wieder vergehen. Die Nesselsucht entsteht innerhalb von Minuten und verursacht einen starken Juckreiz.
  • Die Hintergründe der Nesselsucht sind derzeit noch wenig erforscht. Möglicherweise spielen das Immunsystem und allergische Reaktionen eine wichtige Rolle.
  • Die Nesselsucht hat ein typisches Erscheinungsbild, sodass Ärzte leicht eine Diagnose stellen können. Problematisch hingegen ist das Auffinden der auslösenden Ursache.
  • Die wichtigste Behandlung zielt darauf ab, die auslösende Ursache zu finden und auszuräumen.
  • In den meisten Fällen verschwindet Urtikaria innerhalb von wenigen Tagen. Wenn die Urtikaria bereits länger als 6 Wochen besteht, spricht man von chronischer Nesselsucht.

Was ist Nesselsucht?

Nesselsucht oder Urtikaria ist ein juckender Hautausschlag mit meist angeschwollenen Quaddeln, die sich im Verlauf eines Tages bilden und wieder vergehen. Die Quaddeln sind oft hautfarben oder blassrot. Die größten Quaddeln können in der Mitte blasser sein und erscheinen dann mit einer rosa Umrandung. Die meisten Quaddeln verschwinden innerhalb von einigen Stunden und es können wieder neue entstehen. In der Regel klingt Urtikaria nach einigen Tagen ab. Es gibt aber auch chronische Erscheinungsformen.

Es existieren verschiedene Varianten der Urtikaria – einige sind von Dauer, andere wiederum nicht. Manchmal ist die Ursache auf eine Allergie zurückzuführen, aber es kommen auch nichtallergische Formen vor.

  • Urtikarielle Quaddeln und Angioödem können auch im Rahmen anderer Erkrankungen auftreten, z. B. beim allergischen Schock, Autoimmunerkrankungen, Gefäßentzündungen oder dem hereditären Angioödem. Eine akute Nesselsucht dauert weniger als 6 Wochen. Die einzelnen Quaddeln bestehen dabei nicht länger als 24 Stunden.
  • Eine Variante der Urtikaria ist das sogenannte Angioödem. Hierbei liegt die Schwellung tiefer in der Haut und betrifft meistens die Augenlider, Lippen, Geschlechtsorgane, Zunge oder die oberen Atemwege. Die Hautrötung ist geringer und Juckreiz ist selten, dafür sind Angioödeme häufig schmerzempfindlich oder brennen. Die Schwellung bei einem Angioödem kann bis zu 3 Tage anhalten.
  • Bei der chronischen Nesselsucht können die Quaddeln spontan auftreten oder durch äußere Reize ausgelöst werden.
    • Urticaria factitia ist eine Erkrankung, bei der die Patienten einen Hautausschlag durch unbewusstes oder bewusstes Aufkratzen der Haut bekommen. Der Hautausschlag zeigt sich über einige Minuten oder mehrere Stunden hinweg, oft in Form eines sogenannten Dermografismus. Das normale Berühren der Haut kann zu Juckreiz führen. 
    • Bei einigen Personen können sich infolge von längerem und kräftigem Druck Angioödeme bilden, eine sogenannte Druckurtikaria. Diese Erkrankung verursacht mehr Schmerzen als Juckreiz.
    • Bei der Kälteurtikaria wird der Hautausschlag durch Kälte verursacht.
    • Die Sonnenurtikaria entsteht nach intensivem Sonnen und ist eine vergleichsweise seltene Form der Nesselsucht.
    • Die Wasserurtikaria ist eine noch seltenere Form.
    • Die cholinergische Urtikaria wird durch Schweiß, Wärme und körperliche Anstrengung ausgelöst.
    • Eine Kontakturtikaria kann entweder auf einer Allergie beruhen oder durch direkten Kontakt mit einem Auslöser wie z. B. Brennnesseln hervorgerufen werden. Bei der Kontakturtikaria beginnt der Juckreiz sofort und die Quaddeln bilden sich nach wenigen Minuten.
  • Bei einem Patienten können mehrere Formen der Nesselsucht vorliegen.

Nesselsucht ist keine Seltenheit: Bis 20 % der Bevölkerung sind im Laufe ihres Lebens mindestens einmal von einer Urtikaria betroffen. Nesselsucht kann in jedem Lebensalter auftreten. Die nichtallergische chronische Urtikaria ist am häufigsten bei Erwachsenen. Frauen sind häufiger von Nesselsucht betroffen als Männer.

Ursachen

Immunsystem

Das Immunsystem und allergische Reaktionen spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Nesselsucht. Dabei setzen bestimmte Immunzellen (Mastzellen) Histamin und andere Stoffe frei. Die Urtikaria ist eine Reaktion in den oberen Hautschichten, das Angioödem entsteht dagegen in den tieferen Hautschichten und im unter der Haut liegenden Gewebe.

Akute Infektionen

Bei der Mehrzahl der Patienten kann kein Auslöser identifiziert werden. Akute Infektionen sind die häufigste Ursache einer akuten Urtikaria bei Kindern, v. a. Atemwegsinfekte durch Viren oder Halsentzündung durch Streptokokken.

Medikamente/Allergie

Andere mögliche Auslöser einer akuten Nesselsucht sind Medikamente, wie z. B. Antibiotika, NSAR oder Narkosemittel. Lebensmittel sind ein seltener Auslöser für Nesselsucht bei Erwachsenen, jedoch reagieren Patienten mit Pollenallergie oft mit Hautausschlag auf bestimmte Nahrungsmittel (Kreuzallergie). Weitere mögliche Ursachen sind Kontaktallergene (z. B. Latex) oder Insektengift.

Weitere Ursachen

Viele verschiedene Faktoren können zu einer chronischen Nesselsucht führen. Eine Allergie ist nur selten die Ursache. Versteckte Infektionen und Erkrankungen innerer Organe können eine chronische Nesselsucht hervorrufen. Psychischer Stress kann die Erkrankung verschlimmern.

Äußere Einflüsse wie Kälte, Hitze, Druck, Hautkratzer, Sonne oder Wasser können die physikalische Urtikaria auslösen, die bei über der Hälfte der Erwachsenen mit Nesselsucht eine Rolle spielt. Die cholinergische Urtikaria kann durch körperliche Aktivität, Wärme und Stress ausgelöst werden.

Diagnostik

Das Aussehen der Urtikaria ist typisch, sodass Ärzte leicht eine Diagnose stellen können. Problematisch hingegen ist es, die auslösende Ursache zu finden.

Bei einer akuten Nesselsucht werden zunächst Atemwege und Kreislauf untersucht, um eine anaphylaktische Reaktion auszuschließen. Kinder werden bei einer akuten Nesselsucht oft auf eine Streptokokken-Infektion im Hals getestet.

Besteht der Verdacht auf eine allergische Sofortreaktion, kann die Ärztin/der Arzt Blutuntersuchungen und/oder einen Prick-Test durchführen.

Wenn die Ärztin/der Arzt eine physikalische Nesselsucht vermutet, kann sie/er die Haut durch Kälte, Druck, Wasser o. Ä. reizen und somit versuchen, den Hautausschlag hervorzurufen.

Bei einer chronischen Nesselsucht, die nicht von diesen Dingen verursacht wird, können weitere Untersuchungen zum Auffinden der Ursache veranlasst werden. Zunächst wird in einer ausführlichen körperlichen Untersuchung nach möglichen Hinweisen auf auslösende Faktoren gesucht. Bei der Mehrzahl der Patienten lässt sich jedoch kein Auslöser identifizieren.

Behandlung

Das Hauptziel der Behandlung der Urtikaria besteht darin, die auslösende Ursache zu finden und auszuräumen, sofern sich diese ermitteln lässt. Dies ist aber häufig nur schwer zu erreichen. Daher liegt der Fokus auf der Linderung der Beschwerden.

Bei akuter Urtikaria mit mäßigen Beschwerden kann die Patientin/der Patient probieren, ob Antihistaminika helfen. Diese können auch vorbeugend eingenommen werden, wenn z. B. ein Auslöser erwartet wird. Kortisontabletten sind zwar wirksam, sollen aber wegen der Nebenwirkungen nur bei starkem Hautausschlag, wenn Antihistaminika nicht wirken, und auch nur kurzzeitig eingesetzt werden.

Bei schwerwiegenden Insektenallergien sollte eine spezifische Immuntherapie durchgeführt werden. Auslösende Infektionen sollten behandelt werden.

Bei chronischer Nesselsucht hilft häufig eine geringe Dosis Antihistaminika der 2. Generation, die bis etwa 4 Wochen nach Ende des letzten Ausbruchs eingenommen werden sollten. Es kann 2–4 Wochen dauern, bis die vollständige Wirkung eintritt. Sollte die Wirkung unzureichend sein, kann die Dosis langsam auf das 4-fache erhöht werden, auf mehrere Einnahmen verteilt. Wenn auch diese Behandlung wirkungslos bleibt, besteht die Möglichkeit einer zusätzlichen immunmodulierenden Therapie mit Omalizumab oder Ciclosporin.

Wenn die Beschwerden nach Abschluss der Behandlung weiter bestehen, kann die Behandlung wiederholt werden.

Sie sollten keine salicyl- oder kodeinhaltigen Medikamente oder NSAR verwenden, da diese Stoffe zu einer unmittelbaren Freisetzung von Histamin führen und dadurch die Urtikariareaktion noch verstärken können. Bekannte auslösende Faktoren sollten Sie nach Möglichkeit meiden. Der Juckreiz kann sich bei einem Ausbruch durch Stress, Alkohol, eng anliegende Kleidung, Wollunterwäsche und eine hohe Raumtemperatur verschlimmern. Zur Linderung der Beschwerden hilft auch oft eine lauwarme Dusche und kühlender Balsam.

Prognose

In den meisten Fällen geht Urtikaria innerhalb von wenigen Tagen zurück. Wenn Sie Urtikaria bereits länger als 6 Wochen haben, spricht man von chronischer Nesselsucht. Bei 70 % der Patienten mit chronischer Nesselsucht und 50 % der Patienten mit akuter Urtikaria lässt sich kein auslösender Faktor finden. Auch wenn Sie eine mögliche Ursache gefunden haben und diese beseitigen, kann der Hautausschlag weiterhin bestehen.

Eine langfristige Prognose ist unmöglich. Die meisten Patienten mit akuter Nesselsucht erleben diese nur einmal oder wenige weitere Male. Die akute Urtikaria kann auch hartnäckig sein und chronisch werden. Bei Erwachsenen verschwindet die chronische Nesselsucht bei etwa der Hälfte der Betroffenen spontan innerhalb von 1–3 Jahren.

Weitere Informationen

Autoren

  • Martina Bujard, Wissenschaftsjournalistin, Wiesbaden

Literatur

Dieser Artikel basiert auf dem Fachartikel Urtikaria und Angioödem. Nachfolgend finden Sie die Literaturliste aus diesem Dokument.

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